Gelebte Wahrhaftigkeit gegenüber der Gefahr psychischer Ansteckung – ein Plädoyer im Sinne Edith Steins

Dr Joachim Feldes

Wenn Menschen Eisenbahnen bauen, dann haben die immer einen Anfang und ein Ende. Sie führen nicht ins Nichts, sondern woanders hin, zu anderen Orten, Städten, zu anderen Menschen. Eine Bahnstrecke, die führt zusammen und verbindet wie eine Brücke, die es braucht, damit Kommunikation entsteht. Und umso schlimmer trifft es, wenn in Kriegen wie in Ukraine und anderswo Bahnstrecken bombardiert, Brücken zum Einsturz gebracht werden. Der Krieg zerbricht dann nicht nur ein Bauwerk, der Krieg zerstört eine Verbindung, der Krieg trennt.

Wer in der Nähe großer Flüsse lebt, der weiß, wie notwendig Verbindungen sind, wie hilfreich und für alle Seiten von Gewinn. Für Menschen in meiner Heimat, der Oberrheinebene, gehört zu den wichtigsten, ja prägendsten Brücken die Salierbrücke von Speyer, die unweit des Domes über den Rhein führt. Zur Zeit Edith Steins war das noch eine recht wacklige Angelegenheit, weil die Brücke nicht auf Pfeilern, sondern auf Pontons, auf Booten ruhte.

Mit anderen Menschen steht Stein dort in der Nacht vom 30. Juli auf den 1. Juli 1930, als nach dem Abzug der französischen Besatzungstruppen nun deutsche Soldaten einziehen. Es herrscht Euphorie und helle Begeisterung, doch Stein teilt die Freude nicht, sie wirkt todtraurig. Von einer Kollegin, Freifrau Uta von Bodman, darauf angesprochen, antwortet sie, dass die Begeisterung bald umschlagen werde, in eine Situation der Verfolgung, zuerst der Juden, dann der Kirche. Als wenig später, am 19. Juli Reichspräsident Hindenburg die Stadt besucht, wiederholt sich die Situation. Hindenburg bestärkt durch sein Auftreten die Stimmung vor Ort, aber auf Steins Haltung und ihre Vorahnung hat das keinen Einfluss. Sie bleibt skeptisch und wird in ihren Vorahnungen ja bald darauf bestätigt.

Stein war sehr wach für politische Stimmungen, nicht zuletzt aufgrund eigener Erfahrungen. Beim Ausbruch des ersten Weltkrieges, da teilt sie die Euphorie so vieler. Sie verfolgt, wie die Truppen vorrückten, und steckt auf einer Karte entsprechend die Fähnchen, in Vorfreude „auf den Tag, wo ‚wir‘ in Paris einrücken könnten.“ Aber schon bald erkennt Stein, was der Krieg wirklich bedeutet, und die naive, patriotische Begeisterung weicht brutaler Ernüchterung. „Wir haben uns versündigt“ schreibt sie schließlich am 30. November 1918 ihrem polnischen Freund Roman Ingarden, und sie kann nicht sehen, „ob es für uns überhaupt noch eine Zukunft geben kann“.

Die Frage nach den Bedingungen der Möglichkeit einer Zukunft weckt Steins analytischen Sinn. Sie sucht nach den Gründen, warum es überhaupt so weit, zu einer, wie sie selber es nennt, „Kriegspsychose“ habe kommen können. In ihrer zwischen Februar 1918 und Oktober 1919 entstandenen Untersuchung Individuum und Gemeinschaft diagnostiziert sie im Menschen latente Suggestibilität, Reizbarkeit und Anfälligkeit für psychische Ansteckungen. Daraus ergebe sich die Gefahr einer „Massen-Ansteckung“, die regelrecht „verständnisfrei“ ausfallen könne. Denn wo viele Menschen zusammen seien, innerhalb einer Masse, da führe die Reizbarkeit des Einzelnen zu zahllosen Ansteckungsvorgängen und je dichter und häufiger diese Erregungen geschähen, desto häufiger fielen die „höheren Geistestätigkeiten“ aus, der Mensch werde geistig unbeweglich, der kritische Verstand ausgeschaltet.

