SOZIALETHISCHE URTEILSBILDUNG JENSEITS DER GOTTESLOSIGKEIT

Elmar Nass versteht unter fairer Meinungsbildung auf Augenhöhe, dass Christenmit Gott argumentieren, auch wenn Atheisten ohne Gott diskutieren wollen.

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Elmar Nass

Sozialethische Urteilsbildung jenseits der Gottlosigkeit

Um die Wertediskussion in unserer Gesellschaft wieder mitzugestalten, sollten Christen sich nicht auf die hinlänglich bekannten innerkirchlichen Themen reduzieren lassen. Dann kommen sie nicht heraus aus der aufgenötigten Defensive. Auch helfen abstrakt gehaltene Bekenntnisse zu Gemeinschaft, Frieden, Licht und Liebe wenig, wenn sie wie ein Zuckerguss die drängenden sozialen Fragen verdecken. Vielmehr geht es darum, heiße Eisen der Gesellschaftspolitik anzupacken. Ich plädiere dafür, dabei nicht verschämt das eigene Bekenntnis einer Anschlussfähigkeit an säkulare Ideen und Ideologien zu opfern. Gott in den Wertediskussionen auszuklammern ist keineswegs wissenschaftlich glaubwürdiger als seine Existenz anzunehmen. Wenn die Atheisten also ohne Gott das Soziale diskutieren, sollen Christen mit Gott argumentieren. Das verstehe ich unter fairer Meinungsbildung auf Augenhöhe.

Dazu bedarf es einer Vergewisserung christlich-sozialen Argumentierens. Es ist verankert in der ausdrücklich dreifachen Verantwortung des Christen

  • gegenüber Gott: sie äußert sich darin, unser Leben im Lichte unseres Schöpfers zu verstehen, dankbar zu sein für das, was Er uns schenkt und als moralische Wesen in diesem Licht unsere Freiheit zu entfalten;
  • gegenüber sich selbst: sie äußert sich darin, uns selbst in unserer Gottesebenbildlichkeit als Personen mit unbedingter Würde anzunehmen und dabei gerade auch im Schwachen die ungeteilte Würde zu erkennen;
  • gegenüber dem Nächsten: sie äußert sich in Taten der konkreten Nächstenliebe einerseits und im Einsatz für das Zusammenleben aus einem Geist sozialer Liebe andererseits.

Das Christliche behält nur dann seine gesellschaftliche Relevanz, wenn es den Anschluss an Gott nicht verliert. Aus dem Bekenntnis leitet sich die Verantwortung gegenüber uns selbst und dem Nächsten ab. Gesellschaftliche Regeln und Ordnung sollen die Übernahme dieser Verantwortung ermöglichen. Christen können dazu mit dem Menschenbild argumentieren. Die Begründung für die Menschenwürde gerade der schwachen, der kranken, der behinderten und ungeborenen Menschen ist die christliche Idee von der Gottesebenbildlichkeit und von der Menschwerdung Gottes. Dieses Bekenntnis zum Menschen als einmalige Person mündet in der politisch relevanten Vision, das Gegeneinander von Rassen oder Klassen durch ein Bewusstsein einer Menschheitsfamilie als Kinder Gottes zu ersetzen und kein menschliches Leben als minderwertig oder -würdig zu diskriminieren.

Aus dieser Grundlage lassen sich sozialethische Urteile begründen. Ich schlage konkrete Positionierungen vor, die Sie nicht teilen müssen. Verstehen Sie die folgenden Thesen vielmehr als exemplarische Provokationen zu einer eigenen vernünftigen Reflexion sozialer Fragen im Licht des Evangeliums:

  • Unvereinbar mit dem Christlichen sind Ideologien, die die Menschenwürde relativieren. Daraus folgt eine Absage an links- und rechtsextremistische Kampfideologien wie an eine menschenverachtende Sharia, Scientology, aggressiven Atheismus u.a.
  • Der Einsatz für den unbedingten Lebensschutz vom Anfang bis zum Ende: Dazu zählt auch mit einem Bekenntnis zur Würdigkeit des kranken und sterbenden Lebens eine Absage an alle Formen der so genannten Euthanasie. Christlich motiviert fordert Eberhard Jüngel den Menschen auf, sich seiner Gebrechlichkeit zu stellen: „(w)er das beschädigte menschliche Leben nicht erträgt, der erträgt in Wahrheit die Würde nicht, die der Mensch auch in den erbärmlichsten Lebensumständen unwiderruflich hat.“

