CHRISTENTUM IM KAPITALISMUS

Rainer Bucher sind im Christentum eine Alternative zur gewinnorientierten Verwaltung der Welt, weil es über Räume verfügt, in denen sich Alternatives zum Kapitalismus ereignet: der Kultus des Gottesdienstes und die Tat der Nächstenliebe in Barmherzigkeit und Gerechtigkeit, aber auch die Freude des gemeinsamen Feierns.

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Rainer Bucher

Wider die gewinnorientierte Verwaltung der Welt
Christentum im Kapitalismus

I.

 Über lange Jahrhunderte hatten die christlichen Kirchen in Europa das Sagen, religiös und überhaupt. Sie nutzten diese Macht von der politischen Sphäre bis zur Regulierung des Intimsten. Damit aber ist es vorbei. Seit einiger Zeit wird Religion, wie vieles andere auch, zunehmend marktförmig vergesellschaftet. Das eröffnet, wie jeder Markt, viele Möglichkeiten, vor allem befreit es von religiöser Repression. Es hat aber auch ziemlich merkwürdige Folgen, vor allem für die Kirchen selbst.

Um es mit marktförmigen Kategorien zu beschreiben: Die Kirchen werden von ihrer Konsumentenseite her umformatiert, insofern die klassischen kirchlichen „Produk­tionsbedingungen“ von Religion und deren „Konsum­be­dingungen“ nicht mehr so Recht zueinander passen, schon allein, weil sich die Institutionen der Religion gerade nicht unter den Kategorien von Produktion und Konsum verstehen, aber genauso genutzt werden. Und das ganz unabhängig davon, was sie davon halten.

Religiöse Traditionen und Repräsentanten werden dabei im postmodernen Kapitalismus aus ihren klassischen Herkunftskontexten gelöst und in medial-abstrakte, global vermarktbare und letztlich austauschbare Marken transformiert. Religion wird immer stärker in das Nutzenkalkül des Einzelnen integriert, in sein unternehmerisches Selbst. Nicht mehr die Lehren und Gebote der Religion herrschen über das Leben, sondern individuelle biographische Bedürfnisse entscheiden darüber, ob man sich religiösen Orten und Praktiken zuwendet – und das zeitweise und unter Vorbehalt.

 II.

Wenn nicht mehr die Kirchen Gesellschaft und Lebensführung beherrschen, wer dann? Viel spricht dafür, dass es ein kulturell hegemonial gewordener Kapitalismus ist. Er ist seit längerem mehr als nur eine teils höchst erfolgreiche, teils vor allem global immer noch ziemlich ungerechte Weise, die Wirtschaft zu organisieren. Kapitalistische Prinzipien, wie Kosten-Nutzenkalküle, wie das Zur-Ware-Werden von immer mehr in immer mehr Lebensbereichen oder die marktorientierte Selbst­optimierung, sie wandern vom ökono­mischen Sektor in die allgemeine Lebensführung und ihre gesellschaftlichen Ausdrucksformen, die Kultur. Es herrscht jene „gewinn­orientierte(.) Verwaltung der Welt“[i], von der Jean-Luc Nancy gesprochen hat.

Das zentrale Konzept des Kapitalismus ist die individuelle Gewinnorientierung, also die Frage: Was nutzt es mir? Diese Frage durchdringt alles und alle, vor ihr müssen sich alle und alles rechtfertigen, auch die Religionen. Es ist die Gretchen-Frage des neuen Herrschers. Dass die im Kapitalismus in Gang gesetzten kulturellen und technologischen Entwicklungen hinter dem Rücken der Akteure seit einiger Zeit eine Eigendynamik produzieren, die vor ihnen als unvorhergesehene und bedrohliche Ereignisse wieder auftauchen, das markiert dann jenes politische Problem, das die Zukunft dominieren wird.

III.

Klassisch kapitalistische Prinzipien wie Wettbewerb, Verdinglichung, Quantifizierung, Monetarisierung, Optimie­rung:  All dies schreibt sich aber auch tief in die Schichten der Person ein, Schichten, die man so gerne davor geschützt gesehen hätte, die es aber nicht sind, weil es ein unkorrumpierbares Selbst ganz tief im eigenen Inneren nicht gibt. Das berühmte Verdampfen „alles Ständische(n) und Stehende(n)“[ii], diese ungeheuer erfolg­reichen kapitalistischen Dynamisierungs­prozesse, die ja auch Befreiungsprozesse aus den vorgegebenen Schalen des Geschlechts, der Nation, der Religion, und der Geburtsfamilie sind, all diese großen Versprechen von Freiheit, Effektivität und Dynamik, die der Kapitalismus gibt und zum Teil ja auch erfüllt, sie haben sich durchgesetzt.

