RECHT UND UNRECHT

Thomas Schwarz berichtet zum 30. Jahrestag der Wiedervereinigung von seinen Erfahrungen mit der Stasi und der Opposition in der DDR.

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Thomas Schwarz

Recht und Unrecht

Es muss niemand in einer Diktatur leben, um sie dennoch zu erfahren. Meine erste Begegnung mit Unfreiheit machte ich bereits im Alter von 15, 16 Jahren. Dabei wurde nicht ich meiner Freiheit beraubt, sondern ein Freund. Wir sind mit der Familie seit den 1960er Jahren immer wieder nach Ungarn gefahren. Dort haben wir Angehörige von aus Ungarn geflohenen Freunden besucht, die in Westeuropa lebten. Bei einer dieser Reisen traf ich einen jungen Mann aus Leipzig, und wir verabredeten, uns hin und wieder zu schreiben: Briefe natürlich, denn Mails und Messenger gab es nicht einmal in unserem Sprachgebrauch, geschweige denn in der Realität.

Wochen nach unserer Rückkehr von einer dieser Reisen hatte ich Andreas geschrieben, einem Studenten aus der späteren Heldenstadt. Nichts hatte ich in diesem Brief erwähnt, was ihn in der hätte DDR kompromittieren  können. Unsere Mutter hatte mich gemahnt, mich zurückzuhalten und Vorsicht bei politischen Äußerungen walten zu lassen. Ich erinnere mich daran, dass mir das in meiner politischen Sturm-und-Drang-Phase nicht leicht gefallen ist. Es könne jedoch, so sagte sie, auch andere gefährden, wenn ich mich zu kritisch zum System der SED in einem Brief äußern würde. Das hatte ich war nicht wirklich nachvollziehen können, aber ich hielt mich daran. Die Vorstellung, dass ein Staat die Briefe seiner Bürger willkürlich öffnen und lesen könnte, hatten selbst in meinen wildesten Vorstellungen keinen Platz.

Wieder einige Wochen später erhielt ich Post aus der DDR. Eine grünliche Briefmarke war auf dem Umschlag, und der Stempel war mit einem Ort versehen, den ich noch nie zuvor gehört hatte. An den Namen des Poststempels erinnere ich mich nicht mehr, dafür an etwas noch Ungewöhnlicheres. Es fand sich kein Absender auf dem Umschlag.

Als ich den Brief öffnete, las ich: „Lieber Thomas…“ und einen zweiseitigen Text, der mit einer Schreibmaschine geschrieben worden war. Trotz meiner „unleserlichen“ Schrift hatte ich mir die größte Mühe gegeben, Andreas mit einem Füller zu schreiben. Meine Verwunderung war sehr groß, als ich den Gruß unter seinem Brief las: „Dein x“. Was sollte das bedeuten? Erst durch die Erklärung meiner Mutter verstand ich. Für mich bedeutete das Diktatur und Unfreiheit.

Andreas, der junge Mann aus Leipzig, war kein kadergeschmiedeter DDR-Bewohner, der auf alle sozialismuskritischen Argumente eine vorgefertigte Antwort parat hatte. Er war damals nicht Mitglied der SED. Er war kein kalter Krieger. Niemand, der zuhause alles für gut hielt und im Westen alles für schlecht. In seinem Brief hatte er nicht die leiseste Kritik an der SED angedeutet. Er lobte die Entspannungspolitik zwischen der Bundesrepublik und der DDR und verlieh seiner Hoffnung Ausdruck, dass es zukünftig vielleicht leichter sein würde, auch zwischen West- und Ostdeutschland hin- und herzufahren. Oder doch zumindest, dass es mit der allgemeinen Entspannung weitergehen könne.

Ich weiß natürlich heute nicht mehr so genau, in welcher Weise mich die Begegnung mit der Diktatur in jenen Jahren später geleitet hat. Es besteht indes kein Zweifel, dass unsere Urlaube in Ungarn und die Begegnungen mit Leuten aus der DDR sowie das Briefeschreiben mit ihnen gewirkt haben. Womöglich bin ich letzten Endes deswegen Journalist geworden. Vielleicht wollte ich mit allem, was mir an Freiheit geschenkt worden war, ebenso frontal Diktaturen angehen wie diese Systeme die Menschenrechte bekämpften. Das fand ich damals schon ein hehres Ziel, und daran hat sich bis heute kaum etwas geändert.

