ÖKUMENE DER MÄRTYRER

Klaus Mertes SJ erinnert an die explizite ökumenische Einheit der katholischen und protestantischen Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus und fragt nach der Bedeutung für uns heute.

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Klaus Mertes

ÖKUMENE DER MARTYRER 

2017 erinnern sich Christen in Deutschland an Martin Luthers Thesenanschlag an der Augustinerkirche in Wittenberg und damit an die Reformation. Wäre 2017 aber nicht auch ein Jahr, an dem man daran erinnern könnte, dass im Land der Reformation fast 450 Jahre später Protestanten und Katholiken im gemeinsamen Martyrium gegen die nationalsozialistische Diktatur zu einer neuen Einheit gefunden haben? Die Geschichte ist weitergegangen, auch die Heilsgeschichte, wie das Beispiel des gemeinsamen Martyriums des Protestanten Helmuth James v. Moltke und des Jesuiten Alfred Delp zeigt.

Am 23.1.1945 wurde Helmuth James von Moltke in Berlin/Plötzensee hingerichtet. Ihm folgte am 2.2.1945 der Alfred Delp. Die Asche der Leichen wurde – wie die aller Ermordeten des Widerstandes nach dem 20.7.1944 – auf  die Rieselfelder Berlins verstreut. Heute wird ihrer in der katholischen Kirche Maria Regina Martyrum und in der evangelischen Plötzensee-Kirche in der Nähe der Hinrichtungsstätte gedacht. Die beiden Kirchen sind verbunden durch einen gemeinsamen Glockenturm.

Der Widerstand von Katholiken und Protestanten (und natürlich auch von Sozialdemokraten, Gewerkschaftlern u.a.) führte zu Überwindung trennender konfessioneller und gesellschaftlicher Schranken; dies ist die Frucht des Widerstandes. Philipp von Boeselager formulierte es in seinem letzten Interview auf die abschließende Frage: „Haben Sie noch etwas auf dem Herzen?“ folgendermaßen: „Ich hoffe, ich habe das klar gemacht. Ich bin als Nicht-Preuße, Anti-Protestant groß geworden und als Anti-Franzose. Meine Preußenfeindlichkeit hat sich durch Tresckow, Kleist, Oertzen, Schulze-Büttner und diese Kerle gelegt. Ich habe dann die richtigen Preußen kennen gelernt. Und besonders die protestantische Kirche, mit denen wir verfeindet waren, schätzen gelernt, und ich behaupte immer, die Ökumene hatte ihren Ursprung im KZ und im Widerstand.“[1].

Es ist wichtig, die Reihenfolge des letzten Satzes zu betrachten: Nicht die ökumenische Gesinnung führte in den Widerstand, sondern der Widerstand brachte die Ökumene hervor. Für Moltke war diese Zusammenführung der Konfessionen nicht nur ein von Menschen gemachtes religionspolitisches Ereignis, sondern ein konkretes Wirken des Geistes Gottes in der Geschichte. Nach seinem Prozess vor dem Volksgerichtshof am 10.1.1945 schrieb er an seine Frau: „Und dann wird dein Wirt[2] ausersehen, als Protestant vor allem wegen seiner Freundschaft mit Katholiken attackiert und verurteilt zu werden, und dadurch steht er vor Freisler nicht als Protestant, nicht als Adliger, nicht als Preuße, nicht als Deutscher – das ist alles ausdrücklich in der Hauptverhandlung ausgeschlossen -, sondern als Christ und als gar nichts anderes … Zu welch eine gewaltigen Aufgabe ist Dein Wirt ausersehen gewesen: All die viele Arbeit, die der Herrgott mit ihm gehabt hat, die unendlichen Umwege, die verschrobenen Zickzackkurven, die finden plötzlich in einer Stunde am 10. Januar 1945 ihre Erklärung. Alles bekommt nachträglich einen Sinn, der verborgen war.“[3]