Der kulturell hegemoniale Kapitalismus ist souverän, nicht zuerst, weil er sich, wie der Staat, des äußeren Machtapparates bemächtigt, sondern weil er sich der Menschen auf einer viel wirksameren Ebene bemächtigt, jener, die sie zu dem macht, was sie sind: Er bemächtigt sich ihrer Sehnsüchte und Hoffnungen, ihrer Ängste und Nöte. Er formt bereits Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute und dann befriedigt er sie, er gibt all dem Sprachen, Bilder und Erfüllung: nicht unbedingt umfassend und endgültig, wie es die Religionen versprechen, dafür aber konkret und fassbar. Der Kapitalismus ersetzt dabei nicht die alten religiösen Angsterzeuger und Angstbewältiger, Sehnsuchts­produzenten und Sehnsuchtserfüller, aber er drängt sie ins zweite Glied oder noch weiter zurück. Der kulturell hegemoniale Kapitalismus ist eine mächtige Realität, und es gibt kein irgendwie erreichbares und verfügbares Außen, über das man ihm so einfach entkommen könnte. Aber er ist weder göttlich noch unüberwindbar oder gar ewig.

IV.

Was hat das Christentum der kapitalistischen „gewinn­orien­tierten Verwaltung der Welt“ ent­gegenzusetzen? Vor allem eines: die Kritik von deren Gnaden- und Phantasielosigkeit. Ethisch käme es dann darauf an, Selbstlosigkeit statt selbstbezüglicher Gewinnorientierung zu favorisieren, Selbstlosigkeit des Einzelnen wie Selbstlosigkeit der politischen und religiösen Gemeinschaften. Dies bedeutet christlich: Einsatz für Barmherzigkeit und Gerechtigkeit.

Im Lebensstil käme es darauf an, der hinter der glitzernden Fassade des Kapitalismus nur zu leicht erkennbaren kalten Verwaltungs- und Kalkülmentalität Spiel, Leichtigkeit und absichtslose Kreativität entgegenzusetzen. Politisch käme es darauf an, das Christentum in seiner subversiven Grundstruktur zu realisieren, denn in ihm werden die Niedrigen erhöht und die Hohen vom Thron gestoßen werden, es käme darauf an, die sozial-ethischen Optionen für Gerechtigkeit und Menschenwürde und unmittelbare Hilfe für alle, die sie benötigen, auf allen Ebenen entschieden zu realisieren.

Religiös aber käme es darauf an, statt nur „die Welt“ anzubieten, von einem geheimnisreichen „Mehr als die Welt“ zu wissen, ein zwar Gott vorbehaltenes, von ihm aber eröffnetes Mehr, das die Welt relativiert, und ihr ihre schreckliche Alternativlosigkeit nimmt. Das Christentum ist grundsätzlich nicht einverstanden mit dem bloß Gegen­wärtigen, mit der Allmacht des Hier und Jetzt. In seiner Geschichte war das Christentum, vor allem wenn es an der Macht war, oft selbst gnadenlos und ein Gegner der Phantasie. Es ist nur gut, wenn es machtloser wird: Das bietet die die Chance zu entdecken, welche Welten sich eröffnen, wenn man der kapitalistischen Welt nicht verfällt.

Die utopische kommunistische Idee des Systemwechsels ist ebenso gescheitert wie der katholische Versuch, geschlossene gegenkulturelle Räume aufzubauen. Das populistische Projekt nationalistischer Retro-Utopien aber kann nur in den Abgrund einer Eskalationsspirale nach unten führen. Es gibt kein „wahres Leben“, weder im „Falschen“ und schon gar nicht in einem imaginären „Richtigen“. Was es aber gibt, ist weniger falsches Leben im weniger Falschen. Es gibt im Christentum das Wissen, den Glauben und die Erfahrung, dass die Gnadenlosigkeit des Kapitalismus nicht alternativlos ist.

Die realen Landschaften unserer Städte und Dörfer wie die individuellen Erinnerungslandschaften des christlichen Glaubens sind voller Orte leistungsbefreiten Da-Seins, voller Kunstwerke und Zeichen, die einen ganzen symbolischen Raum der Gnade und der Freiheit jenseits der dominanten Semantiken und Symboliken des Kapitalismus eröffnen. Das Christentum verfügt über Räume, in denen sich Alternatives zum Kapitalismus ereignet: der Kultus des Gottesdienstes und die Tat der Nächstenliebe in Barmherzigkeit und Gerechtigkeit, aber auch die Freude des gemeinsamen Feierns. All dies ist Ausdruck der befreienden Liebe und bedingungslosen Hinwendung Gottes zum Menschen und das genaue Gegenteil einer gewinnorientierten Verwaltung der Welt.

 

Prof. Dr. Rainer Bucher (1956) ist Leiter des Instituts für Pastoraltheologie und Pastoralpsychologie an der Universität Graz.  Neuere Veröffentlichungen: Christentum im Kapitalismus. Wider die gewinnorientierte Verwaltung der Welt, Würzburg 2019; (Hrsg.) Pastoral im Kapitalismus, Würzburg 2020; Wenn nichts bleibt, wie es war. Zur prekären Zukunft der katholischen Kirche, 3. Aufl. Würzburg, 2017

 [i]    J.-L. Nancy, Dekonstruktion des Christentums, Zürich-Berlin 2008, 239.

[ii] Karl Marx/Friedrich Engels, Kommunistisches Manifest, in: MEW (Berlin 1977), Bd. IV, 459-493, 465.

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