DIE MÄCHTIGE KRAFT IN DEN SCHWACHEN

Pfarrer Gerald Hagmann setzt sich zum Osterfest mit dem Leiden Jesu und der Auferstehung auseinander.

Den folgenden Text können Sie hier ausdrucken.

Gerald Hagmann

Zum Osterfest:
Die mächtige Kraft in den Schwachen 

„Gott hat seinen Sohn nicht zur Versöhnung geopfert.“ Mit diesen Worten sorgte ein Superintendent in Südniedersachsen Anfang des Jahres für hitzige Diskussionen bei evangelischen und katholi­schen Christen ebenso wie auch bei Nichtchristen, die sich für religiöse Fragen interessieren. Im Rahmen eines Gottesdienstes und eines sich anschließenden Interviews mit der Hessischen/Nieder­sächsischen Allgemeinen Zeitung (HNA) erklärte der leitende Geistliche in der evangelischen Kir­che seine Distanz zur traditionellen christlichen Vorstellung, dass Jesus für die Sünden der Men­schen von Gott geopfert worden sei. Es übersteige seine Vorstellungskraft, „dass Gott zornig über die Menschen ist und sein Zorn lediglich durch ein Blutopfer an seinem eigenen Sohn befriedigt werden kann“, so der Superintendent. Und fügte hinzu: „Was für ein blutrünstiges Gottesbild.“ Von einem „Opferlamm“ zu sprechen, sei ein altes Bild, das übersetzt werden müsse.

Diese Aussagen wurden als Provokation empfunden und fanden enorme und heftige Reaktionen. Christliche und nichtchristliche Medien begannen ganz grundsätzlich darüber nachzudenken, wel­che Rolle ein geopferter Messias für die Christinnen und Christen einnimmt und nahmen es mitun­ter zum Anlass, die Bedeutung des Opfergedankens für Religionsgemeinschaften und die Gesell­schaft zu analysieren: Im Raum standen und stehen die Fragen, welche fatalen Konsequenzen das Bild des Sühneopfers der Weltreligion Christentum auf die Gesellschaft und den Weltfrieden hat.

Die Intensität der Reaktionen auf das Interview eines Superintendenten hat manchen verwundert, aber weder die Tatsache, dass der Sühneopfer-Gedanke Diskussionen auslöst ist neu, noch, dass eine kritische Haltung zu dieser zentralen Lehre des Christentums für Empörung aus den unter­schiedlichsten gesellschaftlichen Schichten sorgt. 2009 gab es eine ganz ähnliche Dis­kussion, eben­falls ausgelöst durch einen Superintendenten (i.R.), der im Rahmen einer Radioan­dacht im West­deutschen Rundfunk formulierte: „Ich glaube nicht, dass Jesus für unsere Sünden ge­storben ist.“

Die Diskussionen greifen noch weiter zurück: nicht nur in der Hoch-Zeit der Befreiungstheologie im vergangenen Jahrhundert wurde problematisiert, dass die Stärke der Schwäche eines Erlösers vielmehr im Akt der im Geschehen empfundenen Solidarität denn in der Notwendigkeit der Befrie­dung Gottes zu suchen sei: Seit alters her steht die Sühneopfer-Theologie, die schon in den Evange­lien (vgl. insbesondere Joh 1 und 3) sowie auch in den Briefen des Paulus angelegt und von Anselm von Canterbury entfaltet wurde in der Diskussion: mal mehr, mal weniger. Und in besonderer Weise seit dem so genannten Zeitalter der Aufklärung.

Anselm entfaltete im 11. Jahrhundert die Sühneopfer-Theologie als Satisfaktionslehre: Sie geht von der Annahme aus, dass Gottes Ehre durch den Sündenfall verletzt ist und eine Wiedergutmachung zwingend durch eine angemessene Gegenleistung notwendig ist, um eine gerechte Strafe zu verhin­dern. Diese nämlich könne angesichts der Schwere der Schuld nur in der Vernichtung der gesamten Menschheit wirksam werden. Die Opferung einzelner Menschenleben genügt dafür nicht. Die ein­zig denkbare Wiedergutmachung ist, dass Gott selbst die notwendige Strafe erträgt, indem er Mensch wird und die Strafe auf sich nimmt. Erst dieses unvorstellbar große Opfer vermag in der Lehre Anselms die Wiedergutmachung der unendlich großen Sünde der Menschheit und somit auch eine satisfactio zu leisten.