Vom Ende her entschlüsselt sich der Sinn des Ganzen. Moltke, Delp und Gerstenmaier hatten anderes im Sinn, als sie am 9.1.1945 dem Volksgerichtshof vorgeführt wurden. Mehrere Monate lang hatten sie sich im Tegeler Gefängnis auf ihre Verteidigung vorbereitet. Am Abend des 8.1.1945 wurden ihnen die Anklageschriften überreicht. Sie lautete generell auf Hoch- und Landesverrat. Gegnerschaft gegen den Nationalsozialismus sowie „Defätismus“ wurden ihnen nachgewiesen und zur Last gelegt. Der Vorwurf der Beteiligung am Attentat vom 20.7.1944 wurde nicht erhoben. Moltke war seit Januar 1944 in Haft und konnte allein schon deswegen nicht direkt mit dem Attentatsversuch vom 20.7. in Verbindung gebracht werden. Er hatte sich zudem im Gegensatz zu den militärischen und bürgerlichen Widerstandskreisen gegen einen Anschlag gestellt; erst müsse Deutschland vollkommen besiegt werden, dann könne etwas Neues entstehen. Deswegen hatte er im „Kreisauer Kreis“[4] Freunde mit dem Ziel gesammelt, sich Gedanken über die gesellschaftliche Ordnung nach dem Zusammenbruch des nationalsozialistischen Deutschlands zu machen. Doch für Freisler bestand unausgesprochen ein innerer Zusammenhang zwischen dem Attentat vom 20.7.2944 und dem Gedankengut des „Kreisauer Kreises“. Das zeigte sich dann auch im Laufe des Prozesses.[5] Moltkes Verteidigungsstrategie lief jedenfalls darauf hinaus, alle Kontakte mit dem „Goerdeler-Kreis“ so darzustellen, dass ihm eine Mitwisserschaft mit den Attentatsplänen nicht nachgewiesen werden konnte.

Im Unterschied zu den stalinistischen Schauprozessen ging es den Nationalsozialisten bei ihren Prozessen gegen die Widerstandskämpfer auch sehr darum, den Schein des Rechts zu wahren. So spitzte sich die Situation zwischen Freisler und Moltke emotional zu, als einzelne Anklagepunkte ins Leere liefen; Moltke wies darauf hin, dass seine Besprechung mit Goerdeler Polizei und Gestapo bekannt war. Da „bekam Freisler Tobsuchtsanfall Nr. 1 … Er hieb auf den Tisch, lief rot an wie seine Robe und tobte: `So etwas verbitte ich mir, so etwas höre ich mir gar nicht an.´ Da ich ohnehin wusste, was rauskam, war mir das alles ganz gleich: Ich sah ihm eisig in die Augen, was er offenbar nicht schätzte, und plötzlich konnte ich nicht umhin zu lächeln.“[6]

Es ist eine Situation, die sich zu meditieren lohnt. Der „eisige Blick“ erinnert an die großen geistlichen Konfrontationen der Weltgeschichte, etwa wenn der Prophet Elija vor König Ahab tritt: „Hast du mich gefunden, mein Feind?“ fragt Ahab (1 Kön 21,22). Das Lächeln Moltkes gemahnt an die souveräne Reaktion Christi auf den Machtanspruch von Pilatus: „Du hättest keine Macht über mich, wenn sie dir nicht von oben gegeben wäre.“ (Joh 19,11) Die Machtverhältnisse zwischen Ankläger und Angeklagtem drehen sich. Moltke beschreibt diesen entscheidenden Augenblick in seinem Brief an Freya so: „Ich weiß nicht, ob die Umsitzenden das alles mitbekommen haben, denn es war eine Art Dialog – ein geistiger zwischen Freisler und mir, denn Worte konnte ich nicht viele machen -, bei dem wir uns beide durch und durch erkannten. Von der ganzen Bande hat nur Freisler mich erkannt, und von der ganzen Bande ist er auch der Einzige, der weiß, warum er mich umbringen muss.“[7]

An dieser Stelle gelangt das verdeckte geistliche Geschehen ans Tageslicht: die ökumenischen Kontakte Moltkes werden zum neuen Anklagepunkt. Freisler sagt über den Kreisauer Kreis: „Wer war denn da? Ein Jesuitenpater! Ausgerechnet ein Jesuitenpater! Ein protestantischer Geistlicher.[8] … Kein einziger Nationalsozialist! … Ein Jesuitenpater, und ausgerechnet mit dem besprechen Sie Fragen des zivilen Widerstandes! Und einen Jesuitenprovinzial kennen Sie auch, … einer der höchsten Beamten von Deutschlands gefährlichen Feinden …“[9]

