WARUM AMERIKA ?

Heike Schichtel ist 2001 in die USA ausgewandert und berichtet von ihren Erfahrungen und der Stimmung ein Jahr nach der Trump-Wahl.

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Heike Schichtel

Warum Amerika?

Was kann eine Deutsche bewegen, ohne zwingende Notwendigkeit im derzeitigen polarisierten Amerika zu leben? Das fragen Sie sich möglicherweise ebenso wie meine Familie und Freunde in der Heimat, be­sonders nach der schockierenden Trump-Wahl.

Nun, für mich gibt es mehrere Gründe:

So lange ich zurückdenken kann, wollte ich schon immer in den USA leben, ich habe viele Bücher über dieses Land gelesen, habe mich für die Politik interessiert, und war fasziniert von dem, was eine Kusine nach ihrem Austauschjahr in Utah zu berichten hatte. Als sich mir ein paar Jahre später die Gelegenheit bot, habe ich mich beim American Field Service beworben, kam auch in die engere Wahl, aber dann hat zu meinem grossen Kummer eine Konkurrentin das Jahr in den USA gewonnen.

Viele Jahre später kam dann eine zweite Chance, als mein Mann von seiner Firma für drei Jahre nach Raleigh versetzt wurde. Wir wussten nichts über Raleigh, aber nach und nach lernten wir, dass es auch City of Oaks genannt wird; es ist die Hauptstadt des Staates North Carolina, einem der Südstaaten der USA, und liegt etwa in der Mitte zwischen den Blue Ridge Mountains und dem Atlantik; das Klima ist mild, mit vier Jahreszeiten, einem relativ kurzen Winter mit meistens carolina-blauem Himmel, einem spektakulären Frühling, nicht so angenehmem feucht-heissem Sommer und einem farbenprächtigen Her­bst.

Als wir 1987 unser Assignment antraten, war Raleigh eine ziemlich provinzielle Stadt mit etwa 300.000 Einwohnern, heute sind es um die 500.000. Drei bedeutende Universitäten in einem engen Radius, der Silicon-Valley-ähnliche Triangle-Park, das angenehme Wetter, die Nähe zu Bergen und Meer, eine nied­rige Kriminalitätsrate, äusserst aktive Stadtväter und andere Faktoren sind ein grosser Anziehungspunkt speziell für Zuzügler aus nördlicheren Staaten.

Da mein Visum mir nicht erlaubte, hier zu arbeiten, hatte ich reichlich Zeit, an drei Morgenden eine in­ternationale ESL (English as a Second Language)-Klasse zu besuchen.

Ich hatte das Glück, mich sofort mit meiner Lehrerin anzufreunden, die mich in alle ihre Kreise einführ­te, wo ich warm und herzlich empfangen wurde. So habe ich sehr schnell den American way of life ken­nengelernt und habe Gott sei Dank nicht die Erfahrung vieler meiner Klassenfreunde machen müssen, dass die sprichwörtliche Southern hospitality recht oberflächlich und nicht wirklich ernst gemeint ist. Im Gegenteil, ich habe einige tiefe Freundschaften geknüpft, und meine damalige Lehrerin ist seit 30 Jahren meine beste Freundin. Diese Freundschaften führten in den 90ern, als wir wieder in Deutschland lebten, zu vielen Besuchen hin und her.

Als wir 1998 die Green Card in der jährlich vom US Kongress veranstalteten Lotterie gewannen, muss­ten wir eine Entscheidung treffen. Mein Mann war bereits im Ruhestand, ich hatte noch ein paar Jahre zu arbeiten, aber Anfang 2001 war es soweit, wir wanderten aus nach North Carolina. Unser Haus hatten wir bereits während eines Urlaubs gekauft, nun mussten wir sesshaft werden. Und das bedeutet im soge­nannten Bible Belt, eine Kirchengemeinde zu finden. Wie alle kirchgehenden Amerikaner, wenn sie in eine andere Stadt ziehen oder mit ihrer bisherigen Gemeinde unzufrieden werden, gingen wir church shopping, d.h. wir waren mehrere Sonntage auf der Suche nach einer Kirche, in der sich sowohl mein Mann als Katholik und ich als Protestantin heimisch fühlen konnten.

Wir entschieden uns für die grösste Presbyterianische Gemeinde in North Carolina mit über 4000 Mit­gliedern, weil sie ein mannigfaltiges Programm an Sonntagsschulklassen und vielen anderen Aktivitäten bot. Ich muss an dieser Stelle betonen, dass sich das gesamte soziale Leben hier fast ausschliesslich in Kirchenkreisen bewegt. Im Laufe der 16 Jahre habe ich nach anfänglichen Fehlversuchen meine Nischen in meiner Gemeinde gefunden: Ich besuche eine Sonntagsschulklasse, in der wir sehr liberale theologi­sche Ideen diskutieren; ich bin Mitglied einer Näh- und einer Strickgruppe, wo wir für unsere Schwes­terkirche in Smolensk/Russland handarbeiten; mehrere Jahre lang habe ich nach intensivem monatelan­gen Training als Stephen Minister gearbeitet; und seit einem Jahr bin ich Präsident der Seniorengruppe meiner Kirche und verantwortlich für ein wöchentliches Programm. So kann sich jeder einbringen mit seinem speziellen Talent, und das ist Teil der amerikanischen Philosophie Give back to the community.

