ZUKUNFTSKONTINENT AFRIKA

Gerd Müller schildert als Entwicklungsminister zum Auftakt des dritten „German-African Business Summit“ in Ghana die Neuausrichtung der Zusammenarbeit mit dem Zukunftskontinent Afrika.

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Gerd Müller
Zukunftskontinent Afrika!

Afrika ist der Wachstumskontinent des 21. Jahrhunderts: Mitte letzten Jahrhunderts zählte er gerade mal knapp 250 Millionen Einwohner. Bis Mitte dieses Jahrhunderts werden es zehnmal so viele sein: 2,5 Milliarden. Eine riesige Herausforderung, denn an vielem fehlt es schon heute: Nahrung, Wohnraum, Strom, Bildung, Jobs und Lebensperspektiven für die vielen jungen Menschen. So muss in Afrika in den kommenden Jahren mehr in Infrastruktur investiert werden als bei uns in den letzten hundert Jahren: in Energietechnologie, Straßen, Gebäude und vieles mehr. Schon für uns wäre das eine riesige Anstren­gung. Um wie viel mehr noch für Länder ohne verlässliche Infrastruktur und Institutionen!

Wir müssen Afrika bei diesen Zukunftsaufgaben zur Seite stehen. Ich selbst schöpfe diese Überzeugung aus meiner Verankerung in der christlichen Soziallehre. Zudem ist es eine Frage der Fairness, denn un­ser Wohlstand baut in erheblichem Maß auf Afrikas Ressourcen und Arbeitskraft auf.

Und schließlich liegt es in unserem eigenen Interesse, welches Afrika wachsen wird: Ein Afrika der In­novationen, in dem dank moderner Technologien Jahrhundertsprünge gelingen, in dem die Menschen vom Ressourcen­reichtum ihres Kontinents endlich selbst profitieren? Oder ein Afrika, in dem Klimakri­sen, Kriege, Be­völkerungswachstum, Korruption allen Fortschritt wieder zunichtemachen? Wohin sich Afrika entwi­ckelt, wird auch unsere Zukunft in Europa mit bestimmen. Darum sage ich: Afrika braucht viel mehr In­vestitionen – politisch wie auch finanziell!

Die Afrikanische Union hat sich vor fünf Jahren mit der „Agenda 2063“ hohe Ziele gesteckt: für Frie­den, Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, wirtschaftliche Entwicklung. Die Bundesregierung und allen voran das Bundesministerium für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit unterstützen diese Ziele. Der „Marshallplan mit Afrika“ ist unser integriertes Gesamtkonzept dafür. Er baut auf vier Säulen auf: Staatliche Entwicklungsgelder, Privatinvestitionen, Eigenanstrengungen, faire Handelsbedingungen.

Staatliche Entwicklungsgelder bleiben wichtig, um Leuchttürme zu setzen. Wir tun dies erfolgreich auf vielen Gebieten: Etwa für eine moderne Ernährungswirtschaft mit unseren „Grünen Innovationszentren“. Oder für eine klimafreundliche dezentrale Energieversorgung mit Initiativen wie „Grüne Bürgerenergie für Afrika“. Für Bildung, Ausbildung, Gesundheit, für Ressourcenschutz, Anpas­sung an den Klimawandel. Aber staatliche Gelder allein können die Herausforderungen niemals lösen. Neun von zehn Jobs schafft die Privatwirtschaft. Hinzu kommt: Viele afrikanische Länder wollen längst eine Zusammenarbeit, die noch stärker wirtschaftliche Kooperation fördert.

Ghana beispielsweise, wo derzeit der dritte „German African Business Summit“ stattfindet, ist in den vergangenen zwei Jahren um mehr als 8 Prozent gewachsen – die Elfenbeinküste, Ruanda und Senegal verzeichnen 7 Prozent Wachstum.

Kurzum: In Afrika liegen Zukunftsmärkte! Aber bisher sind dort nur rund 1.000 der rund 400.000 international tätigen deutschen Unternehmen engagiert – gegenüber rund 10.000 chinesischen Firmen. Von den deutschen Auslandsinvestitionen gehen nicht einmal ein Prozent nach Afrika. Es gibt also noch großes Potenzial. Unsere Unternehmen sollten in Afrika investieren. Denn sie bringen zusätzlichen Mehrwert – nicht nur Know-how, Wachstum und Jobs, sondern auch neue Ausbildungsplätze, gute Arbeitsbedingungen und Umweltschutz.

