Jedem seine Angst

Prof. Dr. Dr. András Máté-Tóth

Motto:
„Schrecken steuert uns, tückisch ohnegleichen,
und nicht der Zukunft trügerischer Schein.“

(Attila József, übersetzt von Daniel Muth)

Ängste in Ost und West

„Putin überzieht die Ukraine mit Terror. Er will Angst säen, spalten und einschüchtern. Er spekuliert auf unsere Schwäche. Aber er irrt sich.“ (Bundeskanzler Olaf Scholz, 20.10.2022)

„Wir verteidigen, wozu wir uns bei der Regierungsbildung verpflichtet haben, wir werden die Renten verteidigen, (…) die Vollbeschäftigung verteidigen.“ (Viktor Orbán, Radiointerview 10.06.2022)

Zwei Politiker aus Europa, beide reden darüber, dass sie etwas verteidigen: Der Bundeskanzler die Einheit in Europa – der Ministerpräsident die soziale Sicherheit in Ungarn. In vielen Punkten ihrer Politik sind sie weit voneinander entfernt. In dem Engagement für die Verteidigung von Werten, die ihnen oder ihrem Land wichtig sind, sind sie ähnlich. Die Rhetorik der Politik ist heute von „Versicherheitlichung“ gekennzeichnet. Die Bürgerinnen und Bürger sollen wissen, dass die Politiker alles im Griff haben. Die ganze europäische Gesellschaft, und alle Staaten und Gesellschaften von Europa verstehen sich als gefährdet, attackiert, verunsichert. Daten über die verschiedenen Gefahren in 19 Gesellschaften analysierte das Pew Forum im Jahr 2022. [Daten und Analysen HIER] Die Verschiedenheit der Daten ist spannend, aber die hohen Werte zwingen zum verstärkten Ernstnehmen der Angstlogik auch in den reicheren Ländern Europas.

Im Jahr 2020 erschien ein Band mit dem Titel Societies under Threat herausgegeben von Denise Jodelet und anderen. Bedrohte Gesellschaften könnte der Titel einer möglichen deutschen Ausgabe heißen. Das Gefühl der Bedrohung gibt es auf der Ebene der Welt- und Europapolitik, der einzelnen Gesellschaften, aber auch unter den Familien oder bei den Individuen. Die Frage des politischen und kulturellen Zusammenlebens in Europa (und in der Welt) hängt davon ab, wie die Menschen mit den Bedrohungen umgehen. Sie können die jeweils eigenen Bedrohungen als wahr und wirklich herausstellen. Im Umkehrschluss erscheint die Bedrohung der anderen als unwahr oder unwirklich. Oder sie können verstehen und verständlich machen, dass jede Gesellschaft und jeder Mensch sich in seiner Art und Weise bedroht fühlt und daher seine eigenen Ängste hat.

Dominique Moïsi, ein französischer Politikwissenschaftler, betont die allgemeine und triumphierende Präsenz der Angst in der ganzen Welt. In seinen letzten Büchern unterstreicht er immer deutlicher, dass man eine Weltkarte von heute durch alles bestimmende Emotionen (la géopolitique de l’émotion) zeichnen kann, wo Europa als Region der Angst gekennzeichnet werden muss. Dass der Angst triumphiert (le triomphe de la peur) immer mehr wie die meistgesehenen Fernsehserien zeigen. Dass neue und erneute Ungerechtigkeit und Ungleichgewicht (nouveau déséquilibre) die alten Spaltungen noch weiter vertiefen. Das ist unsere Zeit – im Osten und im Westen.

Die Gefühle und Denkweisen der anderen zu verstehen und adäquat zu interpretieren, das ist die Herausforderung einer Politik, die wirklich Gerechtigkeit und Frieden sucht – in Deutschland, in Ungarn und anderswo.

Mauer und Wende

Es gibt überraschende, ja sogar schockierende und aufregende Nachrichten über die politischen Einsichten und Präferenzen in Ostmitteleuropa bezüglich der Themen und der Herausforderungen der EU. Ob es um die Flüchtlinge, um die Sanktionen gegen Russland, um die Rechte der ethnischen Minderheiten, um die Interpretationen der Demokratie geht, scheint es eine Bruchlinie zu geben, die an die ehemaligen Mauern zwischen West und Ost erinnert. Vor etwa 30 Jahren dachten viele in West und Ost, dass mit der friedlichen Wende in Europa auch die Mauern in unseren Köpfen einstürzen würden. Viele dachten, dass Europa als ganzes und besonders die EU in dieselbe Richtung gehen würden, vielleicht mit verschiedenen Geschwindigkeiten – wie es Angela Merkel im 2017 im Versailles in Erinnerung an die „Römischen Verträge“ von 1957 formulierte.

Nun spätestens seit der Flüchtlingskrise und aktuell bezüglich des Krieges in der Ukraine bricht die Frage immer stärker hervor, ob Europa wirklich immer noch dieselben Ziele verfolgt, ob der große Traum von Adenauer, de Gasperi und Schumann immer noch genügend Visionskraft hat, um Frieden und Gerechtigkeit im ganzen Kontinent zu garantieren. Die tiefgreifenden Herausforderungen provozieren diese Einheitsidee und gleichzeitig weisen sie sehr deutlich und schmerzhaft auf die grundlegenden Verschiedenheiten zwischen den verschiedenen Subregionen Europas hin.

Angstbusiness

Dominique Moïsi hat also Recht, dass die kulturtragende Emotion die Angst ist. Was wir Populismus nennen, ist eigentlich ein Angstbusiness. Dasselbe, was der Soziologe Stanley Cohen auch bereits im Jahr 1972 in seinem Buch Folk Devils and Moral Panics beschrieben hat. Ein Schlüssel für das Zusammenleben einer Gesellschaft ist in der Angst gegeben.

Das gilt überall. Es greift zu kurz, wenn man sagen würde, dass die Politik der ehemaligen Ostblock-Staaten immer einen Hang zum Populismus habe, während in den westlichen Staaten die Politik jederzeit streng sachlich wäre. Nein, die Politik als solche kann nicht ohne Vereinfachungen auskommen, die auch Ängste und Verunsicherung schüren. Jede Kultur hat ihre eigenen Ängste, Erinnerungen und Irritierbarkeiten – im Osten und im Westen auch. Wie bis vor den Fall der Mauer der Schlüssel für das Verständnis der weltpolitischen Verhältnisse die Zweiteilung der Welt in West und Ost war, so ist heute dieser Schlüssel die Angst. Solange wir die Ängste nicht verstehen, werden wir in der Angstspirale verbleiben.

Christen und Kirchen haben die intellektuelle und spirituelle Autonomie, um auf diese Zusammenhänge hinzuweisen. Und können in ihren Beziehungen zeigen, wie man unter den eigenen Ängsten ein Leben führen kann, das nicht von Ängsten, sondern von Liebe und Erbarmen geleitet wird. Können sie? Können wir?


Prof. Dr. Dr. András Máté-Tóth

Prof. Dr. Dr. András Máté-Tóth, Theologe und Religionswissenschaftler an der Universität Szeged (Ungarn) und Leiter der Forschungsgruppe MTA-SZTE Convivence (ELKH).

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