ETHISCHE BILDUNG IN DEN STREITKRÄFTEN

Veronika Bock fordert las Direktorin des Zentrums für ethische Bildung in den Streitkräften auch von Soldaten steht das reflektierte Urteil:  Welche Handlungsentscheidung ist in einer moralischen Konfliktsituation richtig?

Den folgenden Text können Sie hier ausdrucken.

Veronika Bock

Ethische Bildung in den Streitkräften
Grundlagen einer christlich friedensethischen Tradition

Ausgangspunkt: die Optionen des „Gerechten Friedens“

„Krieg ist immer […] eine Niederlage für die Menschheit“, so hat es Papst Johannes Paul II. einmal formuliert. Schon in der Präambel der Charta der Vereinten Nationen von 1945 findet sich, vom gleichen Geist geprägt, die feierliche Selbstverpflichtung, künftige Geschlechter vor der Geißel des Krieges zu bewahren. Vom Gedanken der Gewaltprävention her ist auch das Friedenswort „Gerech­ter Friede“ entworfen, das die deutschen Bischöfe im Jahr 2000 veröffentlichten, mit derzentralen Aussage: Angesichts der nur schwer vermeidbaren Folgen militärischer Gewaltanwendung muss es erster Imperativ der Friedenspolitik sein, Situationen überhaupt zu vermeiden, in denen man nur noch die Wahl zwischen letztlich inakzeptablen Alternativen hat. Nur unter engen Voraussetzungen darf die ethische Ablehnung von Gewalt eingeschränkt werden. Angesichts von schwersten syste­matischen Menschenrechtsverletzungen kann das Ziel, die Gewaltanwendung aus der internationa­len Politik zu verbannen, mit der „Pflicht […]kollidieren, Menschen vor fremder Willkür und Ge­walt wirksam zu schützen.“1

Auf internationaler Ebene bildet sich ein wachsender Konsens heraus, dass die Staatengemeinschaft ihre Responsibility to Protect, ihre Schutzverantwortung, wahrnehmen müsse, die Vereinten Natio­nen und ihre Mitgliedstaaten damit Opfern von Völkermord, Kriegsverbrechen, ethnischen „Säube­rungen“ und anderen Verbrechen gegen die Menschlichkeit Schutz gewähren, soweit sie diesen Schutz nicht von Seiten des Staates erhalten, in dem sie leben.

Ethische Bildung in pluraler Gesellschaft

Individualisierung, Pluralisierung und Globalisierung von Wertorientierungen: Gesellschaftliche Prozesse machen auch vor der Bundeswehr nicht halt. Nach einer internen Studie des Bundesminis­teriums der Verteidigung im Jahr 2013 gehören über die Hälfte der Soldaten (ca. 55%) einer der beiden großen christlichen Konfessionen in Deutschland an. Als islamisch, orthodox oder jüdisch bezeichnen sich insgesamt nur 0,8 % der Soldaten. Der Anteil der Personen, die sich keinem religi­ösen Bekenntnis zuordnen, liegt bei 40 %.

Ethische Bildung kann nicht unabhängig von einer Bildung gedacht werden, die spezifische Hand­lungskontexte mit reflektiert. Sie sollte ein Verständnis für die je charakteristischen Strukturen, Pro­blemstellungen, Dynamiken und Entscheidungsdilemmata entwickeln und fördern. Dies zeigt sich in besonderer Weise im Umgang mit militärischen Gewaltmitteln. Die Auswirkungen von militäri­schen Entscheidungen auf andere wie auf einen selbst können gravierend sein. Welche Möglichkei­ten bleiben dem Soldaten, die eigene Urteils- und Handlungsfähigkeit zu bewahren – gerade in Si­tuationen, in denen notwendige Entscheidungen unter Zeitdruck, in Ungewissheit über mögliche Folgen und oftmals in einer Situation der Fremd- und/oder Selbstgefährdung getroffen werden müs­sen?

Im Zentrum der moralischen Kompetenz steht das Urteil: Welche Handlungsentscheidung ist aus der Perspektive des Einzelnen, in diesem Fall des Soldaten, in einer moralischen Konfliktsituation richtig? Aus welchen Gründen? Moralisches Urteilsvermögen und Verantwortung lassen sich in Entscheidungssituationen, in denen Güter miteinander kollidieren, nicht delegieren. Urteile in Di­lemma-Situationen müssen vom Soldaten gerechtfertigt, d.h. mit guten Gründen vor allen Betroffe­nen vertreten und verantwortet werden können. Dies verlangt, sich in die Lage all jener hineinzu­versetzen, die von den Folgen einer problematischen Handlung betroffen sind. Der Soldat muss ko­gnitiv wie emotional bereit und fähig sein, sich in die kulturelle Lebenswelt der Menschen seines Einsatzgebietes, in deren Norm- und Wertewelt einzufühlen.

Im Zentrum: Menschenwürde – theologische Ethik als Orientierungshilfe

Nur wenige Aussagen deutscher Autoren haben eine so prominente Karriere durchlaufen wie jene des deutschen Staatsrechtlers Ernst-Wolfgang Böckenförde: „Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann. Das ist das große Wagnis, das er um der Freiheit willen eingegangen ist.“

Der auf die Realisierung von Menschenwürde und Menschenrechten verpflichtete Rechtsstaat bin­det auch militärisches Handeln und gibt den Soldaten ein demokratiekonformes berufsethisches Leitbild vor. Das Böckenförde-Zitat benennt jedoch das „Wagnis“: Zentrale Werte wie Menschen­würde müssen aus freier Entscheidung anerkannt, internalisiert und gelebt werden. Die Wirksam­keit solcher basaler rechtsstaatlicher Normen kann nicht per Befehl oder Sanktionsandrohung si­chergestellt werden, sondern bedarf der freien Anerkennung.

Ethische Bildung im Kontext der Militärseelsorge setzt hier an, indem sie den Soldaten ein Ge­sprächsforum auf der Grundlage einer reichen theologisch-ethischen Tradition eröffnet.

Das zebis – das Zentrum für ethische Bildung in den Streitkräften – ist eine Einrichtung des Katho­lischen Militärbischofs für die Deutsche Bundeswehr.2 Es fördert die ethische Kompetenz von Sol­daten und ist Bildungspartner der Bundeswehr in aktuellen ethischen Fragen. Mit seinen bundes­weiten Veranstaltungen und seinem internationalen E-Journal eröffnet das zebis den Dialog zwi­schen Gesellschaft und soldatischer Lebenswelt. In den Bereichen der Friedens- und Militärethik entwickelt es Weiterbildungsformate für Seelsorger und Führungskräfte der Bundeswehr. Auf wis­senschaftlichem Gebiet arbeitet das zebis mit nationalen und internationalen Kooperationspartnern sowie zivilen und militärischen Forschungseinrichtungen zusammen. Es steht für einen intensiven Dialog an den Schnittstellen von Bundeswehr, Gesellschaft, Kirche, Wissenschaft, Politik und Öf­fentlichkeit.

Dr. Veronika Bock, katholische Theologin und Sozialethikerin, seit 2010 Direktorin des Zentrums für ethische Bildung in den Streitkräften(zebis) in Hamburg, Dozentin an der Führungsakademie der Bundeswehr, Lehrbeauftragte im Studiengang „Master of Peace and Security Studies“ am In­stitut für Friedensforschung und Sicherheitspolitikin Hamburg.

1 Die deutschen Bischöfe (2000), Nr. 150, S 83.

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