SCHWANGERSCHAFT UND FLUCHT

Petra Schyma unterstreicht, wie wichtig  Willkommenskultur und Beratung für werdende Mütter unter den Flüchtlingen ist.

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Petra Schyma

Schwangerschaft und Flucht

Schwanger? Eine tolle Nachricht – die Vorfreude aufs Kind ist riesengroß. Meistens jedenfalls. Sahar aus Afghanistan, Sulola aus Nigeria und Manal aus Syrien empfinden ihre Schwangerschaft mit sehr gemischten Gefühlen. Sicher, die Freude ist da. Aber auch die Angst, was nun kommt, die Unsicherheit, wie die Zukunft aussieht. Denn Sahar, Sulola und Manal leben nicht in gesicherten Verhältnissen mit Familie, Job und Wohnung. Sondern in Erstaufnahmeeinrichtungen für Flüchtlinge. Und sind heilfroh, dass es Frauen gibt, die auf sie zukommen, die ihnen zuhören und Antworten geben, die sie beraten und bei der Hand nehmen. Und die sie weiterlotsen – zu ärztlichen Untersuchungen, zum Krankenhaus, zu Behörden und anderen Anbietern im Gesundheits- und Hilfesystem.

Willkommenskultur für werdende Mütter

Gut, dass es diese Hilfe gibt. Dass es sie gibt, wurde letztlich durch die stark gestiegenen Migrantenzahlen des Jahres 2015 ausgelöst. Viele junge Frauen waren unter den geflüchteten Menschen, die in Deutschland Schutz suchten. Oft waren sie schon mit Kleinkindern unterwegs, oft wurden sie auf der Flucht oder nach ihrer Ankunft in Deutschland schwanger. Verunsichert in einem neuen, unbekannten Land und ohne die tragenden Strukturen ihrer Heimat – eine extrem schwierige Situation.

Der Bundesverband donum vitae e.V., staatlich anerkannter Träger von Schwangerschafts- und Schwangerschaftskonfliktberatung, hat diese Herausforderung gesehen und angenommen. Ergebnis: das Modellprojekt„Schwangerschaft und Flucht“, gefördert durch das Bundesministerium für Familie, Frauen, Senioren und Jugend, gestartet im Mai 2016 und auf drei Jahre begrenzt.

Hilfe direkt, konkret, vor Ort

Wichtigste Aufgabe des Projektes ist die „aufsuchende Beratung“ für die besondere Zielgruppe der schwangeren geflüchteten Frauen und zum Schutz ihrer ungeborenen Kinder. An 29 Standorten von Freilassing/Oberbayern bis Kiel erhalten sie Beratung, Unterstützung und Begleitung durch Beraterinnen, die sich in die Lebenswelt der Flüchtlinge begeben, die dorthin gehen, wo die Hilfe gebraucht wird.

Ihre Schreibtische stehen in den donum vitae-Beratungsstellen. Ihr Arbeitsplatz aber ist in den Flüchtlingsunterkünften, in Wohnungen, in Flüchtlingscafés – da eben, wo sie ihre Klientinnen (78 %) und Klienten (immerhin 22 %) antreffen. Denn viele der Flüchtlingsfrauen haben nicht die Kraft, die Kenntnisse und die Unabhängigkeit, selbst den Weg in die Beratungsstellen zu finden. Mit ihrer aufsuchenden Arbeit machen die Beraterinnen ein niedrigschwelliges Gesprächsangebot.

Die Frauen haben oft traumatische Fluchterlebnisse. Sie haben sexuelle und häusliche Gewalt erfahren. Sie wissen wenig über Sexualität, Verhütung und Frauengesundheit. Sie haben oft große Scheu, über Sexualität und ihren Körper zu sprechen. Auch kennen die Frauen aus ihren Heimatländern keine Beratungsangebote. Viel Zeit fließt daher in den Aufbau von Vertrauen. Scheu und kulturelle Barrieren müssen überwunden werden. Eine behutsame Begegnung in einem bekannten Umfeld ist daher notwendig.

