ARTENSTERBEN – IM TOTEN WINKEL VON WISSENSCHAFT UND POLITIK

Helmut Stahl plädiert nachdrücklich für mehr Achtsamkeit vor der Vielfalt der Natur, die kein Supermarkt ist, aus dem wir uns nach Belieben bedienen können,  sondern Demut erfordert, um unseren Nachkommen das Überleben zu sichern.

 

Helmut Stahl

Artensterben – im toten Winkel von Wissenschaft und Politik

Insekten – wer weiß darum? Allenfalls lästig – am Pflaumenkuchen im Sommer oder am Oberarm als Stechmücke. Aber es geht auch anders: Der erste Zitronenfalter als Frühlingsbote oder die hübsche Frühe Adonislibelle als Künderin wärmerer Tage. Allerdings gewähren beide Impressionen einen nur winzigen Einblick in ein hochkomplexes Thema: 70 % aller Tierarten in Deutschland sind Insekten. Und sie sind unverzichtbare Dienstleister: 75 % unserer Nutzpflanzen und 90 % aller Wildpflanzen sind angewiesen auf Bestäuber. Keine Insekten – keine Früchte. Und ohne Insekten, die andere Insekten kleinhalten, somit zum biologischen Gleichgewicht beitragen, noch mehr Gift auf Felder oder Vorgärten.

Das „Insektensterben“ hat es tatsächlich in die Schlagzeilen geschafft. Die professionelle Wissenschaft bestätigte im Herbst des letzten Jahres dramatische Erkenntnisse fleißiger „Civil scientists“. Hobby-Insektenforscher haben in langjähriger Kärrnerarbeit ermittelt: Seit 1990 sind in Schutzgebieten(!) vorkommende Insekten auf 25 % ihres damaligen Bestandes geschrumpft, also um 75 %! Das vernehmend, erinnern ältere Autofahrer ihr Front-Scheiben-Problem früherer Jahre. Damals mussten diese von zerplatzen Insekten regelmäßig gereinigt werden. Heute geht es derohne.

Das „Insektensterben“ hat viele Menschen geschockt. Ganz tief in uns steckt wohl die Erkenntnis, dass das nicht gut sein kann. Schockierend auch: Dieser Einbruch von Insektenpopulationen ging weitgehend unentdeckt an der einschlägigen Wissenschaft sowie an der Politik vorbei. Da hat niemand Alarm geschlagen und „Civil scientists“ werden gern überhört.

Das muss erschrecken! Da implodieren lebenswichtige biologische Systeme im toten Winkel von Wissenschaft und Forschung. Ursachenfindung wird der Spekulation und wechselseitigen Schuldzuweisungen überlassen. Nicht-interessengeleitete, verlässliche Informationen fehlen ebenso wie Monitoring-Systeme, durch die Fakten und Trends ermittelt und in die öffentliche Diskussion gestellt werden. Das ist blamabel für die deutsche und europäische „Wissensgesellschaft“.

Hinzu kommt: Mit der Artenvielfalt implodiert gleichzeitig die Zahl der Menschen, die mit fundierten Artenkenntnissen und aufmerksamem Blick Natur beobachten und idealerweise kartieren. Es bricht Kompetenz weg, die dringend benötigt wird. Da mag ein lauter Ruf an die Politik angebracht sein. Der ist sicher nötig, jedoch leicht daher gesagt folgenlos. Ohne ein Aufmerken in Parteien, Ministerien oder Forschungsinstitutionen werden die zu erwartenden Probleme und Krisen nicht abwendbar sein.

Da erfreut, dass erstmals der „Schutz der biologischen Vielfalt“ Eingang in einen Koalitionsvertrag gefunden hat! Zwar darin in der Bedeutungsmächtigkeit eher unter „Was sonst noch wichtig ist …“ einzuordnen – aber immerhin. Vor allem der angekündigte Aufbau eines „wissenschaftlichen Monitoringzentrums zur Biodiversität“ weckt Hoffnung – denn es mangelt an Wissen und Verstehen von Ursachen und Wirkungen. Skepsis wird hingegen durch die Erfahrung des „Zerwaltens“ in Ressorts-Reibereien genährt.

Denn es ist ja nicht so, als würde Naturschutz nicht lebhaft diskutiert und normiert. International werden Vereinbarungen geschlossen. Die Europäische Union erlässt Richtlinien, die zumeist schleppend und unter lautem Gemaule mächtiger Lobby-Gruppen möglichst bis zur Wirkungslosigkeit verwässert irgendwann „umgesetzt“ werden. „Much to do about nothing“ (Shakespeare).

So „vermaist“ die Landschaft, „versteinern“ Vorgärten, sorgen Pflanzen- und Insektenschutzmittel flächendeckend für „geordnete Verhältnisse“. Dass Insekten verschwinden, Vögel verhungern, die Artenvielfalt der Vielfalt verlustig geht und die Natur immer schneller aus dem Gleichgewicht gerät, wird weder als Problem thematisiert noch wirkungsvoll angegangen. Das „Wettrüsten“ gegen Natur und Artenvielfalt geht in immer neue Runden. Ein Teufelskreis, welcher fast alle gefangen hält und Krisen wahrscheinlich macht.

