VOM AUFBRUCH DES KONZILS ZUR KIRCHENKRISE HEUTE

Rudolf Lill erinnert an den Geist des II. Vatikanum und sieht Ursachen der Kirchenkrise heute in der Rückkehr zu altem Hierarchismus. Der Beitrag entstand vor der Rücktrittserklärung von Papst Benedikt XI.

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Rudolf Lill

Zur Erinnerung an das Zweite Vatikanische Konzil

Der Tod Pius’ XII. und die Wahl Johannes XXIII. im Oktober 1958 hatten die vielleicht tiefste Zä­sur in der neueren Geschichte der katholischen Kirche bewirkt: vom päpstlichen Absolutismus zur alt-kirchli­chen Kollegialität mit den Bischöfen, von römischen Monopolansprüchen zum Dialog mit Theologen anderer Traditionen und endlich auch zum Dialog mit der Moderne.

Eine Reform in diesem Sinne sollte das Zweite Vatikanische Konzil erbringen, welches Johannes XXIII. (Angelo Giuseppe Roncalli, geb. 1881) im Januar 1959 überraschend ankündigte. Es hat von 1962 bis 1965 stattgefunden, nach Johannes’ Tod (3. Juni 1963) fortgesetzt von seinem Nachfolger Paul VI. (Giovanni Battista Montini, geb. 1897, Papst 1963–1978), der allerdings aus Rücksicht auf traditio­nalistische Gegner den großen Entwurf in einiger Hinsicht abgeschwächt hat.

Die Geschichte des Konzils ist sehr gut dokumentiert, so dass die Behauptungen, dass es – weil mehr pastoral als dogmatisch ausgerichtet – ein Konzil zweiten Ranges gewesen sei, wissenschaft­lich unhalt­bar sind. Solche Behauptungen waren schon von den in der römischen Kurie starken Gegnern des Kon­zils um den Kardinal Alfredo Ottaviani erhoben worden. Sie wollten am Stil Pius’ XII. festhalten und glaubten, dass es nach dem Dogma der Unfehlbarkeit und des Universalepisko­pats des Papstes (1870) keines Konzils mehr bedürfe.

Seit dem 19. Jahrhundert hatte sich die katholische Amtskirche gegenüber der Moderne auf autori­täre Defensive und auf zentralistische Sammlung der eigenen Kräfte zurückgezogen. Während die Welt de­mokratisch wurde, ging die Papstkirche den entgegengesetzten Weg. Entscheidende Statio­nen waren das von Pius IX. durchgesetzte Dogma von 1870, der rigide Antimodernismus Pius’ X. (1903-1914) und der Codex juris canonici von 1917. Pius XII. (1939-1959, -Schüler und Verehrer Pius’ X.) hat dieses System perfektioniert. Als Grundpfeiler der Kirche galten in Rom scholastische Philosophie und zentra­listische Regierung, päpstliches Lehramt und lateinische Sprache. Dieses System gab organisatorische Kraft, erzwang aber zugleich Erstarrung; wer widersprach, wurde mar­ginalisiert oder ausgeschlossen. Politisch stand der Vatikan bis 1958 immer rechts.

Kardinal Roncalli gehörte zu der Minderheit katholischer Prälaten, die in weiteren Dimensionen dach­ten, sowohl aufgrund seiner breiten historischen Bildung wie infolge seiner Erfahrungen als Delegat in orientalischen Ländern und als Nuntius in Frankreich. Theologie und Seelsorge interes­sierten ihn mehr als Kirchenrecht und Kirchenpolitik. Sogleich trat der neue Papst mehr als Bischof denn als oberster Hierarch auf, und schon durch die Ankündigung des Konzils gab er den Bischöfen ihre gesamtkirchli­che Mitverantwortung zurück. Damit begann ein breiter Prozess der Diskussion über die Perspektiven kirchlichen Handelns in der säkularen Gesellschaft. Das Konzil sollte alle kirchlichen Positionen kri­tisch überprüfen, die katholische Kirche zukunftsfähig machen und den Menschen näher bringen. Es sollte also weitaus mehr erbringen als die eine oder andere dogmatische Definition.

Die Vorbereitung des Konzils begann in einem engen Freundeskreis des Papstes, zu dem als erster Deutscher schon 1959 der Exeget Augustin Bea S.J. gehörte. Das ihm übertragene Sekretariat zur För­derung der Einheit der Christen (1960) wurde bald ein Gegengewicht gegen die auf das System Pius’ XII. fixierten „Traditionalisten“ um Kardinal Ottaviani (Hl. Offizium).

