EIN WEG ZUR EINHEIT DER KIRCHEN

Friedrich Kronenberg plädiert für konkrete kirchenverbindende Zusammenarbeit als gemeinsames christliches Zeugnis und Weg zur Einheit der Kirchen

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Friedrich Kronenberg

Ein Weg zur Einheit der Kirchen

Dass Christen sich in ihrem Zeugnis in der Welt gemeinsam engagieren, wird eine konsequente Fol­ge der noch zu schaffenden Einheit der Kirchen sein. Das gemeinsame Zeugnis darf aber nicht nur Folge der Ein­heit sein. Es muss auch ein Weg zur Einheit sein. Viele Wege führen zur Einheit der Kirchen. Das gemeinsame Engagement im christlichen Weltdienst der Kirchen ist einer der Wege hierzu. Das II. Vatikanische Kon­zil betont, dass die Verwirklichung kirchlicher Einheit nicht zuerst und zuvorderst Sache des kirchlichen Am­tes und theologischer Bemühungen ist, sondern Aufgabe der ganzen Kirche und zwar in allen Bereichen christlichen Lebens. „Die Sorge um die Wiederher­stellung der Einheit ist Sache der ganzen Kirche, sowohl der Gläubigen wie auch der Hirten, und geht jeden an, je nach seiner Fähigkeit, sowohl in seinem täglichen christlichen Leben wie auch bei theologischen und historischen Untersuchungen“ (Nr. 5 des Ökumenismus­dekrets).

Es steht also nicht in unserem Belieben, ob wir unseren christlichen Dienst in der Welt in konfessio­neller Un­bekümmertheit leisten oder in Sorge um kirchliche Einheit. Diese Sorge wird am ehesten konkret, wenn wir unseren Weltdienst, wo immer es möglich ist, gemeinsam, also ökumenisch leis­ten. Dabei genügt es nicht, nur fachlich oder humanitär gut zusammenzuarbeiten. Die Zusammenar­beit darf nicht im konfessionellen Niemandsland angesiedelt werden, vielmehr muss es sich um eine kirchliche, ja kirchenverbindende Zusam­menarbeit handeln. Nur so wird aus der Zusammenarbeit von Christen ein ökumenisches Engagement von Christen. Ökumenisches Engagement im christli­chen Weltdienst bedarf der Rückkoppelung und der Veranke­rung in den Kirchen.

Die Reformation vor fünf Jahrhunderten war ein Versuch der Erneuerung der Kirche. Dieser Ver­such hätte nicht zur Kirchenspaltung führen müssen. Viele Gründe für die damals erfolgte Spaltung sind heute entfallen. Bei allen Unterschieden im Verständnis von Kirche, kirchlichem Amt und Eu­charistie verbindet katholische und evangelische Christen heute mehr als sie trennt. Die Kirchen­spaltung ist gleichsam aus der Zeit gefallen. Viele damalige Gründe sind heute entfallen, viele heu­tige Gründe sind Ergebnisse unserer getrennten Ent­wicklung. Und daher müssen wir versuchen, diese getrennte Entwicklung mehr und mehr in eine gemeinsa­me Entwicklung zu überführen.

„Martin Luther wollte die Kirche erneuern, nicht spalten… Dennoch kam es zur Kirchentrennung. Es gab gravierende Differenzen und Missverständnisse, aber die Spaltung hatte nicht nur theologi­sche, sondern auch handfeste politische Gründe… Für die dauerhafte Trennung der Kirchen wurden Machtfragen wichtiger als Glaubensfragen… Heute ist die Kirchenspaltung politisch weder gewollt noch begründet.“ (Ökumene jetzt. Aufruf engagierter Christen zur Überwindung der Kirchentren­nung. www.oekumene-jetzt.de) Heute ver­langt das politische Engagement der Christen in Gesell­schaft und Staat, heute verlangen also politische Gründe, dass Christen gemeinsam handeln. Eine der Lehren des 20. Jahrhunderts in Deutschland lautet: Christen können ihren Dienst in Gesellschaft und Staat nur gemeinsam leisten. Wenn ihr Dienst in der Menschheitsfamilie und in der Welt glaub­würdig und beständig sein soll, dann müssen sie stärker ökume­nisch zusammenarbeiten, dann müssen überzeugende Schritte der Kirchen zur kirchlichen Einheit Wirklich­keit werden. Der christ­liche Weltauftrag ist nur gemeinsam zu leisten: vor Ort, im eigenen Land, in Europa und in der Welt.

