Der Synodale Weg: Aus dem Missbrauchskomplex lernen

Dr. Irme Stetter-Karp, Präsidentin des Zentralkomitees der deutschen Katholiken

Anfang Februar tagte die 3. Synodalversammlung. Ihr Kontext führte die Delegierten zurück zum Ursprung des Synodalen Weges: den Missbrauchskomplex. Gut zwei Wochen vorher wurde das unabhängige externe Gutachten zu sexualisierter Gewalt im Erzbistum München und Freising vorgestellt. Was das Gutachten darstellt, hat kaum für Überraschung gesorgt: 235 Täter, 497 Überlebende, begünstigende Strukturen und Leitungspersonen, die ihren Verantwortlichkeiten nicht nachgekommen sind oder nachkommen wollten. Wenn es nicht so schlimm wäre, würde mir ein Film einfallen: Und täglich grüßt das Murmeltier…

Denn exakt 10 Jahre zuvor haben sich ehemalige Schüler*innen des Canisius-Kollegs an den damaligen Rektor, P. Klaus Mertes SJ, gewandt und ihm ihre Leiden geschildert. Wenige Tage später schreibt er 600 weiteren Ehemaligen, um in Erfahrung zu bringen, wer womöglich noch solche Erfahrungen hat machen müssen. Dieser Brief wurde öffentlich; sein Schock stößt auch die sogenannte MHG-Studie an.

Der Synodale Weg dient der Krisenbewältigung. Der Missbrauch ist nicht das einzige Thema, aber es bringt das Fass einer an Reformstau erstickenden katholischen Kirche zum Überlaufen. Die Bischöfe haben ihn angestoßen. Wir tragen ihn mit. Wer allerdings angesichts der tiefen Abgründe, in die wir immer wieder schauen müssen, nur mit den Schultern zuckt, befindet sich in akutem Begründungsnotstand, der sich mit jedem neuen Gutachten verschärft. Es stehen noch einige Bistümer mit ihren Untersuchungen aus. Die Abgründe schauen zurück.

Zwei Stränge laufen parallel: Das eine ist die Aufarbeitung, worauf es sehr differenzierte Perspektiven gibt. Ich bin für ein Mehr-Augen-Prinzip. Es muss so viel Licht wie nur möglich in diese kriminellen Szenen gebracht werden. Wenn es zu langsam geht, persönliches Versagen in eine Vergemeinschaftung von Schuld umgemünzt werden soll, oder gar den Opfern die Rolle der Aufarbeitenden zugeschoben wird – dann werden wir unbequem. Der Anspruch der Bischöfe darf nicht sein, Legislative, Judikative und Exekutive in Personalunion zu sein. Unabhängigkeit geht anders. Eine Wahrheitskommission kann dafür ein wichtiger Faktor sein. Unsere Ressource bringen wir besonders in den anderen Strang ein: Die Aufklärung, die der Synodale Weg in seinen vier Foren leistet.

Wir kommen zwar von verschiedenen Positionen in diesen Prozess hinein, aber das muss uns nicht hindern, gemeinsam einen Lösungsweg zu gehen. Differenzierte Perspektiven lassen uns für komplexe Problemstellungen ebenso differenzierte Lösungen entwickeln. Ob diese Lösungen zum Tragen kommen und ob damit auch die richtigen Konsequenzen gezogen werden, das ist die Gretchenfrage in der Synodalversammlung. Sie war bislang nie so bedrohlich drängend wie am Vorabend der 3. Synodalversammlung.

Lassen wir uns noch von den Leidensgeschichten berühren? Leisten wir Aufklärung auch in dem Sinne, Klarheit in das weite Nebelfeld zu bringen?

Der erste Prüfstein für diese Ernsthaftigkeit lag damit auf der Schlussabstimmung zum Grundtext des Forums 1, das sich mit Macht und Gewaltenteilung beschäftigt. Er bietet eine theologische Grundlage für eine Neuorganisation dieser Verhältnisse. Auf ihm als Fundament bauen alle konkreten Reformvorschläge des Forums in den sogenannten Handlungstexten auf. Wäre er gescheitert, wäre allen weiteren Lösungsvorschlägen zu diesen Fragen das Wasser abgegraben. Wäre er gescheitert, hätte das den Synodalen Weg schwer beschädigt.

