Welche Probleme zu lösen wären – Perspektiven des politischen Katholizismus

Rainer Bucher, Bonn

Der politische Katholizismus durchlebte in Deutschland zwei große und eine eher tragische Phase. Die großen Phasen fallen in die Gründungsjahre des Deutschen Kaiserreiches und jene der Bundesrepublik Deutschland. Damals strahlte der politische Katholizismus sowohl in die verfasste hierarchische katholische Kirche, also „nach innen“, wie in die säkulare politische Landschaft, also „nach außen“ hin aus. Die in ihm entworfenen Positionen, Haltungen und Handlungsmuster wurden kreativ und effektiv sowohl in der katholischen Kirche wie für die säkulare Gesellschaft.

Für das Kaiserreich betraf dies die Spannung zwischen der damals strikt anti-liberalen, ständischen Staats- und Gesellschaftsauffassung der katholischen Kirche und der sich entwickelnden bürgerlichen Gesellschaft. Das war die Geburtsstunde der „Christdemokratie“. Sie war innerkirchlich lange umstritten. Schließlich lebte die offizielle katholische Kirche von der Französischen Revolution bis zum II. Vatikanischen Konzil konzeptionell und politisch in offener Gegnerschaft zum Projekt der bürgerlichen Moderne, zu Entwurf und Realität einer pluralen, auf der Grundlage der Werte der Französischen Revolution organisierten Industriegesellschaft. Man vertrat offiziell bis zum II. Vatikanum eine Staatsauffassung, die rechtspolitisch ständisch orientiert war, sich auf ein übergeschichtliches Naturrecht berief und die religiöse Einheitlichkeit des Staates und seine enge Verbindung mit der (katholischen) Kirche forderte. Diese Ordnung konnte interpretiert, nicht aber eigenmächtig gestaltet werden.

Das christdemokratische „Zentrum“ und die „Bayerische Volkspartei“ schufen – nach der Krisenphase des deutschen „Kulturkampfes“ – unter diesen schwierigen Bedingungen eine wirkungsvolle politische Handlungsplattform für Katholikinnen und Katholiken. Der Katholizismus, gerade der politische, war weniger in seinen Konzepten, aber in seiner „christdemokratischen“ Handlungslogik weit innovativer und pluralitätsfähiger, als die offizielle Lehre der katholischen Kirche das eigentlich vorsah – und teilweise auch als der immer wieder mal kulturkämpferisch verengte moderne deutsche Staat.

Ähnliches gilt für die Gründungsphase der Bundesrepublik Deutschland. Die „zweite Konfessionalisierung“ ab der Mitte des 19. Jahrhunderts war noch keineswegs ausgelaufen, als Konrad Adenauer die überaus weit reichende Entscheidung traf, keine katholische Partei wiederzugründen, sondern die politische Vertretung des Katholizismus in eine „Union“ aus (konservativem) Protestantismus und Katholizismus einzubringen. Diese Entscheidung relativierte bereits in den 50er Jahren das „katholische Milieu“ auf der politischen Handlungsebene, so sehr dieses auch ansonsten im Nachkriegsdeutschland katholischerseits noch einmal vor allem kulturpolitisch reaktiviert wurde.

Durch alle seine Phasen hindurch, von der Sozialgesetzgebung des Deutschen Reiches bis zur Rentengesetzgebung der frühen Bundesrepublik aber vertrat der politische Katholizismus einen sozialpolitischen Weg zwischen sozialistischem Kollektivismus und liberalistischem Individualismus und prägte damit weitgehend die entsprechende Gesetzgebung.

Die tragische Phase des politischen Katholizismus und damit auch der Christdemokratie fällt in die Weimarer Republik und speziell deren Endphase, als die hierarchische Kirche die demokratische Republik, wiewohl diese ihr staatskirchenrechtlich sehr entgegenkam, nur halbherzig unterstützte, während der politische Katholizismus im Form seiner Parteien als Teil der „Weimarer Koalition“ die Regierung und immer wieder sogar die Regierungschefs stellte.

Der politische Katholizismus konnte sich in der Weimarer Republik der Unterstützung der kirchlichen Hierarchie für seine prodemokratische Option alles andere als sicher sein. Er ging schließlich im Frühjahr 1933 in Hitlers Gleichschaltungspolitik und in der Zustimmung zum Ermächtigungsgesetz unter, im Konkordat zwischen Hitler und dem Vatikan war er nicht mehr vorgesehen. So sehr der politische Katholizismus nach dem Krieg die Neugestaltung der Bundesrepublik Deutschland prägte, und etwa die kulturelle wie politische „Westbindung“ durchsetzte, ist doch auch unübersehbar, dass er nach und nach seine politische Kreativität verlor.