Mich regt das auf und ich finde das, was sich hier anbahnt, bedrohlich. Menschen, denen das ähnlich ergeht, werden oftmals als „Grüne“ oder Romantiker gelabelt. Das ersetzt Auseinandersetzungen in der Sache. Ich schätze: mit Herbert Gruhl wäre es der großen Volkspartei besser ergangen als ohne. Irgendwann suchen sich substanzielle Probleme ihre Lösung – politisch wie sachlich.

Von dem Nobelpreisträger Crutzen wissen wir, dass wir im Anthropozän leben. Menschen-Handeln hat nicht nur die Dimension Klimawandel, den erträglich zu gestalten als Lebens- und Überlebensfrage erkannt ist. Der andere, weitgehend unerkannte, dennoch ebenso bedeutsame Problemkreis ist der menschengemachte Verlust an Artenvielfalt in Flora und Fauna. Damit verschwinden unwiederbringlich Pfeiler biologischer Stabilität, Grundlagen und „Blaupausen“ des Lebens.

Als nachdenklicher, eher konservativer Mensch frage ich mich ab und an nach Gründen für die strukturelle Rücksichtslosigkeit gegenüber der Natur. Dabei bin ich überzeugt, dass wir eine intakte Natur mehr brauchen als die Natur uns. Aus der Erdgeschichte wissen wir, dass die Natur durch Anpassung mit allen Zuständen zurechtkommt. Wir nicht.

Vielleicht liegen Gründe in menschlichen Allmacht-Fantasien, die sich im Siegeszug moderner Naturwissenschaften eingestellt haben. Nach meiner Wahrnehmung betreiben wir mit Newton, Leibniz oder Galilei beginnend Sciences seit dem 17. Jahrhundert, also seit rund 300 Jahren. In dieser vergleichsweise kurzen Zeitspanne hat es unser Leben revolutionierende Erkenntnisse und Innovationen gegeben. Soviel Fortschritt gab es zuvor nie. Und ein Ende ist unabsehbar – im Gegenteil. Aktuell vermitteln Catchwords wie Digitalisierung oder 4.0 – deren Begründung und Ableitung schier unübersehbare Ausmaße erreicht – Ahnungen für ein wiederum kolossal verändertes Leben in bereits naher Zukunft.

Was jedoch weder J.Rifkin oder Y.N.Harari noch sonstige – lesenswerte! – Apologeten einer neuen Zukunft reflektieren ist: Menschen bleiben auf eine ihnen Leben ermöglichende Natur und Umwelt angewiesen. Ohne deren Einbeziehung fehlt der Zement in den Fundamenten von Zukunftsentwürfen.

Und viel zu wenig wird bedacht, wie lächerlich kurz die 300 Jahre im Verhältnis zu den Jahrmillionen sind, welche die Natur Zeit hatte, optimal angepasste Lebensformen zu entwickeln. Alles, was heute lebt, ist „Krone der Schöpfung“ – sonst wäre es wegevolutioniert! Wir stehen wissenschaftsgeschichtlich nicht am Ende einer Entwicklung, sondern eher am Anfang. Auch in 100 Jahren wird es – c.p. – noch bahnbrechende wissenschaftliche Erkenntnisse geben. Aufgrund der langen Vorlaufzeit zur Entwicklung bestmöglicher Lösungen durch die Natur gibt es noch viel mehr zu entdecken als bereits entdeckt ist! Wenn wir nicht daran glaubten, könnten wir die Natur-Wissenschaften abschaffen.

Daher ist es höchste Zeit, unseren Umgang mit der Natur unter der Perspektive Biodiversität neu zu denken. Dann gewänne „Schöpfung bewahren“ eine handlungsleitende Bedeutung. Nötig ist eine Renaissance des „von der Natur lernen“. Ein Großteil dessen, was etwa Medizin oder Pharmazie im Arsenal haben, ist naturbasiert. Damit wäre die Biodiversitätsfrage nicht „nur“ eine abstrakte Menschheits-Frage, sondern zugleich eine sehr menschlich individuelle!

Nachhaltig und achtsam im Hinblick auf die Vielfalt der Natur zu wirtschaften ist fundamental. Dabei könnte eine Anleihe nehmen am „Ordo“ Sozialer Marktwirtschaft zielführend sein. Sie hat sich außerordentlich bewährt. Heute gehört „Achtsamkeit vor der Vielfalt der Natur“ in den Ordnungsrahmen, in dem sich wirtschaftliches Handeln vollzieht. Die Natur ist kein Supermarkt, aus dem wir uns nach Belieben bedienen können und der sich jede Nacht von allein wieder füllt. Ein Stück Demut vor der Natur in unser Leben einbauen hilft uns und unseren Nachkommen beim Überleben.

