MEDIENMACHER IM DIGITALEN ZEITALTER

Elke Tonscheidt fordert positive Denkansätze für verantwortungsbewussten Journalismus in einer immer hektischeren Medienwelt.

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Elke Tonscheidt 

Medienmacher im digitalen Zeitalter

Früher war alles besser. Ich bevorzuge den Spruch so: Früher war vieles anders. Zum Beispiel ohne ‚diese Blogger’. Da gab es Journalisten, die fragten mich Löcher in den Bauch und anderntags stand es in der Zeitung. Ich schreibe das, weil ich früher Pressesprecherin der Bundes-CDU in Bonn, später Pressesprecherin der Adenauer-Stiftung in Berlin war. Da wurde ich noch von freundlichen Sekretärinnen verbunden: „E.T., bitte übernehmen, der will was über die Bundesvorstandssitzung wissen …“ Und dann konnte man 12-18 Stunden später lesen, wie sauber ich eine Information vermittelt hatte. Manchmal hatte ich schlaflose Nächte, wenn zum besseren Verständnis etwas „unter drei“ gesagt wurde, was aber nicht gedruckt werden sollte…

Ja, früher. Ich schreibe hier von den 90er Jahren. Als Helmut Kohl noch aktiv war. Als sich die Email-Kommunikation aktiv in den Alltag drängelte – die politische Morgenlage aber noch von Printmedien geprägt war. Nach ausgiebiger Zeitungslektüre waren die Hände dunkelgrau gefärbt. Klar hatte man Deutschlandfunk im Radio gehört. Aber Blogs gelesen? Bitte was? Es reichte doch wirklich, wenn Praktikanten neuer Privatradios ihre Nase in Pressekonferenzen „hoher Tiere“ steckten. Und dann ernsthaft fragten: Wer ist denn der Typ da, der gerade redet?

Während ich das schreibe, flattert die Nachricht vom Tod Helmut Schmidts in meinen Facebook-Account. Ich halte inne. Der große Kanzler aus noch älteren Tagen. Der, über den am nächsten Tag die ZEIT schreiben wird: „Wie geht das – ohne ihn? Das Unwichtige vom Wichtigen unterscheiden, den Effekt von der Substanz, das Gefühlige vom Vernünftigen: Warum Helmut Schmidt so anders war …“

Zurück zur medialen Welt in 2015: Seit einigen Jahren gehöre auch ich zu den Bloggern. So richtig verstanden, was das ist, habe ich erstmals in Köln, als ich 2011 anfing, für den hyperlokalen Blog meinesuedstadt.de zu schreiben. Mittlerweile habe ich zudem einen eigenen Blog. Aber egal, wo man publiziert – eins ist immer von enormer Wichtigkeit: Dass man redlich bleibt, seine auch ganz persönliche Verantwortung kennt. Und hier sind wir wieder bei Helmut Schmidt, alten Werten und der – wie sagt man heute gern? – Achtsamkeit.

Redlich, achtsam? Damit meine ich so was wie aufrichtig, fair, auch ausgewogen. Denn ob Journalist, Blogger, Pressesprecher oder PR-Agentur: Man kann ja immer nur einen Ausschnitt der Realität bringen. Aber dieser sollte so wahrhaftig wie möglich sein. Nicht gefärbt von persönlichen Interessen. Das verstehe ich unter Medienverantwortung. Wichtig ist das dann, wenn es brenzlig wird und wenn Krisen den Alltag bestimmen. Da sind wir wieder bei Helmut Schmidt. Sinngemäß antwortet Peer Steinbrück in der ARD auf die Frage, was wohl Schmidt in der Flüchtlingsfrage geraten hätte: Er hätte, mutmaßt Steinbrück, nicht von einem Plan gesprochen, wenn er diesen noch nicht gehabt hätte.

