MIT ANGST GEGEN PLURALIMUS

Liane Bednarz analysiert die Neigung mancher rechtskonservativer Christen, illiberalen und antipluralistischen Ideen Raum zu geben.

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Liane Bednarz

Mit Angst gegen den Pluralismus

In den letzten Jahren ist es innerhalb des konservativ-christlichen Milieus zu einer Spaltung in einen für rechtes Gedankengut offenen Teil einerseits und einen gegenläufigen Part andererseits gekommen, der sich von rechten Vorstellungen distanziert. Wie unter einem Brennglas lässt sich bei den zuerst genannten Zirkeln jener Rechtsruck beobachten, der sich mittlerweile auch gesamtgesellschaftlich manifestiert.

Rechte Ideenwelten unterscheiden sich von dem Konservativismus, wie er sich nach 1945 in der Bundesrepublik Deutschland herausgebildet hat, vornehmlich in drei Punkten: Zum einen stehen sie für illiberale Demokratiekonzepte. Zum zweiten sind sie antipluralistisch ausgerichtet und verstehen (nur) sich selbst als „Stimme des Volkes“. Schließlich stößt man zum Teil sogar auf ethnopluralistische Vorstellungen, deren Ideal darin besteht, dass Kulturen bzw. Ethnien möglichst homogen und damit unter sich bleiben sollen. Solche letztlich völkischen Positionen finden sich vornehmlich in den radikalen Kreisen innerhalb der rechten Milieus, etwa bei der „Identitäten Bewegung“ oder im Umfeld des Verlegers Götz Kubitschek, der zentralen Person der deutschen Neuen Rechten.

In den gemäßigten, für rechte Ideen offenen christlichen Zirkeln spielen dezidiert völkische Elemente hingegen eine eher untergeordnete Rolle. Dort überwiegt ein diffuses Ressentiment gegenüber dem Islam als solchem, woraus sich wiederum große Vorbehalte gegenüber muslimischer Zuwanderung ergeben. Insgesamt existiert in diesen christlichen Kreisen eine Mischung aus klassisch-konservativen und rechten Thesen, so dass man insoweit von einer „rechtskonservativen“ Grundhaltung sprechen kann.

Schaut man sich die für rechte Gedankenstränge offenen christlichen Milieus näher an, so merkt man, wie stark bei ihnen politisch illiberale und antipluralistische Positionen ausgeprägt sind. Das ist kein Zufall, sondern hängt eng damit zusammen, dass man das eigene Glaubensverständnis für die „wahre Essenz“ des Christentums hält. Das trifft sowohl auf diejenigen gen rechts gedrifteten Christen zu, die in evangelikalen Strömungen zu Hause sind, als auch auf katholische Traditionalisten sowie solche Katholiken, die eine besonders strenge Glaubenspraxis pflegen, stark hierarchieorientiert sind und unter Benedikt XVI. ihre Papsttreue ebenso sehr betonten wie sie nun mit Pontifex Franziskus fremdeln.

Ihren Wahrheits- bzw. Absolutheitsanspruch in Glaubensfragen übertragen viele dieser Christen nicht selten auf die Politik und erwarten von jener, dass sie ihre gesellschaftspolitischen Vorstellungen eins zu eins umsetzt. Man kann insoweit von einem politreligiösen Impetus sprechen, der, das folgt unmittelbar aus dem Wahrheitsanspruch, andere Ansichten nicht akzeptiert oder gar verächtlich macht. Hieraus erklärt sich namentlich die Affinität vieler Christen mit Rechtsdrall zur AfD und deren Jargon, der die politische Konkurrenz als „Altparteien“, bzw. „Kartellparteien“ und die Medien als „Lückenpresse“ herabwürdigt. Auch der noch weitergehende, von der Pegida-Bewegung verwendete Begriff der „Lügenpresse“ erfreut sich bei ihnen großer Beliebtheit. Eine solche Haltung ist antipluralistisch und demgemäß nicht konservativ. Ein Konservativer streitet selbstverständlich auch für die eigenen Vorstellungen, kommt dabei aber ohne eine Verächtlichmachung politischer Gegner aus und attestiert sich anders als die AfD auch nicht, als einziger „Mut zur Wahrheit“ zu haben.

