Studieren ist mehr als das Sammeln von Leistungspunkten

Franca Bauernfeind

Die Ära Merkel ist vorbei, nach sechzehn Jahren Regierungsbeteiligung sitzt die Unionsfraktion wieder auf der Oppositionsbank. Sie hat nun die wichtige Aufgabe, der Ampel-Koalition genau auf die Finger zu schauen, welche Wahlkampfversprechen in der Umsetzung bereits jetzt schleppen. Erstmals nach sechzehn Jahren ist aber auch das Bundesministerium für Bildung und Forschung nicht mehr CDU-geführt.

Bettina Stark-Watzinger von den Freien Demokraten ist neue Bundesbildungsministerin und hat sich ambitionierte Ziele gesteckt. Klar, das dringlichste Thema ist derzeit (leider) wieder einmal Corona. Im Beschluss der Regierungschefs vom 7. Januar 2022 werden die Hochschulen erneut nicht erwähnt. Universitäten bekommen weiterhin keine Handlungskriterien genannt, nach denen sie sich für oder gegen Präsenzlehre entscheiden können. Ob die Einführung der 2G-Regel auf dem Campus überhaupt fair oder notwendig ist, hat Ende des vergangenen Jahres nicht nur an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg für ausgiebige Diskussionen gesorgt. In vielen Bundesländern wurde derweil die Entscheidung über Präsenz oder Distanz von Ebene zu Ebene herunter gereicht, von den Wissenschaftsministerien zu den Hochschulen, von den Hochschulen zu den Fachbereichen, von den Fachbereichen zu den einzelnen Dozenten. Absurd, beachtet man, dass wir bereits auf das vierte Corona-Semester in Folge zulaufen. Und wer leidet wieder einmal mehr unter diesem politischen Schlingerkurs? Die 2,9 Millionen Studenten, die in Deutschland studieren.

Leider ist auch Ministerin Stark-Watzinger in dieser Debatte bisher keine hörbare Stimme. Es braucht Planungssicherheit für Studenten, das fordert – nicht nur – der RCDS seit Beginn der Corona-Pandemie. Besonders gilt das für die Durchführung von geplanten Prüfungen, die Anrechnung von Freisemestern oder die finanzielle Situation der Studenten. Die meisten von ihnen, die vor drei Semestern mit dem Studium angefangen haben, haben ihre Universität oder Hochschule noch nie von innen gesehen. Sie können nicht auf bestehende Kontakte bauen und kaum neue knüpfen. Ob die Diskussion mit den Kommilitonen im Seminar, das gemeinsame Lernen in der Bibliothek oder das Hochschulgruppenprojekt mit anschließendem Kneipenbesuch: Studieren ist so viel mehr als nur das Sammeln von Leistungspunkten.

Durch die Corona-Maßnahmen sind viele Studenten in der Isolation vereinsamt. Beratungsstellen verzeichnen anhand erhöhten Bedarfs einen Anstieg der psychischen Belastung unter Studenten, die Wartezeiten für einen Beratungstermin sind von drei Wochen auf drei Monate gestiegen – wie es in Leipzig der Fall war. Ob wegen finanzieller oder familiärer Probleme, dem universitären Leistungsdruck oder wenig sozialer Anbindung, die Anfragen in der psychologischen Beratung nehmen zu. Die Studentenwerke, die hierbei meist der erste Anlaufpunkt für Hilfesuchende sind, reagieren und bauen ihre Beratungsstellen aus. Als RCDS machen wir nicht erst seit Corona darauf aufmerksam, dass der Campus als soziale Einbettung ein wichtiger Ankerpunkt für Studenten ist. Die meisten kommen – gerade volljährig – frisch von der Schule, ziehen das erste Mal in ihrem Leben um, kennen an ihrem neuen Hochschulstandort niemanden. Gerade in der aktuellen Situation muss auf diesen Aspekt des Studiums ein großes Augenmerk gelegt werden.

Die Bundesministerin Stark-Watzinger wird in den kommenden vier Jahren viel zu tun haben. Es braucht einen bundespolitisch einheitlichen Kurs für Universitäten durch die Pandemie, ohne dabei die Hochschulautonomie zu untergraben. Auch die psychische Belastung im Studium darf nicht mehr auf die leichte Schulter genommen werden. Vor allem aber müssen die 2,9 Millionen Studenten endlich auf die politische Agenda, denn sie sind mitnichten mehr eine „Randgruppe“, sondern die Zukunft unseres Landes. Sie werden es sein, die die großen politischen Herausforderungen von heute und morgen angehen werden, sei es der Weg zur Klimaneutralität, der digitale Wandel oder die Schaffung bester Lehrbedingungen in Schulen und Hochschulen.

Bettina Stark-Watzinger begrüßt die Besucher auf ihrer Homepage mit „Die Zukunft gehört denen, die etwas tun.“ Diesem leistungsorientierten Anspruch an sich selbst und an andere kann ich ohne zu zögern folgen. Also, lassen Sie uns etwas tun!


Foto: Daniel Beck

Franca Bauernfeind ist die neue Bundesvorsitzende des Rings Christlicher-Demokratischer Studenten. Die geborene Nürnbergerin studiert im Master-Studiengang an der Universität Erfurt Staatswissenschaften im dritten Semester. Seit 2017 ist Bauernfeind Mitglied der CDU, war von 2017 an zwei Jahre lang RCDS-Landesvorsitzende in Thüringen, bevor sie von 2019 bis 2021 das Amt der stellvertretenden RCDS-Bundesvorsitzenden bekleidete. Zur Bundestagswahl 2021 kandidierte sie als Spitzenkandidatin der Jungen Union auf der CDU-Landesliste in Thüringen. Franca Bauernfeind ist Mitglied im CDU-Bundesvorstand und CDU-Landesvorstand Thüringen.

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