KUNST UND KIRCHE – EINE VIELFARBIGE HASSLIEBE

Klaus Martin Bresgott beschreibt Brücken und Gräben im Verhältnis von Kunst und Kirche und hält streitbare Ansätze für unabdingbar.

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Klaus-Martin Bresgott

„Was du ererbt von deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen“

Kunst und Kirche – eine vielfarbige Hassliebe

Die Geschichte des Verhältnisses zwischen Kunst und Kirche respektive der christlichen Glaubens­geschichte ist eine von vielen Brücken und ebenso vielen Gräben. Vermeintliche Deutungshoheiten und die fatale Vorstellung, Kirche gebe ein Leitbild für Kunst und sei damit auch ihre Visionsspen­derin, haben die Künste verprellt. Die Kirche wiederum fühlte sich entweder provoziert oder bearg­wöhnt, weil ihr vorgeworfen wurde, die freiheitliche Idee Jesu sei durch sie in das verwaltete Ge­genteil mutiert, das wie der Kommunismus in der Realität an der fehlenden Authentizität seiner sie vertretenden Protagonisten scheitere. Sie überlebe überhaupt nur durch das in der Gegenwart nie einzulösende Versprechen einer Erlösung in ungewisser Zukunft. Die Gräben halten sich tapfer, so­lange hier noch immer regelmäßig ideologisch argumentiert und Kirche als Bedeutungsträger statt als assoziativer Raum verstanden wird. Darum wollen die Künste mit der institutionalisierten Kirche eher wenig zu tun haben. Die Reibung an den Texten der Bibel aber ist und bleibt eine willkommene – die gibt sowohl das Alte Testament als auch die schillernde Fremd­heit des Jesus von Nazareth allemal her und spiegelt sich in der Literatur ebenso wie in der Musik, in der Bildenden Kunst ebenso wie im Theater oder im Film.

Wo finden sich heute Brücken? Und wo lassen sie sich bauen?

Brücke Nr. 1

Einsicht, weniger pauschal als vielmehr individuell aufeinander zu reagieren, mithin also das Gespräch und damit auch die Kon­kretion zu suchen, ist wie überall der Anfang. Das schließt freilich nicht aus, sich alles Trennende genauso bewusst zu machen wie alles Verbindende. Eine lange schon gewonnene, aber immer wie­der neu ins Bewusstsein zu bringende Erkenntnis ist: Kunst ist kein Spiel. Sie selbst muss aber spie­len dürfen und frei kreativ sein können, um Gestaltungsräume zu öffnen oder frei zu halten, die in der Erfahrung für andere wiederum zu Orientierungshilfen und zu Orten der Auseinandersetzung werden, wo emotionale Empathie und Sensibilität, wo Toleranz und Selbsttätigkeit erfahren und er­probt werden.

Brücke Nr. 2

Kunst ist durch die Auseinandersetzung mit dem Unbewussten, durch die gleichnishafte Konfronta­tion mit Selbstverständlichkeiten und die Implementierung des Fremden in die vertraute Welt oft Ursprung von Meinungsbildung und Urteilskraft sowie Ausgangspunkt für Erkenntnis und Wahr­nehmung, indem sie die Vorgänge hinter den Vorgängen beleuchtet. Wo Kirche die Bibel als Glau­benszeugnis liest, nutzt die Kunst die Bibel als ein Rohmaterial, indem sie ihre Allgemeingültigkeit mit neuen Bildmetaphern und aktuellen Wirklichkeitsdeutungen auf den Prüfstand und in ein verän­dertes Licht stellt.

Brücke Nr. 3

Kunst und Kirche werden jeweils kollektiv eingeordnet, sind im Kontakt schlussendlich aber immer individuell. Nehmen beide Seiten das für sich immer so wahr, so sprechen sie auch immer für sich als Kinder einer – unserer – Zeit. Damit entlasten und entlassen sie sich gegenseitig aus dem Zwang abstrakt vergewisserter historischer Zustände, die ihnen den Zugang zueinander erschweren oder in Frage stellen.

Brücke Nr. 4

Wir alle sind nach christlichem Verständnis ganzheitlich erlebende und tätige Wesen. Die Kunst und der Umgang mit ihr fördern unsere eigene Sprachfähigkeit und Eigenständigkeit. Sie verankern die Sinne auf existentielle Art und Weise in unserem Urteilsvermögen. Damit fördern sie ein auf Ganzheitlichkeit angelegtes Menschenbild und sind ein Korrektiv rationaler Besessenheit nach Effi­zienz und Wachstum.

