ENZYKLIKA MIT GROSSEM ANSPRUCH

Ulrich Ruh setzt sich mit der Enzyklika „Fratelli Tutti“auseinander,  die Papst Franziskus im Oktober 2020 veröffentlichte, und sieht darin die neue Variante einer Sozialenzyklika.

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Ulrich Ruh

Enzyklika mit großem Anspruch

Papst Franziskus, seit dem Frühjahr 2013 im Amt, bleibt sich treu. Das belegt  nicht zuletzt das unlängst veröffentlichte, bisher umfangreichste Dokument seines Pontifikats, die Enzyklika „Fratelli tutti“. Schon seiner ersten Enzyklika „Laudato si‘“ von 2015 gab er einen Titel, der aus einem berühmten Text des Franz von Assisi stammt. Jetzt setzt er diese Linie fort und zitiert als Überschrift von „Fratelli tutti“ wieder seinen  päpstlichen Namenspatron in der Originalsprache. „Laudato si‘“ war dem für die kirchliche Lehrverkündigung relativ neuen Thema Umwelt gewidmet; mit der neuen Enzyklika greift der Jesuitenpapst aus Buenos Aires weit darüber hinaus und entwirft so etwas wie eine globale, durchaus anspruchsvolle Vision für eine durch Liebe und Solidarität gekennzeichnete  Weltordnung des 21. Jahrhunderts.

„Fratelli tutti“ ist ausdrücklich eine Sozialenzyklika. Papst Franziskus stellt sich damit  in eine große Tradition, die bis in die päpstliche Verkündigung des späten 19. Jahrhunderts zurückreicht; sein Vorvorgänger Johannes Paul II. hat diese Tradition  durch seine drei Lehrschreiben „Laborem exercens“ (1981), „Sollicitudo rei socialis“ (1987) und „Centesimus annus“ (1991) markant fortgeführt.  Die neue Sozialenzyklika ist durchweg im „Stil Franziskus“ gehalten, also wenig analytisch, dafür eher in einem mahnend- predigenden Ton; der Text ist nicht so sehr auf routinierte Weise traditionsgesättigt als vielmehr von den persönlichen Lieblingsthemen und Grundanliegen des jetzigen Papstes geprägt, die seiner Amtszeit von Anfang an ihr Profil geben und wohl auch ihre inzwischen deutlicher sichtbar werdenden Grenzen markieren.

Das Dokument hat sozusagen eine zweifache Ouvertüre, zum einen eine Skizze der gegenwärtigen gesellschaftlich-kulturellen und politischen Wirklichkeit, zum anderen eine Auslegung (unter der Überschrift: „Ein Fremder auf dem Weg“) des auch vielen nicht christlich sozialisierten Zeitgenossen noch geläufigen Gleichnisses vom barmherzigen Samariter aus dem Lukasevangelium, so etwas wie die „Magna charta“ der Botschaft des Christentums von der vorurteilsfreien, liebenden Zuwendung zum Mitmenschen (Gotthold Ephraim Lessing arbeitete übrigens nach seinem „Nathan“ an einem Drama über den „Frommen Samariter“!).   Die Ausführungen des Papstes zum Gleichnis vom barmherzigen Samariter beeindrucken durch die  Eindringlichkeit, mit der sie Leserinnen und Leser daran erinnern, wie sich die Konstellation des Textes mit seinen handelnden Personen in ihrer eigenen Welt wiederholt und damit seine bleibende, herausfordernde Aktualität veranschaulichen.  Demgegenüber bietet das erste Kapitel („Die Schatten einer abgeschlossenen Welt“) ein problematisch einseitig düsteres und negatives Bild der Weltsituation,  sei es im Blick auf den Zustand der Demokratie, den Umgang mit den Problemen der Migration oder auch der digitalen Kommunikation; es ist die Rede von einer „kranken Gesellschaft“ oder davon, dass Freiheit zur Illusion werde. Zweifellos gibt es alle die Übel, die Franziskus geißelt, tatsächlich. Aber man hätte sich statt eines Katastrophenszenarios mehr Differenzierung in der Beschreibung und bei der kritischen Beurteilung gewünscht.

Nach der doppelten Einleitung entwirft die Enzyklika in mehreren großen, durchaus konsequent angeordneten Schritten ihre Vision einer besseren Welt, jenseits eines absolut gesetzten Individualismus (dieser mache uns „nicht freier, gleicher oder brüderlicher“) und mit der Anerkennung der Menschenwürde für alle. Auf „Eine offene Welt denken und schaffen“ folgt „Ein offenes Herz für die ganze Welt“; danach geht es um  „Die beste Politik“, um „Dialog und soziale Freundschaft“ und um „Wege zu einer neuen Begegnung“. Schließlich wird „Die Religion im Dienst an der Geschwisterlichkeit in der Welt“ thematisiert, unter Bezugnahme auf  eine geneinsame Erklärung des Papstes mit einem muslimischen Würdenträger, Großimam Ahmad Al- Tayyeb, bei einer Begegnung im Jahr 2019 in Abu Dhabi („Dokument über die Brüderlichkeit aller Menschen für eine Zusammenarbeit in der Welt“).