Allzu oft zeigt sich, wie schnell so etwas geschehen kann. Stimmungen sind schnell geschürt, Meinungen beeinflusst, wenn es um Macht, um politischen und wirtschaftlichen Einfluss geht. Umso wachsamer müssen wir sein, dass wir uns nicht anstecken und infizieren lassen,  einen klaren Kopf, einen kritischen Verstand bewahren. Dass wir klar und aufrecht sind, dass wir Wahrheit, Wahrhaftigkeit und Redlichkeit einfordern, gerade wenn zu viele dem Strom folgen und sich mitreißen lassen.

Anfang der 30er Jahre, als sich in Deutschland kopflose, ungesunde Euphorie breitmacht, da behält Stein ihre Orientierung bei und betont in ihrer Abhandlung Die weltanschauliche Bedeutung der Phänomenologie ihre Dankbarkeit gegenüber ihrem Lehrer Edmund Husserl: Für seine Beharrlichkeit, die Dinge ohne Voreinstellungen und vorurteilsfrei zu betrachten zu wollen, und für die Konsequenz, mit der er dahin erzogen habe, die Wirklichkeit „in aller Schärfe geistig ins Auge zu fassen und nüchtern, treu und gewissenhaft zu beschreiben“, frei von Willkür und Hoffart, schlicht und sachgehorsam.

Aber Stein fordert Wahrhaftigkeit und Redlichkeit nicht nur ein. Sie unterstreicht ihren Appell durch ich eigenes Leben und Da-Sein, weil sie nicht aus der Wirklichkeit, den Herausforderungen flüchtet oder sich den Konflikten entzieht. So erleben sie ihre Mitmenschen als Philosophin im akademischen Bereich, als Lehrerin in der Schule, als Frau, die ihre Überzeugung und ihren Glauben lebt und bezeugt, allen Widerständen zum Trotz. So erleben sie ihre Mitschwestern im Karmel, in dessen Gemeinschaft Stein 1933 eintritt, als aus der ungesunden Euphorie nun tatsächlich bedrohliche Verfolgung wird. In den Möglichkeiten, die ihr noch zur Verfügung stehen, beweist sie Solidarität mit denen, die es noch härter trifft. Als Steins Lebensweg endgültig zum Kreuzweg wird, da setzt sie alles und bietet Gott ihr Leben an, zur Sühne für das Geschehene und für den Frieden, den die Welt nicht geben kann. In diesem Geist geht Stein hinein in das Dunkel des Todes und selbst dort, berichten Augenzeugen, zeigt sie Mitmenschlichkeit, öffnet sie Herz und Hände für Menschen, die alle Hoffnung verloren haben, für Kinder, deren Mütter nichts mehr empfinden, wo Augen ausgeweint und Herzen leer geworden sind.

2022, hundert Jahre nach Steins Taufe am 1. Januar in Bergzabern und achtzig nach ihrer Ermordung am 9. August in Auschwitz-Birkenau, wurde offiziell der Prozess eröffnet, an dessen Ende die Erhebung Edith Steins zur Kirchenlehrerin stehen könnte. Ich freue mich darüber sehr und habe das in meiner eigenen Rückmeldung auch gern betont. Denn Stein lehrt mich, lehrt uns, wie wir aufrechte, wahrhaftige Christinnen und Christen sein und wirksam beitragen können für eine gerechte und friedliche Welt – eine Welt, in der wir miteinander verbunden bleiben und gemeinsam überleben.


Revd Dr Joachim Feldes (geb. 1965) wurde nach dem Studium in Eichstätt, Rom und Mainz 1994 in Speyer zum Priester geweiht. Nach seinem Übertritt in den Dienst der anglikanischen Kirche 2009 sowie weiteren Studien in Cambridge und Prag arbeitet er heute als Gemeindepfarrer im Rhein-Neckar-Raum. Er ist Studiendekan des Lancelot-Andrewes-Instituts in Nürnberg und Schriftführer der Internationalen Vereinigung zum Studium der Philosophie Edith Stein (IASPES).

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