Brücke Nr. 5

Kunst ist oft Imperativ des Augenblicks und damit immer auch ein Gegenpol kirchlicher Jenseits­deutungen und Prophetien. Sie wahrt, insbesondere im Film, im Theater, in der Literatur oder im Tanz auf vielschichtige Weise einen direkten Bezug zur Gegenwart und spiegelt darin menschliches Handeln, das Ausgangspunkt kirchlichen Handelns gegenüber Gott ist.

Brücke Nr. 6

Wie die Demokratie ist auch die Kunst ein Prozess, kein Zustand. Nimmt man Kirche als Gesamt­gebilde ihrer Gemeinden in deren Lebendigkeit ernst, unterliegt auch sie dieser Definition und da­mit dem Gebot, flexibel zu agieren sowie auf den Alltag zu reagieren.

In der Form, wie Kirche per se Kultur ist und als wesentliche und anerkannte Kulturträgerin sowohl durch ihre Kunstschätze als auch durch ihre Kunstvermittlung insbesondere im musikalischen Be­reich einen essentiellen Beitrag zur kulturellen Bildung leistet, steht sie im Umgang mit der Kunst vor zwei wichtigen Aufgaben: Der Bewahrung und Vermittlung vorhandener Kunstschätze auf der einen und der für ihre Identität unerlässlichen Förderung neuer Kunst auf der anderen Seite.

Wie wichtig für den Erhalt unserer eigenen Identität die Kunst ist, ist oft Inhalt von Reden und Auf­sätzen. Schon Goethe hat im „Faust I“ auf den nötigen und reflektierenden Umgang damit verwiesen: „Was du ererbt von deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen“. Wie selten diese Überlegun­gen aber praktische Handlungsorientierung geben, offenbart sich vielfach in den Kirchengemeinden – etwa im Umgang mit den altehrwürdigen Kirchengebäuden, die kostspielig renoviert, aber nicht mehr verstanden werden, weil wir verlernt haben, sie zu lesen und wir ihre ikonographische Bild­kraft nicht mehr buchstabieren können. Weil uns ein herausgeputztes Kleid reicht und uns dessen Hintersinn und Bildlichkeit, die oft einziger und unmittelbarer Ausdruck unserer Vorfahren war, als Ornament genügt. Auf die Bürde leerer, teurer Hinterlassenschaften reagiert Faust im begonnenen Monolog fortfahrend: „Was man nicht nützt, ist eine schwere Last“. Erfahrungen zu ermöglichen, die der Bewahrung unseres ererbten Gutes dienen, die das Sehen wieder neu lehren und dadurch wieder zu aktivem und selbsttätigem Umgang damit befähigen, ist eine wesentliche Aufgabe der Kirche im Umgang mit (ihrer) Kunst.

Fontanes sagenhafte Melusine aus dem berühmten „Stechlin“ steht als Patin für die zweite wichtige Aufgabe der Kirche im Umgang mit der Kunst: „Alles Alte, soweit es Anspruch darauf hat, sollen wir lieben, aber für das Neue sollen wir recht eigentlich leben“. Dies scheint umso nötiger, wenn sich die Zugkraft der Alten auf uns Heutige im Ästhetischen zu erschöpfen scheint und die Sehn­sucht nach neuer Deutung mit der nach neuer Wirklichkeit Hand in Hand geht. Hier ist Kirche in dreifacher Hinsicht aufgefordert, aktiv zu sein – als Einsichtige, dass Kunst heute weniger eine Frage der Stilrichtung als vielmehr eine der Haltung ist und dafür streitbare, individuelle Ansätze unabdingbar sind. Als Auftraggeberin, die die aktuelle Auseinandersetzung mit der Bibel fördert und in der Öffentlichkeit diskutiert, und als Vermittlerin, die die Angst vor der eigenen Urteilsfähig­keit nimmt, indem sie selbst Verstehen lernt und das Verstehen aktiv fördert.

Klaus-Martin Bresgott (1967) Studium der Germanistik und Kunstgeschichte, parallel Chorleitung. Freibe­rufliche Tätigkeit als Dirigent, Dramaturg und Kulturmanager. Seit 2009 im Kulturbüro des Rates der EKD. Fächerübergreifendes Projektmanagement, Netzwerkarbeit zwischen Kultur, Gesellschaft und Kirche, Ko­operationen mit Museen und Theatern, international erfolgreiche CD-Produktionen, zuletzt „Perlmuttfal­ter – Contemporary Choral Music“ (Carus 2014).

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