Kurzmitteilung

Kardinal Karl Lehmann: „Mindestens am Anfang offen sein“

Am heutigen Pfingstmontag feiert Kardinal Karl Lehmann seinen 80. Geburtstag. 1983 in Mainz geweiht war er damals der jüngste Bischof des Landes. Er ist – nicht zuletzt in den 20 Jahren seiner Amtszeit als Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz – auch Auseinandersetzungen mit dem Vatikan nicht aus Weg gegangen. Jetzt hat er den Papst aus Altersgründen um die Amtsentpflichtung gebeten. Wir dokumentieren das aufschlußreiche Interview, der aus dem diesem Anlass dem Deutschlandfunk gegeben hat. Unter anderen sagte er, dass die Kirche auf „Lebensfragen der Menschen lange Zeit nicht eingegangen“ „Der Katechismus fordert Respekt und Rücksicht gegenüber jedem“. Zu sich selbst meint Lehmann: „Ich bin liberal, wenn es darum geht, mindestens mal am Anfang offen zu sein“ .

Das folgende Interview finden Sie hier auf der Homepage des Deutschlandfunks.
Den Text des DLF-Interviews können Sie auch hier ausdrucken.
Eine Sonderausgabe der Kirchenzeitung für das Bistum Mainz zum 80. Geburtstag von Kardinal Karl Lehmann mit vielfältigen Informationen zu seinem Wirken und seinen Lebensstationen finden Sie hier.

Deutschlandfunk, Interview der Woche, 15. Mai 2016

Kardinal Karl Lehmann im Gespräch mit Christiane Florin

Christiane Florin: Herr Kardinal, warum sind Sie katholisch?

Kardinal Karl Lehmann: Ja, zunächst einmal, weil meine Eltern katholisch waren und ich in ei­nem Umfeld aufgewachsen bin, dass – wie man es sich heute kaum mehr vorstellen kann – katho­lisch ge­prägt gewesen ist. Und ich habe das nicht nur als Schicksal übernommen, sondern ich habe das immer auch wieder als eine positive Bereicherung mitbekommen, die Bräuche, die man auf dem Dorf mitge­macht hat. Ich war mit Leib und Seele Ministrant, aber habe lange nicht daran gedacht, Theologie zu studieren oder Priester zu werden.

Florin: Warum sind Sie katholisch geblieben? Gab es Momente,in denen Ihnen das schwergefallen ist?

Lehmann: Ja. Geärgert hat man sich natürlich früher auch mal über den Pfarrer, nicht nur über den Papst oder den Bischof, das ist aber auch bald wieder verraucht gewesen und spielte keine so große Rolle. Später gab es natürlich dann schon Auseinandersetzungen, besonders in der Zeit, in der ich dann in Rom gewesen bin. Mein Freiburger Erzbischof hat mich 1957 nach Rom geschickt und da habe ich am Anfang schon manchmal Probleme gehabt.

Florin: Womit Probleme?

Lehmann: Mit der Art der Autoritätsausübung in Rom, mit dem Verständnis auch von Wissenschaft­lichkeit in der Theologie und in der Philosophie. Schließlich und endlich aber kam dann Jo­hannes XXIII. Da waren wir zwar am Anfang auch bitter enttäuscht, dass sie Ende Oktober ’58 einen fast gleichaltrigen Papst gewählt haben wie den, der eben gestorben war – Pius XII. –, aber dann war innerh­alb von wenigen Wochen die Welt anders geworden.

Florin: Am Pfingstmontag endet Ihre Amtszeit als Bischof von Mainz nach fast 33 Jahren – durch­aus zahlensymbolisch nicht ganz unbedeutend. Wie hat das Amt Sie verändert? Sie sagten eben, Sie hätten Probleme mit dem Gehorsam.

