ÖKUMENE JETZT – CHRISTLICHER WELTDIENST JETZT !

Friedrich Kronenberg war 1966-1999 Generalsekretär des Zentralkomitees der deutschen Katholiken und ist einer der Erstunterzeichner des Aufrufs ÖKUMENE JETZT. Er  fordert für den christlichen Weltauftrag stärkere ökumenische Zusammenarbeit:  „Christen, die konfessionsübergreifend ihren politischen Dienst leisten, sind beheimatet in einer „politischen Ökumene“, die einen festen Platz in der Ökumene der Kirchen beansprucht und die nicht in das Niemandsland zwischen den Konfessionen gehört.“

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Friedrich Kronenberg

Ökumene jetzt! – Christlicher Weltdienst jetzt!

In Europa! – Für die Welt! 

Unsere kirchliche Trennung vor fünf Jahrhunderten hatte auch politische Gründe. Heute haben unsere ökumenischen Bemühungen um kirchliche Einheit ebenso auch politische Gründe. Dies ist eine Chance, sie gilt es zu nutzen. Wenn es morgen noch eine handlungsfähige Christenheit geben soll, die den vielfältigen Aufgaben des christlichen Weltdienstes gewachsen ist, müssen wir heute ökumenisch vorangehen. Der ökumenische „status quo“ ist für die zukünftigen Herausforderungen, denen der Dienst der Christen in der Welt begegnet, unzureichend.

Christlicher Weltauftrag verlangt stärkere ökumenische Zusammenarbeit 

„Martin Luther wollte die Kirche erneuern, nicht spalten… Dennoch kam es zur Kirchentrennung. Es gab gravierende Differenzen und Missverständnisse, aber die Spaltung hatte nicht nur theologische, sondern auch handfeste politische Gründe… Für die dauerhafte Trennung der Kirchen wurden Machtfragen wichtiger als Glaubensfragen… Heute ist die Kirchenspaltung politisch weder gewollt noch begründet.“ (Ökumene jetzt. Aufruf engagierter Christen zur Überwindung der Kirchentrennung. www.oekumene-jetzt.de) Heute verlangt das politische Engagement der Christen, dass sie gemeinsam handeln. Eine der Lehren des 20. Jahrhunderts in Deutschland lautet: Christen können ihren Dienst in Gesellschaft und Staat nur gemeinsam leisten. Wenn ihr Dienst in der Menschheitsfamilie und in der Welt glaubwürdig und beständig sein soll, dann müssen sie stärker ökumenisch zusammenarbeiten, dann müssen überzeugende Schritte der Kirchen zur kirchlichen Einheit Wirklichkeit werden. Der christliche Weltauftrag ist nur gemeinsam zu leisten: vor Ort, im eigenen Land, in Europa und in der Welt.

Zwar ist es ein wirklicher Fortschritt, dass heute fast alle Kirchen zu ihrer ökumenischen Verantwortung stehen. Für die evangelischen Kirchen mit der EKD als Hauptansprechpartner in Deutschland ist das selbstverständlich, für die Katholische Kirche heute ebenso. Das II. Vatikanische Konzil, das vor fünf Jahrzehnten in Rom stattfand, hat sich eindrucksvoll zur Ökumene bekannt. Aber dieser Fortschritt hat auch eine Vorgeschichte: die ökumenische Bewegung, eine freie Initiative von Priestern, Ordensleuten und Laien, theologisch fundiert, unterstützt auch von Bischöfen. Die ökumenische Bewegung hat wesentlichen Anteil daran, dass die katholische Kirche ihr Selbstverständnis heute nur unter Einbeziehung ihrer ökumenischen Verpflichtung formulieren kann. Die Einheit der Christen realisiert sich aber nicht, weil es die Verpflichtung hierzu gibt. Wie schon in der Vergangenheit sind in den Kirchen freie Initiativen, die ökumenisch vorangehen, erforderlich, damit das Wirklichkeit wird, was Jesus im Gebet, das er in der Stunde des Abschieds an seinen Vater richtete, erbeten hat: „Lass alle eins sein wie du, Vater, in mir und ich in dir, damit die Welt glaube“

(vgl. Joh 17,21). Die Einheit der Christen ist zwar letztlich ein göttliches Geschenk, doch erspart diese Tatsache den Christen nicht die Anstrengung, an sich selbst zu arbeiten, damit sie dieses Geschenk entgegennehmen können.

