ZUR DEBATTE UM EIN PROSTITUTIONSVERBOT

Monika Kleine vom Sozialdienst katholischer Frauen hält nichts davon, Prostitution zu verbieten, und plädiert für Prävention und Aufklärung vor Repression

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Monika Kleine

Ach Alice – zur Debatte um ein Prostitutionsverbot

Marie Le Hanne Reichensperger, die Gründerin des Sozialdienstes katholischer Frauen e.V. Köln, be­gann 1899 mit der Prostituiertenhilfe. Seither engagiert sich der SkF e.V. unter den jeweils herrschen­den sozialen Bedingungen, strafrechtlichen, moralischen und ethischen Vorgaben für Frauen, die der Prostitution nachgehen.

Die Prostituiertenhilfe folgt wie alle Angebote des SkF e.V. Köln von der Schwangerschaftsberatung bis zur Obdachlosenhilfe der Prämisse: Ich werde nie erfahren, wie und was mein Gegenüber denkt, fühlt und glaubt, wenn ich dem Menschen mir gegenüber sage, wer und was er zu sein, zu fühlen und zu glauben hat. Aber genau das tun die, die die Prostitution verbieten wollen: Sie sagen den Frauen – die männliche Prostitution kommt in der Diskussion nicht vor – in der Prostitution, dass sie Opfer sind und sich gefälligst auch als Opfer zu fühlen haben.

Die Diskussion ist nicht neu, sie begann bereits Anfang 2005. Da setzte die BILD-Zeitung die Mel­dung in die Welt, zur Fußball-WM 2006 würden mindestens 40.000 Prostituierte zusätzlich nach Deutschland einreisen. Der SPIEGEL nahm diese Meldung auf und erhob sie zur se­riösen Berichter­stattung, schließlich hatte man recherchiert, dass in Köln das Großbordell „Pascha“ neu gestrichen und „Verrichtungsboxen“ auf einem eigens zugewiesenen Gelände aufgestellt worden seien.

Bis das erste Spiel angepfiffen wurde, hatte die Presse weltweit über Köln, das vermeintliche Prostitu­tionsgeschehen und das Prostitutionsgesetz berichtet und aus Deutschland war das Land des Men­schenhandels und der Zwangsprostitution geworden.

Die damals begründete Allianz aus feministisch bewegten Frauen und Männern und konservativen Kräften nutzte und nutzt die mediale Verknüpfung von Prostitution, Zwangsprostitution und Men­schenhandel, um ihre Agenda, die Abschaffung des Prostitutionsgesetzes und das Verbot der Prostituti­on, durchzusetzen. Feministinnen und Konservative eint vor allem die Sicht auf das Thema „Sexuali­tät“. Wer sexuelle Beziehungen zwischen Mann und Frau immer als Unterwerfung der Frau betrachtet, der muss Prostituierte zwangsläufig als Opfer sehen, die ihres Körpers, ihrer Seele, Freiheit, ihrer Inte­grität und Zukunft beraubt werden. Geht man von diesem Menschenbild aus, dann müssen Prostituier­tenorganisationen und die Prostituiertenhilfe, sofern sie die eigene Weltsicht nicht teilen, zu Mittätern erklärt oder marginalisiert werden.

Eine offene Diskussion über den ja durchaus vorhandenen Veränderungsbedarf ist so nicht mehr mög­lich. Schließlich kennt niemand die Fakten. Es kann nur geschätzt werden, wie viele Prostituierte unter welchen Bedingungen in Deutschland arbeiten. Was wir wissen ist, dass das Prostitutionsgeschehen vielfältig ist – es reicht vom Striptease, über Internetportale, den luxuriösen Escort-Service bis zum Straßenstrich in einem heruntergekommenen Wohnviertel oder einem Industriegebiet. Und gerade in diesem Prostitutionsmilieu engagieren sich der SkF e.V. Köln, weitere lokale SkF-Ortsvereine (Essen, Dortmund) und andere Beratungsstellen.

2001 wurde in Köln die Verlagerung des Straßenstrichs auf ein eigens ausgewiesenes Gelände an der Geestemünder Straße abgeschlossen. Zuvor waren die damals meist drogenabhängigen Frauen rund um den Ebert- und den Reichenspergerplatz der Prostitution nachgegangen. Nachdem für die Innen­stadt eine Sperrbezirksverordnung erlassen worden war, stieg der Verfolgungsdruck der Ordnungsbe­hörden. Die Frauen stiegen in das Auto des Freiers, auch wenn sie ein schlechtes Gefühl hatten und keine Gelegenheit, sich z.B. die Autonummer zu merken. Sie fuhren mit den Freiern in entlegene Ge­biete, wo sie Gewaltübergriffen oder Vergewaltigungen schutzlos ausgeliefert waren, für Hilfen waren sie kaum erreichbar. Wöchentlich mehrfach kam es zu gewaltsamen Übergriffen und so hatten auch die Polizei- und Ordnungskräfte bald den Eindruck, die Falschen zu verfolgen. Auf die für alle ständig problematischer werdende Situation reagierten Politik, Verwaltung, Polizei und SkF e.V. mit dem Konzept „Prävention und Aufklärung vor Repression“, das vom Stadtrat angenommen wurde .

