REFORMATIONSJUBILÄUM MIT UNTERTON

Ulrich Ruh plädiert für Ehrlichkeit in der Ökumene, bei der sich bei Urteilen über die Schwesterkirche generell ein vorschnelle und kenntnisarme Verdikte verbieten.

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Ulrich Ruh

Reformationsjubiläum mit Unterton

Es ist gut, dass sich in Deutschland evangelische und katholische Kirche auf gemeinsame Veranstaltungen zum Reformationsjubiläum verständigt haben. 2017 wird die erste Jahrhun­dertfeier des symbolträchtigen Wittenberger Thesenanschlags durch Martin Luther begangen, bei der so etwas möglich ist.

Allerdings ist das ökumenische Miteinander von Protestanten und Katholiken hierzulande trotzdem nicht völlig ungetrübt. Es gibt in bestimmten katholischen Kreisen, aber auch dar­über hinaus nicht selten einen Unterton in der Einschätzung von Situation und Problemen der evangelischen Kirche, der ungefähr so klingt: Die Protestanten haben das kirchliche Amt für Frauen geöffnet, sie kennen keinen Pflichtzölibat für Amtsträger, haben synodale Formen der Mitentscheidung und kennen keine rigorosen Vorschriften in der Sexualmoral. Und trotzdem steht die evangelische Kirche in Deutschland, was Austritte, Beteiligung am kirchlichen Le­ben oder auch spirituelle Ausstrahlungskraft anbelangt, schlechter da als die katholische.

Vor allem in der Diskussion um Reformen in der katholischen Kirche wird von Reformskepti­kern oder -gegnern gern so argumentiert und dabei das Schreckgespenst einer drohenden „Protestantisierung“ der eigenen Kirche an die Wand gemalt, die im Übrigen in Deutschland schon längst zum Schaden katholischer Identität eingesetzt habe. Man hält der evangelischen Kirche in diesem Zusammenhang regelmäßig auch vor, sie hechle dem Zeitgeist hinterher und sei dabei, alles dem gesellschaftlichen Mainstream gegenüber Sperrige, nicht mit dem Gebot der „political correctness“ Kompatible aus dem Weg zu räumen. Vor diesem vermeintlichen Irrweg möchte man die katholische Kirche abbringen oder zumindest warnen.

Recht verstandene Ökumene braucht eine gehörige Portion Ehrlichkeit, gerade auch im Jahr des Reformationsjubiläums. Deshalb wäre es kein gutes Gegenmittel zum beliebten „Protes­tantenbashing“, die evangelische Kirche beziehungsweise den Protestantismus zu idealisieren oder auch nur ihre realen Probleme beschönigend herunterzuspielen. Ein kritischer Blick auf entsprechende Schwierigkeiten und Spannungen ist Katholiken keinesfalls verboten, ganz im Gegenteil! Allerdings verbietet sich bei Urteilen über die Schwesterkirche generell schon aus Gründen der interkonfessionellen Höflichkeit ein vorschnelles und kenntnisarmes Draufhau­en.

Zunächst sollte man sich auf katholischer Seite um eine angemessene Optik bemühen: Die Veränderungen in der evangelischen Kirche, vor deren Nachahmung man die eigene Kirche warnen möchte, waren nie einfach Konzessionen an den Zeitgeist. Sie waren vielmehr zu ei­nem erheblichen Teil Ergebnis von Bemühungen um eine produktive Aneignung und Umset­zung der christlichen Botschaft beziehungsweise des reformatorischen Erbes unter gewandel­ten geistig- gesellschaftlichen und politischen Bedingungen.

Das Synodalwesen in der evangelischen Kirche kann sich zwar auf reformatorische Impulse berufen, entstand aber erst nach dem Ende des landesherrlichen Kirchenregiments und nach den Erfahrungen des nationalsozialistischen Kirchenkampfs. Um die Frauenordination wurde in der evangelischen Kirche des 20. Jahrhunderts lange und erbittert gerungen: „Bis 1978 dau­erte im Bereich der EKD (Ausnahme: Schaumburg-Lippe bis 1991) der Kampf um die Gleichstellung der Frau im ordinierten Amt“(Ruth Albrecht). Bei der Bewertung von Homo­sexualität dauert die kircheninterne Auseinandersetzung noch an, wie die Themen kirchliche Segnung von gleichgeschlechtlichen Paaren und Homosexualität von Amtsträgern zeigen.