Lehmann: Ich habe natürlich nicht mehr die Freiheit gehabt, die ich 19 Jahre an der Universität ge­habt habe, mir auszusuchen, womit ich mich intensiver befasse und so weiter. Aber natürlich gibt es dann Dinge, die man nicht mehr so gerne macht, auch schwierige Probleme, wenn man sich zum Bei­spiel um Lebensgeschichten und schwierige Biografien anderer Leute kümmern muss. Ich habe das aber immer auch selber gemacht bei den etwa 30 Priestern, die aus dem Amt geschieden sind. In mei­ner Zeit habe ich alle diese „Fälle“ selber betreut und habe mich um die Leute gekümmert. Ich wusste allerdings von Anfang an, dass ich mit dem Ja zum Bischofsamt auch einen Berufswech­sel vollziehe. Dass ich also jetzt zugleich auch noch wissenschaftlicher Theologe im Sinne der For­schung bleiben kann, das war mir klar, dass das nicht geht.

Florin: Kürzlich hat Papst Franziskus in seinem Schreiben „Die Freude der Liebe“ einen Weg ge­bahnt für wiederverheiratete Geschiedene, er hat die Einzelfallprüfung möglich gemacht. Etwas Ähn­liches haben Sie 1993 zusammen mit zwei anderen deutschen Bischöfen schon vorgeschlagen und sind an Jo­seph Ratzinger und dem damaligen Papst Johannes Paul II. gescheitert – jedenfalls haben die das so nicht akzeptiert. Waren Sie zu früh oder kommt Franziskus zu spät?

Lehmann: Zu spät kommt er nicht, aber er kommt spät. Ich empfinde jetzt schon, eine gewisse Genugt­uung feststellen zu können, dass wir doch auch gut daran getan haben, auch in der Zeit danach, nicht nachzugeben. Ich habe damals unheimlich viele Briefe bekommen, besonders auch aus Frank­reich, die gesagt haben: ‚Das sind doch Probleme, die wir lösen müssen. Wir können doch nicht ein­fach durch einen autoritativen Entscheid die Finger davonlassen.‘ Am krassesten ist für mich der Unter­schied: Wir haben damals, in dem 1994 dann folgenden Schreiben der Glaubenskongregation, als massivste Kritik gehört, dass unsere Berufung auf ein freilich gebildetes Gewissen im Grunde genomm­en unmöglich sei in der Frage. Und im jetzigen Schreiben des Papstes finden sich mindestens vier oder fünf Stellen, wo eine Entscheidung ohne Gewissensprüfung letzten Endes gar nicht möglich ist. Nach fast 40 Jahren Beschäftigung damit fühle ich mich doch ein bisschen im Recht.

Florin: Bei den klassischen Streitthemen – Empfängnisverhütung, Homosexualität, Scheidung, Wiederh­eirat –, würden Sie da sagen: Das ist alles in Ordnung, wenn der Einzelne das mit seinem Ge­wissen ausgemacht hat?

Lehmann: Kann man natürlich verschieden antworten. Man kann sich darauf berufen, dass man zum Beispiel auch einem irrenden Gewissen folgen muss. Aber die andere Antwort ist sicher für je­den ein­zelnen Fall differenziert, dass man ohne Rücksicht auf das Gewissen keine Entscheidung treffen kann. Wobei Gewissen heißt, dass natürlich hier auch der Blick auf Bibel und verbindliche Entscheidungen der Kirche eine Rolle spielen und zur Kenntnis genommen werde müssen. Also, wichtig ist einfach: Der letzte Impuls geht von einem selbst aus.

Florin: Das heißt aber zum Beispiel, wenn im Katechismus steht: Praktizierte Homosexualität ist Sün­de und das Gewissen des Einzelnen im Katechismus keine Rolle spielt, dann sagen Sie: Das mag der Stand der 80er noch gewesen sein, aber heute sollte es eigentlich anders lauten?

Lehmann: Also, der Katechismus hat da ja auch noch ein paar andere Sätze, wenn er zum Beispiel in einem hohen Maße und mit deutlichen Worten Respekt und Rücksicht fordert gegenüber jedem, der ho­mosexuell ist.

Florin: Sicher, aber es steht ja eben auch drin: Praktizierte Homosexualität ist nicht erlaubt.

Lehmann: Ja, das ist auf der einen Seite natürlich eine äußerst schwierige Frage, wie die Homosexualit­ät auch in den säkularen Wissenschaften erklärten werden kann. Da hat ja niemand eine ge­nauere Antwort. Insofern ist es, glaube ich, auch in jeder Hinsicht voreilig, eine moralistische Verurt­eilung zu machen.

