ANTISEMITISMUS – EINE GEISTESKRANKHEIT VON NICHTJUDEN

Michael Mertes weist darauf hin, dass Antisemiten nicht allein den jüdischen Bürgern, sondern mit ihnen der ganzen übrigen Republik den Kampf angesagt haben.

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Michael Mertes

 Antisemitismus – eine Geisteskrankheit von Nichtjuden

Im Oktober 1941 veröffentlichte Hannah Arendt einen Artikel in der deutsch-jüdischen New Yorker Wochenzeitung „Aufbau“, dessen Hauptthese sich so zusammenfassen lässt: Nichtjuden dürfen ihren Kampf gegen den Antisemitismus nicht als großzügige Geste gegenüber Juden verstehen. Vielmehr verteidigen sie auf diese Weise ihre eigene „Freiheit und Ehre“.

Arendts Kritik galt einem französischen Schriftsteller, der zwar erhebliche Verdienste im Kampf gegen den Antisemitismus vorweisen konnte, aber von deutsch-jüdischen Emigranten Protest zu hören bekam, als er die Appeasement-Politik Frankreichs gegenüber Hitler 1938 öffentlich begrüßte. Er warf seinen jüdischen Kritikern daraufhin Undankbarkeit vor. Hannah Arendt entgegnete, dass „der arrogante Anspruch auf Dankbarkeit von seiten eines Protektors“ sie tiefer treffe „als die offene Feindschaft der Antisemiten“: „Gibt es für uns nirgends echte Verbündete, die weder mitleidig noch bestochen verstehen, dass wir nur das erste europäische Volk waren, dem Hitler den Krieg angesagt hat?“

Ein Deutschland, in dem jüdisches Leben in seiner ganzen Bandbreite – von säkular bis strengreligiös – nur noch hinter verschlossenen Panzertüren oder gar nicht mehr gelebt werden kann, ist auch für Nichtjuden kein „Deutschland, in dem wir gut und gerne leben“. Entsprechendes gilt für Europa insgesamt.

Der israelische Demograph Dov Maimon hat einmal vorgerechnet, dass gegen Ende des 19. Jahrhunderts 90 Prozent der jüdischen Weltbevölkerung in Europa (einschließlich des zaristischen Russlands) lebten; heute sind es nur noch neun Prozent. Mit jedem antisemitischen Anschlag – ob von Rechtsextremisten oder muslimischen Fanatikern verübt – wächst unter den verbleibenden 9 Prozent die Zahl derer, die sich fragen, ob dieses Europa noch ihre Heimat sein kann. Diese Frage sollten Nichtjuden sich ebenfalls stellen. Das ist der Sinn von Verfassungspatriotismus: Nein zum Prinzip „My country, right or wrong“ – Ja zur Verantwortung aller Staatsbürger für den Zustand ihrer Republik.

Auch unterhalb der Schwelle physischer Gewaltsamkeit erodieren die Bedingungen, unter denen es sich in Deutschland und Europa „gut und gerne leben“ lässt. Der Göttinger Literaturwissenschaftler Heinrich Detering hat in seiner brillanten Studie „Was heißt hier ‚wir‘?“ analysiert, wie die völkische Rhetorik führender AfD-Repräsentanten deutsche Sprache und menschliche Vernunft vergewaltigt. Das völkische „Wir“ ist ein exklusives „Wir“, das republikanische „Wir“ ein inklusives. (Man wende jetzt nicht ein, es gebe doch auch eine linksextremistische Gehirnwäsche. Das stimmt zwar, ist im Moment jedoch nicht mein Thema.)

Auf den ersten Blick bedroht Antisemitismus vor allem seine jüdischen Adressaten – schaut man jedoch genauer hin, entdeckt man einen schweren Infekt, der die Köpfe und Herzen der Antisemiten von innen her zerfrisst. Es handelt sich um eine gefährliche Geisteskrankheit von Nichtjuden. Wir wissen, dass diese Krankheit ansteckend ist und auch dort ausbrechen kann, wo keine Juden (mehr) leben. Hannah Arendt fasste diese Erkenntnis im sarkastischen Aperçu zusammen, vor Antisemitismus sei man nur auf dem Mond sicher.

Ich kann verstehen, wenn von jüdischer Seite immer häufiger zu hören ist, dass man auf Betroffenheitsgesten und schön formulierte Kondolenzschreiben von nichtjüdischer Seite gern verzichte. So schrieb kürzlich der Journalist Ze’ev Avrahami: „Ich nehme die Entschuldigungen nicht ernst. Ich nehme die Mahnwachen nicht ernst. Ich nehme das demonstrative Tragen der Kippa nicht ernst. Es ist ein Kreislauf. Erbärmlich. Wie oft kann man sagen, dass es einem leid tut, um es dann wieder zuzulassen?“

Mir scheint, dass Avrahami genau das stört, was schon Hannah Arendt gegen den Strich ging: der zwar wohlmeinende, aber herablassende Gestus des Mitfühlens – und die Unfähigkeit zu verstehen, dass hasserfüllte Feinde nicht allein den jüdischen Bürgern, sondern mit ihnen der ganzen übrigen Republik den Kampf angesagt haben. Von den Verteidigern der Republik ist dieser Kampf nicht nur rhetorisch und symbolisch zu führen, sondern auch mit der „hard power“ legitimer Staatsgewalt.

Wenn man es genau nimmt – und nicht nur die wohlfeile Zurschaustellung eigener Sensibilität im Sinn hat –, trifft das Wort „Betroffenheit“ den entscheidenden Punkt: Das republikanische „Wir“ ist herausgefordert. „Tua res agitur“ – „Um deine Sache geht es“, heißt es bei Horaz. Das vollständige Zitat lautet: „Denn um deine Sache geht es, wenn die Wand des Nachbarn brennt.“ Hier passt dieses Bild allerdings nicht ganz: Nicht das Nachbarhaus brennt, sondern unser eigenes.

Michael Mertes (1953) ist Autor und literarischer Übersetzer. Von 2011 bis 2014 leitete er das Auslandsbüro Israel der Konrad-Adenauer-Stiftung mit Sitz in Jerusalem. Von 1987 bis 1998 war er in verschiedenen Funktionen in der Planungs- und Kulturabteilung des Bundeskanzleramtes als Mitarbeiter von Helmut Kohl tätig.

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