RELIGIONSUNTERRICHT HEUTE

Elisabeth Mertes plädiert für einen kooperativ-konfessionellen Religionsunterricht und unterstreicht dessen Bedeutung gerade in der pluralistischen Gesellschaft.

Den folgenden Text können Sie hier ausdrucken.

Elisabeth Mertes

Religionsunterricht heute

Der Religionsunterricht meiner Schulzeit war geprägt von der Trias aus katholischer Lehre, katholischer Lehrkraft und katholischer Lerngruppe. Die viel weitere Perspektive, die ich heute in meinem Studium der katholischen Religion für das Lehramt am Gymnasium erhalte, erstaunt und überzeugt mich gleichermaßen. Wir diskutieren in den religionspädagogischen Lehrveranstaltungen intensiv die verschiedenen Konzepte von konfessionellem, konfessionell-kooperativem, ökumenischem und im Ansatz auch interreligiösem Religionsunterricht. Und das ist auch richtig: Der soziodemographische Wandel in Deutschland, gepaart mit dem Rückgang von Taufen in der evangelischen und katholischen Kirche, erzwingen ein Umdenken: Man kann nicht mehr davon ausgehen, dass sich in Zukunft ein schulorganisatorisch vertretbarer konfessioneller Religionsunterricht anbieten lässt.

Ich denke, dass grundsätzlich Bedeutung und Nutzen eines konfessionellen Lernens sorgfältig begründet werden müssen, wenn man verhindern möchte, dass in den nächsten Jahrzehnten der Status des Religionsunterrichts als „ordentliches Lehrfach“ an öffentlichen Schulen (Artikel 7 Absatz 3 Grundgesetz) unhaltbar wird.

Dazu gehört auch, dass (zukünftige) Lehrerinnen und Lehrer fähig sind, einen Diskurs in ihrer Schulgemeinde zu führen, um das konfessionelle Lernen gegenüber Fächern wie Ethik und Philosophie attraktiv darzustellen. Was sind die Stärken und das Alleinstellungsmerkmal eines konfessionellen Religionsunterrichts? Vor allem beansprucht er für sich, Schülerinnen und Schüler nicht nur in einer Beobachter-, sondern vor allem aus einer Teilnehmerperspektive anzusprechen. In dieser Teilnehmerperspektive wird zugleich verlangt, „die eigene Perspektive als begrenzte zu erkennen, aus der Perspektive anderer sehen zu lernen und neue Perspektiven dazuzugewinnen“.1

Die Fähigkeit zur Perspektivübernahme ist Voraussetzung für religiöse Dialog- und Urteilsfähigkeit. Diese Kompetenzen werden über „die Vermittlung von Grundwissen über den christlichen Glauben und andere Religionen sowie die reflexive Erschließung von Formen gelebten Glaubens“..erlangt. Und darin sehe ich ein sehr starkes Argument für konfessionelles Lernen: In einer Welt, in der sich – vereinfacht und zugespitzt formuliert ‒ die eine Hälfte der Welt von Religion als Mittelpunkt ihres Lebens abwendet, die andere hingegen sich radikalisiert, ist es umso wichtiger, sich selbst als Individuum zu positionieren, mit Andersdenkenden in einen Dialog zu treten und dies auf der Grundlage von Kenntnissen über deren Standort.

Für mich ist aber noch ein weiterer Aspekt im Religionsunterricht wichtig. Es sollte in der Schule einen Ort geben, an dem Schülerinnen und Schüler Identitätsfragen und damit auch Fragen nach der eigenen Religion und nach Gott stellen dürfen. Besonders Schülerinnen und Schüler, die zu Hause nicht die Möglichkeit haben, solche existenziellen Sinnfragen zu stellen, sollten die Chance erhalten, dies in der Schule zu tun. Wenn Bildung der Persönlichkeit Ziel von Lernen ist, kann Religionsunterricht damit werben, dass in seinem Unterricht die Bedeutung des Subjekts betont und so die Freiheit des Einzelnen in besonderer Weise anerkannt wird.