In den Vorbereitungskommissionen (1959, 1960, 1961) konnten auch auswärtige Bischöfe mitwir­ken. An der Spitze derer, die wie der Papst reformieren wollten, standen die Kardinäle Alfrink (Ut­recht), Bea, Döpfner (München), Frings (Köln), König (Wien), Léger (Montreal), Liénart (Lille) und seine französischen Kollegen, Ritter (St. Louis), Suenens (Mechelen-Brüssel), dazu die Italie­ner Lercaro (Bo­logna) und Montini.

Seine Konzeption vom Konzil hat Johannes XXIII. am deutlichsten in drei Reden kurz vor dem Konzil und zu dessen Eröffnung ausgesprochen. Am 25. Juli 1962 plädierte er für eine Kirche, wel­che den Menschen als solchen dient, nicht nur insofern sie katholisch sind. Am 11. September be­kannte er sich erneut zu einer Kirche für alle Menschen und besonders für die armen Leute. Am 11. Oktober 1962 wandte sich der Papst, anders als seine Vorgänger, nicht gegen Dissidenten und/oder Gegner. Als Auf­gabe des Konzils bezeichnete er vielmehr, die alten Wahrheiten in versöhnlicher und verständlicher Form zu verkünden. Die Kirche sollte barmherzig handeln und für den Frieden wirken. Wie schon öfter distanzierte Johannes sich zudem von den „Unglückspropheten“, d. h. den Männern um Ottaviani, die in der modernen Welt nur Gefahren sahen, von denen die Kirche sich zu distanzieren habe. Die program­matische Rede gegen den Relativismus, welche Kardinal Ratzinger vor dem Konklave im April 2005 an die Kardinäle hielt, kehre wieder ganz zu Ottavianis Stil zu­rück.

Der Pontifikat Johannes’ XXIII. und sein Konzil haben unbiblischen Hierarchismus durch neue Väterl­ichkeit und Brüderlichkeit ersetzt. Die Kirche wurde neu definiert als „Volk Gottes“ mit prinzi­piell gleichberechtigten Mitgliedern, die Bibel in die Mitte christlichen Lebens gestellt. Die Liturgie wurde von anachronistisch gewordenen Formen befreit und in die Sprache der Menschen übertra­gen. Dazu ka­men (vorsichtiger) Ökumenismus und Versöhnung mit den Juden, der Einsatz für Frie­den, Menschen­rechte und Religionsfreiheit.

Damit präsentierte sich die nachkonziliare Kirche neuartig als Kraft guter Kompromisse zwischen Selbstbewahrung und Öffnung zu den Menschen, und damit erwarb sie volles Bürgerrecht in der moder­nen Gesellschaft. Das Konzil bedeutete einen „epochalen Übergang“ (Alberigo). Aber als solcher muss­te es benutzt werden. Doch das haben seit ca. 1980 die Päpste Johannes Paul II. und Benedikt XVI. mit Hilfe rechter Gefolgsleute konsequent behindert resp. verhindert. Die schlimms­te Folge ist eine innere Spaltung: Die Amtskirche ist wieder so rückständig und menschenfern wie unter Pius XII., doch in vielen Gemeinden und sozialen Einrichtungen wirkt das Konzil weiter.

Doch das Konzil hatte auch Unruhe in die katholische Kirche gebracht. Der endlich begonnene Diskuss­ionsprozess war nicht mehr aufzuhalten und wurde durch Einwirkungen aus der 1968er-Bewe­gung gele­gentlich radikalisiert. Befreiung und Demokratisierung wurden die Parolen, es folgten Forderungen nach Aufhebung des Pflichtzölibats, nach Zulassung verheirateter Männer, dann auch von Frauen zu geistlichen Ämtern, d. h. Forderungen, die das Neue Testament keineswegs aus­schließt.

Diese Unruhe wurde von den Konzilsgegnern benutzt, um den konziliaren Prozess insgesamt zu diffam­ieren: als Bruch mit der Tradition und als Anpassung an den Zeitgeist. Mancher Reformer be­kam Angst vor der eigenen Courage auf dem Konzil; auch der Theologieprofessor Ratzinger wand­te sich ab (s. R. „Aus meinem Leben“, 1998 u. ö., 136-139, 150 ff.). Paul VI. wurde, weil er zu ver­mitteln suchte, heftig kritisiert; doch die Wahl des Nachfolgers fiel im Sommer 1978 noch ein­mal auf einen Mann des Kon­zils: Albino Luciani, geb. 1912: Johannes Paul I.

