DIE STUNDE DER PFLEGE

Cornelia Coenen-Marx fordert zum 200. Geburtstag von Florence Nightingale dass sich Pflege unabhängig von der Medizin besser politisch organisiert, denn zur  Hochleistungsmedizin müsse im guten Zusammenspiel  aufmerksame Begleitung und Beratung kommen.

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Cornelia Coenen-Marx

Die Stunde der Pflege – Florence Nightingales Erbe

„Für Fußballer gibt es Corona-Tests, für Unternehmen wie Lufthansa und Deutsche Bahn Milliardensummen, zur Unterstützung der Autoindustrie gibt es Kaufprämien für E-Autos, nur für Krankenpflegepersonal gibt es Applaus vom Balkon, zu wenig Schutzausrüstung und Zusatzschichten“ las ich dieser Tage in einem Leserbrief.[1]. „Noch vor ein paar Wochen befürchtete ich, dass die so genannten Helden nach der Krise wieder vergessen werden. Nun ist die Corona-Pandemie nicht einmal vorbei und sie sind schon vergessen.“ Ob die neue Wertschätzung sich zukünftig auch tariflich ausdrückt? Der wochenlange Poker um die Refinanzierung der Corona-Prämie für Altenpflegerinnen lässt im Blick auf den Pflegenotstand nichts Gutes ahnen. „Wer will schon freiwillig unter schlechten Arbeitsbedingungen, für wenig Geld und ohne Wertschätzung in einem systemrelevanten Beruf arbeiten?“ Dabei hatte die WHO 2020 zum weltweiten „Jahr der Pflege“ erklärt – lange vor Corona. Denn am 12. Mai wäre Florence Nightingale, die Gründerin der modernen Krankenpflege, 200 Jahre alt geworden.

Die „Lady mit der Lampe“ ging im Krimkrieg zwischen England und Russland nachts durch die Lazarettsäle mit den britischen Soldaten. Sie ließ sich Briefe diktieren an Frauen, Mütter, Kameraden, organisierte Finanztransfers, half Sterbenden, Abschied zu nehmen. 1864 war sie mit 38 Pflegerinnen in Scutari angekommen, dem heutigen Üsküdar, einem Stadtteil von Istanbul. Über 5000 Verletzte mussten dort versorgt werden. Die Männer lagen in blutigen Uniformen unter schmutzigen Decken, obwohl die Vorratslager voll mit warmer Kleidung waren. Siebenmal mehr Soldaten sind im Krimkrieg an ansteckenden Krankheiten gestorben als an kriegsbedingten Verwundungen. „Ich bin im Zustand chronischer Wut“, schrieb Florence Nightingale. „Durch das unglaublich primitive Gesundheitswesen sind mehr Menschen umgekommen als durch russische Kugeln und Bajonette.“

Trotzdem hatte niemand auf die Frauen gewartet – nicht einmal für Übernachtungsmöglichkeiten war gesorgt. Damals erwartete man nichts von der Pflege – sie war ein prekärer Job ohne Ausbildung, ohne ordentliche Bezahlung. Dass eine hochgebildete Frau aus der Oberschicht eine so niedrige Arbeit tun wollte, war geradezu anstößig. Aber Florence gelang es, sich Respekt zu verschaffen-, mit Geduld und Fleischbrühe, mit Disziplin, Scheuertüchern und Verbänden, aber auch mit strategischer Planung und Verhandlungsgeschick. Ihrem Einfluss auf die Offiziere und Ärzte in Istanbul, später dann auf Militärbehörden und Gesundheitspolitik in London, war es zu verdanken, dass die Sterblichkeitsrate in der britischen Armee kontinuierlich sank. Damals wie heute ist ein gutes Gesundheitssystem der beste Schutz gegen Pandemien.

Florence, deren Familie am Königshof verkehrte, sah von Kindheit an ihre Berufung in der sozialen Arbeit. Als junges Mädchen pflegte sie fast den gesamten Hausstand während einer Grippeepidemie. Seitdem ließ sie das Thema nicht mehr los: Sie besuchte Krankenhäuser überall in Europa, studierte die Berichte, ermittelte mit wissenschaftlicher Akribie das Durchschnittsalter der Patienten, verglich Diagnosen, Bettenzahl, Behandlungsdauer, die Sterblichkeitsrate und die Refinanzierung. Konsequent suchte sie Mentorinnen und Mentoren, die ihr auf den Weg helfen konnten: Sozialreformer, Menschen, für die ihre Ideen keine Hirngespinste waren. Denn sie war überzeugt, zur Pflege berufen zu sein. Viermal will sie die Stimme Gottes gehört haben, zum ersten Mal mit siebzehn. 1851, sie war 31, kam sie endlich ans Ziel ihrer Träume- nach Kaiserswerth, in Theodor Fliedners Diakonissenhaus. Drei Monate lernte sie dort, wie man als Pflegerin Zugang findet zu den Herzen der Menschen. Das gab ihr Kraft, den eigenen Weg konsequent weiterzugehen – auch gegen die Erwartungen ihrer Familie. „Gott hat mich immer mit eigener Hand geführt“, schreibt sie.

