Christliche Verantwortung in anderen Zeiten

Prof. Dr. Thomas Sternberg

Vor 10 Jahren, am 5. September 2012, startete der Blog „kreuz & quer“ als „Diskussionsforum zum politischen Handeln aus christlicher Verantwortung“. Liest man die Themen nach, die damals auf der Agenda standen, zeigt sich die Dauerhaftigkeit politischer Fragen weit über die Kurzatmigkeit publizistischer Tagesdebatten hinaus. Damals wurden Themen aus dem Spektrum des Staatskirchenrechts, des Lebensschutzes und der Sozialordnung angesprochen, die nichts an Aktualität verloren haben: Beschneidung und Schächten, Kirchensteuer oder Kulturabgabe, Blasphemie und Grenzen der Kritik, Feiertage und Sonntagsschutz, Reichensteuer und Mindestlohn, Ehegattensplitting und Erziehungsgeld, Suizidassistenz. Ergänzt werden müssten sie durch die wieder aufflammende Debatte um den Schutz vorgeburtlichen Lebens, die immer drängender werdenden Fragen der Internationalen sozialen Gerechtigkeit und der Ökologie.

Durch profilierte Stellungnahmen sollen politische Positionierungen provoziert werden. Die Welt hat sich seit 2012 erheblich verändert. Die Konfrontation mit einer weltweiten Pandemie seit März 2020 führt uns die Grenzen der Machbarkeit deutlich vor Augen. Die Rolle der Kirchen in Staat und Gesellschaft hat sich drastisch verändert. Das zeigen bereits die Zahlen: In den letzten zehn Jahren hat sich die Zahl der Katholiken um 3,2 Millionen und der Evangelischen um 3,5 Millionen verringert, die der Angehörigen anderer Konfessionen und Religionen und Nichtgebundenen um fast dieselbe Zahl, um 7 Millionen, erhöht. Machten die Kirchenmitglieder vor zehn Jahren noch jeweils knapp 30 % der Bevölkerung aus, so ist der Wert nun auf gut, bzw. knapp 25 % gefallen. Und die katholische Welt hat sich seit 2013 durch den ersten nichteuropäischen Papst verändert, der so vieles infrage stellt, aufwirbelt, Debatten anstößt; freilich ohne Reformen auch in geltendes Recht zu gießen.

Gravierender ist der drastische Akzeptanz- und Vertrauensverlust, der durch die Aufdeckung des sexuellen Kindesmissbrauchs von Klerikern zu einer Erschütterung geführt hat, deren Auswirkungen kaum abzuschätzen sind. Das alles geht einher mit dem Aufbrechen eines gravierenden Ärgers im kirchlichen Kernbereich durch vierzig Jahre verschleppte Reformen und unterdrückte Debatten. Die Erkenntnisse einer interdisziplinären wissenschaftlichen Studie über Strukturen, die Missbrauch möglich machen oder ihre Vertuschung fördern, führte zu einem Reformprozess der katholischen Kirche in Deutschland, der auf Bitten der Bischofskonferenz gemeinsam mit der Vertretung der katholischen Laien im ZdK seit Ende 2019 unter dem Namen „Synodaler Weg“ als Prozess abseits der kirchenrechtlich restriktiven Regeln mit großer internationaler Aufmerksamkeit und Wirkung abläuft. Die ersten inhaltlichen Abstimmungen im vergangenen September zeigten eine große Reformbereitschaft unter der breiten Mehrheit der Synodenmitglieder.

So wichtig dieser Prozess ist, um den Betroffenen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen und die zarte Pflanze Vertrauen zu pflegen und vielleicht wieder zu neuer Glaubwürdigkeit zu finden, dürfen die innerkirchlichen Debatten nicht den Blick auf die soziale und politische Verantwortung der Christen verstellen. Nach der Konstituierung des neuen Deutschen Bundestags hat das ZdK die Abgeordneten der demokratischen Parteien angeschrieben und auf eine Reihe von Themen hingewiesen, zu denen es in der kommenden Legislaturperiode seine Positionierungen in die Gespräche einbringen will. Die öffentliche Aufmerksamkeit ist allerdings immer mehr auf die Frage nach der immer noch häufig defizitären Missbrauchsaufarbeitung und innerkirchliche Fragen begrenzt.

Nicht zuletzt der Ausfall von Kirche und Theologie in den allgegenwärtigen Kommentaren zur Covid-19-Pandemie stellt die Frage nach der Bedeutung der Religion in aller Deutlichkeit. In dieser Situation glaubwürdig vom Trost des Glaubens sprechen zu können, markiert die Anforderungen an kirchliche Verantwortliche und demonstriert den Ansehensverfall der Kirchen, die zunehmend marginalisiert werden, und von Gläubigen, die in bisher unbekannter Weise an ihrer religiösen Tradition und der Kirche zweifeln oder verzweifeln und ihren Protest durch Austritt deutlich machen.

Die großen Veränderungsprozesse hat der Blog über zehn Jahre begleitet. Sein Redakteur war in dieser Zeit mit hohem Engagement der Mitarbeiter der Konrad-Adenauer-Stiftung Dr. Stephan Eisel, Politik- und Musikwissenschaftler, Kanzleramtsmitarbeiter, Bundestagsabgeordneter und Publizist in Bonn. Ihm gilt der herzliche Dank des Initiators des Blogs, Dr. Friedrich Kronenberg, und des Herausgeberkreises, zu denen die Ministerpräsidenten a. D. Prof. Dr. Bernhard Vogel, Dr. Erwin Teufel und Dieter Althaus sowie die Parlamentspräsidenten a.D. Alois Glück und Prof. Dr. Norbert Lammert gehören. Ich selbst durfte als deren Sprecher fungieren, ohne jedoch in die souverän von Stephan Eisel gesetzten Themen und die Gewinnung der Autorinnen und Autoren einzugreifen. Er wechselt nun in den Herausgeberkreis.

Nach zehn Jahren hat sich der Blog verjüngt. Nicht allein grafischer Auftritt und Lesbarkeit sind modernisiert, auch neue Personen sind beteiligt. Mit Patricia Ehret ist die Konrad-Adenauer-Stiftung prominent involviert: ihr und der Leitung der Stiftung ein herzlicher Dank für dieses Engagement. Und Dr. Christoph Braß, ehemaliger leitender Mitarbeiter im Bundespräsidialamt und Vizepräsident des ZdK ist in der Redaktion engagiert. Ich freue mich auf die Zusammenarbeit mit einem Freund.

Die Zeiten sind für die Durchsetzung politische Positionierungen aus christlicher Verantwortung nicht leichter geworden. Auch im Erneuerungsprozess der CDU wird die Frage der Definition ihres „Markenkerns“ eine gewichtige Rolle spielen. An Themen und Aufgaben mangelt es nicht. Umso mehr wünsche ich dem erneuerten Blog, den Dr. Klaus Mertes SJ mit einer Konzentration auf das eröffnet hat, was Kern und Grundlage unseres christlichen Engagements ist, viel Erfolg und spannende Debatten.


Prof. Dr. Thomas Sternberg (1952). Theologe, Literatur- und Kunstwissenschaftler, MdL NW a.D., Kulturpolitiker, langjähriger Direktor der Katholischen Akademie Franz Hitze Haus Münster, war von 1997 bis 2013 Sprecher für kulturpolitische Grundfragen des ZdK und von 2015 bis 2021 sein Präsident. Er ist Präsident der Kunststiftung NRW und Mitglied im Vorstand der Konrad Adenauer Stiftung. Er ist verwitwet und Vater von fünf Kindern.

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