JEDE ENTTÄUSCHUNG IST DAS ENDE EINER TÄUSCHUNG

Claudia Lücking-Michel analysiert die Kinderschutzkonferenz im Vatikan und ist vom Ergebnis enttäuscht.

Den folgenden Text können Sie hier ausdrucken.

Claudia Lücking-Michel

Jede Enttäuschung ist das Ende einer Täuschung

Ein Rückblick auf die Kinderschutzkonferenz im Vatikan

Um das gleich am Anfang zu sagen: Es war gut, dass Ende der letzten Woche der erste Anti-Miss­brauchsgipfel von Bischöfen im Vatikan stattgefunden hat. Am Ende war er für mich eine große Enttäu­schung. Ich hatte wenig erwartet, meine Erwartungen wurden unterboten. Doch trotzdem, ohne diese Konferenz, stünde die katholische Kirche jetzt noch schlechter da als mit.

Diese Versammlung von Vorsitzenden der nationalen Bischofskonferenzen weltweit war zunächst  das Ende einer großen Täuschung. Wer je vorher noch gemeint hat, Kindesmissbrauch wäre als Thema für die Kirche nur für manche Kontinente von Relevanz; müsste zunächst in anderen Organisationen ange­gangen werden, weil da das Problem noch viel größer wäre als in der Kirche; wäre ein Problemvielleicht noch der 50er Jahre, aber doch nicht mehr heute oder gar wäre überhaupt kein Thema für die „ecclesia sancta catholica“, da diese doch Heilsinstrument der Gnade Gottes sei, der sollte jetzt eines besseren be­lehrt sein und sich nicht länger irgendwelchen Täuschungen oder Illusionen hingeben. Allein durch die Tatsache, dass Papst Franziskus das Thema in diesem Rahmen auf die Agenda gesetzt und keinen Auf­wand gescheut hat, sein führendes Leitungspersonal zusammen zu trommeln, wurde klar: Die Verant­wortlichen in der katholischen Kirche haben da ein Problem.

Diese Konferenz war eine Enttäuschung. Natürlich muss es zuerst um die Opfer gehen. Sie stehen im Mittelpunkt der Sorge, danach richtet sich der Blick auf die Täter, rückhaltlose Verfolgung Aufklärung ist angesagt. Prävention muss weiteren Missbrauch verhindern. Doch das sind erstmal nur die notwendi­gen Maßnahmen, alles zusammen bei weitem noch nicht ausreichend. Die MGH Studie spricht darüber hinaus ganz klar von systemischen Ursachen und meint damit eindeutig das System Kirche und den Um­gang mit Macht. Wer an dieser Stelle, wie zum Beispiel unser offene Brief an Kardinal Marx, Gewalten­teilung in der Kirche, echte Teilhabe aller Getauften und Gefirmten, das Ende des Pflichtzölibats und vor allem die gleichberechtigte Zulassung von Frauen zu allen Weiheämtern forderte, bekam den Vor­wurf des „Missbrauchs vom Missbrauch“ zu hören. Ich antworte darauf nur: Hier missbrauchen einige weiterhin ihre Macht, um jede Machtteilung und -kontrolle zu verhindern.

Am vorletzten Tag der Versammlung sprach Kardinal Marx, der Vorsitzende der deutschen Bischofs­konferenz, zu den Versammelten. Sein großes Thema war die Forderung nach einer besseren kirchlichen Verwaltung. In Blick auf so manche Ortskirche, das war ihm bewusst, musste er überhaupt erstmal eine Verwaltung einfordern. Eine effizientere Verwaltung? Das hört sich nach Aktenordnern und Büroklam­mern an, doch jeder, der wie ich viel in anderen Teilen des Globus unterwegs ist, weiß: eine gute Ver­waltung ist der Anfang von Rechtssicherheit, Schutz vor Korruption, Voraussetzung für effizientes und zielgerichtetes Handeln.

Marx hat einen sehr wichtigen Punkt aufgerufen. Aber jenseits des Aktenstaubs gibt es eine wirklich gute Verwaltung nur, wenn die Unabhängigkeit der Handelnden von den jeweiligen Autoritäten gesi­chert ist. Ansonsten sorgt eine bessere Verwaltung nur dafür, dass auch ein schlechtes System sich selbst besser schützen kann. Innerkirchlich wird eine Verwaltungsgerichtsbarkeit, die den Ansprüchen eines modernen Rechtssystems genügt in Deutschland seit der Würzburger Synode gefordert. Gleichheit aller, ob Laie oder Kleriker oder gar Bischof vor den Verfahren und so basale Sachen wie Zugang zu In­formationen, Rechtssicherheit und die Möglichkeit Berufung einzulegen, alles offene Punkte auf der To-do-Liste. Ich bin enttäuscht, so weit ist Marx in seiner Rede leider nicht gekommen. Doch dass Thema muss auf der Agenda bleiben.

Die aufmerksam erwartete Abschlussrede von Papst Franziskus war dann für mich nicht nur enttäu­schend, sondern schier unerträglich. Als Vertreter einer Täterinstitution sprach er mehr als die Hälfte der Zeit von anderen Tätern. Statt sich auf den Kindesmissbrauch in der Kirche zu konzentrieren, rief er al­les Elend der Welt auf, das Kinder treffen kann, von dem Schicksal eines Kindersoldaten bis zum Opfer bei heidnischen Riten (Wie bitte? Hatte er ein falsches Manuskript?). Und ich war enttäuscht, weil er keine einzige keine konkrete Maßnahme oder Konsequenz als Ergebnis der letzten Tage auch nur in Aussicht stellte. Stattdessen wurden die ungläubig Zuhörenden auf Kommissionen und Arbeitsgruppen verwiesen, die da alle erst noch kommen sollen.