Christ sein ist nicht möglich, ohne es für andere zu sein. Nicht eine „Wohlfühl-Kirche“, eine auf das Spirituelle reduzierte und in diesem Sinne „entweltlichte“ Kirche ist das Ziel christlichen Engagements, sondern eine der Welt zugewandte Kirche, die ihren Dienst mitten in unserer Welt an allen Menschen wahrnimmt. Wenn Christen „das Salz der Erde“ (vgl. Mt 5,13) sind, dann sind sie das immer und sofort, nicht erst, nachdem kirchliche Einheit verwirklicht wurde. Und wenn Christen sich gemeinsam als „Salz der Erde“ einbringen, dann vollenden sie dadurch zwar nicht ihre kirchliche Einheit, sie leben aber Ökumene. In einem gemeinsamen Dienst in der Welt, in einem ökumenischen Projekt ergreifen sie eine Initiative, die die Kirchen ihrem Ziel der kirchlichen Einheit der Christen näher bringt. Ökumene jetzt verlangt daher auch gemeinsamen christlichen Weltdienst jetzt!

Gemeinsames politisches Handeln der Christen verlangt eine „politische Ökumene“ 

Der christliche Weltdienst ist auch ein politischer Dienst. Wenn politisch engagierte Christen aus christlicher Verantwortung gemeinsam politisch handeln, dann hat ihr Dienst eine kirchliche und damit eine ökumenische Qualität. Christen, die konfessionsübergreifend ihren politischen Dienst leisten, sind beheimatet in einer „politischen Ökumene“, die einen festen Platz in der Ökumene der Kirchen beansprucht und die nicht in das Niemandsland zwischen den Konfessionen gehört. So legitim es in der Vergangenheit war, von einem politischen Katholizismus zu sprechen, so selbstverständlich muss es zukünftig sein, von einer politischen Ökumene zu sprechen. So neu ist das nicht: Die Gründung der Unionsparteien nach 1945 war für die, die aus christlicher Verantwortung einen politischen Neuanfang versuchten, ein ernsthaftes ökumenisches Projekt. Die ökumenischen Kirchentage seit dem Jahr 2000 mit ihrer Orientierung auf Weltgestaltung und Solidarität mit allen Menschen sind ebenfalls ein solches ökumenisches Projekt. Weitere solche Projekte gibt es und weitere sind denkbar, auch innerhalb politischer Parteien und parteiübergreifend.

Natürlich erschöpft sich die Politik nicht in der Realisierung des Christlichen und „erschöpft sich das Christliche nicht in dem, was Politik für den Menschen erreichen kann und versuchen darf. Politisches und Christliches können nur dann füreinander fruchtbar werden, wenn sie sich aneinander freigeben, wenn sie sich voneinander unterscheiden, um in solcher Unterscheidung Impuls füreinander zu werden. Impuls füreinander: denn auch das Christliche kann in seinem Verständnis und in seiner Realisierung vom Politischen lernen.“

(Klaus Hemmerle: Unterscheidungen. Gedanken und Entwürfe zur Sache des Christentums heute. Freiburg, Basel, Wien, 1972, S. 112. www.klaus-hemmerle.de). Entscheidend ist, dass christlich verantwortete Politik kirchlich, auch innerkirchlich nicht belanglos, sondern bedeutsam ist und dass sie nicht in ein kirchliches Niemandsland zwischen den Konfessionen abgedrängt wird. Bei aller Autonomie des Christlichen und des Politischen: sie durchdringen einander im Dienst am Menschen. Deshalb bedarf Politik aus christlicher Verantwortung einer Verortung in der Ökumene der christlichen Kirchen.