Diese Denkweise war mir nicht so bewusst in Deutschland, und ich wünschte, meine Eltern hätten das mehr betont. Aber vielleicht war diese Generation vorwiegend mit dem Wiederaufbau unseres Landes beschäftigt. Ich bin glücklich, mit diesen ehrenamtlichen Tätigkeiten mein Potential gefunden zu haben, und dankenswerterweise gibt es in den USA keine Altersdiskriminierung, d.h. man kann im grossen und ganzen so lange in einem bezahlten oder ehrenamtlichen Job arbeiten wie man möchte oder fähig ist.

Mittlerweile habe ich vier Präsidentschaftswahlen erlebt und alle Debatten am Fernsehen verfolgt. Die Polarisierung war bereits erkennbar in 2004, als die Öffentlichkeit langsam erkannte, dass der Krieg in Irak auf einer Lüge aufgebaut war; die Spaltung wurde noch deutlicher während der Obama-Präsident­schaft und erreicht nun unter Trump bisher unbekannte Ausmasse. So beobachte ich beispielsweise seit einiger Zeit eine Verrohung der Sitten, die sich hauptsächlich im Strassenverkehr bemerkbar macht, aber auch in anderen Situationen. Ich erinnere hier an zwei skandalöse Vorkommnisse in Flugzeugen wäh­rend der letzten Monate.

In Deutschland wundert man sich sicher über die Unterstützung Trumps durch die Evangelisten, die 26% der Wählerschaft ausmachen. Ein Wahlversprechen, die grösste Priorität für die Evanglisten, hat der neue Präsident bereits eingehalten mit seiner Nominierung eines Supreme Court Justice, der gegen Abtreibung ist. Und vor einigen Monaten hat er Kirchenführern versprochen, das Johnson Amendment abzuschaffen, das steuerfreien Gruppen wie Kirchen verbietet, politisch aktiv zu werden oder Kandi­daten zu unterstützen. Immigration steht ebenfalls hoch auf der Agenda der Evangelisten, doch das The­ma ist so kontrovers und komplex, da sehe ich kurzfristig keine Lösung.

Wir haben nun fast ein Jahr mit President-elect und President Trump hinter uns, und die Gemüter haben sich etwas beruhigt, teilweise aus Resignation, teilweise in der Hoffnung, dass die Untersuchung von Special Counsel Robert Mueller letztendlich zum Impeachment führt oder dass die Republikaner viel­leicht doch irgendwann mal sagen: Enough is enough! Wenn man zunachst keine Ahnung hatte, wie der Prasident auf gewisse Dinge reagieren würde, so ist mittlerweile ein Muster in seinem Verhalten erkenn­bar: Immer wenn etwas nicht nach seinen Wünschen geht, z.B. mit der Flugbeschränkung aus bestimm­ten Ländern oder mit der Krankenversicherung oder was sonst er bisher nicht vollbracht hat, dann sucht er sich einen Süundenbock, den er mit Twitter heruntermacht, so etwa die Medien, oder Filmschauspieler, und nun Sportler. Oder an Freitag Nachmittagen feuert er mal wieder einen seiner Top-Leute. So reagiert er seinen Frust ab. Die abendlichen Nachrichten machten mich zunaechst wütend und angeekelt, aber nun kann ich nur noch den Kopf schütteln über soviel Ignoranz, Inkompetenz und Filz, den er eigentlich ausrotten wollte. Es lebe das Chaos!

Bis jetzt haben wir in North Carolina noch keine Auswirkungen seiner Politik erlebt, aber das kann sich für jeden von uns ändern, falls er einen Krieg mit Nordkorea anzettelt oder falls es keine Einigung für eine neue oder verbesserte Krankenversicherung gibt.

Trotz der bedauerlichen politischen Entwicklung lebe ich gerne in Amerika. Sicherlich, es gibt Dinge, die ich vermisse, wie Wanderungen im Siebengebirge, Radfahren entlang der Sieg und dem Rhein, Quark, Schwarzbrot, mehr Zusammensein mit Familie und Freunden, aber das sind gute Gründe, regel­mässig zurück in die Heimat zu fliegen und aufzutanken.

Heike Schichtel (1941) war nach dem Sprachenstudium am Dolmetscher-Institut in Saarbrücken einige Jahre als Auslandskorrespondentin     bei der Carl Freudenberg AG in Weinheim und dem Vogel-Verlag in Würzburg tätig. Danach habe hat sie Redaktionsassistentin für eine Fachzeitschrift in Bonn gearbei­tet und schließlich im Publikationsreferat der Konrad-Adenauer-Stiftung gearbeitet. 2001 wanderte sie in die USA aus.

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