Frauen in Diensten und Ämtern der Kirche – warum denn eigentlich nicht?

Prof. Dr. Dorothea Sattler

Nicht die Zulassung von Frauen zu Diensten und Ämtern in der Kirche ist der Begründung bedürftig, sondern – wenn es hier überhaupt eine Frage gibt – der Ausschluss von Frauen. So lautet eine der Thesen eines ökumenischen Kongresses, der im Dezember 2017 in Osnabrück stattfand.[1] Im Gedenkjahr der Reformation war auch dies Thema: Was bedeutet es für die Suche nach der sichtbaren Einheit der Kirchen, wenn in vielen evangelischen Kirchen Frauen ordiniert werden und in der Römisch-katholischen Kirche weltweit nicht?

Es gibt – bedingt durch Personen und Institutionen wie vor allem das Zentralkomitee der deutschen Katholiken – einen Zusammenhang zwischen den Osnabrücker Thesen von 2017 und dem Forum III, das sich auf dem 2019 begonnenen Synodalen Weg mit der Frage nach der Frauenordination befasst.

Ich wünsche mir eine 4. Synodalversammlung vom 8.-10. September 2022, in der die eigentliche Aufgabe der Kirche im Mittelpunkt steht: die Verkündigung des Evangeliums. Die für mich insbesondere wichtige Frage nach Diensten und Ämtern von Frauen in der Römisch-katholischen Kirche stellt sich seit langem schon. Sie lässt sich auf der Grundlage solider theologischer Argumentation bedenken.

Mir liegt besonders daran, dass der Grundtext des Forum III zum Thema „Frauen in Diensten und Ämtern in der Kirche“ die nötigen Mehrheiten bekommt – also auch die Zweidrittelmehrheit der Bischöfe. Ich sehe dazu gute Aussichten gegeben. Der Text ist nicht fordernd geschrieben und urteilt nicht apodiktisch. Er lädt zum Nachdenken über Erkenntnisse der Theologie ein. Das Ziel ist es, an Argumente zu erinnern, die es für dringend notwendig erachten lassen, auf internationaler Ebene die Gespräche über die Thematik neu zu öffnen. Die bisher vorliegenden Lehrtexte finden in Teilen der Gemeinschaft der Glaubenden keine Rezeption. Der Grad der Verbindlichkeit der Dokumente ist umstritten. Gute bibeltheologische, historische und systematisch-theologische Gründe sprechen für die Teilhabe von Frauen an allen Diensten und Ämtern. Ich gehe davon aus, dass den Bischöfen in ihrem Verantwortungsbereich bewusst ist, welche Enttäuschung sie bewirken würden, wenn sie nicht einmal der Möglichkeit der Prüfung der Argumente auf weltkirchlicher Ebene zustimmen könnten. Auch aus anderen Ländern ist zu hören, dass die Frage nach der Frauenordination von der kirchlichen Basis, gestützt auf theologische Erkenntnisse, nach Rom getragen wird.

Die Fragen, die sich aus theologischer Perspektive stellen, sind nicht leicht zu beantworten: Wer kann behaupten zu wissen, was Gott auf eine Frage antworte, die seit vielen Jahrzehnten christliche Theologen und Theologinnen immer wieder bewegt: Hat Gott eindeutige Zeichen setzen wollen, den Dienst einer amtlichen Verkündigung des österlichen Evangeliums in der eucharistischen Feier ausschließlich Männern anzuvertrauen?

Aus meiner Sicht gilt es heute vor allem, die Herausforderung anzunehmen, in der Nachfolge Jesu Christi alles dafür zu tun, dass möglichst viele Menschen in irdischer Zeit österliche Hoffnung gewinnen in ihrem endlichen, immerzu vom sicheren Tod bedrohten Leben. Diese Hoffnung ist begründet im Zeugnis für den auferstandenen Jesus Christus. Frauen sind – davon erzählen die biblischen Schriften mehrfach (vgl. Mk 16; Mt 28; Lk 24) – von Gott dazu berufen worden, in Jerusalem nahe bei dem sterbenden Jesus zu bleiben, ihn nicht zu verlassen, zu wachen bei ihm, ihn sterben zu sehen, das Grab aufsuchen und dem auferstandenen Christus Jesus zu begegnen. Frauen sind von Jesus Christus selbst gesandt worden, ihn vor den Aposteln als lebendig zu bezeugen (vgl. Joh 20,11-18).