Diese Entwicklung der Anklage überraschte auch Moltke. Doch er empfand sie als Geschenk: „Letzten Ende entspricht diese Zuspitzung auf das kirchliche Gebiet dem inneren Sachverhalt und zeigt, dass Freisler eben doch ein guter politischer Richter ist. Das hat den ungeheuren Vorteil, dass wir nun für etwas umgebracht werden, was wir a. gemacht haben, und was b. sich lohnt … Wir sind nach dieser Verhandlung … aus jeder praktischen Handlung raus, wir werden gehenkt, weil wir zusammen gedacht haben … Dass ich als Martyrer für den Heiligen Ignatius von Loyola sterbe – und darauf kommt es letztlich hinaus, denn alles andere war daneben nebensächlich -, ist wahrlich ein Witz, und ich zittere schon vor dem väterlichen Zorn von Papi, der doch so antikatholisch war. Das andere wird er billigen, aber das? Auch Mami wird wohl nicht ganz einverstanden sein … Das Dramatische an der Verhandlung war letzten Ende Folgendes: In der Verhandlung erwiesen sich alle konkreten Vorwürfe als unhaltbar, und sie wurden auch fallen gelassen. Nichts davon blieb. Sondern das, wovor das dritte Reich solche Angst hatte … ist letzten Ende nur folgendes: ein Privatmann, nämlich dein Wirt, von dem feststeht, dass er mit zwei Geistlichen beider Konfessionen, mit einem Jesuitenprovinzial und mit einigen Bischöfen, ohne die Absicht, irgendetwas Konkretes zu tun, und das ist festgestellt, Dinge besprochen hat, `die zur ausschließlichen Zuständigkeit des Führers gehören´.“[10] Hellhörig hört Moltke – um es in biblischer Sprache zu sagen – das Christusbekenntnis des unterlegenen Satan: „Freisler sagte zu mir in einer seiner Tiraden: Nur in einem sind das Christentum und wir gleich: Wir fordern den ganzen Menschen.“[11]

Es ist eine geistliche Frage, ob die katholischen und protestantischen Nachfahren in Deutschland diese explizite ökumenische Einheit als Grund für das Martyrium bloß als Tatsache hinnehmen, oder ob sie das Ereignis als das ansehen, was es für Moltke, Delp und viele andere bedeutete: Ein Wirken Gottes in der Geschichte. So gesehen gibt es im Land der Reformation seit dem 10. Januar 1945 eine von Gott gewirkte Einheit der Christen, hinter die Christen nicht mehr zurückkehren können. Wäre das nicht auch ein Thema in Hinblick auf das Jubiläumsjahr 2017?

[1] Philipp von Boeselager, Interview, FAZ 2.5.2008
[2] „Wirt“ ist die übliche Selbstbezeichnung Moltkes in den Briefen an seine Frau[3] zitiert nach Brakelmann, S.357
[4] Die Bezeichnung „Kreisauer Kreis“ wurde zuerst von der Gestapo verwandt
[5] Freisler gegenüber Sperr. „Der Moltke-Kreis war bis zu einem gewissen Grade der Geist des „Grafen-Kreises“, und der wieder hat die politische Vorbereitung des 20. Juli gemacht; denn der Motor des 20. Juli war ja keineswegs Herr Goerdeler, der wahre Motor steckte in diesen jungen Männern.“ (Brakelmann, S. 351)
[6] ebd., S.351
[7] ebd., S. 357
[8] gemeint: Eugen Gerstenmaier
[9] ebd., S. 354
[10] ebd., S. 355
[11] ebd., S.357

Klaus Mertes SJ (1954) ist Kollegsdirektor kam Kolleg St. Blasien. Er hat Slawisitik und Klass. Philologie in Bonn studiert und 1977 in den Jesuitenorden eingetreten. Anschließend studierte er Philosphie und kath. Theologie in München und Frankfurt a. M. und wurde 1986 zum Priester geweiht. Nach dem 2. Staatsexamen für Kath. Religion und Latein war er Lehrer an der St. Ansgar-Schule in Hamburg und am Canisius-Kolleg in Berlin, dessen er Rektor er 2000-2011 war. Klaus Mertes ist Mitglied im Zentralkommitte der dt. Katholiken und im Kuratorium Stiftung 20. Juli 1944