Wofür sollte der politische Katholizismus heute auch noch stehen? Auf seine klassischen Themen – Rechte der katholischen Kirche, Rechte der Familie, Option für eine sozial balancierte Marktwirtschaft jenseits von Sozialismus und Liberalismus – hat er entweder kein Monopol mehr, so bei der Sozialen Marktwirtschaft, sie wird mittlerweile auch von der Sozialdemokratie vertreten.

Oder es besteht kaum mehr politischer Handlungsbedarf wie bei den „Rechten der Kirche“, denn diese sind bis auf weiteres gesichert, paradoxerweise nicht zuletzt wegen des Aufstiegs nicht-christlicher Immigrantenreligionen.[1] Oder die innerkatholischen Divergenzen sind so stark wie etwa bei allen Themen im Umfeld der aktuellen Neuordnung der Geschlechterverhältnisse, dass sie innerhalb der Christdemokratie eher verschämt behandelt werden. Es liegt daher nicht an der angeblich oder auch tatsächlich nach 1989 „protestantischeren“ Bundesrepublik, wenn der politische Katholizismus in Deutschland programmatisch weitgehend unsichtbar geworden ist.

Es sind heute andere Kontraste, für welche die Christdemokratie kreative Lösungen entwickeln müsste. Welche? Die zentrale Herausforderung der Gegenwart, auf die tatsächlich neue Antworten gefunden werden müssen, ist der globalisierte Kapitalismus mit seinen weitreichenden Auswirkungen auf ganz unterschiedliche menschliche Existenzfelder.[2] Weder die katholische Hierarchie noch die Katholikinnen und Katholiken müssen mehr mit dem modernen Verfassungsstaat versöhnt werden – das war die Leistung der klassischen Christdemokratie. Die katholische Hierarchie muss auch nicht mit den sozialen Herausforderungen der Globalisierung konfrontiert werden: Das tut schon Papst Franziskus.

Konfrontiert werden muss das europäische Christentum mit der Erkenntnis, dass es vor der Entscheidung steht, „Christentum“ kulturalistisch und damit tendenziell exklusivistisch, oder programmatisch und damit inklusivistisch zu verstehen: Orban oder Franziskus, das ist die Frage. Am intensivsten wird diese Auseinandersetzung auf dem weiten und verminten Feld der „gender troubles“ ausgetragen, und das mit weitreichenden politischen Auswirkungen. Diesen Kulturkonflikt, der sich in manchen Weltgegenden aktuell zu veritablen Kulturkämpfen steigert, kann man auch in anderen Weltreligionen beobachten. Der politische Katholizismus könnte mit seiner Verwurzelung im Christlichen wie in der konkreten gesellschaftlichen Realität nach der sozialen Frage und der Demokratiefrage in diesen Kulturkämpfen wieder kreativ, effektiv und segensreich wirken: vernünftig, entpolarisierend und abgewogen, aber offen für die schlichte Tatsache, dass Gerechtigkeit, Freiheit und Menschenwürde zutiefst christliche Werte sind.

Anmerkungen:

[1] Wobei der massive Autoritäts-, Mitglieder- und Vertrauensverlust der katholischen Kirche etwa in Folge des Missbrauchsskandals, hier vielleicht bald eine neue Lage entstehen lassen. Vgl.: Rainer Bucher, …wenn nichts bleibt, wie es war. Zur prekären Zukunft der katholischen Kirche, 3. Aufl. 2017.
[2] Vgl. Rainer Bucher, Christentum im Kapitalismus, 2. Aufl. Würzburg 2020.


Prof.i.R. Dr. theol. Rainer Bucher war von 1990-1999 Referent bei der Bischöflichen Studienförderung Cusanuswerk und von 2000-20022 Professor für Pastoraltheologie an der Universität Graz. Neuere Veröffentlichungen: Kirche im Kapitalismus, 2. Aufl. Würzburg 2020; Es ist nicht gleichgültig, an welchen Gott man glaubt, Würzburg 2022. Homepage: http://www.rainer-bucher.de

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