UNSER NACHBAR AFRIKA

Thomas Schwarz kritisiert die Distanz zu ihrem Nachbarkontinent und fordert mehr christliche Verantwortung bei der Flüchtlingspolitik.

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Thomas Schwarz
Unser Nachbar Afrika
Christliche Verantwortung und politisches Versagen

„Afrika! Afrika!“ – Das Showprogramm des österreichischen Künstlers André Heller ist überwältigend, schreibt die „Rheinische Post“ dieser Tage. Angeblich vier Millionen Menschen haben sich an diesem Tanz- und Akrobatikspektakel ergötzt, weltweit. Noch bis zum April kommenden Jahres reist es derzeit quer durch Deutschland. Ob es auch in Hellersdorf Station macht? Angesichts tausendfacher Zwangsmigration an farbenfrohe und heitere Entspannung zu denken fällt nicht wenigen schwer.

Afrika ist unser Nachbarkontinent, welch euphemistischer Ausdruck. Es verschleiert die Realität. In Wirklichkeit ist Afrika ganz weit weg, für die meisten ein totales terra incognita. Dabei ist der kürzeste Weg zwischen Europa und Afrika nicht einmal fünfzehn Kilometer lang. Durch die Meerenge von Gibraltar würde man mit einem durchschnittlichen Motorboot vermutlich nicht einmal eine halbe Stunde benötigen. Das ist weitaus kürzere Reise als mit dem Boot von Festlandeuropa nach Großbritannien. Also sind uns die Afrikaner vielleicht doch näher als die Briten? Mitnichten.

Nachbarn sind uns die Afrikaner allenfalls physikalisch. Auf die Gefahr hin, Stereotypen zu bemühen: Ein Blick auf das Handeln der reichsten europäischen Staaten belegt uneindrucksvoll, dass grundsätzlich ökonomische Interessen kalt über die Menschenwürde gestellt werden. Dabei ist die Welt – auch dies ein längst abgenutztes und mithin wirkungsloses Wort – nur noch als globales Dorf denkbar. Während in deutschen Gemeinden, auch Pfarrgemeinden, gegenseitige Achtsamkeit und nachbarschaftliche Hilfe selbstverständlich sind, gilt dies im globalen Kontext ganz offensichtlich nicht.

Man stelle sich folgendes Szenario vor: eine fremde Familie käme in eines jener Dörfer. Sie wäre völlig mittel- und hilflos. Die Fremden besäßen nichts außer dem, was sie am Leibe trügen und weite Teile der Familie wären traumatisiert. Sie hätten Hunger gelitten oder wären politisch verfolgt gewesen. Sie hätten zuhause keinerlei Perspektive mehr gehabt. Sie wären in einer Dschunke über das Mittelmeer geflohen – in eine vermeintlich bessere Zukunft. Würden dann in jenem Dorf, in dem gute Nachbarschaft im besten Sinne seit Generationen groß geschrieben wird, die Fenster geschlossen und die Türen verriegelt? Kaum zu glauben. Irgend jemand würde fragen, was gewesen sei und wie man helfen könne. Oder würde man ihnen die Verordnung (EG) Nr. 343/2003 entgegenhalten, auch „Dublin II“ genannt. Das ist nicht vorstellbar.

Die Antwort auf die existentiellen Probleme unserer Nachbarn hält die Bibel bereit, hier: Leviticus 19, 33 und 34, wo es heißt: „Wenn ein Fremdling bei Euch wohnt in Eurem Lande… soll bei Euch wohnen wie ein Einheimischer unter Euch, und Du sollst ihn lieben wie Dich selbst.“ Das alleine ist die christliche Verantwortung. Und das gilt so lange, bis die reichen Staaten glaubhaft leisten, die Lage der Afrikaner vor Ort zu verbessern.

Alle Parteien führen Begriffe wie Gerechtigkeit, Solidarität und Freiheit in ihren Programmen. Aber nur zwei nennen sich selbst christlich: CDU und CSU. Wer die eigenen christlichen Werte verbal hoch hält und praktisch nicht (mehr) kennt, sollte sich nicht christlich nennen – nicht als Partei und nicht als Individuum. Es lässt sich prägnanter und womöglich weniger pathetisch ausdrücken, wie es ein ehemaliger US-amerikanischer Präsident getan hat: „Worte ohne Taten sind die Mörder des Idealismus.“ Es ließe sich hinzufügen: Sie wären Zynismus.

Thomas Schwarz (1957) arbeitet seit über acht Jahren für die internationale Hilfsorganisation CARE in Bonn für den Kommunikations- und CSR-Bereich. Vorher über zwanzig Jahre als Journalist, u.a. für RTL und die Deutsche Welle als Parlamentskorrespondent sowie als Chefredakteur zweier Radiosender. Zwischenzeitlich verantwortet er zwei Jahre lang die Bereiche Marketing/Kommunikation und Business Development für eine an der Wallstreet notierte Softwarefirma in Deutschland. Schwarz gründet einen eigenen Verein, um weiterführende Bildung in Asien und Afrika zu unterstützen.

3 Antworten zu “UNSER NACHBAR AFRIKA

  1. Bei einem Urlaub im südlilchen Afrika mit Kontakt zur einheimischen Bevölkerung unterhielt ich mich bei einer Bergtour mit dem Führer auf
    pidgin-Englisch. Als ich wegen der allgmeinen Entwicklung der Landbevölkerung au mangelnde Schulbildung hinwies, wurd emir genantwortet, das dies während der Kolonialzeit nicht möglich gewesen sei. Somit sie es den Ätleren auch nicht möglich gewesen, einen entsprechenden Beruf zu erlernen. Da die meitsten Regierungen Afrikas auf Grund von Kriegen mehr auf Verteidigung statt auf Bildung Wert
    legen würden, sei eine Änderung schwierig. Entwicklungshilfe sollte daher
    nicht den Regierungen, sondern der Landbevölkerung zugute kommen.
    Daher würde der Großteil dieser Hilfe keine Änderung bewirken.

  2. Afrika ist in den Köpfen unserer mitteleuropäischen Mitbürgern als notleidender, kriegerischer Kontinent immanent. Hunger, Elend, Flüchtlinge, Naturkatastrophen, Stammesfehden ergeben ein Kaleidoskop unangenehmer Asoziationen , die einen unbefangenen Umgang mit dem Kontinent erschweren. Hinzu kommt die Gewissenslast der Kolonialgeschichte. Deshalb sind solch aufklärerische Korrekturen unseres Afrika-Bildes so wertvoll und nützlich.

  3. Schön, dass es Sie gibt, Herr Schwarz.

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