Das Kreuz mit dem „C“: Katholische Soziallehre neu buchstabieren

Lars Schäfers

Die CDU ringt um ihr „C“. Nach der desolaten Niederlage bei der Bundestagswahl 2021 geht es jetzt darum, sich der eigenen Wurzeln zu besinnen. Dabei ist auf die Fruchtbarkeit des Humus zu achten, in dem das christdemokratische Wurzelwerk gedeihen kann – dessen Nährstoffreichtum kann mit katholischer Soziallehre und christlicher Sozialethik wieder aufgefrischt werden. Die Bundesrepublik und ihre Sozial- und Wirtschaftsordnung wurde in den ersten Jahren unter Führung der Union schließlich so erfolgreich vom Sozialkatholizismus geprägt, dass der Publizist Ralf Dahrendorf mit Recht resümierte: „Wer in Deutschland von sozialer Marktwirtschaft spricht, meint Ludwig Erhard plus katholische Soziallehre“. Unionspolitik war damals nicht selten angewandte Soziallehre.

Und heute? Wir leben in einer Zeit tiefer sozialer, ökologischer und kultureller Umbrüche; Putins verbrecherischer Angriff auf die Ukraine stellt nun sogar mehr oder weniger die gesamte bisherige Weltordnung in Frage. In den pluralisierten, säkularisierten Gesellschaften ist die Stimme der Kirche(n) nur noch eine von vielen – und hat zudem mit erheblichen selbstverschuldeten Glaubwürdigkeitsproblemen zu kämpfen. Kann die katholische Soziallehre dann heute überhaupt noch nährenden Humus liefern? Kann sie eine ernstzunehmende sozialethische Orientierung bieten angesichts der Herausforderungen dieses Jahrzehnts?

Theologisch gesprochen geht es um die Zeichen der Zeit der neuen Zwanzigerjahre. Bereits im 19. Jahrhundert haben Christ/innen die Zeichen ihrer Zeit erkannt angesichts des massenhaften Elends der neu entstandenen Industriearbeiterklasse. Der Mainzer „Arbeiterbischof“ Wilhelm Emmanuel von Ketteler war einer der ersten, der erkannt hat, dass reines Moralisieren das Los der Fabrikarbeiterschaft nicht verbessert. Man muss an die gesellschlichen Strukturen ran – Vorfahrt für Sozialethik statt bloße Tugendmoral.

Papst Leo XIII. war es dann, der 1891 mit der Sozialenzyklika „Rerum novarum“ den Startschuss gegeben hat für die Entstehung der katholischen Soziallehre. Doch das kirchliche Lehramt hat sie nicht erfunden – engagierte, gesellschaftskritische Laien machten den Anfang im Biotop eines blühenden katholischen Verbandswesens, auf Katholikentagen und in der Zentrumspartei: Trotz der zunehmenden Klerikalisierung und Hierarchisierung der Kirche als antimodernes „Haus voll Glorie“ des 19. Jahrhunderts wurden die Laien im politischen und gesellschaftlichen Leben zur kirchlichen Speerspitze – der Sozialkatholizismus war geboren.

Kernmethode der katholischen Soziallehre ist nach wie vor der klassische sozialethische Dreischritt: das „Sehen“ der je aktuellen Zeichen der Zeit, das „Urteilen“ im Licht des Evangeliums und das „Handeln“ zur Lösung gesellschaftlicher Probleme. Das war nicht immer so. Lange bestand sozialkatholisches Denken aus wenig Sehen, viel Urteilen; aus starrer Statik, wenig Dynamik; aus viel Naturrecht, wenig Bibel. Man glaubte, das Wesen der sozialen Ordnung zu kennen: Alle Wirklichkeit wurde an dieser vermeintlich zeitlosen Sozialmetaphysik gemessen, in der jede/r an seinen Platz gehört und dort auch bleiben sollte: Die Frau an den Herd, der Mann an die Werkbank, der gottbegnadete König an die Staatsspitze, die außerdem die katholische Kirche als einzig irrtumsfreie Religion gefälligst zu privilegieren hatte. Alles gut naturrechtlich und antimodern, heute in der Kirche aber zum Glück weder mehrheits- noch wahrheitsfähig. Katholische Soziallehre ist jedoch weit mehr als Naturrecht und päpstliches Weisungsgefüge. Da sie heute jedoch zu Unrecht oft noch genau damit verbunden wird, spricht man in der Theologie inzwischen bevorzugt von „christlicher Sozialethik“. Doch warum braucht es eigentlich eine Sozialethik, die sich „christlich“ nennt?

Die Frage ist berechtigt. Orientiert an aktuellen Zeitfragen will christliche Sozialethik schließlich dem Anspruch nach auch Nichtglaubende ansprechen. Gerade im Bereich des Sozialen ist das entscheidend Christliche nicht immer zwangsläufig das unterscheidend Christliche. Christliche Sozialethik bietet allen Menschen guten Willens einen Fundus an orientierenden Werten und Prinzipien an. Die bekanntesten sind Solidarität, Subsidiarität und Personalität. Oberster Maßstab ist die menschliche Person in ihrer Gottesebenbildlichkeit. Die Unantastbarkeit der Würde des Menschen hat absoluten Vorrang. Auch das ist keine christliche Spezialität. Christ/innen sehen, urteilen und handeln also nicht unbedingt anders als andere. Nächstenliebe und sozial gerechte Politik können auch Nichtchrist/innen, und manche von ihnen sogar besser. Die Motivation, sich im Einsatz für mehr Gerechtigkeit biblisch inspiriert in Jesu Nachfolge den Bedrängten aller Art zuzuwenden – das macht einen Unterschied. Das hat unsere Wirtschafts- und Sozialordnung mitgeprägt.

Christlicher Glaube ist sozial oder er ist nicht christlich: „Selig, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit; denn sie werden satt werden“ (Mt 5,6). Christliche Sozialethik kann dabei helfen, dieses Gerechtigkeitsverlangen im Sinne Jesu zu orientieren, auch unter dem nach wie vor bewährten Label der katholischen Soziallehre. Doch Soziallehre ohne Sozialkatholizismus im Sinne politisch und sozial engagierter Christ/innen wäre eine tote Lehre. Als solche wäre sie wie ein ausgezerrter Ackerboden ohne Nährstoffe für die ideellen Wurzeln der CDU. Es kommt also vor allem auf entsprechende Gärtnerarbeiten der in der Partei aktiven Christ/innen an. Mulcht die Christdemokratie wieder mit christlicher Sozialethik – es wird all ihren ideellen Wurzeln guttun!


Lars Schäfers (1988), Mag. theol., ist Wissenschaftlicher Referent der Katholischen Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle (KSZ) in Mönchengladbach, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Seminar für Christliche Gesellschaftslehre der Bonner Katholisch-Theologischen Fakultät und Generalsekretär von Ordo socialis – Wissenschaftliche Vereinigung zur Förderung der Christlichen Gesellschaftslehre. Er ist außerdem Gründungsmitglied des Netzwerks Christliche Sozialethik (NCSE) in der Jungen CDA (JCDA).

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