LOSLASSEN – DIE ALTERNATIVLOSIGKEIT DES ALTERS

Geert Müller-Gerbes hält es für klug sich mit dem Alter zu arrangieren, wenn man nicht still oder laut vor sich hinleiden will.

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Geert Müller-Gerbes

Loslassen – Die Alternativlosigkeit des Alters

Von Wilhelmine Lübke seligen Angedenkens stammt der kluge Satz: „Die Zukunft der Jugend ist das Alter“. Dem ist im Grunde nichts hinzuzufügen und dieser Beitrag über das alternativlose Alter wäre bereits an dieser Stelle beendet. Und genau das ist ein weit verbreiteter Irrtum.

Sehr viele Menschen suchen auch im hohen Alter noch nach Alternativen gegen die Spuren vergehender Jahre, neueste Nachrichten über Wundermittel der Medizin werden begierig aufgesogen und sogar eingesetzt. Damit eines nicht eintritt: das Alter.

Dies ist nun keineswegs graue Theorie, sondern an zahllosen Beispielen belegbar. Besonders deutlich wird dieser Umstand an der immer grösseren Zahl von e-bikes, den Elektrofahrrädern, die vor allem für über 75-jährige eine magische Anziehungskraft haben. Sie, die Älteren, bewegen sich rasend schnell auf vollen Strassen und laufen, ohne es zu registrieren, Gefahr, schwer zu verunglücken. Das Elektrofahrrad als Hilfsmittel, dem Altern zu entkommen, wenn die eigenen Kräfte nicht mehr ausreichen. Welch ein Irrtum.

Von Gustav Heinemann, dem dritten Bundespräsidenten, stammt der schöne Satz:

„Man muss gehen, so lange man laufen kann“.

Dahinter verbirgt sich die Erkenntnis, dass man loslassen sollte, ehe man durch Umstände gezwungen wird, die man selbst nicht mehr beherrscht. Das gilt für alle Lebensbereiche, vor allem aber für Menschen, die Funktionen in der Öffentlichkeit ausüben. Ob das im weitesten Sinne die Politik ist, das Fernsehen und die dortige Präsenz, das Theater, der Film, der Fussball – an keinem der Bereiche geht das Alter ohne Spuren vorbei. Wie selten hört man Klagen wie – schade, dass er oder sie nicht mehr da ist. Viel öfter dagegen den Seufzer – oh wie schrecklich, der oder die ist ja immer noch da…

Das ist nur die eine, die sichtbare Medaille des Älterwerdens. Die andere Seite ist der vielfache Versuch, es niemanden merken zu lassen, dass das Alter seinen Tribut fordert oder bereits gefordert hat.

Hier kommen mehrere Faktoren zusammen. Zum einen die in den letzten Jahrzehnten deutlich gestiegene Lebenserwartung, zum anderen die Medizin, die heute Dinge zu leisten vermag, die vor Jahren noch undenkbar schienen. Wer sich alle Hilfsmittel der Medizin nutzbar macht, bestätigt damit die allseits beobachtbare Steigerung der Lebenserwartung. Hier liegt das Problem.

Die moderne Medizin nimmt willentlich oder fahrlässig in Kauf, dass viele „Neuerungen“ zwar im Labor funktionieren, aber beim Menschen eben doch nicht zu den gewünschten Ergebnissen führen. Nebenwirkungen wie allergische Reaktionen oder Immunschwäche machen viele Patienten skeptisch. Sie greifen dann zu anderen „Wundermitteln“ und sind keineswegs gesünder als zuvor. Damit es niemand merkt, wird kamoufliert.

Es ist nicht nur die Haut, die man im faltenreich gewordenen Gesicht strafft, es ist nicht nur der Hüftspeck, der möglichst ohne eigene Anstrengung verschwinden sollte, es ist nicht nur die Kurzatmigkeit, die bei Bergwanderungen auf einmal stört – nein, es sind Alterserscheinungen jeder Art, die Sorgen machen, obwohl sie vorhersehbar sind.

Besonders deutlich wird dieses Phänomen bei schweren Erkrankungen wie etwa Krebs. Chemotherapien werden verordnet und durchgeführt mit erheblichen Beeinträchtigungen, nur selten verschwindet der Krebs vollständig, die Therapie wird fortgesetzt, in manchen Fällen so intensiv, dass tägliche Krankenhausbesuche nötig werden, vielleicht sogar bis an den Rand des Grabes. Chemo bis zuletzt. Loslassen, rechtzeitig loslassen, ist in allen solchen Fällen ein Fremdwort.

Ja, was kann man denn nun gegen das Älterwerden tun? Die Antwort ist ganz einfach: gar nichts. Alter ist Schicksal. Man kann sich damit arrangieren, wenn man klug ist. Wenn nicht, leidet man still oder laut vor sich hin. Keine Medizin kann das Altern verhindern. Es gibt auch keinen Jungbrunnen.

Jeder Mensch kann sich aber mit dem Altern arrangieren. Wer nicht mehr Skilaufen kann, dem sei gesagt, dass die Berggipfel im Winter auch ohne Ski bestiegen werden können. Auch im Sommer fahren Drahtseilbahnen. Ein e-bike löst das Problem ebenfalls nicht – wenn es nicht mehr geht, bleibt man eben zu Hause. Ein kleiner Spaziergang ersetzt im Alter lange Wanderungen, wenn die Luft nicht mehr reicht. Und jeder sollte sich überlegen, ob bei Herzproblemen sofort eine Bypass Operation vorgenommen werden muss, wenn man über 80 ist.

Aktionismus ist jedenfalls dann nicht geboten, wenn die Gefahr besteht, dass das Leiden nicht besser wird. Die Hoffnung auf Besserung soll niemandem genommen werden, die Verzweiflung dagegen schon. Hier können Ärzte sehr hilfreich sein, wenn sie einsichtig sind. Allerdings muss der Patient seinen Teil dazu beitragen.

Aus China stammt eine uralte Weisheit: „Glück ist da, wo Wünsche stille stehen“.

Geert Müller-Gerbes (1937) ist nach zahlreichen Zwischenaufenthalten schliesslich in Bonn am Rhein gelandet. Er hat in den wilden Sechzigern in Berlin studiert, war Sprecher von Bundespräsident Gustav Heinemann in den unruhigen Siebzigern, Gründungsmitglied des privaten Fernsehsenders RTL und Bonner Polit-Journalist in den behäbigen Achtzigern, Fernsehmoderator und „Robin Hood des kleinen Mannes“ in den problematischen Neunzigern – nach so vielen Stationen hat er sich einen Lebenstraum erfüllt: er schreibt, weil inzwischen Grossvater, Kinderbücher und lebt zurückgezogen im rechtsrheinischen Bonn.

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