Florin: Sie waren mehr als 20 Jahre lang Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz – eine Re­kordzeit lang. Und in diese Zeit fiel auch die Entscheidung über die Schwangerenkonfliktberatung Ende der 90er-Jahre. Sie haben damals mühsam einen Kompromiss erzielt innerhalb der Bischofskonf­erenz, dass die katholische Kirche in diesem Beratungssystem bleibt, dass auch kirchliche Beratungss­tellen den Schein ausstellen, der für eine Abtreibung notwendig ist. Dann wurden Sie vom Papst und auch wieder von Joseph Ratzinger, dem damaligen Präfekten der Glaubenskongregati­on, zurückgepfiff­en. Kamen Sie sich vor wie ein Schuljunge?

Lehmann: Also, zunächst einmal war mir klar, dass unser System von außen her und auch außer­halb des deutschen juristischen Verständnisses nicht so leicht verständlich ist. Denn auf der einen Seite ist etwas verboten und auf der anderen Seite bleibt es dann straffrei. Das ist vielfach in ande­ren Ländern als eine etwas gewundene Erlaubnis verstanden worden. Gerade der Papst selber hat Verständnis ge­habt für Einwände aus dieser Richtung und sagte: „Sie sollten doch Vorbild sein und keine so zweideut­igen Lösungen vertreten.“ Das war das Eine. Ich habe ja immer versucht zu zei­gen, dass das durchaus auch nach den klassischen Kategorien gerechtfertigt werden kann.

Florin: Weil man Frauen erreicht damit, die man ansonsten nicht mehr erreichen könnte.

Lehmann: Ja. Und dass auch überhaupt eine Beratung stattfindet dann, die ja doch auch in gar nicht so seltenen Fällen auch dazu führte, dass jemand nachdenklich wurde und auch seine Ent­scheidung viel­leicht revidiert hat. Aber zweitens war mir natürlich auch klar, dass wir schon auch im Rahmen katholi­scher Solidarität nicht allein entscheiden können und dass wir eine Entscheidung des Papstes auch ak­zeptieren müssen. Was mir damals zugesetzt hat, war, dass ich wusste, dass es Leute gibt, die nach die­sen Richtlinien weiterberaten werden und dass das Leute sind, mit denen wir über Jahrzehnte – sei es im Zentralkomitee der Deutschen Katholiken, sei es an anderer Stelle – her­vorragend zusam­mengearbeitet haben. Und dass man da innerkirchlich in Konflikte kommt, das habe ich noch dem Papst drei Tage vor dem Verbot gesagt und geschrieben, aber das war zu dem Zeitpunkt vorbei.

Florin: Aber Sie haben es schon als Niederlage empfunden, oder?

Lehmann: Als Niederlage empfunden, aber ich wusste, weil ich mich sehr intensiv beschäftigt habe und natürlich auch das internationale Verständnis der ganzen Geschichte gesehen habe, dass wir durch­aus zwiespältig verstanden werden können. Ich sah es trotzdem als falsch an, habe ge­kämpft, so­lange ich konnte – aber das gab es ja auch in anderen Fällen.

Florin: Diese Entscheidung des Papstes ging auch zurück auf die Intervention Ihres Amtsbruders Joa­chim Meisner, Erzbischof von Köln. Wer war eigentlich damals der wahre Vorsitzende der Bischofsk­onferenz? Waren Sie das oder war das der Papstfreund Meisner?

Lehmann: Ich weiß nicht, was er alles gemacht hat. Ich hatte ja ein öffentliches Amt als Vorsitzen­der und habe möglichst auch alles transparent zu machen versucht. Ich weiß allerdings auch jetzt nicht, wie intensiv da der Einfluss war. Der kam natürlich stark von der rechten Seite her, das war schon auch eine Belastung, diese verschiedenen Foren, die es heute noch gibt.

Florin: Sie meinen rechtskatholische Internetforen.

Lehmann: Ja.

Florin: Es ist schon ein „Intrigantenstadl“, so eine Vereinigung hoher geistlicher Würdenträger?

