DAS LEBEN SCHÜTZEN, NICHT DEN TOD BRINGEN

Michael Brand, MdB, sieht in der Debatte um die Strafbarkeit der Suizidbeihilfe eine Verschiebung der Achse der Menschlichkeit und warnt vor einer schleichenden Entwertung menschlichen Lebens.

 

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Michael Brand

Das Leben schützen, nicht den Tod bringen

Von dem Gebot, dass der eine des anderen Last tragen soll, damit sich niemand als Last emp­finden möge

Die aktuelle Debatte um die Strafbarkeit der Beihilfe zur Selbsttötung ist eine Debatte um das Gleichgewicht einer menschlichen Gesellschaft. Es geht um nicht weniger als die Verschie­bung der Achse der Menschlichkeit, um Akzeptanz und auch das Sanktionieren bestimmter Verhaltensweisen in einer menschlichen Gesellschaft, die diese Qualität unter schweren Op­fern errungen hat – und nicht ohne Not aufgeben darf.

Weniger die „großen“, die plakativen Fälle der selbst ernannten Protagonisten in den Medien sind die eigentlichen Leitfiguren dieser Debatte – es sind die Stillen, die Leidenden, ja die Wehrlosen, die eigentlich im Fokus der Diskussion stehen.

Und noch mehr: es sind nicht nur die am schwersten körperlich und seelisch Leidenden, die alleine im Fokus stehen, oder die gar durch die Todescocktails zu erlösen wären. Diese sind es zunächst, die wir im Blick haben müssen. Aber über die Mitmenschen hinaus, die in akuter Notlage sind, gibt es eine zahlenmäßig ständig wachsende Gruppe, von der niemand gesichert weiß, ob sie nicht schon bald die mit Abstand größte sein wird.

Was uns die kleine und artikulationsstarke Gruppe der Protagonisten des „selbstbestimmten Todes“ gezielt oder unterbewusst verschweigt, das sind die schweren gesellschaftlichen „Ne­benwirkungen“ der Todes-Therapie als zusätzliche Option im Umgang mit Leid, Schmerz und Ausweglosigkeit – oder der Aussicht auf kommende oder drohende Aussichtslosigkeit, vor al­lem bei hohem Alter und/oder schweren Gebrechen oder schwerer Krankheit wie auch De­menz.

Es ist schon heute in den weiter fortgeschrittenen, und eher rückschrittlicheren als fortschritt­licheren Ländern sozusagen seismographisch zu messen: der zunächst sanfte, dann pronon­cierte und inzwischen ansatzweise druckvolle gesellschaftliche Umgang mit der „Option auf Tod“ erzeugt nicht nur „Erlösung“ für wenige – es wächst der Druck auf Schwache.

Was wir im Familien- und Freundeskreis vielfach aus eigener Erfahrung oder aus Berichten kennen, ist gerade dabei, eine neue gesellschaftliche Qualität zu gewinnen: die Alten werden zur Last, fallen zur Last, ökonomisch, als Einschränkung der eigenen Freiheit und als psychi­sche Belastung der Angehörigen, ja der eigenen Familie.

Aus allen diesen Belastungen gibt es bislang keinen Ausweg außer dem der Mitmenschlich­keit. Wir als Christen messen uns schlicht nicht zu, Gott zu spielen und darüber zu urteilen, wer leben darf und wer sterben muss oder soll. Wir sind gegen die Todesstrafe selbst gegen die schlimmsten und unmenschlichsten Verbrecher, weil wir den Wert des menschlichen Le­bens zu hoch gewichten als das wir das Recht hätten, es willkürlich zu töten.

Die Protagonisten des „selbstbestimmten“ Sterbens wollen uns davon überzeugen, dass es in jedem Falle um Erlösung gehe, oder um souveräne, selbstbestimmte Entscheidungen bis zum Beenden des eigenen Lebens oder des Lebens Dritter, dann auf deren tatsächlich ausgedrück­ten oder vermuteten bzw. von unabhängigen Experten ermittelten freien Willen hin. Wo bleibt die Erkenntnis der Ärzte, dass Angst vor unerträglichem Schmerz, Panik vor dem Ersti­ckungstod oder schwerste psychische Belastung die Freiheit der Entscheidung zumindest massiv einschränken und Kurzschlussreaktionen regelmäßig vorkommen? Wo ist der Schutz der solchermaßen Geschwächten vor derlei falschen Kurzschlüssen? Ein Palliativ-Mediziner berichtete mir eindrücklich, dass nach dem Wegfall, dem Wegnehmen dieser Ängste keiner der Patienten mehr den Wunsch nach dem vorzeitigen Freitod weiter verfolgt habe.Keine oder nur eine marginale Rolle spielt in den Talkshows und Essays die nackte Angst der älteren Dame aus Hessen, die mir schrieb, dass sie Angst habe vor den kommenden Jahren – und vor dem Druck ihrer Familie, sich selbst aufzugeben, auch das Leben aufzugeben, um eben nicht „zur Last zu fallen“. Niemand lädt diese in ihren Wohnungen, in Häusern oder Hei­men lebenden, teils allein gelassenen Menschen in TV oder Radio ein – wir wollen diese Schattenseite, das hässliche Gesicht der „brave new world“ von lauter autonomen, starken Entscheidern des selbstbestimmten Todes einfach nicht sehen – oder wird es uns medial gar aus durchsichtigen Gründen schlicht tabuisiert oder weg zensiert?