Das war es also mit dem Missbrauchsskandal in der Kirche? Nein, zwei Tage nach Ende des Gipfels sorgte die Verurteilung des Australiers Kardinal Pell dafür, dass das Thema nicht aus den Schlagzeilen der Weltpresse gerät. Hoffentlich sorgen auch unsere deutschen Bischöfe dafür, dass ihre Leitlinien zur Prävention, Umgang mit den Opfern und Zusammenarbeit mit der Staatsanwaltschaft nicht aus der öf­fentlichen und kirchlichen Aufmerksamkeit rutschen. Hoffentlich ist ihnen klar, dass alles Kurieren an Symptomen nicht reicht, wenn man die Ursachen, nämlich den Umgang mit Macht, nicht angeht.

Nach so vielen Enttäuschungen mache ich mir also keinerlei weitere Illusionen. Die Tage in Rom haben gezeigt, wie weit der Weg ist, der vor uns als Kirche liegt und dass man nur sehr langsam vorankommt, wenn man so einen großen Tross, wie die katholische Weltkirche mit sich schleppen muss. Da geht es nur Schritt für Schritt , und man ist schon froh, wenn die Karawane nicht umkehrt, nicht stehenbleibt, sondern wenigstens in die richtige Richtung weiter zieht.

Dabei sollten sich die kirchlichen Verantwortlichen auch nicht täuschen: Der Weg zum Gipfel war si­cher anstrengend, die Debatten in Rom sehr fordernd, doch es bleibt keine Zeit für eine Pause. Die Zeit für Reformen war eigentlich gestern, heute findet zumindest in Deutschland schon die große  Revolution des Weglaufens statt. Gerade die Katholikinnen und Katholiken, die sich theologisch und kirchenpoli­tisch in der Mitte positionieren, verhungern in der Zwischenzeit spirituell und verlieren ihre kirchliche Heimat. Enttäuscht haben sie die Hoffnung aufgegeben, dass es noch eine Wende für sie geben könnte, aber sie sind zu loyal, um auf die Barrikaden zu gehen. Ein offizieller Kirchenaustritt ist für sie vielleicht (noch) nicht vorstellbar, aber viele ziehen sich in die innere Emigration zurück.

Engagierte Katholikinnen aus dem Münsterland rufen jetzt zum Kirchenstreik auf. Unter dem Namen Maria 2.0 fordern sie, dass Frauen am Sonntag, den 11. Mai vor den Kirchen streiken, statt in der Kirche die Reihen zu füllen. Ich höre schon die Kritikerinnen und Kritiker, die sagen, wenn es um Liturgie und Gottesdienst geht, kann man und frau nicht streiken. Das habe ich auch lange gedacht. Jetzt finde ich, diese Aktion zeigt, wie ernst es den Frauen mit ihrer Kirche ist, zeigt  die innere Verbundenheit der Streikenden, aber auch ihre Notlage. Ich unterstütze die Aktion.

Ist das Glas nach der großen Kinderschutzkonferenz nun halbleer oder halbvoll? Meine Antwort: Da ist nur etwas Wasser am Boden, passen wir auf, dass wir das nicht auch noch verschütten, denn schon so reicht der Wasservorrat nicht mehr lange. Täuschen wir uns nicht, die Botschaft, die wir eigentlich ver­künden wollen, kann uns niemand glauben, wenn er fürchtet von Verantwortlichen in der Kirche ge­täuscht zu werden und an den wahren Absichten zweifeln muss. Hoffentlich sehen wir, wenn wir alle gründlich enttäuscht wurden, wenn alle Täuschung aufgehoben ist, das bei uns an Glaubensbotschaft wirklich noch etwas übriggeblieben ist.

Dr. Claudia Lücking-Michel (1962) ist katholische Theologin und seit 2018 Geschäftsführerin der AGEH. Bis 2017 war sie CDU-Bundestagsabgeordnete, zuvor von 1997 – 2044 Abteilungsleiterin bei Misereor und 2004 – 2013 Generalsekretärin des Cusanus-Werkes. Sie ist Vizepräsidentin des Zentralkomitee des Katholiken (ZdK).

2 Antworten zu “JEDE ENTTÄUSCHUNG IST DAS ENDE EINER TÄUSCHUNG

  1. Ronald Hörstmann

    Alles Gerede nutzt nicht, auch dieses. Die katholische Kirche, nicht nur diese, sondern alle religiösen Institutionen dieser Erde heucheln, was das Zeug hält. Keine Religion besitzt die endgültige Wahrheit und verstellt oft das Gottesbild. Gott ist nicht religiös. Wenn die katholische Kirche das Urchristentum, was ja im Grunde genommen jüdisch war, leben würde, wären wir ein ganzes Stück weiter. Wenn ich z.B. eine Konferenz im Vatikan betrachte und denke darüber nach worum es geht und wieviele Leute (Kardinäle) da zusammengetrommelt werden, denke ich an die Kosten, die da verursacht werden. Wo sind wir eigentlich? Der Hl. Franziskus mit seinem Beispiel täte so manchem „Kirchenvertreter“ gut.

  2. Ganz herzlichen Dank, Frau Dr. Lücking-Michel, Sie haben das ins Wort gebracht, was mich als langjährige Seelsorgerin und geistliche Begleiterin zutiefst beschäftigt und „umtreibt“.

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