Während des Einigungsprozesses zwischen 1989 und 1990 kam im Westen rasch die Vorstellung auf, im Grunde seien ja „alle“ DDR-Bürger Stasi-Spitzel gewesen und hätten das System dadurch unterstützt und somit die Unterdrückung erst mit ermöglicht. In der Tat gab es Abertausende, die für die Staatssicherheit gearbeitet und sich von ihr haben zum Teil gut bezahlen lassen. Auch stimmt es, dass sogenannte „Inoffizielle Mitarbeiter“ aus den unterschiedlichsten Gründen andere ausspioniert habe, ihn das hauptberuflich zu tun. Darunter waren auch Leute, die engste Freunde, sogar Ehepartner und Familienmitglieder an die Stasi verraten haben. Das kam vor allem im Umfeld von Bürgerrechtlern vor. Das ist durch nichts wirklich zu entschuldigen, allenfalls zu erklären.

Das gilt beispielsweise für einen meiner sogenannten Freunde, der aus Ost-Berlin in den Westen gekommen war und sich von der Stasi hat erpressen lassen. Er hatte ein Kind in Ost-Berlin zurückgelassen, das bei seiner ehemaligen Freundin lebte. Wolle er das Kind je wiedersehen, so hatten sie ihm gesagt, müsse er „schon etwas dafür tun“. Er tat das. Er malte einen Grundriss meiner Wohnung in West-Berlin auf und reichte diesen an seine Stasi-Leute weiter. Diese wiederum gaben solche Informationen an die Hauptabteilung XX der Staatssicherheit weiter, die nichts weniger als Staatsapparat, Kirche und Kultur sowie den sogenannten „Untergrund“ auf dem Zettel hatte. Dieser „Freund“ hat sich mir nach der friedlichen Revolution offenbart; von sich aus, ohne dass ich ihn erst in meiner eigenen Stasi-Akte finden musste.

In der DDR waren es tatsächlich wenige sogenannte „Oppositionelle“, die um den Wert von Menschenrechten immer wussten. Es waren mutige Kämpfer gegen die SED-Diktatur wie Ralf Hirsch, Bärbel Bohley, Jürgen Fuchs, Rainer Eppelmann und all die anderen, die verstanden hatten, dass ihnen Versammlungs- und Meinungsfreiheit zustanden, weil sie Menschen waren. Diese Rechte galten auch für sie, denn sie waren – und sind – unveräußerlich. Kein Regime der Welt hat das Recht, sie ihnen zu stehlen. Jedes Mitglied der UNO hat das in der „Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte“ unterschrieben. Darauf haben sich die Menschenrechts-Aktivisten in der DDR-Diktatur wieder und wieder berufen.

Für Regime wie das der SED waren solche Unterschriften indes unbedeutend. Hätten sie sich an ihre durch Unterschrift gegebenen Versprechen gehalten, sie hätten ihre Macht eingebüßt. So wurde Recht zu Unrecht. Die Machthaber in der DDR haben das Recht gebogen – zu ihren Gunsten. Das Unrecht war das System und das Recht der Willkür des Totalitarismus unterworfen.

Gleiches ist nicht erst jetzt in Russland, der Volksrepublik China und in Hongkong  zu beobachten. In Belarus und Ecuador sehen wir mit an, wozu Diktatoren fähig sind, wenn ihnen nicht Einhalt geboten wird. Mitten in Berlin wird ein politischer Mord begangen, und in Russland versucht man, politische Gegner zu vergiften. Das alles geschieht, ohne dass eine angemessene und für die vermuteten Täter spürbare Reaktion erfolgt. Selbst mitten in Europa ignorieren Mitglieder der Wertegemeinschaft EU fundamentale Rechte ihrer Bürgerinnen und Bürger. Auch dies geschieht, ohne dass sich dagegen echter Widerstand regt, der echte Folgen für die Verletzung von Menschenrechten hätte. So kann sich die Geschwulst des Unrechts weiter ungestraft  ausdehnen.

Die unerschrockenen Widerstandskämpfer in der DDR und Ost-Berlin mahnen uns, uns der Werte liberaler Demokratie wieder bewusst zu werden, sie zu verteidigen und für sie zu kämpfen. Nicht nur für uns, sondern vor allem für die, denen jene Freiheiten vorenthalten werden, die wir als selbstverständlich erachten – was sie nicht sind. Ohne Freiheit gibt es keinen echten Frieden, denn dann tun Diktatoren das, was sie am besten können: sie unterdrücken.

Niemand muss in der Diktatur leben, um zu begreifen, was sie für Menschenrechtler bedeutet. In diesen Tagen rund um den 30. Jahrestag der Wiedervereinigung fehlt die Auseinandersetzung mit unserem eigenen, politischen wie persönlichen Verhalten gegenüber Diktaturen. Dabei wären diese Tage des Erinnerns und Gedenkens ein guter Anlass dafür.

 

 

 

 

Thomas Schwarz (1957) ist Journalist und Buchautor. Soeben ist sein Buch „Wo Recht zu Unrecht wird | Begegnungen mit der Staatssicherheit der DDR“ mit einem Geleitwort von Rainer Eppelmann im Bonner Bouvier-Verlag erschienen.

 

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