„WIR SCHAFFEN DAS!“

Superintendent Dietmar Pistorius plädiert für den Zusammenhalt der Gesellschaft und beschreibt eine daraus folgende dreifache Herausforderung für die Kirche.

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Dietmar Pistorius
„Wir schaffen das!“
Plädoyer für den Zusammenhalt in unserer Gesellschaft

Es ist jetzt fünf Jahre her, als die Bundeskanzlerin im Zusammenhang der Grenzöffnung zur Abwendung einer humanitären Katastrophe jenen denkwürdigen Satz sprach, der zum geflügelten Wort werden sollte: „Wir schaffen das!“. Der Satz war noch nicht richtig ausgesprochen, da offenbarten die Gegenreden auch aus der eigenen Parteifamilie, dass das darin formulierte Subjekt nicht ein die gesamte Gesellschaft umfassendes „Wir“ repräsentierte, sondern allenfalls jenen Teil, der wie die Kanzlerin auch, die Not sah und sich dem Handeln verpflichtet fühlte.

Zunächst einmal ist das kein beunruhigender Befund in einer pluralen Gesellschaft. Sie müsste und muss eher wehrhaft wachsam sein gegenüber Kräften, die ein gesamtgesellschaftliches, gar völkisches „Wir“ konstituieren möchte und dies in Ab- und Ausgrenzung zu Menschengruppen, die mit der Uniformität dieses „Wir“ nicht vereinbar zu sein scheinen.

Solche Kräfte fühlten sich denn auch sogleich berufen, dem „Wir“ der Kanzlerin ein eigenes „Wir“ entgegenzustellen: „Wir sind das Volk!“ Eine zynische Okkupation des Befreiungsrufes aus der Zeit des Widerstands gegen das SED-Regime der DDR indem dieser Ruf nun in den Dienst eines Kampfes gegen die freiheitlich-demokratische Grundordnung gestellt worden ist.

In meiner Wahrnehmung ist der geschilderte Moment der Pressekonferenz der Kanzlerin einer, der nicht ursächlich für die Spaltung der Gesellschaft herangezogen werden kann, der sie aber doch wie kaum ein anderer zuvor öffentlich werden ließ. Zugleich entfaltete sich damit eine neue Dynamik, weil sich zeigte, dass es erfolgreiche Strategien gibt, gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Segmentierungen populistisch aufzugreifen und im Interesse der gesellschaftlichen Spaltung zu kanalisieren.

Es ist ein Leichtes geworden, Unzufriedenheiten aufzunehmen und in ihrem Schatten aufzurufen zu einem Sturz des politischen Systems, das möglicherweise tatsächlich wichtige Entwicklungen verpasst hat und mit dem stoischen Verharren in überkommenen Ritualen und Denkmustern der repräsentativen Demokratie die eigene Krise befördert.

Schon Richard von Weizsäcker sah die Parteiendemokratie in einer Krise, die sich heute im zunehmenden Mitgliederschwund der Parteien zugleich äußert und selber verstärkt. Die Annahme, dass sich in den Diskursen der Volksparteien die gesellschaftlichen Interessen und Meinungen repräsentieren würden und mithin der parlamentarische Willensbildungsprozess umfassend und genügend sei, wird durch immer geringere Wahlbeteiligungen und durch verstärkt außerparlamentarische Bewegungen konterkariert.

Zugleich verlieren die grundlegenden demokratischen Instrumentarien – Kompromiss und Mehrheitsentscheid – zunehmend an Akzeptanz – sowohl in der medialen Kommentierung als auch im Verständnis vieler Bürger*innen.

Wer zum Beispiel die Querdenkerbewegung beobachtet, stößt in ihrem Kern auf absolut gesetzte Positionen, die wenig Interesse an Kompromissen und keine Akzeptanz für mehrheitlich befürwortete Maßnahmen haben. In dieser Haltung bildet sich dann schnell ein Widerstands-Narrativ aus, das ein durchaus gefährliches Potential besitzt: Die angeblich zu verteidigende Freiheit duldet keine Kompromisse und muss im Zweifelsfall gegenüber einer sie bedrohenden Mehrheit verteidigt werden. Narrative, die im Übrigen gerne – auch dies zynisch – am Widerstand im Dritten Reich anknüpfen und Bonhoeffers „Man muss dem Rad in die Speichen fallen“ zitieren.