Pflege hatte für Nightingale eine spirituelle Dimension. „Krankenpflege ist eine Kunst“, schrieb sie in„ Notes on Nursing“ „und wenn sie zu einer Kunst gemacht werden soll, bedarf sie exklusiver Hingabe und genauso harter Vorbereitung wie die Arbeit eines Malers oder Bildhauers. Denn was ist der Umgang mit lebloser Leinwand oder kaltem Marmor verglichen mit dem lebendigen Leib, dem Tempel des Geistes Gottes?” Bis heute gehört zur Motivation von Pflegenden eine große Sehnsucht nach guten Gesprächen, nach Berührung und Nähe, nach vertrauensvollem Kontakt. Pflege ist ein Beziehungsberuf, der Menschen hilft, in einem tieferen Sinne heil und gesund zu werden- ganz im Sinne Jesu. Florence hat ihren Auftrag in der Nachfolge Christi gesehen. Allerdings hat sie die pflegerische Kompetenz dem missionarischen Auftrag vorangestellt. Das zeigte sich in der Zusammensetzung der Schwestern, mit denen sie 1853 nach Istanbul aufbrach. Neben anglikanischen Schwestern waren auch katholische Ordensschwestern und weltliche Pflegerinnen darunter – was damals zu erheblichen Konflikten führte.

„Eine christlich begründete Berufswahl im engeren Sinne habe ich nicht erlebt“, sagt Gudrun Zimmermann, ehemalige Schulleiterin in Kaiserswerth. Die Mutterhäuser und Orden aber haben christliche Nächstenliebe als Quelle fürs Pflegen verstanden. Das hat den Pflegenden zwar ein hohes Berufsethos beschert, aber wenig Lohn bei zum Teil ausbeuterischen Strukturen. Florence Nightingale, die Wert auf eine gute, fachliche Vorbereitung legte, sah darin einen Mangel in Kaiserswerth.

Heute sind Pflegedienste und Kliniken zu einem größeren Teil privatisiert. Die Gesundheitseinrichtungen gleichen „weißen Fabriken“, sagt der Medizinethiker Giovanni di Maio. Es geht um Effektivität und Effizienz, Gewinn- und Verlustrechnungen. Ärztinnen, Ärzte und Pflegende haben gelernt, ihr professionelles Handeln von ihrer Motivation und auch von ihren Gefühlen abzuspalten. „Die tägliche Hetze, die Funktionalität und der Personalmangel im Krankenhaus verhindern Reflexion und kreatives und selbstbestimmtes Vorgehen“ sagt Gudrun Zimmermann.

Was ist zu tun, um den Status der Pflege zu stärken? Pflege muss sich unabhängig von der Medizin politisch organisieren – von der Pflegekammer über den Gesundheitsausschuss bis zur Bildung. Hochleistungsmedizin allein genügt nicht, das haben wir gerade wieder gesehen. Es geht um aufmerksame Begleitung und Beratung und ein gutes Zusammenspiel. Florence selbst infizierte sich übrigens auf der Krim mit einer Virusgrippe. Sie überstand die Krankheit, für den Rest ihres Lebens gezeichnet. Aber diese Erfahrung gab ihr nachhaltig Energie, die Sterblichkeit zu senken-  mit Hygienestandards, Pflegeplanung und Lobbyarbeit. Als Florence Nightingale 1856 nach England zurückkam, wollte sie sich nicht feiern lassen, sie wollte keinen Applaus. Wichtiger war ihr der Fonds, der zu ihren Ehren aufgelegt wurde. Er diente der Pflegeausbildung. Das Thema ist bis heute nicht erledigt.

Cornelia Coenen-Marx (1952) ist Pastorin, Publzistin und Inhaberin der Agentur Seele und Sorge ( www.seele-und-sorge.de ) ist Pastorin und Publizistin. Sie war in unterschiedlichen Leitungsfunktionen von Kirche und Diakonie tätig, u.a. als Vorstand der Kaiserswerther Diakonie und Sozialreferentin der EKD. Veröffentlichungen u.a. „Aufbrüche in Umbrüchen“, Christsein und Kirche in der Transformation, Göttingen 2013

[1] H.Dörfel am 11.6. in der HAZ

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