OFFENSIVE FÜR DEN NATURHAUSHALT

Alois Glück plädiert für ein neues Kapitel in der Aufgabenstellung „Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen.

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Alois Glück

Offensive für den Naturhaushalt

Offensichtlich hat eine wachsende Zahl von Menschen das Gefühl, die Intuition, dass wir in unserer Natur bedrohliche Entwicklungen haben. Auf die Frage, wovor sie am meisten Angst haben, nennen die Menschen in neueren Umfragen den Klimawandel. Die Sorge, die Ängste um den Klimawandel und die Sorge und die Ängste um Entwicklungen in unserer Natur, wie sie sich mit dem drastischen Rückgang der Insekten signalisieren, sind emotional eng miteinander verbunden – stehen aber auch sachlich durchaus in einer Beziehung. Das ist die politische Bedeutung dieser Reaktionen.

Wirklich zukunftsorientiert und wirksam können wir nur handeln, wenn wir sachgerecht handeln. Wir erreichen in der Sache nichts oder wenig, wenn wir uns wechselseitig Schuldzuweisungen geben und einen „Schwarzen Peter“ weiterschieben. Es geht darum, ein neues Kapitel in der Aufgabenstellung „Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen“ zu schreiben. Das bedeutet auch, die Prioritäten im Einsatz unserer Mittel zu überprüfen. Sie sind ja immer begrenzt.

Welchen Maßstab haben wir dabei? Die Fortschreibung einer Entwicklung, die die natürlichen Lebensgrundlagen anhaltend schädigt, ist kein Fortschritt! Damit muss manches in Frage gestellt werden, was wir bislang als Fortschritt definiert haben, was wir bislang mit der Devise „Immer höher – immer schneller – immer weiter“ als Priorität gesehen haben.

Neue Aufgabenstellungen für den Schutz der Natur, das ist natürlich nicht nur eine Aufgabenstellung, ein Auftrag für die, die das Land bewirtschaften. Das gilt für jeden von uns, in unseren verschiedenen Rollen als Konsument, als mobiler Bürger, mit unserem Anspruch auf den freien Zugang zu den Naturschönheiten mit allen damit verbundenen Folgen der Belastungen in oft besonders sensiblen Naturbereichen.

Es geht um eine Aufgabe in allen Lebensbereichen und in allen politischen Handlungsfeldern.

Ich nenne dafür bewusst und zuerst die großen Flächen schön ausgeräumter und ordentlicher Grünflächen in und um unsere Siedlungen. Die Randstreifen an den Wegen und Straßen, die Dämme an den Flüssen. Hier haben wir ein sehr großes Potenzial an Flächen und an Möglichkeiten der Vernetzungen. Es gibt dafür viele gute Beispiele.

Jetzt geht es darum, aus diesen vielen guten Beispielen ein systematisches und gemeinsames Handeln zu gestalten. Wir haben viele nur extensiv genutzte Flächen und wir können weitere Flächen einer solchen Entwicklung zuführen. Aber es ist oft schon viel erreicht, wenn wir die weitere Existenz solcher Flächen sichern. Auch indem wir beispielsweise bestimmte Nutzungsformen, wie die Schafhaltung, auch entsprechend wirtschaftlich absichern.

Wenn der Staat, die Kommunen, die Kirchen Flächen verpachten, können sie dies mit entsprechenden Auflagen verbinden. Natürlich gibt es dann weniger Pacht, weniger Erlös. Es wäre aber eine moralische Bankrotterklärung, wenn es daran scheitern würde.

Was gibt es wichtigeres, als den Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen? Das frage ich diejenigen in der Politik, die mir schon vorrechnen, was das alles kostet, wenn wir für die Gemeinwohlleistung der Bauern noch mehr Geld ausgeben wollen oder müssen. Natürlich hat das Folgen für andere Wünsche und Handlungsbereiche der Politik. Aber da sind wir eben bei der Frage nach der Priorität.

Zu diesen Aufgaben zählt natürlich auch die Diskussion innerhalb der Landwirtschaft um das eigene Selbstverständnis, um die Rolle der Landwirtschaft in der Gesamtaufgabe Zukunft des Naturhaushaltes. Was gehört zum Selbstverständnis der Bauern?

Für die – auch wirtschaftliche – Bewältigung der der damit verbundenen Fragen, liefert in der Geschichte der bayerischen Agrarpolitik einen interessanten Bezugsfall.

Der „Bayerische Weg“ in der Agrarpolitik wird meistens fast ausschließlich mit der überbetrieblichen Zusammenarbeit verbunden. Zusammenarbeit in Maschinenringen, Erzeugergemeinschaften etc. als intelligente Antwort auf betriebswirtschaftliche Effekte der Technik. Eine Pionierleistung übrigens, die die weitere Entwicklung der Agrarpolitik in Deutschland und in Europa entscheidend mitgeprägt hat.

Es gibt aber noch eine andere Pionierleistung bei der Entwicklung des Bayerischen Weges. Der damalige bayrische Landwirtschaftsminister hat schon in den 1970er und 80er Jahren die Pflege der Kulturlandschaft als Aufgabe und Leistung der Landwirtschaft für die Gesellschaft formuliert. „Agrarpolitik ist Gesellschaftspolitik“ war sein Leitspruch.

Wir müssen diese Gemeinwohlleistung unserer Landwirtschaft mehr wertschätzen, auch weiterentwickeln und entsprechend honorieren. Nahrungsmittel können wir exportieren und importieren – die Gemeinwohlleistungen der Landwirtschaft können wir nicht importieren.

Die andere Seite dieser Medaille ist aber auch, dass sich die Landwirtschaft darauf entsprechend einstellen muss, um dieser Aufgabenstellung auch gerecht zu werden.

Die zentrale Voraussetzung für eine von der ganzen Gesellschaft mitgetragene „Offensive“ für unseren Naturhaushalt, für den Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen ist, dass wir lernen die Natur, ihre Zusammenhänge und ihre Bedeutung für unser Leben besser zu verstehen. Das ist unsere gemeinsame Bringschuld.

Alois Glück (1940) war von 2009 – 2014 ist Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken. Von 1970 – 2008 war er Mit­glied des Bayerischen Landtags und dort 1988-2003 Vorsitzender der CSU-Fraktion und 2003 – 2008 Präsident des Landtages. Er ist Mitherausgeber von kreuz-und-quer.de

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