Im Kern geht es bis heute um die Schaffung eines sicheren Geländes und die psychosoziale und ge­sundheitliche Begleitung und Versorgung der Prostituierten. Das etwa fußballfeldgroße Gelände an der Geestemünder Straße umgibt ein Sichtschutzzaun, am Eingang steht der Beratungscontainer des SkF, der 365 Tage im Jahr besetzt ist, Mitarbeiter von Polizei und Ordnungsamt sind regelmäßig vor Ort. Am Ende des Platzes stehen die von den Medien so genannten „Verrichtungsboxen“, die mit Sicher­heitstechnik ausgestattet sind. Hier finden die sexuellen Dienstleistungen statt. Die Verlagerung des Straßenstrichs wurde wissenschaftlich begleitet, als Erfolg gewertet und in der Folge auch in Bonn, Essen und Zürich umgesetzt.

Das Gelände an der Geestemünder Straße ist kein schöner Ort, aber er ist sicher für die 30 bis 40 Frau­en, die hier der Prostitution nachgehen, sei es nun täglich oder nur an einigen Tagen im Monat. Die meisten Frauen sind zwischen 25 und 40 Jahre alt. Manche haben in Clubs und Bordellen gearbeitet, andere immer schon auf der Straße. Fast alle Frauen konsumieren Alkohol, Kokain, andere Drogen, Tabletten oder alles zusammen. Die Prostituierten sind ledig, verheiratet, leben in Partnerschaften, sind kinderlos, leben mit ihren Kindern oder haben ihre Kinder in Fremdbetreuung geben müssen.

Die Frauen sind Kölnerinnen, Deutsche, Frauen mit Migrationshintergrund, die hier geboren oder ein­gewandert sind. Viele Frauen wurden bereits in schwierige Verhältnisse geboren, andere haben irgend­wann einmal den vorgezeichneten Weg verlassen, viele Frauen sind suchtkrank, andere leiden unter ei­ner körperlichen oder psychischen Behinderung, viele leben in unsicheren Wohnverhältnissen, in von Gewalt geprägten Beziehungen Die meisten haben nur diese Szene und kaum andere soziale Kontakte. Die Mitarbeiterinnen des SkF e.V. helfen den Frauen bei den kleinen und großen Problemen des All­tags, geben Rückhalt und Unterstützung in der Prostitution und beim Ausstieg.

Der SkF e.V. Köln ist gegen die Abschaffung der Prostitution, weil das nicht helfen, sondern die Ver­hältnisse vom Ebert- und Reichenspergerplatz wiederbeleben würde.
Wir wollen, dass die gesetzlichen Sanktionsmöglichkeiten bei Menschenhandel, sexuellem Miss­brauch, Nötigung und Vergewaltigung konsequent umgesetzt werden. Dazu ist es notwendig, Frauen und Männer, die Opfer wurden, durch ein verändertes Bleiberecht zu motivieren, Anzeige zu erstatten und gegen die Täter auszusagen. Wir fordern die notwendigen Änderungen im Gewerberecht endlich umzusetzen. Wir wollen verlässliche Angebote zur gesundheitlichen und psychosozialen Beratung von Frauen und Männern, die in der Prostitution arbeiten. Und für die, die aussteigen wollen, fordern wir attraktive Qualifizierungsangebote.

Monika Kleine hat in Freiburg Diplom Sozialpädagogik studiert und ist seit 1993 Geschäftsführerin des Sozial­dienstes katholischer Frauen e.V. Köln. Sie ist Mitglied des Diözesancaritasrates für das Erzbistum Köln und des Caritasrates für die Stadt Köln, des Vorstandes des Katholikenausschusses Köln und im Jugendhilfeausschuss der Stadt Köln.

4 Antworten zu “ZUR DEBATTE UM EIN PROSTITUTIONSVERBOT

  1. Ich hatte zufällig die Gelegenheit, die Bedingungen des Stuttgarter „Dreifarbenhauses“ kennen zu lernen. Sie entsprechen weitgehend den
    Forderungen von Frau Kleine.Hier gibt es keinen!Zwang.

  2. Danke! Für ein paar nötige Klarstellungen – ohne diesen „Beruf“ zu verharmlosen oder zu glamourisieren.

  3. Bravo II – ! Die Positionen dieses Beitrags unterstütze ich voll in sachlicher und in menschlicher Hinsicht. Prostitution lässt sich nicht verbieten. Wohl aber lassen sich die gesetzlichen Rahmenbedingungen erfüllen oder neu schaffen, die den niederträchtigen Missbrauch und die weitere Misshandlung der beteiligten Menschen (meistens Frauen) unterbinden und diejenigen sanktionieren, die sich nicht an die Regeln halten. Insbesondere muss ein „Ausstieg“ möglich sein und der darf nicht durch moralisches Gefasel und mangelnde gesetzliche Lösungen behindert werden.

  4. Dr. Hermann Vogt

    Bravo – endlich mal eine seriöse Stellungnahme zu dem Problem Prostitution! Es ist doch immer die Fragen zu stellen: Wem nützt ein Verbot? Wie kann es umgesetzt werden, ohne dass die Prostituion abgedräng wird in andere, noch weniger überschaubare Bereiche?

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