KATHOLISCHE MEDIEN – NISCHENPRODUKT MIT ZUKUNFT?

Ulrich Ruh plädiert für Medien gibt, die verlässlich und unprätentiös Positionen und Gesprächsanstöße aus dem katholischen Bereich einzubringen versuchen, sei es mit oder ohne offiziellen kirchlichen Auftrag. 

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Ulrich Ruh

Katholische Medien – Nischenprodukt mit Zukunft?

Im deutschen Katholizismus liegen die Nerven derzeit blank. Bischofskonferenz und Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) haben sich zwar darauf verständigt, zur Kanalisierung der innerkirchlichen Diskussion über die weitere Entwicklung von Glaube und Kirche hierzulande einen „Synodalen Weg“ zu veranstalten, der seit Ende 2019 läuft und klärende Ergebnisse erzielen soll. Aber er hat bisher die Polarisierung zwischen den verschiedenen Flügeln ebenso wenig entschärft wie der im kirchlichen Leben weithin verbreiteten Lethargie und Einfallslosigkeit entscheidend entgegengewirkt. Von der einen Seite ist zu  vernehmen, die katholische Kirche in Deutschland wende sich bis hinauf zum Bischofsamt von kirchlichen Lehrnormen ab und sei auf dem Weg, zu einer schismatischen „Nationalkirche“ zu werden. Auf der andern Seite macht sich bei nicht wenigen Universitätstheologen, pastoralen Mitarbeitern und engagierten Ehrenamtlichen in Gemeinden und Verbänden wachsender Unmut angesichts von Reformblockaden breit. Aus Rom kommen verwirrend unterschiedliche Signale, im deutschen Kirchenvolk dominieren vielfach Desinteresse und Überdruss angesichts der Entwicklung.

Diese Situation betrifft natürlich nicht zuletzt die katholischen Medien, seien sie direkt von der offiziellen Kirche herausgegeben und finanziell getragen, seien sie von ihr unabhängig, aber in Schwerpunktsetzung und Interesse mehr oder weniger eng auf sie bezogen. Insgesamt ist dieser Teil der Medienlandschaft seit Jahren in einem starken Wandel begriffen, schon rein quantitativ gesehen. Soweit die deutschen Bistümer überhaupt noch über eine „klassische“ Bistumszeitung verfügen, befinden sich deren Auflagen in der Regel im freien Fall nach unten. Dafür haben die Bistümer die eigenen Abteilungen für Öffentlichkeitsarbeit durchweg ausgebaut. Es gibt nach wie vor viele katholische Zeitschriften, die an eine Ordensgemeinschaft angebunden sind oder Publikationsorgane einzelner Verbände.  Aber sie entfalten kaum Wirkung auf die kirchliche Öffentlichkeit insgesamt. Einzelne Presseorgane katholischer Prägung oder Herkunft mit wöchentlicher oder monatlicher Erscheinungsweise ( wie etwa die Herder Korrespondenz oder das Publik Forum) haben durchaus eine solche Wirkung, sind aber alles andere als in der Breite oder bei gesellschaftlichen Eliten meinungsbildende Organe. Das gilt auch für die diversen katholische Blogs und Internetforen.

Katholische Medien bleiben von den Großtrends zur Polarisierung in Kirche und Katholizismus einerseits und zur zunehmenden Diffusion althergebrachter katholischer Identität in Frömmigkeit und Kirchenbindung andererseits natürlich nicht unberührt. Zum Teil ergreifen sie mehr oder weniger eindeutig Partei in den entsprechenden Auseinandersetzungen, zum Teil versuchen sie, sei es strukturellen Zwängen gehorchend, sei es aus eigenem Entschluss, in Berichterstattung und Kommentierung den unterschiedlichen Positionen und dadurch den verschiedenen Segmenten ihrer Leserschaft Rechnung zu tragen, was ein nicht selten ein ständiges Lavieren zur Folge hat. Wer jemals in einem kirchlich/katholischen Medium dieses Grundtyps gearbeitet hat oder für es redaktionell verantwortlich war, kann von diesem mühsamen  und auch meist ziemlich undankbaren Geschäft ein Lied singen!