11 Antworten zu “ÖKUMENE DER MÄRTYRER

  1. Zu dem Hinweis „Der katholischen wie der evangelischen Märtyrer hätte es ebensowenig wie der ermordeten kommunistischen Widerstandskämpfer bedurft, wenn ….“ Der Konjunktiv Plusquamperfekt hat immer recht. Aber kann das ein Grund sein, das Vermächtnis der Martyrer nicht ernst zu nehmen, zumal dann, wenn es ein audrücklich theologisches und ekklesiologisches Vermächtnis ist? Schlimm wäre es doch, wenn wir dieses Vermächtnis vergessen und auf den Stand zurückfallen, den – jetzt rede ich wieder nur für die katholische Seite – die katholischen Widerständler zumeist auch einnahmen, bevor sie die anderen Christen kennenlernten – nach dem Motto: „Die sollen wieder katholisch werden – mehr gibts da nicht zu sagen!“ (Solche Stimmen kann man übrigens auch auf anderen Stellen dieses Bloggs lesen!) Genau dies haben die Widerständler im gemeinsamen Widerstand gelernt, dass man so nicht mehr übereinander sprechen kann. Das Rechthaben im Konjunktiv Plusquamperfekt bringt uns jedenfalls nicht über unseren eigenen Denkhorizont hinaus.

    • Lieber Pater Mertes,
      zunächst danke ich für diesen Artikel – allerdings komme ich zu etwas anderen Schlüssen als Sie es in dem Beitrag und in der Antwort hier tuen. Wie der Ökumeneaufruf richtig sagt, gibt es zwischen katholischen und evangelischen Christen eine ganze Reihe von Gemeinsamkeiten; gerade in Zeiten der Bedrängnis wie im dritten Reich, aber auch heute, da christliche Positionen mehr und mehr angegriffen werden, ist es da richtig, zusammen zu halten und für grundlegende Positionen einzustehen. Der Mord an den Juden durch die Nazis ist ein Verbrechen, bei dem kein Christ, sei er evangelisch, sei er katholisch, stiil bleiben kann. Und so hat es „Lichtgestalten“ gegeben wie von Moltke oder Delp, genauso wie es dunkle Gestalten als Mitläufer und Mittäter in der katholischen und evangelischen Kirche gegeben hat. Hier mit einer Stimme gesprochen zu haben ist eines der Verdienste der von Ihnen beschriebenen Märtyrer.
      Das darf aber andererseits nicht darüber hinwegtäuschen, dass Christen der unterschiedlichen Konfessionen einerseits ein unterschiedliches theologisches Verständnis bspw. hinsichtlich der Ämter, der Eucharistie bzw. der Kirche im Ganzen haben. Die im Aufruf genannten Differenzen sind eben nicht zu vernachlässigen, sondern fundamental. Was mir im Zusammenhang mit den Märtyrern noch mehr auffällt ist aber, dass es heute auch in wesentlichen moralischen Fragen keine Einheit zwischen den Kirchen gibt: nehmen wir nur die Fragen der Sexualmoral inklusive der Empfängnisverhütung (Stichwort „Pille als Geschenk Gottes“), der Genforschung, der Euthanasie – alles Punkte, zu denen die katholische Kirche eine eindeutige Position einnimmt, die sich – je nach Denomination – deutlich von denen protestantischer Christen unterscheidet. Hier eine Einheit herbeizureden, Unterschiede als irrelevant zu werten, führt uns in der Ökumene nicht weiter.
      Ihr Bericht ist daher insofern richtig und wichtig, weil er deutlich macht, an welchen Stellen gemeinsames Handeln aller Christen notwendig ist und möglich sein sollte. Ein stures „Mit denen rede ich nicht“, wie es vielleicht noch in den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts geläufig war, ist da sicher nicht richtig, wird aber doch heute selbst von Seiten der „Dunkelkatholiken“ wie ich es einer bin, nicht mehr genutzt. Ein ebenso stures „Es gibt gar keine wesentlichen Unterschiede“ ist aber ebensowenig zielführend. Zusammengearbeitet wird heute auf allen Hierarchieebenen der Kirchen, natürlich auf Gemeindebene, aber eben doch auch hoch, bis in die Weltkirche.Eine Verschleierung der dennoch vorhandenen Unterschiede im Rahmen eines Kompromisses oder – was schlimmer ist vermag ich gar nicht zu sagen – des Ignorierens, verwässert dagegen unsere, nein, seine Botschaft, an die wir glauben. Das ist die große Gefahr, die man – ganz abseits einer „sollen sie doch katholisch/evangelisch werden“-Rethorik – in einem Aufruf wie Ökumene jetzt sehen muss.

      • Danke für alle Hinweise zu meinem Beitrag “Ökumene der Märtyrer”, die mir in der Sache durchaus bewusst sind und deren Gewicht ich anerkenne. Ich stelle nur ein anderes Gewicht daneben, nämlich die auch theologisch bedeutsame und weiterführende Einheit im Martyrium sowie die geistlichen und theologischen Erkenntnisse der Männer und Frauen des Widerstandes, die sie auch thematisch über die Ausnahmesituation hinauisführten, in der sie standen. Sie kennen sicherlich die Äußerungen von Delp und anderen zum Thema Ökumene, und die Leidenschaft, die darin mitschwingt.