Die genannten Punkte bieten auch Herausforderungen für die katholische Kirche, wie nicht zuletzt die aktuelle Diskussionslage hierzulande mehr als erkennen lässt. Eine stärkere Syn­odalisierung der Kirche auf den verschiedenen Ebenen ist dabei genauso im Gespräch wie die Öffnung des geistlichen Amtes (zunächst des Diakonenamtes) für Frauen, und die Umfrage der Bischofskonferenz zur Bischofssynode 2014/15 hat die Kluft zwischen lehramtlichen Vor­gaben und Lebensvollzug der Gläubigen in Bezug auf die Sexualmoral wieder einmal dras­tisch vor Augen geführt. Dazu kommt die Diskussion über das Für und Wider des Pflichtzöli­bats beziehungsweise über die Weihe von „Viri probati“ als ein Ausweg angesichts des Pries­termangels. Der Kontext, in dem diese Fragen derzeit kontrovers erörtert werden, ist zwar in erster Linie der des spezifisch katholischen Verständnisses von Kirche, Amt und Lehre. Aber die Diskussion lässt sich gerade in Deutschland mit seiner traditionell prägenden Bikonfessio­nalität von den Regelungen und Erfahrungen auf evangelischer Seite nicht abschotten – und das ist auch gut so!

Nicht nur der vorurteilsfreie, neugierig- offene Blick auf die evangelische Schwesterkirche und ihre Geschichte seit der Reformation mitsamt den für sie kennzeichnenden Umbrüchen und Pluralisierungstendenzen kann sich auf die innerkatholische Gesprächslage entkrampfend und somit hilfreich auswirken. Höchst sinnvoll und sogar notwendig wäre auch die immer neue Erinnerung daran, dass auch die vielbeschworene katholische Identität bei genauerem Hinsehen bunter und spannungsreicher ist, als oft von Freund wie Feind behauptet. So gibt es eine große Tradition von katholischer Synodalität, bis hin zum Konziliarismus, und ist der Pflichtzölibat ein Kennzeichen erst der mittelalterlichen Kirche. Und manche Rigorositäten der katholischen Sexualmoral sind Produkte der jüngeren Lehrentwicklung.

Es bräuchte statt problematischer Untertöne und Warnungen einen produktiven Austausch zwischen katholischer und evangelischer Kirche mit ihren jeweiligen Stärken und Schwächen, gerade angesichts der gegenwärtigen Umbrüche in der religiös- kulturellen Landschaft, die das Christentum insgesamt betreffen. Dazu gehört die Bereitschaft der Kirchen, eigene Eng­führungen und Unsicherheiten im Umgang mit ihrer Tradition wie mit den aktuellen gesell­schaftlichen und religiösen Herausforderungen einzugestehen. Wenn nicht jetzt, wann denn?

 

Ulrich Ruh (1950) ist Honorarprofessor an der Universität Freiburg im Breisgau und war 1991 – 2014 Chefredak­teur der “Her­der Korrespondenz”.  Er studierte  Katholischen Theologie und der Germa­nistik in Freiburg und Tü­bingen . Danach war er bis  1979 Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Theolo­gischen Fa­kultät Freiburg (Prof. Karl Lehmann), am Lehrstuhl für Dogmatik und Öku­menische Theologie. 1979 wurde er  in Freiburg  mit einer Ar­beit über Begriff und Problem der Säkularisierung zum Dr. theol. pro­moviert und trat im gleichen Jahr i die Redak­tion der “Herder Korrespondenz” ein, deren Chefredak­teur er von 1991 -2014 war. Seit 2015 gehört er der Redaktion von kreuz-und-quer.de an.

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