Weihnachtsträume

Klaus Mertes sj

Weihnachten 2020 persiflierte der STERN das wunderbare Bild von Peter Paul Rubens, welches die Huldigung der Könige an der Krippe von Bethlehem darstellt. Maria und Josef halten den Besuchern aus dem Morgenland das Jesuskind hin. Diese reichen dem Kind ihre Gaben dar, allerdings nicht Gold, Weihrauch und Myrrhe, sondern eine Impfampulle. Der Titel über dem Bild: „Ein Akt der Nächstenliebe. Impfen.“

Bilder sind mächtig. Deswegen kehrt es Weihnachten 2021 in meine Tag- und Nachtträume zurück, leicht verändert allerdings. Nun ist die Impfampulle nicht mehr die Gabe an das Jesuskind, sondern sie liegt statt des Jesuskindes in der Krippe. Wie konnte es kommen, dass ich es nun so träume? Vielleicht, weil die STERN-Redaktion das Motiv schief konstruierte. In dem Bild erscheint die Impfampulle als Huldigungsgabe an das Jesuskind. Damit es sich impfen lässt? Viel sinnvoller erscheint die Konstruktion, wenn das Jesuskind die dargereichte Ampulle deswegen empfängt, damit es sie der Menschheit vom „Thron“ der Krippe aus weiterreicht. So werden die Ampulle und Christus als Gottesgeschenk an die Menschheit im Jahre 2020 eins: Die Ampulle in der Krippe.

So funktioniert dann auch die Aktualisierung: Die Männer aus dem Morgenland reichten Jesus das Geschenk dar. Weihnachten 2020 überreicht die Pharmaindustrie der Regierung den Impfstoff pünktlich zum Weihnachtsfest. Die Regierung nimmt die Gabe an und reicht sie der Bevölkerung weiter: „Was lässt mich hoffen? Seit wenigen Tagen hat die Hoffnung Gesichter: Es sind die Gesichter der ersten Geimpften.“ (Neujahrsansprache der Bundeskanzlerin zum 1.1.2021)

Ich bestreite nicht die phantastische Leistung der Mainzer und anderer Wissenschaftler, die in Rekordzeit einen Impfstoff entwickelt haben. Ich gehe auch davon aus, dass die Titelmacher von STERN ein irreligiöses Verhältnis zur christlichen Bilderwelt hatten. Der Titel war für sie ein Geck, um Aufmerksamkeit zu ergattern. Aber ist das die ganze Wahrheit? Machen diese Bilder nicht vielleicht doch etwas mit den Personen, die sie betrachten, zumal sie ja tatsächlich die Impfung ersehnen, ganz tief? An dieser Stelle bleibe ich hängen.

Mich befremdet religiös überhöhte Sprache, die auf Gesundheitsvorsorge und Pandemiebekämpfung übertragen wird. Da kippt etwas. Da wächst ein Gesundheitskult heran, der mich abstößt. Deswegen bemühe ich mich dieses Jahr an Weihnachten ganz besonders darum, das Bild von der Ampulle in der Krippe aus meinem Kopf zu vertreiben und das Christkind in der Krippe wieder zu sehen: „Ich sehe dich mit Freuden an, und kann mich nicht satt sehen. Und weil ich nun nichts weiter kann, bleib ich anbetend stehen. O dass mein Sinn ein Abgrund wäre, und meine Seel ein weites Meer, dass ich dich möchte fassen.“ Nichts soll mich dazu bringen, irgendeine Macht dieser Welt, – meine sie es noch so gut mit mir; verfolge sie einen noch so guten Zweck – religiös zu überhöhen, nicht einmal unsere um das Wohl des Landes bemühte Bundesregierung. Kein Geschöpf ist Herr über Leben und Tod. Die Allmacht ist in den Händen, in die sie gehört. Sie ist damit den Händen von denen entwendet, die sie für sich usurpieren wollen. Ich schaue mit Freude auf das Kind in der Krippe und versenke mich in diesem Anblick.

 


Foto: pro/Norbert Schäfer

Klaus Mertes sj (1954) ist Superior der Jesuitenkommunität in Berlin-Charlottenburg. Er hat Slawistik und Klassische Philologie in Bonn studiert und ist 1977 in den Jesuitenorden eingetreten. Anschließend studierte er Philosophie und Katholische Theologie in München und Frankfurt a.M. und wurde 1986 zum Priester geweiht. Nach dem zweiten Staatsexamen für Katholische Religion und Latein war er Lehrer an der St.-Ansgar-Schule in Hamburg und am Canisius-Kolleg in Berlin, dessen Rektor er von 2000 bis 2011 war. Von 2011-2020 war er Direktor des internationalen Jesuitenkollegs in Sankt Blasien. Klaus Mertes ist Redakteur der Kulturzeitschrift STIMMEN DER ZEIT und gehört dem Kuratorium Stiftung 20. Juli 1944 an.

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