POLITIK UND „DIE JUNGEN LEUTE“

Chantal Grede fordert die Parteien auf, mehr auf junge Leute zuzugehen und dabei eingeübte Rituale zu überdenken.

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Chantal Grede

Politik und „die jungen Leute“

#feiernbisdiehüttekracht #wirhabendemokratieyeah
Warum wir mehr Erlebniswelt Demokratie brauchen

Meine Highlights der Woche

„Beginn des Bundesparteitages 2016 in Essen mit unserer CDU-Vorsitzenden
und Bun­deskanzlerin Angela Merkel“
Axel Voss, CDU bzw. EVP, MdEP

„Mein 334. Infobrief aus Berlin ist online. Themen sind u.a. der Doppelpass, die Finanzie­rung der Atommüllbeseitigung und die Neuregelungen im Urheberrecht“
Ulrich Kelber, SPD, MdB

„Die ROTEN sind doch für die ROTEN Zahlen verantwortlich.“
Bernhard Tenhumberg, CDU, MdL NRW

Am liebsten würde ich es unter jeden Facebook-Post der MdB, MdL oder Kommunalpoli­tiker schreiben, deren follower ich auf Facebook und twitter bin. Ich würde es gerne hash­taggen, kommentieren oder wahlweise auch mal im Straßenwahlkampf an den Oma-Steh­tischen unter bunten Luftballons von Waren an der Müritz bis Gerolstein in der Vulkanei­fel laut herausschreien: Macht endlich die Demokratie sexy!

Der 334. Infobrief aus Berlin – und Bürgerinformation in allen Ehren, hört das jetzt bloß nicht auf, wo ihr es doch gera­de gelernt habt – der interessiert nicht die, die es interessieren müsste. Und dass die CDU ihren Bundesparteitag in Essen hatte und jeder MdB, MdL und Kommunalpolitiker ein Bild von Angie (und sich) am Rednerpult postet, #geschenkt.

Doch so einfach ist es nicht. Ich kenne zu viele der jungen Gesichter des Straßenwahl­kampfs v. a. in den zwei großen Parteien. Das sind schlaue Köpfe, die mit Sinn und Ver­stand und mit so viel Ehrgeiz und Überzeugung kommunal Parteipolitik betreiben. Was soll ich sagen – ich bewundere sie. Nach der ersten Übergabe von Gummibärchen und Luftballons an Opi Nr. 1 oder, ganz innovativ, Popcorn und Touchscreen-Reinigern an Null-Bock-Jugendlichen Nr. 2, und der damit verbundenen Diskussion über „die Flüchtlin­ge“, „die innere Sicherheit“, „die Digitalisierung“ wäre ich raus. Klipp und klar, ganz einfach raus.

Meine Geduld findet zu schnell ein Ende, obwohl ich zugleich doch da­von überzeugt bin, dass es (noch) keine Alternative zu Parteipolitik gibt. Es bedarf einer Struktur zur gemeinsamen Artikulation von Meinungen. Politik funktioniert in diesem Land über Engagement in Parteien, die einen kleinsten gemeinsamen Nenner finden und ihn dann ins politische System einspeisen. Zunächst: Chapeau (oder lieber #chapeau) all jenen, die mit Leidenschaft für eine Partei einstehen. Wir brauchen in der Gesellschaft nämlich mehr von euch bzw. uns: Von Menschen, die überzeugt sind von ihrer Sache und produktiv etwas ändern möchten anstatt Lügenpresse und Meinungsdiktat in die Röhren der Republik zu hetzen.

Das Problem dabei: Der kleinste gemeinsame Nenner war noch nie sexy. Er ist vielmehr ein mühseliger Kompromiss, zu dem alle ihren Senf geben, diskutieren, laaabern, tratschen und am Ende erkennt man die ursprüngliche Idee nicht mehr wieder. Und, Gott im Him­mel, unsere politische DNA in Deutschland ist auch noch so stark geprägt davon. Uns fällt es qua natura schwer, zu akzeptieren, dass Demokratie auch 50 % plus 1 Stimme sein kann.

Wir wägen ab, stellen ins Verhältnis, und dann auch noch: Angela Merkel. Die Zau­derkönigin. #dankeangie, das haben wir dir also auch noch zu verdanken. Du „entpoliti­sierst“ die Politik, du überlegst, bevor du handelst und reagierst nicht schnell, #ampulsder­zeit, das wird nicht dein Hashtag, ich muss dich enttäuschen. Ich würde dir gerne helfen, den #swiffer in die Hand zu nehmen und Parteipolitik zu entstauben, aber wie ich sehe, hast du dabei schon genügend Hilfe, z. B. von deinem Online-Redaktionsteam. Du gehst neuerdings sogar live. Auch hier: Chapeau.