Ohnehin sind die selbsternannten Enttabuisierer oftmals zeitgleich dabei, neue Tabus zur Ab­sicherung der eigenen partikularen Interessen zu errichten: der offen und nicht selten pole­misch geführte Angriff auf diejenigen, die das Leben und seine Würde schützen, als rückwärts gewandte zu spät Gekommene soll nicht zuletzt davor schützen, durch gezielten Angriff von den gewaltigen Kollateralschäden dieses nur vorgeblich fortschrittlichen Denkens abzulenken.

Allein: diese Entwertung des menschlichen Lebens widerspricht nicht nur der Humanität in des Wortes echter Bedeutung. Die vorgebliche Humanität wird auch widerlegt durch die deut­lich messbare Verschiebung der inneren Balance in seit dem späten 18. Jahrhundert durch die Aufklärung humanisierten Gesellschaften, deren Kern die zivilisatorische Errungenschaft der Menschenrechte und der Menschenwürde war – gegen die alte Tyrannei und deren Willkür und Druck gegen als geringerwertig betrachtete Menschen und auch deren Leben.

Alle diese rückschrittlichen Konzepte also zeichnen sich aus durch einen Verlust in punkto Menschlichkeit, Mitleidensfähigkeit und schlicht der menschlichen Fähigkeit, den Nächsten so anzunehmen, wie er in seinem Zustand ist – ob alt, schwach, jung, depressiv, krank, stark, entstellt, schön, angenehm oder anstrengend.

Dieser Weg einer nur mangelhaften Achtung vor dem menschlichen Leben würde uns zurück führen in eine andere Qualität an Gesellschaft – in eine, für deren Überwindung durch menschliche Zivilisation viele Menschengenerationen gelebt und auch gekämpft haben. Ja, es gab auch Zeiten und Kulturen, in denen die Alten, die Schwachen und übrigens auch die nicht Anerkannten dem Tod überlassen wurden: dies war schon im Mittelalter fast völlig überwun­den und nicht mehr „gesellschaftlich akzeptiert“.

Franz Müntefering hat Recht, wenn er von einer „gefährlichen Melodie“ spricht und formu­liert: „Wenn Altsein wirklich so trottelig und wertlos ist und außerdem in seiner Massenhaftig­keit auch recht kostenträchtig – muss man dann den Menschen nicht rechtzeitig abraten davon und ihnen zum runden Geburtstag einen kostenlosen süßen Auf-immer-Einschlaftrunk andie­nen? Win-win? Die Erbenkonten werden nicht für Trotteligkeiten verplempert.“

In Belgien wurde gerade in diesem Jahr der nächste Tabu-Bruch begangen: nun dürfen Kin­der, mit Einverständnis der Eltern und bei „durch Experten und Gutachten“ zertifiziertem frei­en Willen vom Leben zum Tode gebracht werden. Was Franz Müntefering für die alte Genera­tion sagte, wird bei den Kleinen (in Belgien ab 6 Jahren) nun auch erlaubt. Dass dies jeweils „in engen Grenzen“ geschieht, zählt zu den Stehsätzen dieser Tabu-Brüche. Kaum jemand hat­te vor 10 Jahren erwartet, dass in Europa Kinder mit Gift zu Tode gebracht werden dürfen.