Gewiss gibt es eine Vielfalt an Möglichkeiten, als Männer und Frauen den christlichen Glauben zu bekennen. Gesucht werden dabei jedoch gerade auch in heutiger Zeit Menschen, die einen Dienst an den Diensten tun: leitend tätig sind, Charismen erkennen, andere Getaufte ermutigen oder auch ermahnen. Auf dem Synodalen Weg sind auch Etappen auf dem Weg zur vollen Teilhabe von Frauen am ordinierten Amt wertzuschätzen. Nicht jede Form des kirchlichen Leitungsdienstes hat die sakramentale Ordination zur Voraussetzung. Es gilt, die Räume auszuloten, in denen Frauen und Männer in der Kirche miteinander Verantwortung übernehmen.

Durch die stärkere Teilhabe von Frauen an den ordinierten Dienstämtern wird sich nicht nur das äußerliche Erscheinungsbild der Kirchen ändern, auch die Kommunikationsformen und die Rollenverteilungen werden sich wandeln. Der Ausschluss von Frauen aus sakramentalen Dienstämtern in der Römisch-katholischen Kirche bedeutet in der Konsequenz ja auch, dass Frauen bei allen Beratungen, die eine letztverbindliche Entscheidung in Fragen der Glaubenslehren anzielen, ausgeschlossen sind. Bei keinem der ökumenisch anerkannten universalen Konzilien in den zwei Jahrtausenden der Christenheit hatte bisher eine Frau Rede- oder gar Stimmrecht. Soll das auf immer so bleiben? Ist dies der Wille Gottes? Was lässt sich bei der Suche nach einer Antwort auf diese Frage von den Erfahrungen in der evangelischen Kirche lernen?

Ich habe die Erwartung, dass auch über alle weiteren strittigen Themen mit hohem Ernst im Ergebnis offen gesprochen wird. Es zeichnen sich thematische Linien ab, die wohl auf Zustimmung bei sehr vielen Synodalen treffen werden – beispielsweise das Votum für eine freie Entscheidung zugunsten oder gegen die zölibatäre Lebensform im priesterlichen und bischöflichen Amt. Anerkannte verheiratete Priester gibt es ja bereits in der Römisch-katholischen Kirche – etwa nach einer Konversion eines evangelischen Pfarrers oder in den mit Rom unierten Ostkirchen. Im Blick auf Themenaspekte der Sexualethik haben die Texte des Forums eine aus meiner Sicht tragfähige Grundlage für einen Perspektivwechsel gelegt: weg von einer die Person nicht achtenden allgemeinen Norm und hin zu einer an Erfahrungen orientierten Gestaltung individueller Beziehungen. Die Notwendigkeit einer Fortsetzung des Synodalen Wegs in veränderter Gestalt ist weithin unstrittig. Lediglich wie diese zu wünschende neue Form konkret aussehen kann, ist umstritten. Viele melden sich diesbezüglich mit guten Gründen zu Wort. Ich erwarte ein grundsätzliches Ja zur Vorlage – mit der Bitte, den Weg zum Ziel zu präzisieren.

Am Ende der 4. Synodalversammlung wünsche mir, ermutigt zu sein – bewegt durch das Erleben einer authentischen Suche nach dem rechten Weg der Römisch-katholischen Kirche in unserer Zeit.

[1]
Vgl. Margit Eckholt / Ulrike Link-Wieczorek / Dorothea Sattler / Andrea Strübind (Hg.), Frauen in kirchlichen Ämtern. Reformbewegungen in der Ökumene, Freiburg / Göttingen 2018.


Bild: Ulrike Schwerdtfeger

Dorothea Sattler, Professorin für Ökumenische Theologie und Dogmatik an der Katholisch-theologischen Fakultät der Universität Münster; Sprecherin des Sachbereichs 1 (Theologie, Pastoral und Ökumene) im Zentralkomitee der deutschen Katholiken; mit Bischof Bode Vorsitzende des Forum III des Synodalen Wegs (Frauen in Diensten und Ämtern der Kirche).

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