SELBSTKRITIK VS. SELBSTMITLEID

Michael Mertes befasst sich in seinen Reflexionen mit dem höchsten jüdischen Feiertag, dem Jom Kippur, der 2015 auf den 23. September fällt.

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Michael Mertes

Selbstkritik vs. Selbstmitleid

Gedanken zu Jom Kippur 2015

In diesem Jahr fällt Jom Kippur („Tag der Sühne“, in Deutschland zumeist als „Versöhnungs­tag“ bezeichnet), auf den 23. September. Jom Kippur ist der höchste jüdische Feiertag. Mit ihm enden die „Zehn Tage der Umkehr“, eine Zeit der Besinnung und Gewissenserforschung, die mit dem jüdischen Neujahrsfest Rosch ha-Schanah („Haupt des Jahres“, in diesem Jahr gefeiert am 14. September) beginnt.

An die „Zehn Tage der Umkehr“ denke ich gern zurück. Ich durfte sie während meines berufli­chen Aufenthalts in Jerusalem 2011-2014 dreimal miterleben. Alle israelischen Medien – ob re­ligiös oder säkular – waren in dieser Zeit voll von nachdenklichen Kommentaren, die eine kriti­sche Bilanz des vergangenen Jahres zogen und die Notwendigkeit von Kurskorrektu­ren für die Zukunft erörterten. Das sonst so hektische Leben schien ruhiger zu werden. Man be­mühte sich, mit seinen Mitmenschen ins Reine zu kommen, Fehler des vergangenen Jahres zu korrigieren und unerledigte Verpflichtungen abzutragen.

Am Versöhnungstag schließlich geht es um die Tilgung der gegen Gott begangenen Sünden. Der Autoverkehr kommt fast vollständig zum Erliegen. Die Polizei trägt ihren Teil dazu bei, in­dem sie am Vorabend wichtige Straßen durch Sperrgitter blockiert. Das Nebeneinander der Wel­ten in Jerusalem – hier Juden, dort Muslime und Christen – lässt sich gut studieren, wenn man an Jom Kippur mitten auf der Fahrbahn durch das in absoluter Stille verharrende West-Jerusal­em spaziert und dann in den Ostteil der Stadt kommt, wo geschäftiges Alltagstreiben herrscht.

Ich kann mir jetzt gut vorstellen, wie unvorbereitet es die Menschen in Israel traf, als Ägypten und Syrien an Jom Kippur 1973 (6. Oktober) ihren Überraschungsangriff starteten. Der „Jom-Kippur-Krieg“ weckt in Israel heute noch traumatische Erinnerungen. Er brachte das Land ernst­haft in Bedrängnis, forderte tausende von Toten und Verwundeten und erschütterte nach­haltig den Glauben an die Unbesiegbarkeit der israelischen Streitkräfte.

Christlichen Ohren klingen Worte wie „Umkehr“ und „Versöhnung“ sehr vertraut. Jom Kip­pur steht für den Gedanken des Neuanfangs – bildlich gesprochen: für den Neustart nach Be­tätigen des Reset-Knopfes. Er steht für eine fundamentale Einsicht, die zur DNA der westli­chen Zivili­sation gehört: Wir sind – als Individuen wie als Kollektive – nicht Spielball anony­mer Schick­salsmächte, sondern verantwortlich für unser Tun und Lassen. „Du hast immer die Wahl“, hör­te ich einmal von einem Rabbiner. Für den Zustand der Welt, in der wir leben, tragen wir „Verant­wortung vor Gott und den Menschen“, wie es in der Präambel des Grundgesetzes heißt.

Was wie eine moralische Platitüde klingt, versteht sich keineswegs von allein. Selbstkritik kos­tet Überwindung. Von Friedrich Nietzsche stammt eine treffende Charakterisierung der mensch­lich-allzumenschlichen Neigung zum individuellen und kollektiven Selbstbetrug: „‚Das habe ich getan‘, sagt mein Gedächtnis. ‚Das kann ich nicht getan haben‘, sagt mein Stolz und bleibt uner­bittlich. Endlich – gibt das Gedächtnis nach.“

