REFORMATIONSJUBILÄUM UND ÖKUMENE

Marot Käßmann sieht im Reformationsjubiläum  die Chance auf eine Feier, die das Gemeinsame aller Christen wahrnimmt und dankbar ist für die Schritte der versöhnung, die so unübersehbar sind.

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Margot Käßmann

Reformationsjubiläum und Ökumene 

Anfang Oktober hat in Zürich ein Kongress getagt, zu dem die Schweizer und die Deutschen Evangelischen Kirchen all ihre Partnerkirchen eingeladen hatten. Aus 35 Ländern von Brasili­en bis Südafrika kamen Protestanten zusammen, um zu fragen, wie wir den 2017 das Refor­mationsjubiläum feiern wollen. Das war ein besonderes Ereignis. In Bibelarbeiten und Vorträ­gen, in Kleingruppen, beim Essen, bei Besichtigungen der Stadt wurde diskutiert: Was gibt es da zu feiern? Zum Abschluss gab es einen Vortrag und ein Streitgespräch mit dem römisch-katholischen Kardinal Koch: Gedenken oder Jubiläum? Spaltung oder Aufbruch?

Allein die Tatsache, dass mit einem solchen internationalen Kongress über das Jubiläum nach­gedacht wird, zeigt eine enorme Veränderung. Die Reformationsjubiläen und das Lutherge­denken in Deutschland waren stets von ihrer Zeit geprägt1. 1617 diente der konfessionellen Selbstvergewisserung. 1717 wurde Luther einerseits zum frommen Mann der Pietisten, ande­rerseits als Frühaufklärers gegen mittelalterlichen Aberglauben stilisiert. 1817 wurde als reli­giös-nationale Feier inszeniert in Erinnerung der Völkerschlacht bei Leipzig 1813, Luther wurde zum deutschen Nationalhelden. 1917 wurde er schließlich mit Hindenburg gemeinsam zum Retter der Deutschen in Zeiten großer Not – ein deutsches Lutherjubiläum mitten im Ers­ten Weltkrieg. Die Profilierung fand allzu oft statt mit Hilfe der Abgrenzung von anderen so­wohl mit Blick auf nationale als auch auf konfessionelle Differenzen.

2017 zeigt die Veränderung. Wir feiern Reformation nach einhundert Jahren ökumenischer Bewegung. Reformierte und Lutheraner in Europa haben vor 40 Jahren mit der Leuenberger Konkordie ihre Spaltung überwunden. Auch wenn es weiterhin ein unterschiedliches Abend­mahlsverständnis gibt, können wir uns gegenseitig als Kirchen anerkennen und miteinander feiern. Die Mennoniten als geistige Erben der Täuferbewegung wurden bei der Tagung des Lutherischen Weltbundes um Vergebung gebeten und haben sie gewährt. So kann nur ein in­ternationales Reformationsjubiläum im ökumenischen Horizont gefeiert werden.

Die Lehrgespräche mit der römisch-katholischen Kirche haben zwar nicht zu einer Abend­mahlsgemeinschaft geführt, aber der wechselseitige Respekt ist gewachsen. 1999 wurde in Augsburg die Gemeinsame Erklärung der Römisch-katholischen Kirche und des Lutherischen Weltbundes zur Rechtfertigung unterzeichnet. Es wurde festgehalten: So wie die beiden Kirchen ihre Lehre heute formulieren, werden sie von den Verwerfungen des 16. Jahrhunderts nicht getroffen. Die Unterzeichnung der Gemeinsamen Offiziellen Feststellung zur Gemeinsamen Erklärung in Augsburg am 31. Oktober war ein feierliches Ereignis. Es bedeutet nicht – und das war allen Beteiligten klar -, dass nunmehr die Lehrbegriffe der unterschiedlichen Traditionen auf einem gleichen Verständnis beruhen. Aber die Unterzeichnung wurde begrüßt als ein Schritt auf einem notwendigen Weg der Annäherung.

Ein Durchbruch schien nahe nach dem Motto: Diese Erklärung wird die Unterschiede nicht beseitigen, hoffentlich aber zur Möglichkeit führen, einander gastweise zum Abendmahl ein­zuladen. Dass es gelungen ist, zumindest gemeinsame Formulierungen zu finden zu einer theologischen Frage, an der einst die Einheit zerbrochen ist, dafür können wir dankbar sein, auch wenn klar ist, dass mit Dominus Jesus im folgenden Jahr und den anschließenden Aus­einandersetzungen nicht eben Fortschritt in den Beziehungen angesagt war.

Sicher, in Europa gibt es unterschiedliche Daten, an denen gefeiert werden könnte. Der An­schlag der Thesen zeigt Luther noch als Reformkatholiken, erst mit dem Verbrennen der Bannbulle und dem Auftritt vor dem Reichstag in Worms folgt der Bruch mit seiner Kirche. Aber wir können 1517 als Symboldatum sehen und Luther als Symbolfigur einer breiten re­formatorischen Bewegung die schon mit Jan Hus begann und von Melanchthon über Bucer bis zu Calvin und Zwingli von vielen getragen wurde.