Seitdem ist das theologische Gespräch um die Bedeutung des Kreuzestodes und die kirchliche Frömmigkeit geprägt von der Anselmschen Lehre: Ein Spiegelbild davon sind alte und zum Teil auch neuere Kirchenlieder zur Passion, aus denen im Folgenden einige Ausschnitte wiedergegeben werden:

  • „Du wirst gegeißelt und mit Dorn gekrönet, ins Angesicht geschlagen und verhöhnet, du wirst mit Essig und mit Gall getränket, ans Kreuz gehenket. Was ist doch wohl die Ursach‘ solcher Plagen? Ach, meine Sünden haben dich geschlagen. Ich, mein Herr Jesu, habe dies verschuldet, was du erduldet. Wie wunderbarlich ist doch diese Strafe. Der gute Hirte leidet für die Schafe; die Schuld bezahlt der Herre, der Gerechte, für seine Knechte“ (Johann, Heermann 1630, GL 180)
  • „Da liegst du, wie vom Kreuz erschlagen, erschlagen von der Schuld der Welt. Hilf mir, im Abgrund nicht verzagen und hoffen, dass dein Kreuz mich hält. Herr, unsre Schuld hat dich verraten; sie ist’s, die dich in Schande stößt. Bedecke uns mit deinen Gnaden, da wir so schmählich dich entblößt. Du wirst, o Herr, ans Kreuz geschlagen, wirst hingeopfert wie ein Lamm; du hast die Schuld der Welt getragen bis an des Kreuzes harten Stamm.“ (Maria Luise Thurmaier 1959/1972, GL 185)
  • „O wir armen Sünder! Unsre Missetat, darin wir empfangen und geboren sind, hat gebracht uns alle in solche große Not, dass wir unterworfen sind dem ewigen Tod. Aus dem Tod wir konnten durch unsr eigen Werk nimmer werdn gerettet, die Sünd war zu stark; dass wir wurdn erlöst, so konnts nicht anders sein, denn Gotts Sohn musst leiden des Todes bittre Pein. So nicht wär gekommen Christus in die Welt und hätt angenommen unser arm Gestalt und für unsre Sünde gestorben williglich, so hätten wir müssen verdammt sein ewiglich. Sol­che große Gnad und väterliche Gunst hat uns Gott erzeiget lauterlich umsonst in Christo, seim Sohne, der sich gegeben hat in den Tod des Kreuzes zu unsrer Seligkeit. (Hermann Bonnus 1542, EKG 57)
  • „Ich, ich und meine Sünden, die sich wie Körnlein finden des Sandes an dem Meer, die ha­ben dir erreget das Elend, das dich schläget, und deiner schweren Martern Heer. Ich bin‘s, ich sollte büßen an Händen und an Füßen gebunden in der Höll; die Geißeln und die Bande und was du ausgestanden, das hat verdienet meinen Seel. Du nimmst auf deinen Rücken die Lasten, die mich drücken viel schwerer als ein Stein; du wirst ein Fluch dagegen verehrst du mir den Segen; dein Schmerzen muss mein Labsal sein. Du setzest dich zum Bürgen, ja läs­sest dich gar würgen für mich und meine Schuld; mir lässest du dich krönen mit Dornen, die dich höhnen, und leidest alles mit Geduld… Wie heftig unsre Sünden den frommen Gott ent­zünden, wie Rach und Eifer gehen, wie grausam seine Ruten, wie zornig seine Fluten, will ich aus diesem Leiden sehn. (Paul Gerhardt, 1647,EG 84, letzte Strophe vgl. EGK 64)

Die breite Bearbeitung dieser Lehre in den kirchlichen Liedern zeigt, wie intensiv sie in das prakti­sche kirchliche Leben integriert war und somit auch offensichtlich als lebensrelevant beurteilt wur­de. Dass es gerade im Bereich der Passionslieder viele Veränderungen des Liederrepertoirs und auch Liedtextveränderungen gegeben hat, zeigt , wie viel Diskussionsbedarf dazu besteht – das setzt sich fort in den eingangs erwähnten aktuellen Diskussionen – auch in der Presse.

Die Konzentration auf die Notwendigkeit des Leides wegen eines zürnenden Gottes stößt nicht nur bei den im Fokus der Öffentlichkeit stehenden Superintendenten auf, sondern auch bei Vertretern der universitären Theologie beider Konfessionen und auch bei hohen Repräsentanten zumindest der Evangelischen Kirche in Deutschland: Wolfgang Huber, der ehemalige Ratsvorsitzende der Evange­lischen Kirche in Deutschland, formuliert: „Jesu Kreuzestod ist nicht eine zwangsläufig ge­schuldete Sühneleistung zur Besänftigung eines zornigen Gottes, sondern eine aus Freiheit um der Liebe Gottes vollzogene Selbsthingabe“ (Wolfgang Huber, Der christliche Glaube: eine evangeli­sche Orientierung, Gütersloh 2008). Der Sinn von Kreuz und Auferstehung dürfe nicht „auf eine rechtsförmige Satisfaktionsvorstellung reduziert werden“. Auch der amtierende Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland hat formuliert, dass Gott kein Sühneopfer brauche, „denn es muss ja nicht sein Zorn durch unschuldiges Leiden besänftigt werden“ (vgl. Interview mit Nikolaus Schneider in chrismon plus. Rheinland. Das evangelische Magazin Ausgabe 04/2009).