Die Generation meiner Kinder – geboren Ende der 70ger/Anfang der 80ger Jahre – ist mit Themen erwachsen geworden, welche die Zukunft unseres Planeten betreffen. Hier ist neues Bewusstsein gewachsen, das demokratische Wahlen zukünftig mitentscheiden wird. Alfred Müller-Armack – der wohl prägendste Kopf des Konzeptes Sozialer Marktwirtschaft – hat in den 50ger Jahren mit dem Begriff „Irenische Formel“ die Versöhnung einander widerstreitender Ideale und Ziele als Stil der neuen Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung charakterisiert. Eine um die „Achtsamkeit vor der Vielfalt der Natur“ erweiterte „Irenische Formel“ könnte da heute ein Angebot sein!

 

Helmut Stahl (1947), Diplom-Volkswirt, Staatssekretär a.D., Mitglied des Landtages NRW von 2000 – 2010, davon die Zeit ab 2005 Vorsitzender der CDU – Landtagsfraktion, seit März 2017 Präsident der Alexander-Koenig-Gesellschaft (Förderverein des Zoologischen Forschungsmuseums Koenig in Bonn), Hobby-Ornithologe und stv. Vorsitzender der Nordrhein-Westfälischen Ornithologengesellschaft.

6 Antworten zu “ARTENSTERBEN – IM TOTEN WINKEL VON WISSENSCHAFT UND POLITIK

  1. Georg Fenninger

    Der Beitrag von Helmut Stahl macht noch einmal nachdenklich. Hier muss aktiv gegengesteuert werden und jeder hat die Möglichkeit dabei mitzumachen!

  2. „ein paar Mücken weniger im Sommer, ist gut oder?“
    Das Problembewusstsein ist bei den meisten Wählern wenig ausgeprägt, es erinnert mich ein wenig an spöttische Bemerkungen bei der Einführung der Hygienemaßnahmen in den Krankenhäusern vor gut 100 Jahren. Hier eine Analogie zu sehen, mag überzogen sein, aber wir wissen nicht, wie es ausgehen wird.
    Politiker werden so nicht unter Druck gesetzt; damit bleibt es bei der gewohnten Interessen- und Lobbyarbeit. Der baden-württembergische Landwirtschaftsminister kommentierte z.B. laut Stuttgarter Zeitung vom 22.3.18 den vom Nabu erstellten Pestizidbericht folgendermaßen:
    „Da seien Zahlen des Bundes heruntergerechnet worden, die nichts aussagen. Der Nabu verunglimpfe die Bauern zu Unrecht als „Giftspritzer“. Für eine Datensammlung über den Pestizideinsatz der Bauern, wie sie der Nabu wolle, fehle eine Rechtsgrundlage. Im übrigen glaube er nicht, ‚dass die Landwirtschaft ursächlich für das Artensterben ist.'“
    Von der Polemik mal abgesehen, klingt das nicht so, als wenn er bereit wäre, seine Meinung anhand von Forschungsmaßnahmen überprüfen zu lassen.

    Untersuchungen müssen viel mehr liefern als nur Bestandserhebungen. Zur Forschung könnten auch Vergleiche mit, sagen wir, Frankreich oder Polen gehören.

    Am stärksten fühle ich mich in Helmut Stahls Beitrag von folgendem Satz angesprochen: „Mich regt das auf und ich finde das, was sich hier anbahnt, bedrohlich.“
    Mir geht es auch so!

  3. Werner Feltens

    ….und wann wird im Bereich der politisch Verantwortlichen dieser Horror des Artensterbens endlich diskutiert?

  4. Ruth Moenikes-Peis

    Menschen, denen das Insektensterben egal ist, oder die die Ausrottung der vermeintlichen Lästlinge sogar begrüßen, sollten überlegen, ob sie einen „stummen Frühling“ wollen – ohne Gezwitscher und Gesänge unserer einheimischen Avifauna, deren meiste Arten auf das Vorhandensein eines reichen Insektenangebotes angewiesen sind. Selbst Vögel, die ausgewachsen hauptsächlich vegetarisch leben, brauchen die proteinreichen Insekten zur Aufzucht ihrer Jungen.

  5. Wolfgang E. Melenk

    Ich beobachte seit einigen Jahren die abnehmende Anzahl an möglichen Bestäubern heimischer Orchideen.
    Einige Orchideen-Arten behelfen sich autogam um Samen zu erstellen; andere verschwinden – lautlos – in einigen Jahren.
    Waldeinschlag, Drainage von Rest-Mooren, Düngung von Anrainer-Feldern und fehlende Pflegemaßnahmen fördern den negativen Trend.

  6. Alles Geschreibsel nutzt nichts, wenn nicht tatkräftig mitgeholfen wird. Solange in einer Eisdiele draußen auf jedem Tisch Fliegenklatschen liegen, scheint die Aufklärung nichts zu nutzen. Solange Glyphosat gespritzt werden kann und nicht nur das, sondern die Obstplantagen Insektenfrei sind und in China inzwischen die Blüten von Menschen mit Wattetupfer bestäubt werden und das Buch „Der stumme Frühling“ nur von Insidern gelesen wird, sehe ich schwarz um unsere Enkel.

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