Was kennzeichnet ökumenisches Handeln als Politik aus christlicher Verantwortung? 

Wie nimmt das ökumenische Handeln engagierter Christen für eine Politik aus christlicher Verantwortung Gestalt an? Es gibt viele Beispiele, wie der christliche Weltauftrag, die Diakonie in Staat und Gesellschaft wahrgenommen werden kann. Die Christliche Gesellschaftslehre, die die Orientierung am christlichen Menschenbild konkretisiert, ist auch ein guter Kompass für das politische Engagement. Sie verpflichtet und eröffnet gleichzeitig die Chance, in der Gesellschaft einen politischen Dialog über das Bild vom Menschen zu führen.

In der Förderung der Familien, in der politischen Mitgestaltung unserer Sozialen Marktwirtschaft, in einer nachhaltigen und integralen Umweltpolitik, in der Bildungspolitik, im Einsatz für einen Frieden in Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität und in vielen anderen Aufgaben konkretisiert sich eine Politik aus christlicher Verantwortung.

In der Gestaltung des Verhältnisses von Kirche und Staat verfolgen Christen das Ziel, dass der Staat bei seinem Wirken für das allgemeine Wohl sich nicht verschließt für das Suchen der Menschen nach ewigem Heil, dass also der weltanschaulich neutrale Staat offen bleibt für Transzendenzbezüge menschlichen Lebens.

Christen treten in Staat und Gesellschaft für Religionsfreiheit ein, für das Recht jeder Person und jeder Gemeinschaft auf religiöse Freiheit. „Denn es ist eine offene Tatsache, dass alle Völker immer mehr eine Einheit werden, dass Menschen verschiedener Kultur und Religion enger miteinander in Beziehung kommen und dass das Bewusstsein der eigenen Verantwortlichkeit im Wachsen begriffen ist.“ (II. Vatikanisches Konzil, „Erklärung über die Religionsfreiheit“, 1965)

Alle diese Aufgaben überschreiten, wenn man sie heute wirksam wahrnehmen will, den Horizont nationaler Grenzen. Sie begegnen lokalen und globalen Herausforderungen. Christen sind als einzigartige „global player“ hier besonders gefordert.

In der Zukunft wird die christliche Überzeugung von der Einheit des Menschengeschlechts unser politisches Engagement mehr und mehr bestimmen. Christen glauben, dass jeder Mensch Geschöpf Gottes ist und dass sich dieses Geschöpf durch eine unantastbare Würde und durch eine unvertretbare Verantwortung für die Schöpfung auszeichnet. Der Tatsache des gemeinsamen Menschseins entspricht die Anerkennung universaler Menschenrechte, die von keinem gesellschaftlichen Status und von keiner besonderen Leistung abhängen. In der Entwicklungszusammenarbeit der Kirchen mit ihren Anstößen und Anregungen für die staatliche Entwicklungszusammenarbeit findet diese Tatsache des gemeinsamen Menschseins überzeugenden Ausdruck. Die Einheit der Menschheitsfamilie ist altes christliches Gedankengut. Es ist daher selbstverständlich, dass die Christen ihr Engagement für weltweite Gerechtigkeit und Solidarität fortführen und ausbauen. So kann eine politisch überzeugende Antwort auf den gesellschaftlichen Prozess der Globalisierung gefunden werden.

Politische Ökumene in Europa für die Welt 

Angesichts der geopolitischen Herausforderungen der Gegenwart und der absehbaren Zukunft genügt es nicht, dass sich die Christen in ihren jeweiligen Ländern zusammentun, um sich diesen Herausforderungen zu stellen. Sie müssen sich über ihre nationalen Grenzen hinweg in Europa zusammentun, um ihrer globalen Rolle und ihrer Verpflichtung zum weltweiten Dienst am Menschen nachkommen zu können. Gemeinsame Anstrengungen aller Christen in Europa sind dringend geboten.