Aber im Herbst 1978, als ein zweites Konklave notwendig wurde, hatte die internationale rechte Fronde (für Bestärkung der päpstlichen Autorität und einer nur von ihr abhängigen Hierarchie, ge­gen die Parti­zipation der Laien und weitere Freiheitstendenzen) die Reihen fest geschlossen. Man wählte den kämp­ferischen, dem erstarkenden Opus Dei verbundenen, dabei jugendlich wirkenden Polen Karol Wojtyla (geb. 1920): Johannes Paul II. (1978-2005). Er hat die Restauration des Zen­tralismus konsequent durch­geführt, konkret mit dem Codex juris canonici (1983), der nicht – wie man behauptete – das Konzil in­terpretierte, sondern dessen Intentionen zähmte, so durch die fakti­sche Annullierung bischöflicher Kollegialität (Can. 330-341) und die singuläre Privilegierung des Opus Dei (Personalprälatur, Can. 294-297) Die Kirche wurde wieder zentralisiert, die Mitwirkung der Laien seitdem Schritt für Schritt zu­rückgedrängt.

Unter Johannes Pauls engsten Mitarbeitern war schon seit 1981 Kardinal Ratzinger, der an der Spit­ze der Glaubenskongregation so weit, wie nach dem Konzil noch möglich, zum Kurs seines zweiten Vor­gängers Ottaviani zurückgekehrt ist. Ratzinger beteiligte sich nun auch an der eingangs erwähn­ten Pole­mik gegen das Konzil (vgl. seine Schrift „Zur Lage des Glaubens…“. 1984, 1986, und seine Rede zum Schisma des Erzbischofs Lefèbvres am 14. Juli 1988). Konsequente Personalpolitik be­wirkte eine ent­sprechende Rückformung des Episkopats, so in Lateinamerika, wo die durch das Konzil ermutigten Theologen der Befreiung durch treue Diener Roms ersetzt wurden.

50 Jahre nach Beginn des Konzils ist von dessen optimistischem Selbstbewusstsein wenig übrig geblieb­en. Und das liegt nicht nur am rasanten Säkularisierungsprozess und an der Ökonomisierung des gesamten Lebens, sondern auch an der Reaktion der amtlichen Kirche, die über den Neo-Zen­tralismus zur Anti-Modernität zurückgekehrt ist. Auf den Priestermangel reagierte die Hierarchie mit Schließung sehr vieler Pfarren, weil sie deren Leitung durch Diakone oder Laien nicht dulden will.

Der Vatikan und dessen bischöflichen Vasallen verbreiten doktrinären Rigorismus (vor allem in den Be­reichen der Bio- und Sexualethik und in der Familienpolitik), der so vom Evangelium nicht ge­fordert ist und von den Menschen nicht verstanden wird. Wer gegen Aufklärung und Relativismus so undifferen­ziert polemisiert wie Joseph Ratzinger/Benedikt XVI., der bewegt sich in einer vergan­genen Welt. Dazu passt die Rückkehr zu pseudo-barockem Pomp anstelle der konziliaren Einfach­heit. Carlo Maria Martini S.J., Ratzingers intellektueller Antipode im Kardinalkollegium, der sich immer wieder im Sinne des Konzils um die vorurteilsfreie Begegnung von Kirche und Gesellschaft bemühte, hat in seinem letzten Interview am 18. August 2012 u.a. gesagt: Die Kirche ist um 200 Jahre zurück. Warum rüttelt sie sich nicht auf? Warum haben wir Angst“? Werden die seit 30 Jah­ren wieder in den Vordergrund gerückten „Unglückspropheten“ siegen ?

Quellen und Literatur (Auswahl)

Die Tagebücher Johannes’ XXIII.: Angelo Giuseppe Roncalli/ Giovanni XXIII.: Pater amabilis. Agende del Pontefice 1958-1963. Istituto per le scienze religiose, Bologna 2007

Giuseppe Albergio, Storia del Concilio Vaticano II, 5 Bände, Bologna 1995-2000; deutsche Ausgabe Klaus Wittstadt.

Artikel von Albergio in deutscher Sprache: LThK3, Bd. 5 (1996), 952-955; Bd. 10 (2001), 561-566.

Otto Hermann Pesch, Das Zweite Vatikanische Konzil…, 2001 u. ö.

Georg Denzler, Das Papsttum. Geschichte und Gegenwart, 1997 u. ö., Kap. XV.

Helmut Krätzl, Das Konzil – Ein Sprung vorwärts …, Innsbruck/Wien 2012

Rudolf Lill, Die Macht der Päpste, 2011, Kap. VI.

Jörg R. Ernesti, Paul VI. …, 2012

Rudolf Lill (1934) ist emeritierter Professor für Neuere und Neueste Geschichte der Universität Karlsruhe. Er lehrte an den Universitäten Passau, Karlsruhe, Rom. Florenz, Dresden und Bonn. Er ist ausgewiesener Kenner Italiens, Roms und der Kirchengeschichte. 1993 – 1996 war er General­sekretär des deutsch-italiensischen Zentrums Villa Vigoni Er ist u. a. Autor des Buches u a. „Die Macht der Päpste“.

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