Politische Parteien werden von rechtskonservativen Christen primär und oftmals fast ausschließlich daran gemessen, wie sie sich zur Abtreibungsfrage sowie den beiden angstgetriebenen Lieblingsfeindbildern „Islamisierung“ und „Genderwahn“ verhalten. Alle drei Themen werden von der AfD bedient, was viele Christen der geschilderten Provenienz anzieht. Manche von ihnen grenzen sich von der Partei allerdings wegen des völkischen Flügels rund um Björn Höcke ab und sind politisch am rechten Rand der Unionsparteien einzuordnen.

Die pauschale Ablehnung des „Gendermainstreamings“ ist das wohl zentralste Schnittstellenthema zwischen der AfD, dem rechten Rand der Unionsparteien und rechtskonservativen Christen, die wie erwähnt meistens vom „Genderwahn“ sprechen. Anstatt zwischen legitimen Antidiskriminierungsmaßnahmen und überzogenen Sprachvorstellungen zu unterscheiden, behaupten sie, es drohe eine „Umerziehung“ von Mann und Frau hin zum „geschlechtsneutralen neuen Menschen“. Beim Umgang mit der Genderthematik zeigt sich, wie illiberal ausgerechnet jene Christen sind, die sonst die Grünen gerne mit dem Begriff „Verbotspartei“ etikettieren. Denn sowohl die von ihnen favorisierte AfD als auch die bei ihnen hoch angesehene „Werteunion“, eine Basisbewegung innerhalb der beiden Unionsparteien, machen sich dafür stark, der Genderforschung die öffentlichen Gelder zu entziehen, was in seiner Wirkung einem Verbot ziemlich nahekommen würde.

Wie sehr rechtskonservative Christen mit Angstthemen inzwischen auf die Politik Einfluss nehmen wollen, zeigt sich auch daran, welch großer Beliebtheit sich bei ihnen das 2017 erschienene Buch „Christliche Prinzipien des politischen Kampfes“ der für ihre schrillen Ansichten bekannten katholischen Publizistin Gabriele Kuby erfreut. Kuby operiert darin wie viele andere, die so denken wie sie, mit einer angstmachenden Verfallsrhetorik. So spricht sie explizit von einer „Dringlichkeit“ für Christen, „die Gesellschaft neu- und mitzugestalten“, da „offensichtlich“ sei, „dass sie zusehends kulturell, sozial rechtlich und geistlich verfällt“.

Auffällig ist vor allem, wie sehr viele rechtskonservative Christen, die ihre eigenen Vorstellungen von der Politik umgesetzt wissen wollen, sich echauffieren, wenn Vertreter der beiden Großkirchen Stellung zu gesellschaftspolitischen Fragen nehmen, die, wie etwa in der Flüchtlingsdebatte, ihren eigenen Vorstellungen zuwiderlaufen. So sicher wie das Amen in der Kirche erklingt dann der Vorwurf, die Kirchen sollten sich „nicht in die Politik einmischen“. Wenn demgegenüber jemand wie der Dominikanerpater Wolfgang Ockenfels in das Kuratorium der AfD-nahen Desiderius-Erasmus-Stiftung einzieht oder die AfD verteidigt, wird der Einmischungsvorwurf nicht erhoben. Auch in dieser eklatanten Doppelmoral manifestiert sich der antipluralistische Impuls vieler gen rechts gerutschter Christen.

Liane Bednarz (1974) ist Publizistin, promovierte Juristin und Kolumnistin bei „Tagesspiegel Causa“. 2018 erschien ihr Buch „Die Angstprediger – Wie rechte Christen Gesellschaft und Kirchen unterwandern“ (Droemer). Laut FAZ „lässt (es) die Luft aus so manchem Popanz, den die religiöse und politische Rechte aufgebaut haben.“

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