EVANGELISCH ODER PROTESTANTISCH

Wibke Janssen fragt nach der konfessionellen Identität  und geht den Begriffen „evangelisch“ und „protestantisch“ auf den Grund.

Den folgenden Beitrag können Sie hier ausdrucken.

Wibke Janssen

Evangelisch oder protestantisch – Wie hast du’s mit der Konfession?

Status confessionis

Hand aufs Herz: Was sind Sie eigentlich? Evangelisch oder protestantisch?

Sind Sie katholisch, orthodox, freikirchlich oder …? Welchen Ausdruck wählen Sie, um Ihre konfessionelle Identität auszudrücken? Sie gehören keiner Konfession [mehr] an? Die Frage betrifft Sie trotzdem, denn konfessionell bedingte Prägungen in Arbeitsmoral, Sprachduktus und Gemütsdisposition wirken über den Kirchenaustritt und Generationen hinweg.

Der 31. Oktober 2016 als Auftakt des Festjahres „500 Jahre Reformation“ in 2017 bietet einen guten An­lass, den Bezeichnungen „protestantisch“ und „evangelisch“ aktuell nachzuspüren. Eine Sensibilisierung für „evangelisch“ und / oder „protestantisch“ lohnt sich und ist mehr als bloße Haarspalterei.

Evangelisch oder protestantisch, die Frage ist nicht neu und hatte durchaus das Zeug zum Politikum. 1821 ordnete der preußische König Friedrich Wilhelm III. für die von ihm geförderten Kirchengemeinden an: „Die Benennung: Protestanten, protestantische Religion für die Bekenner und das Bekenntnis der evangeli­schen Lehre ist mir stets anstößig gewesen; sie gehört der Zeit an, in welcher sie aufkam. Das Evangelische Glaubensbekenntnis gründet sich lediglich auf die heilige Schrift, der Name muss also davon ausgehen. Im gemeinen Leben lässt sich eine altgewordene Benennung schwerer vertilgen, im Geschäftsstil aber, bei der Zensur von Druckschriften und der öffentlichen Blätter soll darauf gehalten werden, die Benennung evange­lisch statt protestantisch, Evangelische statt Protestanten zu gebrauchen, weil eben dadurch der alte, unpas­sende Name nach und nach verschwinden wird.“

Friedrich Wilhelm III. bewies ein gutes Gespür für die Beharrlichkeit von Sprachregelungen. Auch heute noch kommen ‚im gemeinen Leben‘ beide Ausdrücke vor. Gleiches gilt allerdings für den ‚Geschäftsstil‘, für ‚Druckschriften und öffentliche Blätter‘. „Evangelisch“ und „protestantisch“ können, – auch laut Duden,- synonym genutzt werden.

Dem Volk aufs Maul schauen!

„Evangelische Kirche in Deutschland (EKD)“ heißt es und die meisten Landeskirchen und einige Freikir­chen folgen dieser Diktion. Zum Evangelischen Gesangbuch gesellt sich das Evangelische Gottesdienst­buch. ‚Chrismon‘ und ‚zeitzeichen‘ erklären sich im Untertitel als evangelische Magazine, wir haben einen ‚epd‘ und keinen ‚ppd‘. Es gibt evangelische Krankenhäuser und Kindergärten. An Schulen wird Evangelische Religionslehre erteilt und ein aktuelles Buch untersucht „Das evangelische Pfarrhaus“.

Das Adjektiv „protestantisch“ findet sich seltener als „evangelisch“, dafür wird das Nomen „Protestantis­mus“ häufig genutzt. Friedrich Wilhelm Graf untersucht wissenschaftlich dessen Geschichte und Gegenwart und Friedrich Schorlemmer postuliert in einem ‚großen Buch des Denkens und Glaubens‘ „Was protestan­tisch ist“. Es klingt konfessorisch, wenn Heiner Geißler aktuell zum 31.10.2016 titelt „Jeder gute Katholik ist auch protestantisch“ oder wenn der Astrophysiker und Fernsehmoderator Harald Lesch formuliert: „Ich bin von Scheitel bis Sohle Protestant“.