„Ich habe meine Kraft dazu genommen, zu argumentieren“

Lehmann: Ich habe, ehrlich gesagt, das eigentlich nicht so empfunden. Es gab einfach verschiede­ne Methoden, seine Meinung zu äußern – ich habe meine Kraft dazu genommen, zu argumentieren. Es ist ja nicht so, dass man dabei immer untergehen muss.

Florin: Denken Sie nicht manchmal: ‚Mein Gott, wenn dieser Franziskus schon 20 Jahre früher Papst gewesen wäre, dann hätte die katholische Kirche zum Beispiel in Deutschland nicht rund drei Millio­nen Mitglieder in den letzten 30 Jahren verloren‘?

Lehmann: Ich neige nicht zu Spekulationen.

Florin: Aber so spekulativ ist das ja nicht.

Lehmann: Ja, das ist schon spekulativ – die Ursachen sind ja verschieden.

Florin: Sie haben am Anfang des Gespräches über Johannes den XXIII. gesprochen, über diese Auf­bruchsstimmung, die er verbreitet hat durch das Konzil. Insgesamt ist die katholische Kirche in den letzten Jahrzehnten vor Franziskus doch eher als starr, als unbeweglich und auch als Projekt der ent­täuschten Reformen gesehen worden.

Lehmann: Nein. Nein, das glaube ich nicht. Also, wenn Sie sich mal mit dem ganzen Pontifikat von Paul VI. beschäftigen und nicht nur mit der unglücklichen Enzyklika, die ihm auch den Namen „Pil­len-Paul“ eingetragen hat, dann muss man sagen, der hat die Reform des Konzils in einer Weise vorangeb­racht, man bezeichnet ihn ja in der internationalen, vor allem auch italienischen Literatur als den ersten modernen Papst, der eben auch unter diesen Gewissensfragen sehr gelitten hat.

Florin: Aber die Päpste danach waren nicht besonders modern. Also, weder Johannes Paul II. noch Benedikt XVI. waren doch modern, hatten doch eher Angst vor der Welt.

Lehmann: Ich weiß nicht, ob sie Angst hatten, aber…

Florin: Sie wirkten jedenfalls so.

Die Kirche ist auf „Lebensfragen der Menschen lange Zeit nicht eingegangen“

Lehmann: Ich habe sie besorgt vorgefunden für manche Frage, aber eigentlich nicht ängstlich für Aus­einandersetzungen.

Florin: Ihr persönliches Ansehen ist sehr hoch. Das Ansehen von Papst Franziskus ist auch sehr hoch. Aber das Ansehen der katholischen Kirche bewegt sich ungefähr in der Höhe des Ansehens von Jour­nalisten, also eher im Kellerbereich. Was macht die Kirche falsch?

Lehmann: Ach, auf manche Fragen, die auch Lebensfragen der Menschen sind, ist man eben lange Zeit nicht eingegangen, aus verschiedenen Gründen. Ich bin überzeugt, dass manches einfach zu lang gegangen ist, wenn man vier, fünf Jahrzehnte an den selben Fragen hockt.

Florin: Wenn ich durch die Fußgängerzone gehen würde – vielleicht nicht gerade in Mainz, son­dern anderswo in Deutschland – und die Menschen fragen würde: Welchen Bischof kennen Sie? Dann wür­den die meisten ja sagen: Franz-Peter Tebartz-van Elst, Ihren früheren Nachbarn. Haben Sie dem je einen Rat gegeben?

Lehmann: Wenn er gekommen wäre, hätte ich ihm den gegeben. Als er seinen Antrittsbesuch ge­macht hat, zu dem ich ihn eingeladen habe, nachdem er länger nicht kam, habe ich ihm gesagt: „Du wirst es nicht leicht haben, der Franz Kamphaus war ein außerordentlicher Bischof. Du musst Ge­duld haben, bis du mit einer eigenen Sicht der Dinge dich einigermaßen durchsetzen kannst. Wir wollen dir helfen, du kannst jederzeit zu mir kommen.“ Er hat sich nie gemeldet.

