WAS POLITIKER SO ANRICHTEN

Elke Tonscheidt, die Peter Hintze in zwei Wahlkämpfen als Sprecherin begleitete, findet es billig über „den“ Wahlkampf herzuziehen. Alle, die ihn noch nie machen mussten, sollten erst mal in die Lage kommen, um ihn wirklich zu beurteilen. Hier ihre Beobachtungen in 2017.

Den folgenden Text können Sie hier ausdrucken.

Elke Tonscheidt

Was Politiker so anrichten

Der Bitte, den Wahlkampf 2017 zu beurteilen, komme ich gern nach. Zum einen weil ich zwei Wahlkämpfe vor Ort in einer Parteizentrale miterlebt habe. Damals, als Bonn noch Bundeshauptstadt war und in einem der Wahlkämpfe rote Socken plakatiert wurden. Zum anderen, weil ich als Studentin meine Magisterarbeit über Wahlkampfstrategien habe schreiben dürfen.

Damals, in den 80er, habe ich verglichen, wie sich wahre Polit-Schlachtrösser argumentativ auseinandersetzten. Mit großen Themen wie dem inneren Frieden Deutschlands und in Fernsehsendungen, wo Politiker minutenlang ausreden konnten. Ich empfehle es gerade denen, die viel jünger sind als ich und diese Zeit nicht miterlebt haben, sich das anzuschauen. Wenn Brandt, Genscher, Kohl, Schmidt oder Strauß aufeinander trafen, das war Politik pur. Heute verlassen Politikerinnen die Show, wenn sie sich ungerecht behandelt fühlen und treten per Twitter nach. Gesprächskulturen sagen viel aus, wenn man Menschen und ihre inszenierten Inhalte betrachtet.

Wahlkampf 2017, hier meine Beobachtungen, bewusst in 6 schneller konsumierbare Häppchen zusammengefasst:

  1. Humorlose Plakatwerbung

Es gibt noch immer Kandidatenplakate, mal mehr, mal weniger vorteilhaft. Gelungen die Idee der Heute-Show zu drohen, auch die CDU mache Plakate a la FDP… Ich behaupte: Die CDU hätte Humor bewiesen, ein solches Plakat wirklich aufzuhängen, und wenn es nur eines gewesen wäre. Viele Plakate wirken auf mich immer wieder so, als wollten sich die Wahlkämpfer während ihrer Arbeit selbst Mut zusprechen…

  1. Digitalisierung vor allem Thema der FDP

Das Thema Digitalisierung bewirbt die FDP besonders stark – und bietet deshalb besonders viele Inhalte digital an. Wahlwerbung so mundgerecht wie möglich: per Push über Twitter, WhatsApp, Facebook Messenger oder als Podcast. Interessant, wie die Generalsekretärin ihre Strategie erläutert. Ich behaupte: Auch wenn Umfragen aussagen, viele Wähler würden sich nicht von social media beeinflussen lassen – unterschwellig tut sich da enorm viel. Das arbeitet auch eine Doku von phoenix heraus zum Thema Wahl und Netz!

  1. Man muss politische Inhalte auch lesen!

Der Appell an Politiker, dem Wähler die Wahrheit zu sagen, trifft auch mein Gerechtigkeitsgefühl – wirklich machbar scheint es mir in unserer Mediendemokratie leider nicht. Ich behaupte: Daran sind wir nicht unschuldig. Wie viel Zeit geben wir Politikern, ein Argument länger auszuführen? Eine oder fünf Minuten – was, länger? Die Mehrheit dreht doch schon an der Supermarktkasse durch, wenn es mal länger dauert und das auf Kosten unserer Zeit geht! Wie soll ein Politiker im Straßenwahlkampf z.B. erläutern, wie mehr Gerechtigkeit entstehen soll – wenn es uns wichtiger ist, schnell aufs heimische Sofa zu hechten um abzuschalten? Die Inhalte sind alle da, sie können jederzeit konsumiert werden, WENN man sich bewusst für Politik entscheidet.