Manche fragen nun: Gibt es überhaupt etwas zu feiern? Ja! Zum einen die reformatorischen Entdeckungen von der Freiheit eines Christenmenschen, von der Lebenszusage Gottes – allein aus Gnade, allein aus der Schrift, allein aus Glauben und mit Christus allein im Zentrum. Dazu die Bildungsgeschichte der Reformation. Luther hat die Bibel in die Volkssprache über­setzt und die Fürsten aufgefordert, Schulen für alle zu gründen, damit jeder Mensch selbst nachlesen und das eigene Gewissen schärfen kann. Zum anderen die Lerngeschichte der Re­formation: Luthers Antijudaismus konnte endlich in den vergangenen Jahrzehnten als Schuld erkannt werden, die gerade die Deutschen auf entsetzliche Irrwege führte. Ebenso die genann­te ökumenische Annäherung. Und nicht zuletzt die Lerngeschichte, die von Luthers Taufver­ständnis her: Jeder der aus der Taufe gekrochen ist, ist Priester, Bischof, Papst, im 20. Jahr­hundert die Protestanten zu der Erkenntnis geführt hat, dass dann auch Frauen all dies sein können. Wir gedenken nicht einer Spaltung, sondern feiern einen Aufbruch einer Kirche, die verschiedene Wege ging, aber verändert durch die Reformation. Auch die römisch-katholische Kirche ist nach dem Konzil von Trient, das den Ablass gegen Geld abschaffte und das Zweite Vatikanische Konzil, das die Messe in der Volkssprache einführte, nicht mehr die Kirche des 16. Jahrhunderts, die Luther herausforderte.

So wollen wir die evangelischen Kirchen aus aller Welt nach Deutschland einladen. Es soll am 28. Mai 2017 als Abschluss des Kirchentages in Berlin einen großen Gottesdienst vor den Toren Wittenbergs geben. Und anschließend wird für 95 Tage in und um Wittenberg eine „Weltausstellung der Reformation“ geplant, in der deutlich wird, was sich in aller Welt entwi­ckelt hat aus den kleinen Wittenberger Anfängen. Wenn das kein Grund zum Feiern ist! Ich hoffe, es kann eine Feier werden, die das Gemeinsame wahrnimmt und dankbar ist für die Schritte der Versöhnung, die so unübersehbar sind.

Prof. Dr. Dr. h.c. Margot Käßmann (1958) wurde 1985 ordiniert, war als Pfarrerin und Generalse­kretärin des Kirchentages tätig. 1999 bis 2010 war die vierfache Mutter Landesbischöfin der Ev.-luth. Landeskirche Hannovers, 2009/2010 Vorsitzende des Rates der EKD. Derzeit ist sie Botschafterin für das Reformationsjubiläum 2017

1 Vgl. Hartmut Lehmann, Die Deutschen und ihr Luther, FAZ 26.08.08, Nr. 199, S.7.

 

2 Antworten zu “REFORMATIONSJUBILÄUM UND ÖKUMENE

  1. Warum immer nur die Unterschiede herausheben. Ausser Amts- und
    Sakramentenverständnis gibt es doch heute zwischen katholischer und
    evangelische Seite keine größeren Missverständnsise mehr.
    Gesprächsabende, oekumenische Wort!!gottesdienste, Zusammenarbeit
    im sozialen Bereich ist doch ein großes Betätigungsfeld. Wir dies
    schon zur Genüge praktiziert?

  2. Dr. des. Max Neubauer

    Liebe Leser,
    habe meine Doktorarbeit über die Reichsstädtegeschichte im 30jährigen Krieg geschrieben und zwar im Spiegel von Verfassungsrichterprotokollen.

    Vor dem Hintergrund des Reichsrechts und der Reichshofratsprotokolle wird plausibel, warum die Konfessionsparteien damals so gekämpft haben, wie sie gekämpft haben und warum 1618 aus rechtlicher Sicht viele von der Reichsjustiz i.W. seit dem Augsburger Reichstag von 1582 liegengelassenen Richtungsprozesse das Reich schlagartig zu einem „Bürgerreich“ nach Schweizer oder Niederländer Muster hätte revolutionieren können. Die Kräfte, die an absolutistischer Staatsbildung interessiert waren, konnten das nicht dulden – bis Napoleon oder vielleicht sogar jetzt? Mich hat am Ende der Arbeit dann vor allem fasziniert, warum der Krieg – anders als z.B. in Frankreich – erst so spät ausbrach.

    Die Mainstream-Theologumena der Zeit wurden entsprechend den Zeichen der Zeit den Erfordernissen der Staatsbildung angepasst, andere zensiert, v.a. im Bereich eines sog. politischen Widerstandsrechts, das Stadtbürgern von katholischer und orthodox-lutherischer Seite prinzipiell versagt wurde, aber im Kalvinismus eine Nische fand, die v.a. deshalb so radikal bekämpft wurde.

    Es gibt einige Forschungsarbeiten (v.a. die Reihe: Die Territorien des Reichs im Zeitalter der Konfessionalisierung), die diese Hintergründe erhellen. Es ist entscheidend, dass die guten Forschungsergebnisse bis 2017 per Internet für interessierte Schüler und Studenten leicht verfügbar gemacht werden könnten, die nicht den Hass der Konfliktparteien in die nächste Generation tragen, sondern dabei helfen, den Konflikt zu historisieren, so dass die feine, leise Leuchtspur des Christentums wieder in den Vordergrund rücken kann.

    2017 ist dafür die Chance schlechthin.
    Machen wir was draus – aus der allumfassenden Wahrheit der Liebe Jesu Christi!

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