Florin: Strukturell hat sich nichts geändert seit diesem Skandal. Also, es ist doch immer noch mög­lich, dass ein Bischof sein Amt nutzt, um eine absolute Monarchie in seinem Bistum zu errichten.

Lehmann: Aber es sind so viele Beratungsgremien eingeschaltet.

Florin: Die kann man aber schnell ausschalten.

Lehmann: Das ist leider zum Teil wahr.

Florin: Sind Sie sauer auf Franz-Peter Tebartz-van Elst, wegen der Kirchenaustritte?

Lehmann: „Sauer“ würde ich nicht sagen, ich habe einfach in der Zeit, in der er dann hier war und erst recht in der kritischen Zeit, überhaupt keinen Kontakt gehabt. Ich habe ihm ein-, zweimal ge­schrieben, aber es ist mir nicht möglich gewesen, etwas mehr Kontakt mit ihm zu haben, auch bis heu­te nicht. Ich habe nie mehr mit ihm geredet.

Florin: Franziskus schreibt, ein guter Bischof, der gehe mal der Herde voran, mal bewege er sich in­nerhalb der Herde und mal gehe er der Herde nach. Welcher Bischofstyp sind Sie?

Lehmann: Ich vergleiche es also öfter, dass so ein Bischof seine Diözese wie einen Geleitzug sieht, bei dem manchmal einige ganz vorne sind und bei den anderen muss man, wie bei einer Schafherde, den Hund losschicken, damit also die anderen rechtzeitig wieder sich anschließen und doch eine gemeinsam­e Gruppe bilden.

Florin: Wann schicken Sie denn „den Hund los“?

Lehmann: Der Hund bin ich zuerst mal selber.

Florin: Sie werden oft als Liberaler bezeichnet. Fühlen Sie sich damit adäquat beschrieben?

Lehmann: Ich mag das Wort in dieser Allgemeinheit nicht, obwohl mir der ursprüngliche Sinn vom Lateinischen her – „liberalis“, das heißt ja eigentlich „großzügig“, „großherzig“ und „weit“ –, das passt mir dann schon also eher. Auf jeden Fall in der heutigen Welt ist zunächst einmal Offen­heit und Hinhör­en und immer sich auch fragen, ob nicht doch ein Körnchen Wahrheit in Dingen steckt, wo man sich vielleicht zuerst ärgert, das muss man auf jeden Fall. Und da habe ich also beste Erfahrungen ge­macht. Öfter hinhören und bereit sein zu lernen, bereit sein auch sich zu korrigieren, das gehört ein­fach dazu. Das heißt aber natürlich auch, dass man nicht einfach nur Notar der öffentlichen Meinung ist, sondern dass man auch da und dort etwas sagt. Also, in diesem Sinne bin ich liberal, wenn es dar­um geht, mindestens mal am Anfang offen zu sein und offen zu bleiben für alles, damit es dann zu­nächst einmal zu einem Dialog kommt und zu einem Gespräch kommt, zu einer Auseinandersetzung. Und da habe ich den Eindruck, dass man auf jeden Fall immer aus einem solchen Gespräch heraus­geht, wo ei­ner sagt: „Ich bin zwar nicht mit allem einverstanden, aber das war ein gutes Gespräch.“

Florin: Nun hat das Zentralkomitee der Katholiken beschlossen, dass auf dem nächsten Katholiken­tag in Leipzig keine AfD-Politiker auf den Podien sitzen sollen. Würden Sie sich mit Politikern der AfD auf ein Podium setzen?

Lehmann: Also, ich würde mir schon zunächst mal die Leute angucken, um die es geht. Ich kenne bis heute keinen persönlich.

Florin: Obwohl die AfD hier in Rheinland-Pfalz stark abgeschnitten hat?