Da eine unreflektierte Tradierung dieses traditionellen theologischen Gedankenguts aus den genann­ten Gründen ebenso wenig angemessen zu sein scheint wie eine resolute Ablehnung dieses zentra­len und biblisch begründeten Elements unserer Theologie, drängt sich die Frage auf, wie man die begründeten Vorbehalte gegen eine solche Lehre ernst nehmen kann ohne die Grundgedanken zu verwerfen. Ganz praktisch stellt sich im gelebten Glauben die Frage, ob und wie man die genannten Lieder, die Teil unserer Kultur geworden sind, mitsingen kann oder ob man sie verschweigt. Diese Antwort kann jeder nur für sich selbst geben: Ich kann sie mitsingen – allein aus einem einzigen Grund: Ostern. 

Das Kreuzesgeschehen ist ohne das Ostergeschehen weder erklärbar noch erträglich. Aus der öster­lichen Perspektive hingegen gelingt es mir, den Gedanken an unerträgliches Grauen zu ertragen. Die Vorstellung von einem leidenden Gott gelingt für mich nicht durch den Wert der Solidarität Gottes mit der leidenden Menschheit, sondern nur ergänzt durch den Gedanken, dass Gott dem Tod etwas entgegensetzt: Gottes Heil umfasst das Leid und den Tod. Und das gilt nicht nur für das histo­rische Geschehen der Handlungen Gottes im Leben Jesu.

Die entscheidende Botschaft des Osterfestes ist es, dass Gottes Kraft in den Schwachen und auch in der Schwäche mächtig ist (2. Kor 12,9). Dadurch dass Gott seinen Sohn auferweckt hat, zeigt er, dass selbst die tiefsten menschlichen Abgründe für Gott nicht unerreichbar sind. Es geht bei der Be­trachtung des Osterfestes als Neubeginn nach einer Zeit des Leidens wohl kaum allein um histori­sche Wahrheiten, um ein volles oder leeres Grab. Die Wirklichkeit der Geschichte lebt aus der Stär­ke, die Gott dem Verlorengeglaubten zumisst.

Und diese Stärke ist insbesondere bedeutsam im Blick nach vorn: Im zweiten Band des Werkes über Jesus von Nazareth führt Papst Benedikt XVI. die Überlegungen zur Auferstehung selbstre­dend nicht ohne Grund unter „Ausblick“ aus und stellt als Wirksamkeit des Osterfestes nach dem biblischen Buch der Offenbarung heraus, dass „Gott alle Tränen abtrocknen wird, dass nichts sinn­loses stehen bleibt, dass alles Unrecht aufgearbeitet und das Recht hergestellt wird“ (Jesus II 313). Die Heilsbedeutung des Kreuzes wird nur verstehbar durch das Osterfest.

Durch Kreuz und Auferstehung erfolgt die Versöhnung der Welt mit Gott (vgl. 2. Kor 5,19): Gott spricht sein Urteil, souverän, befreiend und vor allem zugunsten der Menschheit. Er bringt Recht und Gerechtigkeit in die Welt – und dessen dürfen sich insbesondere die Benachteiligten unserer Gesellschaft sicher sein. Denn Gott lässt den Gekreuzigten nicht im Tode (vgl. dazu auch Walter Kreck, Der Gekreuzigte als Sieger über den Tod. In: Die Zukunft des Gekommenen. Grundproble­me der Eschatologie, 148-164.). Das gilt auch noch heute.

Ostern wird damit auch zum Ja Gottes zu denen, die in der Bergpredigt des Matthäus-Evangeliums die Seligen genannt werden. Für die Benachteiligten unserer Gesellschaft ist das Zuspruch – und Anspruch ist es für Kirchen, Gesellschaft und auch die Politik.

Dr. Gerald Hagmann (1973) hat ev. Theologie in Münster und Bonn und studiert und ist Gemeindepfarrer im Kirchenkreis Bochum. Er ist theologischer Mitarbeiter der Initiative „Ökumene jetzt“, Sachverständiges Mitglied der Liturgischen Konferenz (Evangelische Kirche in Deutschland), Gottesdienstcoach (Evangelische Kirche von Westfalen), stellvertretender Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Bochum und Mitglied der Redaktion von kreuz-und-quer.de

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.