 

  • Es sollte wieder für eine Förderung der Familie mit eigenen Kindern eingetreten werden. Natürlich gibt es schmerzliche Erfahrungen des Scheiterns. Hier tritt die Kirche etwa mit der Caritas ein, Not zu lindern und Menschen im Scheitern beizustehen. Wenn wir aber irgendwie alles als Familie definieren, tritt an die Idee der mit dem Familienideal verbundenen gesellschaftlichen Verantwortung die individuelle Beliebigkeit. Zu unterscheiden bleibt das Ideal vom Fragment.
  • Die Gleichmacherei im Schulsystem widerspricht der christlichen Idee von der Unterschiedlichkeit der Menschen bei gleicher Würde. Ein ‚Recht auf Abitur‘ und Studium bei gleichzeitiger Herabsetzung anderer Schulformen entmündigt Menschen von einer ihren unterschiedlichen Begabungen entsprechenden Förderung. Es widerspricht dem Heilsauftrag, der die Unterschiedlichkeit der Menschen und ihrer Talente anerkennt und nicht die Förderung bestimmter (z.B. handwerklicher) Talente gering schätzt.
  • ‚Inklusion für alle‘ wird zur Ideologie, wenn sie nivellierend für Menschen mit unterschiedlichster Behinderung gefordert wird. Förderschulen müssen gestärkt werden für die Menschen, die sich hier besser entfalten können. Gründe dafür können etwa sein: psychosoziale Besonderheiten (z.B. Autismus), hochspezialisierte Förderung (etwa von gehörlosen Menschen), das Bedürfnis nach Erfolgserlebnissen, nach Geborgenheit unter Menschen mit vergleichbarer Behinderung o.a.
  • Kinder, Menschen mit Behinderung, Menschen im hohen Alter, Menschen mit Krankheit, Menschen im Sterben gehören in die Mitte unserer Gesellschaft. Sie bereichern unsere Kultur durch ihre Ausstrahlung und Erfahrung, durch ihre Bewältigung von Hilfebedürftigkeit, Gebrechlichkeit oder Endlichkeit. Sozial reich ist die Gesellschaft, die von diesen Menschen, ihren Fragen und Antworten lernt.

Die Positionen folgen keiner politischen Korrektheit. Ihre Begründung sehe ich in der Botschaft Jesu. Um solche o.a. durchsetzen zu können, finden Christen Verbündete, die vergleichbare Positionen zu Menschenwürde und Sozialkultur vertreten, selbst wenn sie anders begründet sind. Schulterschlüsse sind möglich etwa mit säkularen Vertretern eines Neu-Aristotelismus (Amartya Sen), eines reformierter Islam, der sich wieder auf Averroes beruft oder einer kantischen Ethik, solange die Würde nicht vom Grad der Vernunft abhängig gemacht wird. Vor allem denke ich auch an suchende Menschen, die jenseits einer bestimmten Weltanschauung um Werte ringen. Auch hier finden sich offene Ohren für christliche Positionen. Die Glaubwürdigkeit christlicher Argumente lebt dabei letztlich durch überzeugte Menschen, die sie vertreten. Papst Franziskus ist uns dazu ein gutes Vorbild.

 

Elmar Nass (1966) stammt aus Straelen/ Niederrhein. Er ist Bankkaufmann, seit 20 Jahren Priester des Bistums Aachen und seit 2013 Professor für Wirtschafts- und Sozialethik sowie seit 2015 Leiter des Ethikinstituts an der Wilhelm Löhe Hochschule Fürth (WLH). Forschungsschwerpunkte: Kirche in der Gesellschaft, soziale Gerechtigkeit, Geldethik, Soziallehre, Führungsethik.