Um solche verantwortungsvollen Privatinvestitionen zu fördern, haben wir ein umfangreiches Entwick­lungs-Investitionspaket auf den Weg gebracht. Dafür werden wir in den nächsten drei Jahren insgesamt bis zu einer Milliarde Euro bereitstellen. Zielgruppe sind insbesondere kleine und mittlere Unternehmen. Die wesentlichen Punkte: leichtere Finanzierungsmöglichkeiten, Ausbau des Beratungsangebots, bessere Absicherung von Investitionen und die zielgerichtete Entwicklung von Technologiestandorten.

Bisher gab es für deutsche und europäische KMU oft keine angemessenen Finanzierungsangebote. Diese Lücke wollen wir mit einem Investitionsfonds namens „AfricaConnect“ schließen. Ein weiterer Fonds, „AfricaGrow“, wird sich unmittelbar an afrikanische KMU richten. Die haben oft hohes Wachstumspo­tenzial, aber kaum Zugang zu Krediten. So wollen wir den Aufbau eines „African Mittelstand“ unterstüt­zen.

Darüber hinaus wird die Bundesregierung mit einem „Wirtschaftsnetzwerk Afrika“ die bisherige ent­wicklungspolitische und außenwirtschaftliche Beratung bündeln – denn vielfach fällt deutschen Unter­nehmen die Einschätzung der örtlichen Gegebenheiten schwer. Zudem haben wir für eine Reihe von afrikanischen Ländern die Risikoabsicherung für Unternehmen durch die so genannten Hermes-Bürg­schaften vergünstigt. Erste Erfolge sind sichtbar: Schon in der ersten Jahreshälfte 2018 lag das De­ckungsvolumen für Afrika bei über einer Milliarde Euro – höher als im gesamten Jahr davor. Das bedeu­tet: Deutsche Unternehmen realisieren doppelt so viele Vorhaben!

Hinzu kommt die neue Sonderinitiative Ausbildung und Beschäftigung. Sie soll gezielt Investitionshür­den beseitigen und Ausbildungs- und Job-Partnerschaften zwischen deutschen und afrikanischen Unter­nehmen begründen. In Tunesien ist der Anfang bereits gemacht: Dort konnte ich sieben Kooperationsab­kommen mit deutschen Unternehmen abschließen. Sie werden verstärkt ausbilden und bis 2020 7.500 neue Arbeitsplätze schaffen!

Aber zu allererst haben es die afrikanischen Regierungen in der Hand: Sie müssen Korruption bekämp­fen, Verwaltungen, Zollformalitäten, Unternehmensgründungen und Transporte effizienter und günstiger machen. Sie müssen in Ernährung, Bildung und Gesundheit investieren. Wir unterstützen daher insbe­sondere die Staaten, die bei alledem vorangehen. Ghana, Tunesien und die Elfenbeinküste sind bereits unsere „Reformpartner“. Weitere Reformpartnerschaften verhandeln wir derzeit mit Äthiopien, das unter seinem neuen Regierungschef Abiy Ahmed Ali große Fortschritte macht; und mit Senegal und Marokko.

Wichtig ist auch, dass Afrikas Märkte größer und damit attraktiver werden. Nur 17 Prozent der afrikani­schen Exporte bleiben auf dem Kontinent – in Europa sind es 65 Prozent. Mit der 2018 in Kigali be­schlossenen kontinentalen Freihandelszone könnte Afrika der größte Binnenmarkt der Welt werden – wir beraten bei der Umsetzung!

Faire Regeln für Handel und Globalisierung sind die Voraussetzung für die Entwicklung unseres Nach­barkontinents. Afrikas Produkte müssen tatsächlich Zugang zu europäischen Märkten erhalten. Maureta­nien zum Beispiel hat großartigen Fisch. Aber den Produzenten fällt es schwer, die strengen EU-Vor­schriften einzuhalten. Wir können und müssen helfen, dass Produkte europäischen Standards genügen.

Afrika ist unser Nachbar. Wir brauchen aber eine Partnerschaft, die nicht nur aus dieser Nachbarschaft erwächst, sondern auch aus dem Herzen – aus der Faszination für einen Kontinent mit ungeheurem kul­turellem Reichtum, Lebensfreude, mit Unternehmergeist und innovativen Ideen. Afrika kann Jahrhun­dertsprünge machen! Deutsche Unternehmen sollten bei dieser Entwicklung in Afrika dabei sein – und mit vorausgehen.

Dr. Gerd Müller (1955) ist Mitglied der CSU und war von 1989 bis 1994 Mitglied des Europäischen Parlaments. Seit 1994 ist er Mitglied des Deutschen Bundestags. 2005 wurde er Parlamentarischer Staatssekretär bei der Bundesministerin für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz.
Seit 2013 ist er Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Der Wirtschaftspädagoge ist verheiratet und hat zwei Kinder.

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