Die katholische Kirche ist ein vielfältiges, kompliziertes Gebilde, weltweit vertreten und  mit einer wechselvollen Geschichte  von den urchristlichen Zeiten über Spätantike und Mittelalter bis hin zur Moderne. Zu ihr gehören ein riesiger Bestand an Kirchengebäuden der verschiedensten Stile und Stilmischungen, bildliche Darstellungen von biblischen Szenen und von Heiligen, Vertonungen der Messtexte und von Texten aus der Frömmigkeitsgeschichte, spekulative theologische Gedankengebäude und mystische Traktate, eine Vielzahl von Orden und Bewegungen. Es mag für die allgemeinen Medien schwer sein, bei der Befassung mit dieser Kirche dieser historischen und gegenwärtigen Vielfalt einigermaßen gerecht zu werden, so sehr sie sich um Kompetenz auch in diesem Sektor bemühen sollten. Aber katholische Medien sollten sich an Genauigkeit, Differenziertheit und Vermittlungsgeschick im Blick auf ihr Spezialgebiet in allen seinen Facetten nicht übertreffen lassen. Auch nichtkatholische Gemeinschaften innerhalb der Christenheit und der ganze Bereich der Religionen wie von diffuser kulturell- gesellschaftlicher Religiosität sind davon nicht auszunehmen, sondern gehören unbedingt dazu.

Wer es hier an Sorgfalt und Sensibilität, sei es beim einen oder anderen Thema oder insgesamt fehlen lässt, der disqualifiziert sich letztlich selber, sowohl im Umfeld anderer, nichtkirchlicher Medien wie auch hinsichtlich der eigenen Adressaten.  Das gilt gerade auch für Organe mit klarer Positionierung in innerkirchlichen Auseinandersetzungen. Sie tun sich durch einseitige, verkürzende Darstellungen geschichtlicher oder theologischer Sachverhalte am wenigsten einen Gefallen. Da hilft auch kein Rückzug auf den „Katechismus der Katholischen Kirche“ als feste Norm.

Die allermeisten katholischen Kirchenmitglieder in Deutschland nutzen heute keines der katholischen Medienangebote und diese Entwicklung dürfte sich in den kommenden Jahren aller Voraussicht nach verstärken. Trotzdem haben katholisch/kirchliche Medien gerade in der jetzigen Situation eine nicht zu unterschätzende Bedeutung. Wenn sie professionell gut gemacht und in der Sache kompetent sind, können sie sowohl kirchlichen Randsiedlern wie hoch Verbundenen und Engagierten einen Dienst leisten: Den einen, indem sie  ihnen bei gelegentlichem, zufälligen oder anlassbezogenem Interesse verlässliche Informationen zu Glaube und Kirche liefern, den anderen, indem sie durch ihre Berichterstattung, Einordnung und Kommentierung solide und anregende, vielleicht auch herausfordernde Argumentationshilfe für die jeweils fälligen Auseinandersetzungen um den angemessenen kirchlichen Kurs bieten. Das kann auch eine intelligente spirituelle Rückenstärkung in Wort und Bild einschließen.

Auf große Aufmerksamkeitserfolge in der allgemeinen Öffentlichkeit dürfen kirchlich/katholische Medien jeder Art in der Regel  nicht hoffen, jedenfalls bei einer realistischen Sicht der Dinge und speziell der ausdifferenzierten deutschen Medienlandschaft. Sie sind jetzt schon ausgesprochene Nischenprodukte und werden es vermutlich in absehbarer Zeit noch in höherem Maß werden.  Aber dem gesellschaftlichen Diskurs über Religion und Religionen, der ja derzeit durchaus stattfindet und  selbst unter noch ausgeprägter säkularen Rahmenbedingungen auch weiterhin geführt werden dürfte,  kann es nichts schaden, wenn es einige Medien gibt, die verlässlich und unprätentiös Positionen und Gesprächsanstöße aus dem katholischen Bereich einzubringen versuchen, sei es mit oder ohne offiziellen kirchlichen Auftrag.  Die damit gegebenen Chancen sollten katholische Medien im Blick haben, auch wenn ihre Zahl und Reichweite abnehmen wird.

Ulrich Ruh (1950) ist Honorarprofessor an der Universität Freiburg im Breisgau und war 1991 – 2014 Chefredakteur der “Herder Korrespondenz”.  Er studierte  Katholische Theologie und Germanistik in Freiburg und Tübingen . Danach war er bis  1979 Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Theolo­gischen Fa­kultät Freiburg (Prof. Karl Lehmann), am Lehrstuhl für Dogmatik und Öku­menische Theologie. 1979 wurde er  in Freiburg  mit einer Arbeit über Begriff und Problem der Säkularisierung zum Dr. theol. pro­moviert und trat im gleichen Jahr in die Redaktion der “Herder Korrespondenz” ein, deren Chefredakteur er von 1991 -2014 war. Seit 2015 gehört er der Redaktion von kreuz-und-quer.de an.

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