Lehmann: Ja. Ich frage immer wieder seit der Wahl, auch in Hessen, bei den Kommunalwahlen frage ich immer wieder: Gibt es auch namhafte Leute aus unseren Gemeinden? Ich bekomme nicht viele kla­re Antworten, muss ich ehrlicherweise sagen. In meiner Zeit als Vorsitzender (der Deut­schen Bischofsk­onferenz) war diese Frage zuerst mit den Grünen, da wo überhaupt kein Kontakt war und dann noch mit der Linken. Das fing immer damit an, dass ich mit dem jeweiligen Sekretär der Bi­schofskonferenz – vielleicht war noch jemand dabei, aber meist nur zu zweit – und auf der anderen Sei­te zwei, drei Leuten, wir in einer ganz kleinen Gruppe wir mal anfingen, miteinander zu reden. Und daraus sind dann größere Gespräche geworden, bis das dann auch ganz offizielle Ge­spräche, etwa mit den Grünen, geworden sind. Ich muss heute noch sagen, diese Gespräche gehör­ten zu den besten, die ich eigentlich im politischen Bereich hatte.

Florin: Meinen Sie denn, das wäre mit der AfD auch möglich oder ist da nicht ein kategorialer Unter­schied zwischen Grünen und AfD?

Lehmann: Ja, da ist ein Unterschied. Ich habe dann auch mal mit den Linken, als die Bischofskonfe­renz noch keine offiziellen Gespräche wollte – mit Recht, denke ich mir –, da habe ich mal mit Gysi und Lafontaine einige Stunden geredet, das ist dann immer nicht weiterverfolgt worden. Aber das wür­de ich jetzt mit der AfD nicht machen, das Grundmuster der Partei und das nationalistische „Gerüchl­ein“ ist mir zu groß. Da würde ich also im jetzigen Stadium nicht mitmachen, obwohl es mich beunru­higt, dass zwölf Prozent der Wähler da sind natürlich. Vielleicht ist die Zurückweisung allein auf die Dauer kein Heilmittel.

Florin: Warum glauben Sie, verfängt das so mit der Angst vor dem Islam, mit der Betonung des christ­lichen Abendlandes? Man muss ja sagen, der AfD gelingt mit diesem „christlichen Abend­land“ und auch PEGIDA mit diesem „christlichen Abendland“ etwas, das den Kirchen gar nicht mehr ge­lungen ist, nämlich allein das Wort wieder in die politische Debatte zu bringen, „christ­lich“.

Lehmann: Es gibt gewiss Versäumnisse, wovon die profitieren. Sie haben einiges genannt – ich wür­de zum Beispiel Heimat, Vaterland dazusetzen noch. Wir haben sicher auch vor lauter Blick auf Euro­pa, Globalisierung und so fort manchmal die Verwurzelung der Leute in ihrer heimatlichen Kultur und so weiter etwas versäumt. Es gab vielleicht etwas unglückliche Dinge, etwa unter dem Stichwort der Leit­kultur so etwas zu beleben, das ist halt nicht geglückt, und es geht ja bis in die 30er-Jahre hinein, mit der Berufung auf christliches Abendland und so weiter. Die Leute, die das vertreten haben, die waren natürlich in vielen anderen Fragen dann so unbeweglich, dass ich jeden­falls zum Beispiel das Wort nicht mehr gebraucht habe, obwohl ich eigentlich wirklich Europäer und Abendländer bin und auch bleibe.

Florin: Sie sprechen nicht mehr vom „christlichen Abendland“, weil die falschen dieses Wort jetzt be­nutzen?

Lehmann: Ja. Also, ich rede da lieber von Europa zum Beispiel.

Florin: Macht Ihnen der Islam – also ganz pauschal gefragt – Angst?

Lehmann: Ich habe keine Angst. Und zwar zunächst einmal aus einem sehr plausiblen Grund. Als ich in Rom mein Studium begann, 1957, habe ich eine Vorlesung gehabt – lateinisch – von drei Stunden in der Woche, in einem langen Semester, über die nicht christlichen Religionen – längst vor dem Kon­zil. Da waren sechs, acht Stunden über den Islam dabei. Ich habe heute noch meine Mitschrift und ich hatte wenigstens ein bisschen Ahnung davon, deswegen brauchte ich auch keine Angst zu haben. Ich habe nachher, später, als ich zwölf Jahre in Freiburg an der Universität war, einen Kollegen in der Fa­kultät gehabt, der einen Lehrstuhl für Religionsgeschichte hatte – Pater (Richard) Gramlich, Jesuit –, der ein großartiger Kenner des Islam war, vor allen Dingen auch viele islamische Gedichte, Poesie aus dem Iran und so weiter zum ersten Mal übersetzt hat und wo ich also auch den Islam in dieser Hin­sicht von einer Seite kennengelernt habe noch einmal, wie ich das vorher nicht wusste. Angst hat man vor etwas, was man nicht kennt. Und wir haben natürlich in vie­ler Hinsicht Angst, weil wir perplex sind vor den unglaublichen Grausamkeiten, auf die sich man­che Strömungen – IS – in dem Bereich des Islam beru­fen. Aber die Erwartungen eines neuen euro­päischen Islam und was da alles so prophe­zeit wird, daran glaube ich noch nicht. Jedenfalls sehe ich noch nicht, wie man einen lebbaren Islam innerhalb unserer Demokratie in größerem Maße vorfin­den wird. Aber ich hoffe, dass es so etwas gibt.