        Es hat immer wieder in der Kirchengeschichte Situationen gegeben, in denen Spaltungen dadurch überwunden wurden, dass aus Begegnung etwas Neues entstanden ist – ich rede nicht von “Kompromissen”, zumal sich dieser Begriff für mich zu sehr mit der Vorstellung von Verhandlungstischen verbindet – als ob dort das entscheidende geleistet werden könnte! Vielmehr folgen eventuelle “Kompromisse”, wo sie der Sache nach möglich sind, Ereignissen, in denen das Trennende schon überwunden worden ist. Manche Kompromisse erscheinen überhaupt erst als möglich, wenn sich vorher etwas ereignet hat. Kürzlich las ich ein schönes Beispiel: “Als in Rom im Jahr 217 ein neuer Bischof gewählt werden musste, sprach alles für den gebildeten und verdienten Hippolyt. Dennoch wurde ein freigelassener Sklave namens Callixtus gewählt, der vielleicht nicht einmal lesen und schreiben konnte und, wie sich bald heraustellte, ein weiches Herz für die reumütigen Sünder hatte und auch keine Einwände gegen nicht standesgemäße Eheschließungen zwischen adligen Römerinnen und armen Sklaven. Hippolyt ließ sich daraufhin von seinen Anhängern zum Gegenbischof wählen, bezichtigte den Callixtus der Irrlehre und führte so eine innerrömische Kirchenspaltung herbei. Diese hielt auch unter Urban, dem Nachfolger des Callixtus, an. Auf Urban folgte Pontianus und im Jahr 235 eine Christenrazzia in Rom. Kaiser Maxentius Thrax deportierte Pontianus und Hippolyt in die Bergwerke Sardiniens, wo sich beide, Papst und Gegenpapst, denselben Torturen ausgesetzt, im Angesicht des Todes miteinander versöhnten. Der wiedergewonnenen Einheit unter einem neuen Bischof stand nichts mehr im Weg. Beide wurden am 13.8.235 in Rom beigesetzt und als Martyrer in das Martyrologium der Kirche aufgenommen.“ (vgl. Entschluss 52/1997/5, S.7)

        Darum geht es mir: Es gibt Erfahrungen, die es unmöglich machen, sich mit dem Hinweis auf bestehende Unterschiede, die hier gar nicht geleugnet werden sollen, mit der Spaltung abzufinden. Und das richtig-falsch-Modell (“wir sind im richtigen Glauben, die anderen im nicht ganz so richtigen Glauben”) hilft dann auch nicht weiter. Wahrheit ist kein Besitz, auf dem man sich ausruhen kann. Gerne würde ich den Versöhungsgesprächen zwischen Hippolyt und Pontianus in den Bergwerken lauschen, und gerne würde ich den Martyrern des letzten Jahrhunderts lauschen, wie sie entdeckten, dass viel weniger sie trennt, als sie vorher gemeint hatten. Und solche Gespräche finden auch heute an ganz vielen Orten statt. Das hat dann irgendwann auch Gewicht für die ganze Kirche. Das ist meine Hoffnung.

    • Dann eben ohne Konjunktiv Plusquamperfekt: Warum haben die bürgerlichen Parteien einschließlich der katholischen Zentrumspartei für das Ermächtigungsgesetz zu Gunsten von Adolf Hitler gestimmt, obwohl der in Mein Kampf keinen Hehl aus seinen schändlichen Absichten gemacht hatte? Gibt es dafür eine Erklärung?
      Wie kommen Sie darauf, dass ich das Vermächtnis der Märtyrer nicht ernst nehme? Ich nehme es sehr ernst, genauso wie das der kommunistischen Widerstandskämpfer. Wollen Sie unbedingt Recht haben und auch in diesem Falle einen Alleinvertretungsanspruch manifestieren? Extra Ecclesia non est Salus?