Lassen sich gemeinsame Merkmale der Phänome feststellen, die heute jeweils mit „evangelisch“ oder „pro­testantisch“ bezeichnet werden? Sie könnten mit der Entstehungsgeschichte der Begriffe zusammenhän­gen.

Wes Geistes Kind?

„Evangelisch“ leitet sich von Evangelium ab, der ‚guten Botschaft‘ Jesu Christi. Sprachgeschichtlich lässt sich der Ausdruck im Bereich der Theologie ab dem 11. Jahrhundert nachweisen. Martin Luther nimmt ihn im Sinne von ‚bibelorientiert‘ auf und er wird weniger von Luther als von anderen Flugschriftenautoren sei­ner Zeit bald auch als durchaus streitbarer Name für die eigenen Reihen genutzt. ‚Evangelisch‘ profiliert sich also aus der Begründung und Herleitung der reformatorischen Bewegung, steht für das, was im späte­ren Verlauf der Reformation in das Schlagwort ‚sola scriptura‘ (‚allein die Schrift‘, d.i. die Bibel) gefasst wird. Evangelisch als Selbstbezeichnung ist in dieser Linie eine schlüssige Konsequenz.

Der Begriff „protestantisch“ kommt aus dem juristisch-politischen Bereich und hängt an der ‚Protestatio‘ der reformatorischen Bewegung auf dem Speyrer Reichstag von 1529. Die der reformatorischen Bewegung zugehörigen Reichsstände erhoben formal Protest gegen die Bestätigung des Wormser Edikts, das Martin Luther und seine Anhänger unter die Reichsacht stellte und ihnen jegliche publizistische Tätigkeit verbot. „Protestantisch“ entsteht als Bezeichnung einer religiösen und politischen Interessengemeinschaft. Es könn­te also sein dass der Begriff auch heute eher für Äußerungen der Kirchen ‚nach außen‘ genutzt wird.

So einfach ist es leider nicht: Auf der Steuerkarte, die der Zuordnung zu einer gesellschaftlichen Gruppe und nicht dem persönlichen Glaubenszeugnis dient, ist „evangelisch“ einzutragen. Es gibt das „Handbuch der Evangelischen Ethik“ und eine „Protestantische Predigtlehre“. Spätestens im europäischen Horizont (und auch global) taucht „protestant/e“ als Selbstbezeichnung von Kirchen der Reformation prominent auf.

Evangelisch oder protestantisch?

Vielleicht passt es zu den Christen, die zu Kirchen der Reformation gehören, dass sie sich als Einzige immer wieder zwischen zwei Begriffen für ihre Konfession entscheiden müssen. Die Freiheit und die Qual der Wahl entsprechen dem Ansatz Martin Luthers und anderer ReformatorInnen, dass der/die Einzelne sich mit seinem/ihrem Gott, mit dessen Zuspruch und Anspruch auseinandersetzen und für sein Sprechen und Han­deln eine persönliche Entscheidung treffen muss. Im Sinne der Begriffe selbst müsste dabei die Lust an der Varianz im fröhlichen Freiraum eigener Grenzen gegenüber der Last korrekter Begriffswahl deutlich über­wiegen.

Letztlich sind beide Begriffe innig und untrennbar verbunden. In pro-testieren steckt bei genauer Betrach­tung gar kein ‚gegen‘, sondern ein ‚pro‘, ein ‚für‘. Das französische Verb pro-tester bedeutet Zeugnis für et­was abzulegen, im geschilderten Fall für Jesus Christus und sein Evangelium. In diesem Sinne sind alle, die sich zu Jesus Christus bekennen, protestantisch und evangelisch zugleich, welcher Konfession auch immer sie angehören.

Dr. theol. Wibke Janssen (1965) ist Pfarrerin der Evangelischen Kirche im Rheinland und tätig an der Erz­bischöflichen Liebfrauenschule in Bonn (Religionsunterricht, Gottesdienste, Schulseelsorge) sowie Lehrbe­auftragte an der Evangelischen Fachhochschule in Bochum.

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