Unter diesen Rubriken werden im Einzelnen zahlreiche Fragen und Themen angesprochen, darunter sowohl „Klassiker“ der katholischen Soziallehre wie auch aktuelle Herausforderungen, bei denen der Papst durchaus eigene Akzente setzt.  Es finden sich Passagen über Krieg und Todesstrafe, über die angemessene Wirtschaftsordnung, über Konflikt und Vergebung, über den Dialog der Kulturen, über das Verhältnis von Konsens und Wahrheit oder über Religion und Gewalt.  Ausführlich handelt die Enzyklika vom Problem der Migration, das dem Papst seit Jahr und Tag am Herzen liegt. Dabei plädiert er für Offenheit gegenüber dem Beitrag, den Migranten für Gesellschaft und Kultur der se aufnehmenden Nationen leisten können.  Er stellt auch interessante Überlegungen dazu an, wie sich Bindung an die eigene Nation und globale Verantwortung zueinander in fruchtbare Beziehung setzen lassen und reflektiert über die Herausforderung des Populismus sowie über die Bedeutung von „Volk“ und „Volksbewegung“. Von der Notwendigkeit einer „gesunden Politik“ ist ebenso die Rede wie davon, dass Nächstenliebe das Herzstück von Politik sein müsse. Dem entspricht im Umkehrschluss die päpstliche Absage an eine „individualistische Kultur“, die als „naiv“ bezeichnet wird.

Das Thema Kirche spielt in „Fratelli tutti“ nur eine untergeordnete Rolle; im Schlussteil finden sich  kurze Abschnitte über das Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen und über die Förderung von Einheit in ihren Reihen. Das überrascht nicht, handelt es sich doch um eine Sozialenzyklika, die den Fokus bewusst auf Gesellschaft, Kultur und Politik richtet. Auch sonst sieht der gegenwärtige Papst die Kirche eher als Zeugin des Evangeliums von Liebe und Solidarität wie als Mittel zur Evangelisierung, nicht so sehr als institutionellen Apparat. Diese Grundoption hat vieles für sich, genauso wie der Nachdruck, mit dem sich der Papst für ein entspanntes und produktives Verhältnis zum Islam stark macht. Er stellt sich auch hier in die Fußstapfen des Heiligen Franz von Assisi, der 1219 während der Kreuzzüge mit Sultan al-Malik al-Kamil zusammentraf: Volker Leppin bezeichnet diese Begegnung  in seinem Franziskus- Buch (2018) als weiteren „Ausdruck jener ergreifenden und zugleich nachhaltig irritierenden Spontaneität von Franz von Assisi“.

Papst Franziskus fügt mit „Fratelli tui“ dem eingeführten Genus der Sozialenzyklika eine neue, ausladende Variante hinzu. Damit führt er diesen Typ von Lehrschreiben allerdings auch an eine kritische Grenze. Künftige Verfasser von päpstlichen Sozialenzykliken werden sich entscheiden müssen: Entweder sie belassen es bei allgemeinen Appellen aus dem Kern des christlichen Glaubens  heraus oder sie bemühen sich um gesellschaftlich -politische Analysen auf dem Stand des gegenwärtigen Problembewusstseins und lassen sich auf entsprechende Diskurs bewusst ein, nennen dann sozusagen auch Ross und Reiter. Was jeweils angemessener ist, muss sich zeigen.

Ulrich Ruh (1950) ist Honorarprofessor an der Universität Freiburg im Breisgau und war 1991 – 2014 Chefredakteur der “Herder Korrespondenz”.  Er studierte  Katholischen Theologie und der Germanistik in Freiburg und Tübingen . Danach war er bis  1979 Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Theolo­gischen Fa­kultät Freiburg (Prof. Karl Lehmann), am Lehrstuhl für Dogmatik und Öku­menische Theologie. 1979 wurde er  in Freiburg  mit einer Arbeit über Begriff und Problem der Säkularisierung zum Dr. theol. pro­moviert und trat im gleichen Jahr i die Redaktion der “Herder Korrespondenz” ein, deren Chefredakteur er von 1991 -2014 war. Seit 2015 gehört er der Redaktion von kreuz-und-quer.de an.

 

 

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