Fremdprophetie für die Kirche

Dr. Ulrich Ruh

Von Fremdprophetie spricht man dann, wenn sich Christen und ihre Kirchen von außen etwas sagen lassen, was ihnen gut tut und neue Wege aus einer verfahrenen Situation aufzeigt.  In diesem Sinn ist das kürzlich erschienene  Buch des Soziologen und Philosophen Hans Joas mit dem programmatischen Titel „Warum Kirche?“ ein Stück heilsame Fremdprophetie. Es skizziert nämlich Perspektiven für Selbstverständnis und Struktur vor allem (aber nicht nur) der katholischen Kirche, über die sich nachzudenken lohnt. Hans Joas hat vor zwei Jahren mit dem Band „Im Bannkreis der Freiheit“ gelehrte Studien zur Religionstheorie nach Hegel und Nietzsche vorgelegt, die auch ein Kapitel über Ernst Troeltsch(1865-1923) enthalten. Nun lässt er im Anschluss gerade an Troeltschs Arbeiten über die Sozialgestalt des Christentums sozusagen kirchenpraktische Nutzanwendungen für heute folgen.

Ein erstes wichtiges Stichwort entnimmt Hans Joas einer Arbeit über Ernst Troeltsch: Die Rede von der „Elasticized Ecclesiology“. Es führt tatsächlich kein Weg daran vorbei, auch auf katholischer Seite Kirche grundsätzlich elastischer zu denken. Troeltsch hatte seinerzeit die Unterschiedlichkeit der drei christlichen Sozialformen Kirche, Sekte und Mystik herausgearbeitet. Inzwischen hat sich die Kirchenbindung der meisten Katholiken jedenfalls in Deutschland und anderen europäischen Ländern grundlegend und wahrscheinlich irreversibel verändert; das Spektrum reicht von sektenartigen Konventikeln bis zu einem vagen „Kulturkatholizismus“, was auch die Stellung von Priestern und Bischöfen innerhalb der Kirche  massiv betrifft. In diesem Gefüge müssen überkommene Sozialformen wie Verbände oder neuere wie die geistlichen Bewegungen ihren Ort erst wirklich finden, muss sich auch die unverzichtbare wissenschaftliche Theologie stärker auf gewandelte Herausforderungen und Aufgaben einstellen. Bei diesen ganzen katholischen Suchbewegungen bräuchte es übrigens eine produktive Auseinandersetzung mit den flexibleren, weniger sakralisierten Kirchenbildern und –erfahrungen im Protestantismus seit der Reformation.

Ein zweites Stichwort: Joas plädiert dafür, dass eine weltumspannende Kirche ein neues Gleichgewicht zwischen Einheitlichkeit und Unterschiedlichkeit finden und sich dazu auch offen bekennen müsse. Hier wird die entscheidende Bewährungsprobe für den weltweiten synodalen Prozess liegen, den Papst Franziskus der Gesamtkirche für die nächsten Jahre verordnet hat. Letztlich käme es dabei darauf an, das Erste Vatikanische Konzil mitsamt seinen Folgen für das kirchliche Recht so zu überwinden, dass eine neue Balance von orts- und regionalkirchlicher Eigenständigkeit auf der einen und universalkirchlichen Regelungen auf der anderen Seite Platz greifen kann. Dabei müssen Spannungen innerhalb der einen Kirche ausgehalten werden – so schwer es dem einen oder anderen auch fallen mag.

Ein drittes Stichwort: Für den Religionssoziologen Joas muss es das gemeinsame Ziel von Reformern und Bewahrern in der katholischen Kirche sein, „alle institutionellen Fragen an den leitenden Idealen orientiert zu reflektieren und an der Aufgabe, die Kirche in ihrer Mission zur Verbreitung des Ideals universaler Menschenwürde zu stärken“. Damit ist keine Absage an Reformforderungen und Reformdebatten gemeint. Man darf und soll sie nicht dadurch madig machen, dass man auf den Vorrang der Evangelisierung als christlich- kirchlicher Aufgabe verweist. Aber es wäre viel damit gewonnen, wenn klar würde, dass solche Diskussionen und Beschlüsse immer in den Zusammenhang der intellektuellen wie spirituellen Bemühungen um ein glaubwürdigeres christliches Zeugnis gehören. Es tut gut und ist sogar unverzichtbar, möglichst oft an das zu erinnern, was Joas die „leitenden Ideale“ des Christentums nennt.

Er fasst seine Vorstellung von Kirche in einer anspruchsvollen Kurzformel folgendermaßen zusammen: „Eine missionarische Kirche, begeistert von dem Glauben, der in ihr lebt, global orientiert, sich nicht in ihren Strukturen selbst sakralisierend, zu Kompromissen fähig, weil in ihrem Glauben über einen Kompass verfügend, lernend von anderen Christen, anderen religiösen Traditionen und von säkularen Universalisten.“ Eine an diesen Eckpfeilern ausgerichtete Ekklesiologie ist nicht zuletzt für die katholische Kirche eine Herausforderung, aber sie hat den Charme der Fremdprophetie, dem sie sich zum eigenen Nutzen nicht entziehen sollte, auf allen Ebenen und in allen Regionen, nicht zuletzt hierzulande. Joas empfiehlt als Ausgangspunkt für eine Soziologie der Kirche die Staunen erregende und zum Nachdenken zwingende Tatsache zu nehmen, „dass es so etwas wie die Kirche überhaupt gibt“. Das ist jedenfalls eine gute Ermutigung zum Weitermachen.

Hans Joas: Warum Kirche? Selbstoptimierung oder Glaubensgemeinschaft. Freiburg 2022. (22,00 Euro).


Dr. Ulrich Ruh (1950) ist Honorarprofessor an der Universität Freiburg im Breisgau und war 1991 – 2014 Chefredakteur der „Herder Korrespondenz“. Er studierte Katholische Theologie und Germanistik in Freiburg und Tübingen und legte 1974 das Staatsexamen für das Höhere Lehramt ab. Danach war er bis 1979 Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Theologischen Fakultät Freiburg (Prof. Karl Lehmann), am Lehrstuhl für Dogmatik und Ökumenische Theologie. 1979 wurde er in Freiburg mit einer Arbeit über Begriff und Problem der Säkularisierung zum Dr. theol. promoviert und trat im gleichen Jahr in die Redaktion der “Herder Korrespondenz” ein.

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