Wenn das richtig ist, dann stellen sich zwei Fragen: Wie kann die ökumenische Zusammenarbeit der Kirchen in Europa so weiterentwickelt werden, dass es dafür eine fruchtbare Verortung in einer europäischen politischen Ökumene geben kann? Und: Wie kann Europa politisch die Gestalt gewinnen, die notwendig ist, um seiner globalen Verantwortung gerecht zu werden?

Die Christen in Europa sollten sich bemühen, so zusammenzuarbeiten, dass sie sich gemeinsam in die gesellschaftliche und politische Gestaltung Europas einbringen können. Auf diese Weise werden sie dazu beitragen, Europa zu befähigen, seine weltpolitischen Aufgaben wahrzunehmen. Dass die Laienchristen in einer solchen europäischen Ökumene den ihnen zukommenden Platz einzunehmen haben, versteht sich von selbst. Viele werden das Ziel einer europäischen Ökumene für nicht erreichbar, vielleicht sogar für verfehlt halten. Dann soll in Gottes Namen darum gestritten werden. Unsere Welt erfordert den gemeinsamen Dienst der Christen Europas. Diesem Anspruch müssen sie sich stellen. Vielleicht wären es erste Schritte, wenn sich die ökumenischen Kirchentage in Deutschland zu ökumenischen Kirchentagen in Europa weiterentwickeln würden und wenn sich das Maximilian-Kolbe-Werk als Versöhnungswerk der Zukunft von seiner deutschen Trägerschaft über eine deutsch-polnische zu einer europäischen Trägerschaft weiter entwickeln würde, und zwar unter Beteiligung von katholischen und evangelischen Christen, eine Überlegung, die nicht so neu ist, wie sie vielleicht erscheint.

Manche werden meinen, es sei zumindest gewagt und wirklichkeitsfremd, bei der Fortentwicklung der Ökumene so sehr auf Europa zu setzen, wo es doch in der europäischen Politik allenthalben kracht und brennt. Doch gerade darin liegt eine besondere Chance, die Christen gemeinsam in Europa, für Europa und damit für die Eine Welt ergreifen können. Die europäische Währungsunion ist gebildet worden, ohne dass sämtliche politischen und rechtlichen Institutionen eingerichtet wurden, die hierfür erforderlich sind. Es mangelte in der Bevölkerung der beteiligten europäischen Länder an dem notwendigen Konsens hierfür. Die Politiker haben mit Recht das Machbare getan in der Zuversicht, dass die Entwicklung weitere Konsequenzen wie die Übertragung von bestimmten Rechten nationaler Souveränität auf europäische Institutionen erzwingt. Aber im menschlichen Zusammenleben ist dieses Erzwingen nicht mehr als eine Hoffnung.

Soll diese Hoffnung in Erfüllung gehen, dann müssen die Bürger Europas für den Gedanken gewonnen werden, Europa mehr im Sinne einer Politischen Union zu gestalten und im erforderlichen Maß auf Rechte nationaler Souveränität zu verzichten. Hier überzeugend zu wirken und dafür zu werben, ist eine herausfordernde Aufgabe für europäische Christen. So neu wäre diese Aufgabe nicht. Wir würden nur aufgreifen, was Robert Schuman, Alcide De Gasperi und Konrad Adenauer in ihrer Zeit vorgemacht haben.

Europäische Christen gemeinsam für eine Politische Union Europa! Europäisches Engagement für die Eine Welt! Christen Europas für globale Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität, für eine menschengerechte Friedensordnung weltweit! Dies ist ein Auftrag, der in der Ökumene der europäischen Kirchen verortet sein muss. Ökumene jetzt heißt daher auch christlicher Weltdienst jetzt, in Europa und für die Welt.

Dr. Dr. h.c. Friedrich Kronenberg (1933) hat Wirtschafts- und Sozialwissenschaften studiert. 1960-64 war er hauptamtlicher Leiter der Deutschen Pfadfinderschaft St. Georg, 1966 – 1999 Generalsekretär des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK) und 1983-1990 Mitglied des Deutschen Bundestages. 1982 – 2003 war er Vorsitzender der Kommission für Zeitgeschichte und 2001 – 2009 Vorsitzender des Maximilian-Kolbe-Werkes.

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