In dieser für unser Zusammenleben und unsere Demokratie durchaus kritischen Lage sehe ich uns als Kirche im dreifachen Amt der Kirche herausgefordert. Dieses dreifache Amt leitet sich ab von den drei Ämtern Christi mit denen das unterschiedliche Handeln Christi in der dogmatischen Tradition beschrieben wurde: Sein königliches, sein priesterliches und sein prophetisches Handeln. Die Kirche, die Teil der Missio Dei, also der Sendung Gottes zur Welt ist, hat darum auch den Auftrag, an Jesu königlichem, priesterlichen und prophetischen Handeln teilzunehmen.

Das königliche Amt Jesu Christi erinnert an Gottes Sendung zu aller Welt. Seine Universalität und Ubiquität müssen die Kirche sensibilisieren für das Geschehen „extra muros ecclesiae“, nicht in dem Sinne, dass sie ihrerseits eine universale Herrschaft daraus ableiten könnte, wohl aber so, dass sie sich selber im Raum des Politischen verortet. So wie die Barmer Theologische Erklärung formuliert: „Wie Jesus Christus Gottes Zuspruch der Vergebung aller unserer Sünden ist, so und mit gleichem Ernst ist er auch Gottes kräftiger Anspruch auf unser ganzes Leben; durch ihn widerfährt uns frohe Befreiung aus den gottlosen Bindungen dieser Welt zu freiem, dankbarem Dienst an seinen Geschöpfen. Wir verwerfen die falsche Lehre, als gebe es Bereiche unseres Lebens, in denen wir nicht Jesus Christus, sondern anderen Herren zu eigen wären, Bereiche, in denen wir nicht der Rechtfertigung und Heiligung durch ihn bedürfen.“ Es kann uns in der Kirche nicht egal sein, wie die gesellschaftlichen Entwicklungen verlaufen. Doch zugleich haben wir das daraus folgende politische Mandat in der uns eigenen und von den politischen Akteuren differenzierten Weise wahrzunehmen.

Das äußert sich vor allem darin, dass Kirche ihr prophetisches Amt ausübt. Die Qualität des Prophetischen liegt in der externen Position: „So spricht der HERR“ trägt in politische Diskurse und Debatten etwas ein, was diese sich nicht selber sagen können. So sehr ich als politisch denkender Mensch persönlich auch politische Meinungen und Positionen vertrete, so wenig sehe ich darin den primären Auftrag der Kirche. In prophetischer Rede geht es um Perspektivwechsel, geht es um Unterbrechung von Denk-, Rollen- und Verhaltensmustern im politischen Geschäft, geht es um Demaskierung von Hybris und Machtversessenheit und das Aufdecken blinder Flecken.

Und schließlich ist auch das hohepriesterliche Amt eines, das in der politischen Krise von enormer politischer Bedeutung ist. Denn jenseits der zum Teil verqueren Positionen hat sich die Kirche der Menschen anzunehmen, ihre Bedürfnisse wahrzunehmen und mitzuwirken daran, dass alle Menschen an unserer Gesellschaft mit ihren eigenen Interessen teilhaben können. Die Ungleichheit, mit der Menschen an den gesellschaftlichen Prozessen teilhaben können, die der jüngste Sozialbericht der Wohlfahrtsverbände für Bonn exemplarisch herausgearbeitet hat, zeigt auf, dass wir von einer Teilhabegerechtigkeit noch weit entfernt sind. Darin aber liegt eines der Probleme, die den Zusammenhalt in unserem Land gefährden.

„Wir schaffen das!“ – Ja, denke ich, hoffentlich.

Dietmar Pistorius (1965) ist seit März 2020 Superintendent im Evangelischen Kirchenkreis Bonn. Zuvor war er Pfarrer an der Evangelischen Stadtkirche in Troisdorf. Der studierte Theologe und Kulturmanager ist auch ausgebildeter Mediator und Supervisor.

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