Auch hier befinden wir uns in Übereinstimmung mit dem II. Vatikanischen Konzil. „Da in heutiger Zeit die Zusammenarbeit im sozialen Bereich sehr weit verbreitet ist, sind alle Menschen ohne Aus­nahme zu gemein­samem Dienst gerufen, erst recht diejenigen, die an Gott glauben, am meisten aber alle Christen, die ja mit dem Namen Christi ausgezeichnet sind… Bei dieser Zusammenarbeit kön­nen alle, die an Christus glauben, unschwer lernen, wie sie einander besser kennen und höher achten können und wie der Weg zur Einheit der Christen bereitet wird.“(Nr. 12 des Ökumenismusdekrets).

Ich denke, es ist an der Zeit, sorgfältig zu prüfen, ob wir Christen alle Möglichkeiten wahrnehmen, die unser Weltdienst in Gesellschaft, Staat und Völkergemeinschaft für ein ökumenisches Engage­ment eröffnet. Wir sollten Antworten auf Fragen wie die folgenden geben:

  • Ist die politische Zusammenarbeit von Christen im Staat und in politischen Parteien auch eine ökumenische Zusammenarbeit, wie das für die Christen der Fall war, die nach 1945 aus christlicher Verantwortung einen politischen Neuanfang im Rahmen der Gründung der Uni­onsparteien versuchten?
  • Was müssen wir tun, damit diese Zusammenarbeit in der Ökumene der Kirchen verankert bleibt und sich nicht im Niemandsland zwi­schen den Konfessionen ansiedelt?
  • Kann das christliche Engagement in Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur stärker als bisher in ökumenischer Gemeinsamkeit geleistet werden?
  • Könnte man nicht das Netz katholischer und evangelischer Akademien durch wenigstens eine Akademie in ökumenischer Träger­schaft ergänzen?
  • Können die Christlichen Sozial­wissenschaften und die Christliche Sozialethik nicht an Wirksamkeit gewinnen, wenn sie stärker auch von ökumenischen Lehrstühlen vertreten wür­den? Werden die Möglichkeiten ökumenischer Zusammenarbeit im Studium der Theologie an den Hochschulen beherzt wahrgenommen? Birgt der zu beobachtende Rückbau und Umbau an den Hochschulen nicht auch Chancen für die Ökumene?
  • Können die katholischen und evangelischen Schulen in freier Trägerschaft nicht ergänzt werden durch die eine oder andere Schule in ökumenischer Trägerschaft; kann die ökumeni­sche Zusammenarbeit im Religi­onsunterricht verstärkt werden?
  • Wie können die Kirchen in einem gemeinsamen ökumenischen Handeln die Christen, die in konfessionsver­schiedener Ehe leben, so begleiten, dass ihre Ehe konfessionsverbunden wird und dass sie in ihrem christli­chen Zeugnis in Familie und Gesellschaft gestärkt werden?
  • Ist es nicht an der Zeit, dass christliche Jugendverbände, die ökumenisch gut zusammenar­beiten, auch öku­menische Jugendtreffen veranstalten, vergleichbar den ökumenischen Kir­chentagen, die vom Zentralkomitee der deutschen Katholiken und dem Deutschen Evangeli­schen Kirchentag durchgeführt werden?
  • Wäre es nicht ein sinnvoller Schritt auf dem Weg zur kirchlichen Einheit, wenn die Verbän­de der Caritas und der Diakonie über ihre gute Kooperation hinaus auch gemeinsame, also ökumenische Unternehmungen in Bereichen wie Krankenhauswesen, Pflegediensten, Kin­dergärten und dergleichen planen und verwirklichen würden?
  • Sind die Kirchen nicht durch die gesetzlich geregelte Schwangerschaftskonfliktberatung in Deutschland zum Dialog darüber herausgefordert, wie sie gemeinsam in ökumenischer Verbundenheit die Chancen eines Dienstes für das Leben wahrnehmen können?
  • Kann nicht die gute Kooperation der Kirchen in der Entwicklungszusammenarbeit noch da­durch übertroffen werden, dass eine gemeinsame Einrichtung geschaffen wird, deren Aufga­be es wäre, ökumenische Initiativen in der Entwicklungszusammenarbeit anzuregen und zu fördern? Wäre es nicht ein beeindruckendes Zeugnis des Willens zur kirchlichen Einheit, ökumenische Initiativen christlicher Weltverantwortung global zu unter­stützen?
  • Welchen Beitrag können die Kirchen in ökumenischer Verbundenheit dazu leisten, dass die Grundlagen ge­stärkt werden, auf denen der Staat aufbauen kann ? Unser Staat „lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann“ (Ernst-Wolf­gang Böckenförde). Die Kirchen können durch ihre Vermittlung von Werten und Grundüber­zeugungen dazu beitragen, dass diese Voraussetzungen geschaffen und erhalten bleiben. Kann es eine Konferenz oder einen Rat geben, der sich mit den Voraussetzungen beschäftigt, von denen unser Staat lebt? Können die Kirchen in ökumenischer Kooperation hier eine Vorreiterrolle übernehmen, indem sie im gesellschaftlichen Diskurs fragen, welche Aufga­ben sich stellen, damit die „Einigkeit über das Unabstimm­bare“ (Adolf Arndt) gestärkt wird und so eine tragfähige Grundlage für unterschiedliche politische Gestal­tungsmöglichkeiten geschaffen wird? 