Florin: Der frühere Pariser Erzbischof, Jean-Marie Lustiger, meinte einmal auf die Frage, was ihm in seinem Leben gefehlt habe, entwaffnend ehrlich: „Eine Frau“. Wie geht es Ihnen?

Lehmann: Ich habe angefangen Theologie zu studieren, da habe ich mich erst ein halbes Jahr vor dem Abitur dafür eigentlich näher interessiert. Und ich war so begeistert und überzeugt, dass diese Frage, dass ich auf Ehe, Familie verzichte, Kinder und so, das hat mich eigentlich erst so kurz vor ei­nem letz­ten Entscheid, als ich dann 26, 27 Jahre war, als ich noch ein Philosophiestudium machte, be­schäftigt hat. Aber ich habe gemeint, ich kann das. Nachher hatte ich das Glück, dass ich persön­lich immer wie­der auch Frauen unterschiedlichen Alters, verschiedener beruflicher Orientierung ge­funden haben, mit denen man ins Gespräch kam über viele Dinge. Da habe ich sehr viel gelernt. Ich habe dann auch bei den ungefähr 30 Leuten, die als Priester weggegangen sind, in der Zeit, in der ich Bi­schof war, natür­lich auch zur Kenntnis genommen, dass manche Leute mir einfach sagten: „Ich habe geglaubt, ich könnte allein leben, ich kann es doch nicht“. Ich habe jedem auch gesagt: „Wenn Sie ir­gendwie in Schwierigkeiten kommen, Sie dürfen jederzeit hier wieder anklopfen, wenn ich Ihnen hel­fen kann.“ Wenn ich mir zum Beispiel auch das Wirken ansehe von verheirateten stän­digen Diakonen im Bistum, muss ich sagen, wir haben da hervorragende Leute und ich sehe nicht ein, warum man nicht da mal an­fangen kann, den ein oder anderen zu weihen. Aber das habe ich schon ’71 gesagt.

Florin: Also Sie selber haben die Frauen nicht vermisst – die Frau und die Ehe und Familie. Aber an­dere, die Priester sind, vermissen das, das merken Sie schon?

Lehmann: Ja. Ich würde also sagen, bei wichtigen Fragen bin ich sehr froh, dass ich vier, fünf Leu­te kenne, wo ich also immer wieder auch im Gespräch bin, wo ich auch mal anrufe und sage: ‚Diese und diese und jene Frage, was meinst du dazu?‘ Und das hilft mir. Ich habe mich in manchen Din­gen ein­fach auch dann geändert.

Florin: Wann gibt es die erste Bischöfin von Mainz?

Lehmann: Ich wäre schon mal zufrieden, wenn es die erste Diakonin gibt.

Florin: Also, Bischöfin von Mainz, da haben Sie sich jetzt herumgedrückt, um die Jahreszahl.

Lehmann: Ich muss als Dogmatiker, der ich nun einmal bin, einfach sagen: Ich habe selber erlebt, wie in Rom dann auch etwas zustande gekommen ist, mit dem Ausschluss der Frau vom Priester­amt, da weiß ich nicht, ob man da einen Wandel erwarten kann. Ich gucke mal auf die Dinge, die man ohne all­zu große Schwierigkeiten, ohne Spaltungen in der Kirche erreichen kann, und da gibt es noch viel zu tun.

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