  2. Sebastian von Melle

    „Seht doch, wie gut und schön ist es, wenn Brüder miteinander in Eintracht wohnen“, heißt es im Buch der Psalmen. Tun sie das wirklich? Leben Geschwister in der Regel einträchtig zusammen? Buhlen sie nicht eher – wie Jakob und Esau – um die Gunst des Vaters oder schlagen sich – wie Kain und Abel – den Schädel ein? Bruderliebe und Bruderzwist, zwei Seiten einer Medaille? In beiden Phänomenen steckt jedenfalls viel Dynamik und ein großes Potenzial.
    Am 25. Juni 2011 feierten die beiden großen christlichen Konfessionen in Norddeutschland die Seligsprechung und das ehrende Gedenken der Lübecker Märtyrer. Das sind drei katholische Geistliche, Kaplan Johannes Prassek (+ 32), Vikar Hermann Lange (+ 31) und Adjunkt Eduard Müller (+ 32) sowie der evangelisch-lutherische Pastor Karl Friedrich Stellbrink (+ 49). Am 10. November 1943 wurden sie im Abstand von drei Minuten von den Nationalsozialisten in Hamburg enthauptet, weil sie Unrecht beim Namen nannten und für die Verbreitung der berühmten Predigten des Kardinals von Galen gesorgt hatten. Ihr Blut war buchstäblich ineinander geflossen und hat ihre Blutsbrüderschaft im gemeinsamen Zeugnis für Christus besiegelt.
    Eine Seligsprechung von drei Katholiken und zugleich das ehrende Gedenken für ihren protestantischen Mitbruder – das dürfte bisher einmalig sein. Papst Benedikt XVI. hat alle vier als leuchtende Wegmarken der Ökumene bezeichnet, und sein Vorgänger Johannes Paul II. spricht vom Blutzeugnis für Christus als dem gemeinsamen Erbe von Katholiken, Orthodoxen, Anglikanern und Protestanten und betont: „Der Ökumenismus der Heiligen, der Märtyrer, ist vielleicht am überzeugendsten.“
    Gemeinsam erfahrenes Leid schweißt zusammen. Angesichts existenzieller Bedrohung und Verfolgung werden Meinungsunterschiede unwichtig und überflüssig. Die vier Lübecker Märtyrer waren sehr unterschiedliche Charaktere, aber im Widerstand gegen die nationalsozialistische Gewaltherrschaft haben sie die Eintracht gefunden, von der der Psalmist spricht, und sie haben sie in den eineinhalb Jahren im Gefängnis gelebt, so gut es eben ging. Aus ihren Briefen spricht der eine Geist des Vertrauens in Gott. In der Nähe zu Jesus Christus überwanden sie jede Angst und gingen nacheinander in den Tod, mit gefesselten Händen, aber völlig frei.
    Hermann Lange hinterließ an seinem Todestag berühmte und berührende Zeilen an seine Eltern. „In seinem Vorwort zu einer italienisch-europäischen Sammlung von ‚Letzten Briefen zum Tode Verurteilter’ bezeichnete der 79jährige Thomas Mann den Lange-Brief als ‚das schönste Beispiel christkatholischen Glaubens’“.
    „Ich bin 1.) froh bewegt, 2.) voll großer Spannung ! Zu 1.: für mich ist mit dem heutigen Tage alles Leid, aller Erdenjammer vorbei – und Gott wird abwischen jede Träne von ihren Augen! Welcher Trost, welch wunderbare Kraft geht doch aus vom Glauben an Christus, der uns im Tode voraufgegangen ist. […] Und 2. heute kommt die größte Stunde meines Lebens! Alles, was ich bis jetzt getan, erstrebt und gewirkt habe, es war letztlich doch alles hinbezogen auf jenes eine Ziel, dessen Band heute durchrissen wird. […] Wie mag alles sein? Das, worüber ich bisher predigen durfte, darf ich dann schauen! Da gibt es keine Geheimnisse und quälenden Rätsel mehr. […] Heute ist die große Heimkehr in’s Vaterhaus, und da sollte ich nicht froh und voller Spannung sein? Und dann werde ich auch all die wiedersehen, die mir hier auf Erden lieb waren und nahe standen! […] Noch einmal bitte ich Euch darum, geht Ihr Euren Weg in der Haltung, in der ich meinen gehe! Ruhig, stark und fest. […] Ich umfange Euch alle noch einmal mit einem innigen Kuß der Liebe! Auf Wiedersehen oben beim Vater des Lichtes! Euer – Phil.1,21! – glücklicher Hermann
    Der ökumenische Arbeitskreis „Lübecker Märtyrer“ würdigt die Einheit von Prassek, Lange, Müller und Stellbrink als Impuls für das gemeinsame Wirken der Christen in unserem Land. „In diesem mit ihrem Tod besiegelten Zeugnis sind die Lübecker als Märtyrer untereinander verbunden und für uns heute Vorbild, von dem erneuernde Kraft ausgeht. Sie stehen gemeinsam für die Kirche Jesu Christi, die Unrecht beim Namen nennt, Lüge entschleiert und die Barmherzigkeit Gottes als Quelle des Lebens ehrt. Zusammen sind sie gestorben. Sie wussten sich vor Gott ungetrennt, ‚wir sind wie Brüder’, bezeugte Hermann Lange. Als Realität haben sie eine Gemeinschaft erfahren, die Trennendes überwindet. Konfessionelle Grenzen waren für sie sekundär geworden. Das muss für uns heute Orientierung und Ansporn sein, dass wir dem folgen, was sie uns vorgelebt haben an Gemeinschaft im Geist, im Glauben und im Handeln.“
    „Wir waren wie Brüder“, das singt auch die umstrittene Band Böhse Onkelz in ihrem Lied „Nur die Besten sterben jung“ als Antwort auf die Ermordung eines Freundes 1990: „Wir waren mehr als Freunde, wir warn wie Brüder, viele Jahre sangen wir die gleichen Lieder, nur die Besten sterben jung. Du warst der Beste, nur noch Erinnerung, sag mir warum.“ Eindrucksvoll wird das Ideal der Freundschaft besungen und die Verehrung des Freundes wie ein Held, aber der frühe Tod wird hier wie ein gewaltiger Riss empfunden, der eine klaffende Wunde hinterlässt.
    Anders bei den Lübecker Märtyrern. Ihre Blutsbrüderschaft übersteht selbst die Farce des unrechtmäßigen Prozesses, die willkürlich gestreuten Gerüchte der Ankläger, die bitteren Haftbedingungen, die quälend lange Ungewissheit in der Isolation und sogar den äußerst brutalen Vorgang der Hinrichtung. Sie waren wie Brüder, und sie werden es bleiben. Auch ein genuin römisch-katholischer Akt der Seligsprechung kann sie nicht trennen. Es ist ein Merksatz verbürgt, den der ehemalige Mitgefangene und spätere Lübecker Senator Adolf Ehrtmann 1979 auf dem Sterbebett formuliert hat. Eines seiner Kinder hatte ihn damit stärken wollen, er werde bald nun zu seinen drei Kaplänen kommen. Ehrtmann antwortete: „Sag niemals drei, sag immer vier!“ Dieses Vermächtnis muss für die Nachwelt verpflichtend sein.
    Brüder und Schwestern lieben sich nicht immer, Brüder und Schwestern können auch streiten und sich manchmal sogar bekämpfen. Beispiele dafür gibt es jeden Tag in den Nachrichten, und gerade auch im Haus des Herrn gibt es Zoff ohne Ende. Die Seligsprechung und das ehrende Gedenken der vier Lübecker Märtyrer und die spannende Geschichte ihres Lebens und Sterbens können uns helfen, den Geist der Gemeinschaft als Brüder und Schwestern neu zu entdecken und wirken zu lassen.
    Wehr mehr darüber lesen will: http://www.luebeckermaertyrer.de