Diese und ähnliche Fragen sollten sich die Kirchen gemeinsam stellen. Und wir sollten die Auffor­derung von Papst Franziskus ernst nehmen, nämlich uns nicht in einer „egozentrischen Kirche“ zu verschanzen, sondern in die Welt hinaus zu gehen. Dabei erwarten wir, dass die römische Zentrale nicht nur die ökumenische Ei­genverantwortung der Ortskirche im Land der Reformation respektiert, sondern dass der Papst die Wahrneh­mung dieser Verantwortung auch ausdrücklich einfordert.

„Theologischer Narzissmus“ behindert den Weg zur kirchlichen Einheit, notwendig sind theologi­sche Begegnungen in den Lebensvollzügen der Kirche mit­ten in unserer Welt. Nur so eröffnet sich ein ökumenischer Weg zur Einheit der Kirchen wirklich. Und diesen Weg zu beschreiten ist nicht in unser Belieben gestellt. Diesen Weg zu gehen ist Nachfolge Christi. Er hat in der Stunde des Ab­schieds an seinen Vater die Bitte gerichtet: „Lass alle eins sein wie du, Vater, in mir und ich in Dir, damit die Welt glaube“ (vgl. Joh 17,21).

Dr. Dr. h.c. Friedrich Kronenberg (1933) hat Wirtschafts- und Sozialwissenschaften studiert. 1960-64 war er hauptamtlicher Leiter der Deutschen Pfadfinderschaft St. Georg, 1966 – 1999 Generalsekretär des Zen­tralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK) und 1983-1990 Mitglied des Deutschen Bundestages. 1982 – 2003 war er Vorsitzender der Kommission für Zeitgeschichte und 2001 – 2009 Vorsitzender des Maximilian-Kolbe-Werkes.

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