Die Zukunft des Verbandskatholizismus: Glaubensort für suchende Christen

Alexandra Horster

Die Zahl der Kirchenaustritte haben 2021 mit rund 360.000 Menschen allein auf der katholischen Seite einen neuen traurigen Höhepunkt erreicht. Was daran vor allem erschreckend ist: Viele Menschen, die sich von der verfassten Kirche abwenden, entstammen ihrem innersten Kern. Natürlich spielt die Perversion der Seelsorge durch manche Amtsträger eine große Rolle für den eklatanten Vertrauensverlust der katholischen Kirche. Aber, so schlimm das schon ist: Das Problem hat noch wichtige andere Aspekte, die über die notwendige Behandlung der Missbrauchsfälle nicht aus dem Blick geraten dürfen. Offensichtlich bedeutet christlicher Glaube für die Austretenden etwas anderes als das, was die verfasste Kirche ihnen derzeit bietet. Oder andersherum ausgedrückt: Die Kirche, ihr Auftreten und ihre Verkündigung haben den Bezug zur Lebenswirklichkeit vieler Menschen verloren. Viele haben den Eindruck, dass es ihr zu wenig um die Botschaft Jesu Christi geht und um das, was seine Lehre den Menschen in ihrem Alltag zu sagen hat. Stattdessen geht zu viel um Macht, Vorschriften und den Schutz einer Institution.

Der Verbandskatholizismus kann sich von all dem nicht ganz lösen, weil er sich als integraler Bestandteil der Kirche versteht. Denn: Kirche ist nicht nur die sogenannte „verfasste Kirche“, Kirche sind wir alle. Insofern unterliegen wir den Zentrifugalkräften von Beharrung und Erneuerung, die an der Kirche und ihren Mitgliedern zerren. Aber darum engagieren wir uns leidenschaftlich für die fälligen Reformen, unterstützen nach Kräften den Synodalen Weg. Wir zeigen auf, wie Kirche sich verändern muss, wenn sie den Kontakt zu den Menschen nicht endgültig verlieren will.

Wie auch die anderen katholischen Verbände hat KOLPING eine weitere besondere Funktion innerhalb der Kirche zu erfüllen: Schon für unseren Verbandsgründer Adolph Kolping standen die alltäglichen Probleme der Menschen im Mittelpunkt seines Wirkens: „Das Christentum nimmt den Menschen, wie er ist, und macht ihn zu dem, was er sein soll“. In dieser Tradition setzt die Arbeit, die wir als Kolpingwerk Deutschland sowohl vor Ort in den Kolpingsfamilien als auch in den Einrichtungen und Unternehmen leisten, an der Lebenswirklichkeit der Menschen an und nicht bei theologischen Dogmen. So bieten wir vielen Menschen die Gelegenheit, christlichen Glauben im Alltag zu erleben und in Gemeinschaft zu praktizieren. Aus unserem christlichen Verständnis schaffen wir ein Bewusstsein dafür, wie man in Kirche und Gesellschaft verantwortlich lebt und solidarisch handelt. Dabei sind wir offen für alle Menschen, die mit uns auf dem Weg sein wollen, weil sie mit unseren Werten übereinstimmen. Das gilt gerade auch für solche Menschen, die in der verfassten Kirche von Ausgrenzung betroffen sind oder sich selber bewusst von ihr abwenden.

So sorgen wir bei KOLPING dafür, dass die Kirche trotz allem authentisch bleibt. So gelingt es uns, Menschen zu binden, die die Schwellen der verfassten Kirche nicht mehr überwinden. So bieten wir suchenden und fragenden Menschen einen Glaubensort. Vielleicht werden wir in Zukunft noch stärker zum Ankerpunkt für Menschen, die sich von der verfassten Kirche abwenden. Diesen Menschen werden wir eine verbandliche Heimat bieten. Darin könnte unsere Zukunft als katholischer Verband und zugleich die Zukunft der Kirche liegen.

Das Kolpingwerk Deutschland ist ein generationsübergreifender katholischer Sozialverband mit bundesweit mehr als 215.000 Mitgliedern in 2.286 Kolpingsfamilien vor Ort, davon etwa 37.000 Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene, die der Kolpingjugend angehören. Im Sinne Adolph Kolpings will der Verband das Bewusstsein für verantwortliches Leben und solidarisches Handeln fördern. Schwerpunkte der Aktivitäten sind die Arbeit mit und für junge Menschen, das Engagement in der Arbeitswelt, das Zusammenwirken mit und der Einsatz für Familien und für die Eine Welt.


Alexandra Horster, geboren 1976 in Mönchengladbach, ist seit April 2022 Bundessekretärin des Kolpingwerkes Deutschland. Sie engagierte sich schon früh in der katholischen Jugendverbandsarbeit. Nach dem Abitur absolvierte sie ein Freiwilliges Soziales Jahr. Danach studierte sie Sozialpädagogik an der KFH in Aachen. Im Anschluss an ein Anerkennungsjahr in der Jugendakademie Walberberg und eine betriebswirtschaftliche Qualifikation wurde sie 2002 Vorsitzende des BDKJ-Diözesanverbandes Aachen. 2008 übernahm sie die Projektleitung der 72-Stundenaktion des BDKJ in Nordrhein-Westfalen. Von 2009 bis 2013 war sie als Landesvorsitzende des BDKJ und des Landesjugendrings in Nordrhein-Westfalen tätig. Danach stieg sie bei Kolping als Geschäftsführerin des Kolping Jugendwohnens ein.

Ein Gedanke zu „Die Zukunft des Verbandskatholizismus: Glaubensort für suchende Christen“

  1. Liebe Alexandra
    ich freue mich, dass wir eine kompetente und fortschrittliche Frau in unserem Verband haben. Ich wünsche Dir viel Spaß, Erfolg und Gesundheit bei Deiner Aufgabe.
    Treu Kolping
    Alfons Weisshaupt

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