  1. Martin Schulz und Kongruenz in der Politik

Selbstverständlich gibt es Experten, die komplexe Sachverhalte runterbrechen können. Medienberater, oft selbsternannt, säuseln ihren Kandidaten verlockende Sprengsätze in die Ohren – ob sie diese brauchen oder nicht. Kongruenz ist ein Thema, das die Politik nicht gut beherrscht. Da werden Bilder aufgebauscht, die Politiker gar nicht erfüllen können. Auch deshalb stürzte Martin Schulz so ab. Und ob sich Herr Lindner in der Rolle als Dressman wohl fühlt? Und wenn ja, was heißt das für die Politik? Dennoch stechen die Liberalen aus dem Einheitsbrei der Plakate heraus, weshalb ich sie nicht verkehrt finde.

  1. Angela Merkel und die Schlaftablette

Ich behaupte: Angela Merkel ist auch deshalb glaubwürdig, weil sie heute sie selbst sein kann. Vielleicht auch langweilig, wie ihre Gegner sagen. Jedenfalls hat sie sich 2015 nicht beirren lassen, als es darum ging menschlich zu handeln und sie hat jenen Paroli geboten, die – bevorzugt in Bayern – versuchten, sie gönnerisch herabzusetzen. Ja, es polarisiert weniger, wenn man gelassen ist. Der Kanzlerin das zum Vorwurf zu machen, verkennt die deutsche Mentalität, die sich politisch nicht nach Klamauk sehnt. Das wusste schon der ganz Alte: Keine Experimente. Natürlich müssen Probleme angepackt werden, doch können die Herausforderungen unserer Zeit nur mit Ruhe bewältigt werden. Den Wahlkampf von Angela Merkel mit der Wirkung einer Schlaftablette zu vergleichen, wie das eine Journalistin jüngst tat, ist grotesk.

  1. Lebendige Demokratie versus heiliger Stille

Dennoch wünschen sich gerade politisch interessierte Menschen andere Wahlslogans als jene, die ein Deutschland beschwören, „in dem wir gut und gerne leben“. Solche Sätze klingen wie eine Beleidigung. Wähler sind klüger als mit solchen Gemeinplätzen konfrontiert zu werden. Mehr noch ärgert mich jedoch, wenn Wähler bewusst das schlecht reden, was Deutschland ausmacht: eine lebendige Demokratie zum Beispiel. Ja, auch ich wünsche mir mehr Diskussion (und zettle sie stets an, nicht immer zur Freude anderer). Aber das, was z.B. Cora Stephan kürzlich in der NZZ veröffentlichen konnte, ist ätzend. Nur ein Satz: Wahlen, schreibt die Autorin, habe „die Kanzlerin zur «Feier der Demokratie» erklärt, weshalb heilige Stille herrscht.“ Was soll dieser Rückschluss? Wird nicht immer dann die Kritik des „Sichdurchwurstelns“ laut, wenn die Bürger (und nicht die Politiker) sich entweder verängstigt zeigen oder sich lieber gar nicht darum scheren, was politisch getan werden muss? Dass Deutschland mit Angst regiert würde, ist in meinen Augen jedenfalls absoluter Käse.

Apropos Käse: Wer sich mehr an die Politiker alten Stils erinnern möchte, kann dies im Kochbuch „Was Politiker so anrichten“ tun!

 

Elke Tonscheidt (1967) war 1992 – 1998 Pressesprecherin der Bundes-CDU in Bonn und 1998 – 2000 Sprecherin der Konrad-Adenauer-Stiftung in Berlin.. Sie gründete 2000 in München ein Start-Up und erst 2010 in Köln eine eigene Familie. Heut bloggt sie auf diversen Seiten im Netz, u.a. auf www.ohfamoos.com, einem Blog über „voll das gute Leben“, den sie mit drei Frauen aus aller Welt betreibt.

Eine Antwort zu “WAS POLITIKER SO ANRICHTEN

  1. Gemeinplätze als Slogan zu verwenden, habe ich bei einem früheren Landesparteitag der oedp kritisiert. Ich finde: Mensch vor Profit ist eine klare Aussage. auch wenn sie vielen nicht gefällt.

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