WERTSCHÖPFUNG KOMMT VON WERTSCHÄTZUNG

Andreas Reidl erklärt, warum die Klischees über Opas und Omas längst nicht mehr zeitgemäß
sind.

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Andreas Reidl
Werteschöpfung kommt von Wertschätzung Oder: Oma und Opa retten die
Welt

1990 stand Sir Peter Ustinov – nach eigenem Bekunden und fast 70 Jahre alt – vor der Her­ausforderung, König Lear zu spielen. Da fragte sich der leider zu früh
verstorbene Ausnahme­künstler, ob es nicht schon zu spät für diese
Rolle sei: „Ich saß in einem Restaurant in Strat­ford in
Kanada und dachte, vielleicht war das dumm von dir, diese Rolle
anzunehmen. Denn für König Lear muss man zwar ein sehr gutes
Verständnis für das Altsein haben, aber man muss auch jung genug
sein, um die Energie für diese große Szene in der Heide
aufzubringen. Und während ich so zweifelte, stieß ich
ungeschickterweise ein großes Glas Wasser vom Tisch, fing es aber
auf, bevor es zu Boden viel. Das war reiner Instinkt, ich hatte
keine Zeit, nachzudenken. Da sagte ich mir: Wenn du das kannst,
bist du noch jung genug und kannst auch den Lear
spielen.
“ Sir Peter Ustinov beschreibt in seinem Buch
„Achtung! Vorurteile!“ ganz wunderbar, was in unserer Gesellschaft
in Bezug auf Oma und Opa eingetreten ist: Heute bringen Großeltern
nicht nur das Verständnis für ihre Rolle in unserer Gesellschaft
mit, sie sind auch jung genug, um zu reisen, sich zu bilden, um
sich Lebensträume zu erfüllen, neue Familien zu gründen; kurz: jung
genug, um für weiteres Wachstum in der Wirtschaft zu sorgen. Aber
auch jung ge­nug, um sich ehrenamtlich zu engagieren, um die
eigenen Kinder und Enkelkinder zu unter­stützen – in vielen Fällen
auch finanziell – und um oft auch noch den Hochaltrigen – ihren
El­tern – zu helfen. Ein gewaltiger Wertewandel hat sich in den
vergangenen zwei Jahrzehnten bei der Genera­tion der 55 bis
75-Jährigen vollzogen. Der demografische Wandel geht einher mit
einem Wer­tewandel, der die Lebensformen und Bedürfnisse der
Bevölkerung prägt. Ältere sind gesün­der, leistungsorientierter,
vermögender, genuss- und konsumfreudig. Eigentlich eine schöne
Situation sowohl für unsere Gesellschaft als auch für unsere
Wirtschaft. Dennoch ist es gerade diese Altersgruppe, die in
unseren Unternehmen als Arbeitskraft unerwünscht ist und bei der
Wirtschaft als Kunde oft übersehen wird. Im Klappentext zu Sir
Peter Ustinovs bereits zitiertem Buch steht zu lesen: „Zu Beginn
des 21. Jahrhunderts leben wir wieder im Zeitalter der Renaissance.
In der Renaissance des Vorur­teils der arroganten Meinung über
Menschen, die auf blanker Unkenntnis beruht.“ Denn wie sehen die
Altersbilder aus, die wir heute mit Oma und Opa in Verbindung
bringen? Warum verzichten viele Unternehmen auf die Arbeitskraft
Älterer, obwohl Fakt ist, dass diese über Tugenden verfügen, die
wir bei den Jungen oft vermissen. Zuverlässigkeit, Loyalität,
Pünktlichkeit und Weitblick sind nur einige wenige. Die Gefahr,
dass ältere Mit­arbeiter Jobhobbing betreiben, um möglichst schnell
die nächste Karrierestufe zu erreichen, ist eher gering. Warum
werden Großeltern als Konsumenten nicht aktiver angesprochen,
obwohl die Konsumquote der Älteren mit 80 Prozent deutlich über dem
Durchschnitt (74 Prozent) der deutschen Bevölkerung liegt? Fakt ist
zudem: Die über 60-Jährigen, viele von Ihnen Oma und Opa, geben
jährlich rund 308 Mrd. Euro für Konsum aus. Dies ist rund ein
Drittel der Konsumgesamtaufwendungen aller Haushalte. Dass es sich
bei der heutigen 50plus Generation – bei 53 Jahren liegt das
Durchschnittsalter für die Geburt des ersten Enkelkindes – um ganz
andere Typen handelt als noch vor 20 Jahren, zeigen am besten
prominente Beispiele. Den nachfolgenden Persönlichkeiten würde man
wohl kaum unterstellen, dass sie keine eigenen Vorstellungen haben.
Vier Persönlichkeiten, die ihr Leben gerade nach Überschreiten der
magischen 50plus-Grenze sehr aktiv zu gestalten wissen:

  • Oma Nena (53) – 3 Enkelkinder
  • Opa
    Thomas Gottschalk (63) – 1 Enkel
  • Ur-Opa
    Joachim Gauck (73)– 11 Enkel und 3 Ur-Enkel
  • Ur-Oma Christine Kaufmann (68) – 4 Enkel und 1
    Urenkel

Woran liegt es, dass der
Großeltern-Generation – immerhin gut 20 Millionen Menschen –
verhältnismäßig wenig Wertschätzung in Bezug auf Arbeitskraft und
Konsum entgegenge­bracht wird? Immerhin haben sie unser Land
aufgebaut, es zu Wohlstand geführt und sind da­für verantwortlich,
dass auch die nachfolgenden Generationen noch in Wohlstand leben
kön­nen. Dies ist eine Frage, auf die es wohl nicht eine, sondern
viele Antworten gibt. Diese gilt es zu diskutieren, über alle
Generationen hinweg. Die 2012 gegründete
grosseltern AG hat sich hier klar positioniert, setzt sich ein für
eine Generationenzukunft für Jung und für Alt. Denn nur wenn die
Alten investieren, haben die Jungen künftig Arbeitsplätze. Nur wenn
die Alten die Jungen unterstützen, können diese Fa­milien gründen
und Häuser bauen. Nur wenn die Jungen Familien gründen und Kinder
be­kommen, können die Großeltern von den Sozialsicherungssystemen
profitieren. Nur wenn die Jungen innovative Produkte entwickeln,
können Oma und Opa auch ein hohes Alter mit Le­bensqualität
erreichen. Unsere Zukunft ist weder jung noch alt, Zukunft gibt es
nur für alle Generationen.
Sir
Peter Ustinov hat in seinem bereits erwähnten Buch auch folgende
Szene beschrieben: „Winston Churchill trabte noch im
hohen Alter ins Parlament. Es verging viel Zeit, bis er endlich
seinen Platz eingenommen hatte. Da zerrissen sich zwei
Hinterbänklern die Mäuler: Man sagt, er trinke nur noch Brandy –
Man sagt, er rauche immer dickere Zigarren – Man sagt, er sei auch
im Oberstübchen nicht mehr ganz klar. Da drehte sich Churchill um
und schnarrte die Abgeordneten an: Man sagt auch, er höre
schlecht.
“ Vorurteile über Oma und Opa gibt es viele.
Klischees, die längst nicht mehr zeitgemäß sind.
Andreas Reidl (1963) ist
Lehrbeauftragter für Demogra­fie und Marketing an der
Georg-Simon-Ohm-Hochschule Nürnberg. Da es in Deutschland bisher
kein umfassend or­ganisiertes Angebot und keine Lobby für
Großeltern gibt, hat er gemeinsam mit Dr. Stefan Lode die
grosseltern AG gegründet, die mit http://www.grosseltern.de bundesweit
eine spezi­ell auf die Bedürfnisse von Oma und Opa ausgerichtete
Internetplattform anbietet.

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