  3. Der katholischen wie der evangelischen Märtyrer hätte es ebensowenig wie der ermordeten kommunistischen Widerstandskämpfer bedurft, wenn die bürgerlichen Parteien einschließlich der katholischen Zentrumspartei dem Ermächtigungsgesetz 1933 nicht zugestimmt hätten.

  4. Zur Frage, was daraus weiter folgt: Für Johannes Paul II zeigt die „Ökumene der Martyrer“, „wie Gott unter den Getauften die Gemeinschaft … aufrecht erhält“ (Ut unum sint, 84) An anderer Stelle formuliert er noch stärker: „Der Ökumenismus der Heiligen, der Martyrer, ist vielleicht am überzeugendsten. Die Communio sanctorum, Gemeinschaft der Heiligen, spricht mit lauterer Stimme als die Urheber der Spaltung.“ (Tertio millennio adveniente, 37) Was folgt daraus?
    Ich rede nur für die katholische Seite: Wir könnten die nicht-katholischen Martyrer mit in das katholische Hochgebet hineinnehmen, wenn an die Gemeinschaft der Heiligen gedacht wird. Wir könnten mit evangelischen Christen an „heiligen Orten“ wie z.B. in der Nähe des Galgens von Plötzensee, Kommuniongmeinschaft beginnen (in den Gefängnissen von Tegel brachten sich die Gefangenen gegensetig und konfessionsübergreifend die Kommunion). Was für eine Strahlkraft für die Ökumene ginge dann von diesen Orten aus!
    Wir könnten uns die geschichtstheologische Deutung Moltkes zu eigen machen und dem Ruf gehorchen, der aus diesem Ereignis spricht. Wir könnten in einer Zeit, in der der Begriff „Martyrer“ politisch und ideologisch instrumentalisiert wird, wieder darüber sprechen, was Martyrium für uns Christen ist und warum darin das Herzstück des Christentums aufleuchtet. Wir könnten gerade an der Geschichte der Martyrer deutlich machen, dass Einheit der Christenc etwas Sichtbares ist. Und so weiter …