Die „Experten“ sorgen dafür, dass Missbrauch und Irrtum ausgeschlossen bleiben, wir sind gegen alles abgesichert und notfalls versichert, nichts kann wirklich schief gehen – suggeriert der Einsatz von „Experten“. Wie das konkret auch aussieht, dokumentiert der Fall der psy­chisch erkrankten 34-jährigen Frau in Holland: die Sicherungen durch Gutachten von Ärzten hielten nicht. So hat der Hausarzt der Frau die nationale „Euthanasiekommission“ (so heißt sie tatsächlich) verklagt, weil er als Hausarzt mit einem weiteren Kollegen zwei anderen Ärzten („Experten“), gegen die er die „Abstimmung“ über Leben und Tod seiner Patientin verlor, un­ter anderem Arroganz gegenüber den ärztlichen Kollegen vorwirft. Die „Experten“ kritisierten offenbar arrogant die Prognose des Kollegen, nach der seine langjährige Patientin ihre schwe­re depressive Erkrankung werde überwinden können. Die Patientin ist tot – mit Votum der Ex­perten, gegen den langjährig betreuenden Hausarzt.

Die Entwertung des menschlichen Lebens kommt in dieser Landschaft nicht mit einem Big Bang daher – sie geht, und dies schon seit geraumer Zeit, leise und schleichend vonstatten. Diese Ent-Menschlichung einer Gesellschaft geschieht sozusagen scheibchenweise – von der Umdefinierung von Selbstbestimmung, Würde, Freiheit oder gar Menschlichkeit. Dies, nicht nur um Gottes willen, dürfen wir nicht passiv zulassen – wir müssen, im Gegenteil, um die Bewahrung der Menschlichkeit willen sie, deren Geltung so schwer erkämpft wurde, in ihrer ganzen Breite verteidigen.

 

Michael Brand (1973) ist CDU-Bundestagsabgeordneter aus Fulda und koordiniert für CDU/CSU-Bundestags­fraktion die Gespräche mit Abgeordneten aus den anderen Fraktion zum geplanten Verbot der organisierten Sui­zidbeihilfe. Der Gesetzesentwurf soll von Abgeordneten aus allen Fraktionen als Gruppenantrag eingebracht werden. Die Abstimmung wird als Gewissensentscheidung ohne Fraktionszwang durchgeführt.

 

3 Antworten zu “DAS LEBEN SCHÜTZEN, NICHT DEN TOD BRINGEN

  1. Kein Mensch kann daran gehindert werden, sich selbst das Leben zu nehmen. Das gehört zu seiner „Freiheit“.
    Organisierte Beihilfe zum Selbstmord ist Beihilfe zum Mord.
    Dies darf und sollte der Gesetzgeber eindeutig klarstellen.

  2. Gerhard Oertel

    Die Ausführungen von Michael Brand gehen ums Grundsätzliche, um unser Leben. Und wie gehen wir damit um? Mitmenschen, die in Leid, Angst, Sinn- und Ausweglosigkeit geraten sind müssen wir helfen, ihnen Hoffnung und Vertrauen vermitteln. Ihnen eine Tür öffnen, d.h. sie durch eine Legalisierung ermuntern zu einem sogenannten „selbstbestimmten“ Sterben ist für mich wie ein Schubs auf eine Rutschbahn in die ewige Nacht. Die Bemühungen der Protagonisten zur Legalisierung des Suizids (warum scheut man sich das Selbstmord zu nennen?) scheint mir wie ein rumdoktern an den Symptomen, anstatt die Ursachen anzugehen. Und die Ursachen sind doch Hoffnungslosigkeit, Furcht, kein Vertrauen und eine Sinnkrise, die nicht nur den notvollen augenblicklichen Zustand betrifft, sondern auch die Perspektive eines Lebens nach dem Tod. Das bevorstehende Osterfest kann uns neu die Augen öffnen für Gottes Plan mit jedem Menschen, für die Auferstehung der Toten zur Verantwortung für das Handeln und für das ewige Leben. Das Evangelium Gottes hat die Antwort auf die Not, den Schmerz und die Hoffnungslosigkeit der Menschen.

  3. „Es geht um…[…]… um Akzeptanz und auch das Sanktionieren bestimmter Verhaltensweisen in einer menschlichen Gesellschaft, die diese Qualität unter schweren Op­fern errungen hat.“
    Eben. Nur, was „unter schweren Opfern errungen“ wurde, ist eine Freiheit, die von einem interventionistischen Staat immer mehr eingeschränkt wird und unter populistischen Vorwänden, dass dies oder jenes für jeden gleich gut sei.
    Durch „gutmeinende“ Politiker wie Sie, bewegen wir uns unaufhaltsam auf dem Weg zu einem totalen „nanny-state“.
    Sie können so lange argumentieren wie Sie möchten. Tatsache ist, dass Sie über ANDERE Leben sprechen – und jede Freiheit fängt mit dem eigenen Körper an. Sie dürfen christliche Ansichten vertreten, Ihre Meinung schreiben oder parteiliche Ziele verfolgen. Sicher sollte man Menschen auch eingehend aufklären. Aber, lassen Sie gesetzliche Zwänge us dem Spiel.

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