All diese Überlegungen und Feststellungen führen mich zu der Überzeugung, dass ein konfessioneller Religionsunterricht sehr gut als ein kooperativ-konfessioneller Religionsunterricht durchgeführt und als dessen Weiterentwicklung verstanden werden kann. Anders als ein ökumenischer Religionsunterricht, (der in einer konfessionsüberschreitenden christlichen Unterweisung besteht), will das Konzept des konfessionell-kooperativen Unterrichts die Spezifika der Konfessionen nicht nivellieren, sondern sie aufzeigen und diskutieren. In der Praxis bedeutet dies, dass eine Lerngruppe, bestehend aus evangelischen und katholischen Schülerinnen und Schülern, jeweils eine Hälfte des Schuljahres von der evangelischen und der katholischen Lehrkraft unterrichtet wird. Das Prinzip der Gastfreundschaft für alle Schülerinnen und Schüler gilt weiter. Auch diese Unterrichtsform bietet den Teilnehmern die Möglichkeit, sich zu positionieren. Die Dialogfähigkeit wird in einem solchen Unterricht geradezu vorausgesetzt – aber auch gefördert.

Wo eine gemischt-konfessionelle Lerngruppe unterrichtet wird, ist es umso bedeutsamer, dass die Lehrkraft ihre eigene Kirche vertreten und sich selbst dazu positionieren kann. Es ist also notwendig, dass die Ausbildung der Religionslehrerinnen und -lehrer diesbezüglich ausgerichtet wird. In der praktischen Schularbeit denke ich, dass es nur von Nutzen sein kann, wenn evangelische und katholische Lehrkräfte miteinander arbeiten und in Kontakt stehen. Von katholischer Seite her muss immer berücksichtigt werden, dass „die Sorge um die Wiederherstellung der Einheit Sache der ganzen Kirche ist“ (UR 2,5).

Kann ein Dialog mit anderen Christen, der bereits in der Schule stattfindet, nicht ausdrücklich gewünscht werden? Ohne auf die didaktischen Fragen zum konfessionell-kooperativen Religionsunterricht näher einzugehen – das heißt, den Lerngegenstand zu thematisieren –möchte ich abschließend dafür werben, den Religionsunterricht so zu öffnen, dass Schülerinnen und Schüler grundsätzlich einen Ort finden, an dem sie mit einem Ansprechpartner über ihre Identität, vor allem aber auch über ihre religiöse Identität sprechen können. Für die Kirche ist dies meiner Ansicht nach eine einmalige Chance, Jugendlichen zu begegnen und mit ihnen (ohne missionarische Absicht) über Gott zu sprechen. In einer religiös zunehmend pluralistischen Gesellschaft ist es sinnvoll, dass Schülerinnen und Schüler sich religiös bilden dürfen und gesprächsfähig für einen religiösen Dialog werden, weil sie sich selbst positionieren und als freie Subjekte begreifen können.

 

Elisabeth Mertes M.A. (1984) studiert nach einem Hochschulabschluss in Theaterwissenschaft nun Deutsch und katholische Religion fürs Lehramt Gymnasium am katholisch-theologischen Seminar der Philipps Universität Marburg.

1) DBK, RU vor neuen Herausforderungen, 2005;
https://www.dbk-shop.de/media/files_public/yrujicnns/DBK_1180.pdf

2) DBK, Die Zukunft des konfessionellen RU, 2016; https://www.dbk-shop.de/media/files_public/wvllfyxs/DBK_11103.pdf)

Eine Antwort zu “RELIGIONSUNTERRICHT HEUTE

  1. In meiner Schulzeit war das Lehramt der Katholischen Kirche katastrophal (1950 – 1960). Die evangelischen waren Heiden und ich wurde ab der weiterführenden Schule von meinen besten Freunden, weil evangelisch, getrennt. Es gab eben die Katholische Knabenrealschule. Religion im engeren Sinne ist meines Erachtens Gift. Gott ist nicht religiös und wenn die Religionen aufgrund ihrer Dogmen anstelle von Gott über den Menschen setzen, dann mache ich da nicht mehr mit. Wenn ich vor Jahren nach dem „Gottesdienst“ im Saal einer Synagoge zu hören bekomme, wieso sich die katholische Kirche „erdreistet“ im Glaubensbekenntnis von der einen, heiligen Kirche zu sprechen, dann war das damals für mich ein Signal. Und tatsächlich, Jesus war Jude und die ersten „Christen“ waren eine „jüdische Sekte“. Erst später, meines wissens durch Konstatin dem Großen wurde die christliche Kirche zur Staatsreligion. Wenn heute Staaten hingehen und schreiben über ihre Verfassung „die islamische Republik Afghanistan oder Iran, usw.“ dann frage ich mich, wo bleibt da die „Freiheit“. Gut, daß wir nicht über dem Grundgesetz „die christliche Republik Deutschland“ stehen haben. Das fehlte noch.

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