Kurzum: Unser Streben nach Konkordanz widerspricht ganz grundsätzlich dem Zeitgeist der Jugend. Aber das tat sie doch schon immer? Ja und nein. In Zeiten wie diesen klingt es zynisch, unangemessen, dekadent, aber wir kennen doch keine Krisen mehr. Oder aber eben zu viele Krisen: Eurokrise, Finanzkrise, Flüchtlingskrise. Wir sind keine Schicksals­gemeinschaft mehr wie es unsere Großeltern und Eltern waren. Unsere Sorgen sind klei­ner, aber dafür können wir nichts. Hätten unsere Großeltern damals so hart gearbeitet, wenn es nicht gegolten hätte, Deutschland nach dem Nationalsozialismus wiederaufzubau­en? Wären unsere Eltern Parteien beigetreten, wenn man die Demokratie nicht gegen die RAF hätte verteidigen müssen? Als man in unmittelbarer Nachbarschaft einen Teil Deutschlands hatte, der eben nicht demokratisch war? Was hat das mit unseren Großeltern und Eltern gemacht?

Es hat ihnen ein Gefühl der Zusammengehörigkeit gegeben – und dies auch in parteipoliti­schen Strukturen. Man hatte ein Ziel, eine „Mission“. Man engagierte sich nicht, weil es nachher im Lebenslauf besser aussah. Man engagierte sich aus Überzeugung, für die sexu­elle Revolte oder gegen Atomkraft. Man trug Gänseblümchen im Haar.

Unsere Gänse­blümchen gibt es auch, mal online und mal offline. Wir engagieren uns für Flüchtlinge, wir organisieren Aktionen, wenn in Italien oder Chile die Erde bebt, vermutlich, weil wir dort schon mal über eine Couch oder eine Welle gesurft sind. Wie aber können wir glaub­würdig vermitteln, dass das Engagement innerhalb von Parteien und im politischen Alltag heute mehr denn je wichtig ist? Das ist die Frage, die die jungen Organisationen der Par­teien und auch die Parteien indes beschäftigt. Und Gott bewahre, fangt nicht an hashtags zu benutzen (#nohashtag), nur, weil ihr cool sein wollt.

In der #akademikerbubble, die auch mich umgibt, und vor allem in der „großen“ Politik, der ich beiwohnen durfte, wird immer wieder angeführt: Bildung. Bildung ist der Schlüs­sel zum Erfolg. Wenn wir doch nur alle nur genügend bilden! Dann haben wir kein Pro­blem mehr! Kein absoluter Widerspruch, natürlich nicht, wie auch. Aber Bildung ohne Emotion wird euch nicht helfen, und es wird auch keinen jungen Politiker mehr in eure Reihen bringen, der es nicht auch so schon geworden wäre. Der Vorwurf, der einigen Le­sern jetzt durch den Kopf geht: Politik ist doch keine Show. Angela Merkels Politik ist ra­tional, abgeklärt, nüchtern und richtig und ihre unaufgeregte Art tut gut #ganzmeinemei­nung! Wo liegt dann die richtige Balance?

Die Wahrheit ist: Die Balance ist schwierig zu finden. Eine poppige Wahlkampfkampagne der JU oder Jusos wird vermutlich auch nicht die große Welt retten (nur im Kleinen). Aber die zentrale Aussage: Wo bleibt das Erlebnis der Demokratie? Die rechtsextreme Szene bietet das z. B. alles. Sie bietet einen Lifestyle von Hoodie, Musik bis zu Demos.

Wir aber sollten die sein, die die Pullis tragen, die Musik hören, die ekstatisch auf Versammlungen abgehen. Wir sollten es nicht nur angesichts der aktuellen Ereignissen auf unserem Plane­ten jeden Tag abfeiern: #wirhabendemokratie, wir leben in Freiheit. Nur, wenn wir es ver­mögen, Demokratie erfahrbar zu machen und die Vorteile unserer freiheitlich demokrati­schen Grundordnung zu vermitteln – spürbar zu machen, anfassen zu können – dann sind wir auf dem richtigen Weg. Die Partei muss dabei zum #kumpel werden, der Bestandteil des Lebens ist. So ein buddy hält dann auch mal einer Meinungsverschiedenheit stand.

Chantal Grede (1991), M. A. in Politikwissenschaft, hat in Trier, Lyon und Bonn Politik­wissenschaft und französische Philologie studiert. Während ihres Studiums sammelte sie Arbeitserfahrungen in verschiedenen Parlamenten, in der Politikberatung, europäischen und internationalen Zusammenarbeit und im Journalismus. Sie ist Altstipendiatin der Kon­rad-Adenauer-Stiftung und engagiert sich ehrenamtlich für Bildungsgerechtigkeit und im sozial-karitativen Bereich.

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