 

4 Antworten zu “SOZIALETHISCHE URTEILSBILDUNG JENSEITS DER GOTTESLOSIGKEIT

  1. Michael Sprünken

    Zu jedem sozialethischen oder sozialpolitischem Diskurs gehört m. E. unbedingt, den eigenen Denkhorizont, die Herkunft der eigenen Überzeugung offenzulegen. Und das ist im Falle von Christinnen und Christen zweifelsfrei ihr Glaube. Insofern ist Herrn Nass Recht zu geben. Doch mit Gott zu argumentieren, wie es der zusammenfassende Satz unter dem Titel des Beitrags nahelegt, scheint mir gewagt. Und zwar nicht, weil nicht-glaubende Gesprächspartner/innen damit Schwierigkeiten haben könnten, sondern weil ich Bedenken habe, Gott auf Argumentgröße kleinzubröseln: Zuviel verstehe ich an Gott nicht. Was ich aber von Gott wissen kann, ist, dass er „für uns Menschen und zu unserem Heil (..) vom Himmel herabgekommen (ist)“. Und zwar damit die Menschen „das Leben haben und es in Fülle haben“ (Joh 10,10). Von daher ergibt sich eine durch und durch christliche und dennoch auch für Nicht-Glaubende anschlussfähige Perspektive für den sozialethischen bzw. sozialpolitischen Diskurs: der Mensch. Leben in Fülle für jeden Menschen ist der Plan Gottes (und mein Glaube sagt mir, dass schafft Gott selbst in auswegloser Lage); Leben in Fülle für alle Menschen zu realisieren ist unser Auftrag (und meine Erfahrung lehrt mich, dass wir das unmöglich schaffen können). Aber ein kritischer Horizont ist dadurch aufgezeigt. Wende ich ihn auf die Problemkreise an, die Herr Nass aufführt, ergeben sich folgende Fragestellungen:

    – Werde ich den Menschen gerecht, wenn ich sie einer Lehre, einem glauben, einer Ideologie opfere?
    – Werde ich den Menschen gerecht, wenn ich sie töte, weil sie starke Schmerzen haben und unheilbar krank sind? Werde ich dem Menschen gerecht, der einer schwerkranken, leidenden Person bei der Selbsttötung hilft, wenn ich ihre oder seine Tat ausschließlich unter strafrechtlichen Aspekten betrachte?
    – Werde ich allen Menschen gerecht, wenn ich einzig die Familie als Lebensform fördere und für andere Lebensformen keinen gesellschaftlich akzeptierten und regulierten Raum schaffe?
    – Wird die – inklusive – Regelschule allen Kindern mit Handicap gerecht?
    – Werde ich allen Menschen gerecht, wenn ich Kinder, Alte, Kranke und andere Nicht-Normgerechte aus der Mitte der Gesellschaft entferne?

    Diese Fragen sind wirklich als Fragen gemeint. Sie zu beantworten ist ein Diskurs nötig. Und darin müssen die Stimmen aller, insbesondere der Betroffenen angemessen gehört werden.

    • Danke für diesen sehr konstruktiven Kommentar. Ich stimme Ihnen zu, dass Gott nicht ein Objekt unseres Argumentierens sein darf. Hier ist eher Bescheidenheit geboten. Mir geht es darum, sich in den wichtigen Fragen ausdrücklich auf den Glauben zu beziehen, selbst wenn man als Christ damit zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen kann.

  2. Zu Muriel: ich sage jetzt überspitzt: so zu argumentieren wie sich die „Kreationisten“ auf Gott und den Wortlaut! der Bibel zu berufen, ist falsch.
    Und von Herrn Nass wohl nicht gemeint. Also keinen Gegensatz
    wissenschaftlicher heutiger Erkenntnisse zu Bibeltexten konstruieren.

  3. Uiuiui. Also, dass Christen mit ihrem Gott argumentieren statt ohne, ergibt ja Sinn und würde ich auch befürworten.
    Das enthebt sie aber nicht der Verantwortung jedes Teilnehmers an öffentlichen Diskurs, zumindest innerhalb seines eigenen Systems schlüssig zu bleiben und, naja, zu argumentieren.
    Wie in diesem Text das eine aus dem anderen folgen soll, erschließt sich zumindest mir nicht.

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