Der Zwilling des Selbstbetrugs ist das Selbstmitleid. Wenn mein Stolz mir verbietet, Verantwort­ung für Missstände im persönlichen und gesellschaftlichen Umfeld zu akzeptieren, dann kann ich mich mit dem Gedanken trösten, Opfer einer externen Verschwörung zu sein. Diese Denkweise ist in der arabisch-muslimischen Welt weit verbreitet: An allem sind die „Un­gläubigen“, vor allem natürlich die amerikanischen Imperialisten und die Zionisten schuld. Be­sonders instruktiv ist hier die Charta der Hamas von 1988. Dort werden wir in Artikel 22 be­lehrt, dass die zionistische Weltverschwörung in allen Erdteilen Geheimbünde wie Freimauer, Rota­ry-Clubs und Lions-Clubs geschaffen habe, um ihre Ziele subversiv durchsetzen zu können. Die Zionisten, so lesen wir weiter, steckten sowohl hinter dem Ersten als auch dem Zweiten Weltkrieg. Mehr noch: „Es gibt keinen Krieg, wo auch immer er stattfindet, in dem sie nicht ihre Finger im Spiel haben.“

Der „Arabische Frühling“ von 2011 mag zwar in vielfältigen Desastern geendet sein. Er hat aber den Keim eines Bewusstseinswandels gepflanzt. Es gibt kein Zurück mehr hinter die Er­kenntnis, dass zentrale Probleme der arabisch-muslimischen Länder (wie sie in den Arab Hu­man Deve­lopment Reports der Vereinten Nationen seit 2002 schonungslos dargestellt wur­den) hausge­macht sind; sie lassen sich nicht einfach durch Hinweise auf die Schuld anderer exkul­pieren.

Gleichwohl ist es noch ein weiter Weg, bis sich in der arabisch-muslimischen Welt eine politi­sche Kultur herausgebildet hat, die ohne Verschwörungstheorien auskommt. Im Herbst 2014 er­hielt ich von arabischen Facebook-Freunden die „Information“, der Führer des IS und selbster­nannte Kalif Abu Bakr al-Baghdadi sei in Wahrheit Jude; er sei vom Mossad, dem is­raelischen Auslandsgeheimdienst, ausgebildet worden. Das könnte man noch als den üblichen Müll abtun, er durch soziale Netzwerke kursiert. Aber was ist davon zu halten, wenn Ahmad al-Tayyib, Groß-Imam der Al-Azhar-Universität und einer der angesehensten Kleriker Ägyp­tens, allen Ernstes den IS und andere Terrororganisationen als koloniale Schöpfung im Dienst des neuen Weltzionismus bezeichnet?

Al-Tayyib ist zwar auch mit der Forderung hervorgetreten, die „Fehlinterpretation“ von Quel­len des Islam, wie sie zum Beispiel der IS vertrete, durch eine bessere Bildungsarbeit zu be­kämpfen. Doch für den Zusammenbruch des Nahen Ostens macht er Zionismus und Neokolo­nialismus verantwortlich. Wenn geistliche Autoritäten, die als moderate Hoffnungsträger gel­ten, nicht mehr zu bieten haben als haltlose Schuldzuweisungen, ist es um die Reformfähig­keit ihrer Ge­sellschaften schlecht bestellt.

Die Kultur der Selbstkritik wird im Westen weniger durch Selbstmitleid gefährdet (obwohl auch dort die wildesten Verschwörungstheorien grassieren) als durch Selbstgefälligkeit. In Is­rael neigt vor allem die radikale nationalreligiöse Rechte dazu, Selbstkritik als „Verrat“ abzustemp­eln. In seinem großartigen neuen Roman „Judas“ setzt sich Amos Oz mit der Frage aus­einander, ob es nicht manchmal die „Verräter“ sind, die ihren Clan, ihre Gruppe, ihr Land mehr lieben als diejenigen, die sich uneingeschränkter Loyalität rühmen.

Wie auch immer – Jom Kippur bietet auch Nichtjuden Anlass zu selbstkritischer Reflexion.

Michael Mertes (1953) leitete von 2011 bi 2014 das Auslandsbüro Israel der Konrad-Adenaue­r-Stiftung in Jerusalem. Zusammen mit seiner Ehefrau Barbara veröffentliche er im Frühjahr 2015 das Buch „Am Nabel der Welt. Jerusalem – Begegnungen in einer gespalte­nen Stadt“ (Bonifatius Verlag, Paderborn)

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