Im Vergleich von damals zu heute ist klar: Die Zeit, die Politiker früher zur Vorbereitung von Informationen hatten, um diese dann wohldosiert unter die Medienleute zu geben, die hat sich drastisch verkürzt. Das Internet, Blogs, Twitter oder Instagram lassen grüßen. Umso mehr steigt die Verantwortung für das veröffentlichte Wort derer, die professionell Informationen verteilen! Kurz gesagt: Wenn sich heute jeder Hinz und Kunz im Netz ausprobieren darf – viele nennen das gern die dunkle Seite des Internets –, dann muss etablierter Journalismus besonders verantwortungsbewusst sein.

In der mittlerweile immer hitziger geführten Debatte über die Frage, wie viele Flüchtlinge unser Land vertragen kann, tun sich Brüche auf. Für mich erstmals seit der Wende spürbar, wird – das ist das Positive – wieder richtig politisch diskutiert … Da trauen sich – das ist das Negative – aber auch wieder politisch motivierte Brandstifter auf die Straße. Was mir persönlich mehr Angst macht als fremde Kulturen. Und da stellt sich einmal mehr die Frage, von welchen Werten sich Publizisten leiten lassen, wenn sie berichten.

Hier kommt ein neues Projekt aus „meiner“ Uni-Stadt Münster ins Spiel, das sich dem sogenannten konstruktiven Journalismus verschrieben hat. Es kommt als „lösungsorientiertes Online-Medium für die Fragen unserer Zeit“ daher und wird derzeit von drei jungen Wissenschaftlern aufgebaut. Mit dem erklärten Ziel, nicht die Welt retten zu wollen, aber echte Transparenz zu schaffen. Mehr noch, wie mir einer der Gründer, Dr. Bernhard Eickenberg, erklärt: „Wir setzen darauf, ein Verständnis zu vermitteln statt lediglich einzelne Infos zu transportieren. Und wir wollen das Denken, dass vor allem bad news good news sind, durchbrechen.“ Lösungsorientiertes Denken fördere die Eigeninitiative, sagt der promovierte Physiker, während Nachrichten, die stets Probleme schilderten, den Rezipienten oft ängstlich und mit einem Gefühl von Machtlosigkeit zurück ließen. „Da entsteht dann kein Mittun, da wird eher Apathie gefördert.“

Oder, wie sich Bundespräsident Joachim Gauck bezüglich pessimistischer Äußerungen in der Flüchtlingsdebatte zitieren lässt: „Es werden Horrorszenarien für die Zukunft entwickelt. Und diese Horrorszenarien und diese negativen Stereotype haben alle eines gemeinsam: Sie entmächtigen uns.“

Ich wünsche mir mehr positive Denkansätze. Deshalb habe ich, die Bloggerin, die Initiative ‚Macht, Medien!’ gestartet. Gemeinsam mit rund 50 Erstunterzeichnern und vielen weiteren Mitstreitern appellieren wir an Medienmacher: Zeigt Euch gerade jetzt, wo unsere Gesellschaft in der Flüchtlingsdebatte und insbesondere seit den Pariser Anschlägen vor grundlegenden Veränderungen steht, noch verantwortungsbewusster. Weitere Unterzeichner können mitmachen! Wie, das steht im Blog. Ziel ist es, ein Manifest an Deutschlands Medienmacher zu formulieren: Um diese zu ermutigen, die verantwortungsvolle Berichterstattung gerade in Krisenzeiten wie heute zu verstärken.

Elke Tonscheidt (1967) bloggt auf www.ohfamoos.com über spannende Menschen und sinnvolle Projekte. 1992 – 1998 war sie Pressesprecherin der Bundes-CDU in Bonn, 1998 – 2000 Sprecherin der Konrad-Adenauer-Stiftung in Berlin. Von dort zog es sie 2000 nach München, wo sie ein Start-Up mit aufbaute. 10 Jahre später gründete sie in Köln ihre Familie, mit der sie heute in Düsseldorf lebt.

Mehr über das Projekt ‚Perspective Daily’

Mehr über die Initiative ‚Macht, Medien!’

 

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