Die Beraterinnen helfen beim Ausfüllen von Anträgen und unterstützen die geflüchteten Frauen bei der Orientierung im deutschen Hilfe- und Gesundheitssystem. Sie hören zu, sie stärken und begleiten. Schwerpunkt der Beratung sind Fragen zur Schwangerschaftsgesundheit, Geburt, Sexualität, Schwangerschaftskonflikt, Verhütung sowie sozialrechtliche Fragen. Aber auch Gewaltschutz, die gleichen Rechte von Frauen und Männern und Kinderschutz sind immer wieder ein Thema.

Beratung kommt an

29 Beraterinnen für ganz Deutschland – das ist natürlich nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Aber jedes einzelne Gespräch ist „not-wendig“ im Wortsinn. In der Aufbauphase 2016 – 2017 wurden schon mehr als 3.000 Beratungsgespräche durchgeführt. Daneben wurden in rund 200 Gruppenangeboten mehr als 2000 Frauen erreicht. Tendenz steigend: Im ersten Halbjahr 2018 waren es bereits knapp 2000 Beratungsgespräche , in Gruppenangeboten wurden 600 Frauen erreicht.

Um mit ihnen überhaupt ins Gespräch zu kommen, muss man erst einmal eine gemeinsame Sprache finden. Fast die Hälfte (ca. 43 %) aller Beratungen, bei Gruppenangeboten sogar 66, 5%, wurde 2017 in der „Beratungstriade“ mit Dolmetscher*innen durchgeführt. Die meisten Klient*innen stammen aus Syrien (38 %), Afghanistan (12 %), Nigeria (11 %), Eritrea (8 %), Irak (5,5 %), Somalia (4,5 %) und aus dem Iran (2 %), insgesamt aus 61 Staaten. 68,4 % der Beratungen erfolgten in Verbindung mit einer Schwangerschaft, 31,5 % mit weiteren Fragen nach § 2 SchKG. Die drei größten Gruppen beratener (schwangerer) Frauen (und ggf. ihrer Partner) bilden 17- bis 21-Jährige mit etwa 11 %, 22- bis 30-Jährige mit ca. 44 % und 31- bis 40-Jährige mit fast 28 %.

Am Ende des Geldes

Die Frage bleibt: Wie geht es weiter, wenn im April 2019 das Projekt ausläuft und keine Mittel mehr zur Verfügung stehen? Das Problem ist: Man weiß es nicht. Die Beraterinnen, die in der Regel nur befristet angestellt sind, müssen ebenso mit der Ungewissheit leben wie die anderen Akteure in der Flüchtlingshilfe, mit denen donum vitae eng vernetzt ist. Die Erfahrung hat gezeigt, wie hoch der Bedarf an Unterstützung insbesondere bei den schwangeren Geflüchteten nach wie vor ist und als wie wertvoll die Arbeit der aufsuchenden Beraterinnen von den Betroffenen, aber auch von anderen Fachkräften, wie z.B. Gynäkolog*innen und Hebammen erlebt wird. Das bewertet auch der unabhängige Projektbeirat so, der mit Expertinnen und Experten aus der Politik, dem Bundesfamilienministerium, der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) und vielen anderen besetzt ist. Mit dieser großen Unterstützung setzt sich donum vitae daher sehr für eine Verlängerung des Projekts ein.

Petra Schyma (1957), Sozialarbeiterin und Sexualpädagogin, ist Referentin beim Bundesverband donum vitae e.V. in Bonn. Sie leitet das Modellprojekt „Schwangerschaft und Flucht“. Zuvor arbeitete sie in der Schwangerschafts(konflikt)beratung und in einer Einrichtung für Menschen mit Lernschwierigkeiten.

Eine Antwort zu “SCHWANGERSCHAFT UND FLUCHT

  1. Hat dies auf fibeamter rebloggt und kommentierte:
    Nachdem die Medien nicht darüber berichten, nun die Fundstelle für ein wichtiges EuGH-Urteil vom 13.09.2018 Az.: C-369/17: Um den subsidiären Schutzstatus zu verweigern, darf nicht allein auf ein gegen den Antragsteller ausgesprochenes Strafmaß abgestellt werden. Der EuGH fordert eine Einzelfallabwägung.

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