Fragen von Macht und Letztverantwortung konzentrieren sich sehr auf die Figur des Bischofs. Sie sind die besonderen Adressaten. Da sie ohnehin in Schlussabstimmungen innerhalb der Mehrheit mit einer eigenen Zwei-Drittel-Mehrheit vertreten sein müssen, lag ein nochmals gespannter Fokus auf ihrem Abstimmungsverhalten. Die Debatten um etwaige Änderungen am Beschlusstext waren denn auch nicht einfach.

Am Ende haben die Positionen eine Zustimmung von 88% aller Synodalen erhalten, die auch von einer 74%igen Mehrheit der Bischöfe mitgetragen wurde. Statt eines Jubelschreis hat sich die Erleichterung mit einem tiefen Durchatmen in der Synodenaula gezeigt. Dieser Etappensieg war hart erkämpft: der Synodale Weg macht wirklich ernst.

Das Was-wäre-wenn-Szenario ist stets präsent. Es stehen noch viele weitere Vorschläge zur Beratung und ggf. zum Beschluss. Sie alle sind wichtig, um als Kirche im 3. Jahrtausend anzukommen. Doch welche Beschlüsse dürfen nicht gefällt werden, damit der Synodale Weg noch als Erfolgsgeschichte gelten wird? Die Stimmung in der Breite unserer Kirche ist da sehr gemischt. Und obwohl wir Fortschritte machen, katalysieren immer neue Ärgernisse die Erosion des Katholischen. Zu denen, die bereits gegangen sind, droht der Sturm der Entrüstung auch das Kernmilieu abzutragen. Was alles Gutes in und durch die Kirche geleistet wird, kommt mit alledem in der Wahrnehmung unter die Räder.

Die Frage nach einer Kirche in 10 Jahren findet ihre Antwort in der momentanen Phase. In dem Film „Und täglich grüßt das Murmeltier“, auf den ich zu Beginn angespielt habe, ist die Hauptfigur ein egozentrischer Zyniker, der in einer Zeitschleife gefangen ist. Er kann erst daraus entkommen, als er sich zur Liebe bekennt und seine Haltung ändert. Die 3. Synodalversammlung hat angedeutet, dass Kirche bereit und in der Lage zu einem Kulturwandel ist. Manche der gemeinsamen Entschlüsse dürfen als historisch gelten. Aber ohne Konsequenz in der Umsetzung wird die Krise von gestern, die auch die Krise von heute ist, ebenso die Krise der Zukunft der Kirche. Dann bleiben tote, leere Strukturen, die den Gott des Lebens nicht mehr verkündigen.


Irme Stetter-Karp (geboren 1956 in Ellwangen) ist promovierte Sozialwissenschaftlerin, Diplom-Sozialarbeiterin und Diplom-Pädagogin und arbeitete in verschiedenen Führungspositionen in der Diözese Rottenburg-Stuttgart. Als Leiterin der Hauptabteilung Caritas im Bischöflichen Ordinariat ging sie im September 2020 in den Ruhestand. Ihr ehrenamtliches Engagement ist vielfältig: Neben der Vizepräsidentschaft im Deutschen Caritasverband ist sie Präsidentin des Deutschen Vereins für öffentliche und private Fürsorge. Auch im Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK), dem sie seit Ende der 1980er Jahre mit Unterbrechungen angehört, zeigt sich ihr Engagement. Im November 2021 wurde sie zu dessen Präsidentin gewählt. Auf dem Synodalen Weg, den die katholische Kirche in Deutschland im Dezember 2019 eingeschlagen hat, arbeitete sie im Synodalforum „Leben in gelingenden Beziehungen – Liebe leben in Sexualität und Partnerschaft“ mit. Als ZdK-Präsidentin ist sie nun auch Präsidentin des Synodalen Weges und verantwortet damit den Reformprozess der katholischen Kirche mit.

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