    • Vorhin habe ich auf Radio Vatikan gelesen, dass ostdeutsche Bischöfe beider Konfessionen dem Aufruf zustimmen.
      Vielleicht liegt das daran, dass man sich im Osten noch an die Probleme erinnert, die die christlichen Kirchen unter der kommunistischen Diktatur hatten.
      Vielleicht geht es uns noch zu gut und wir brauchen auch mehr Druck von außen, um uns auf unser gemeinsames Christsein zu besinnen.
      Ich denke auch daran, wie die Menschen in der ehemaligen DDR mit ihren Montagsgebeten die Diktatur gestürzt haben. Es gibt also auch heutzutage noch Wunder.
      Vielleicht sollten wir für das Anliegen von Ökumene jetzt Gebetskreise gründen.
      Ansonsten finde ich, die beiden großen Kirchen sollten die Vorschläge von P. Mertes aufgreifen.
      Übrigens freue ich mich, lieber Pater Mertes, wieder von Ihnen zu lesen.

    • Während eine Kommunniongemeinschaft, auch und gerade am Ort des Martyriums bekennender Christen, nur als Frucht der Einheit, als Höhepunkt und Bekenntnis zum gemeinsamen Glauben (1) möglich ist, ist der zweite Gedanke, den Sie äußern, schon Wirklichkkeit: Schon längst und schon immer sind auch die nicht-katholischen Martyrer mit in das eucharistische Hochgebet hineingenommen indem auch sie gemeint sind, wenn an die Gemeinschaft der Heiligen gedacht wird. Ein tröstlicher Gedanke, auch für die Ökumene!
      http://frischer-wind.blogspot.de/2012/09/nicht-katholische-martyrer.html
      zu (1):
      s . Enzyklika Ecclesia de Eucharistia von JPII.,:
      „Die Ablehnung einer oder mehrerer Glaubenswahrheiten über diese Sakramente, etwa die Leugnung der Wahrheit bezüglich der Notwendigkeit des Weihepriestertums zur gültigen Spendung dieser Sakramente, hat zur Folge, daß der Bittsteller nicht für ihren rechtmäßigen Empfang disponiert ist. Und umgekehrt kann ein katholischer Gläubiger nicht die Kommunion in einer Gemeinschaft empfangen, der das gültige Sakrament der Weihe fehlt.“

  5. Schöner Text, der deutlich macht, dass Moltke und Delp sogar ihr Leben aufs Spiel gesetzt und verloren haben, weil sie sich in ökumenischer Verbindung eingemischt haben. Sicherlich kann man sich ein Beispiel daran nehmen; Besonders Gegnern der Ökumene sollte dieser Text zu denken geben.
    Doch was folgt daraus weiter? Dass es Ökumene bereits ausreichend gibt? Dass wir auf das nächste Schreckensregime warten müssen, um die Ökumene weiter voranzubringen?

  6. Meine beiden Eltern waren sowohl Bahnauer (Preußisch Bahnau, Laienpredigerausbildung, nunmehr in Unterweissach, BW) also auch in der Bekennenden Kirche. Nach dem Krieg (den sie trotz Gefängnis und Folter – unter anderem in SED-Verhörzellen überlebten) haben sie in ihrem neuen Dominzil in Konstanz am Bodensee als allererstes die Ökumene mit zunächst der Altkatholischen Kirche, sodann mit der Römisch-Katholischen Kirche betrieben. Der erste ökumenische GD in Baden fand dann auch in diesem Rahmen statt. Sodann haben sie die Jumelage mit Fontainebleau mitbegründet und die Christlich-Jüdische Gesellschaft. Brücken bauen und versöhnen. – Ich selbst habe dann einen Holländer aus einer jüdischen Familie geheiratet. – Brückenbauen ist nicht einfach, arbeitsreich, aber der einzige Weg.

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