NUR IM KARNEVAL IST DER RHEINLÄNDER NORMAL

Manfred Lütz befasst sich in seinem Karnevalswort mit Berliner Taxifahrern, dem Düsseldorfer Autoverkehr, den kulturgesättigten linksrheinischen Gebieten und der Steppe Sibiriens.

Den folgenden Text können Sie hier ausdrucken.

Manfred Lütz

Nur im Karneval ist der Rheinländer normal

Gerade bin ich im Glücksstress. Täglich Interviews zum Thema Glück. Aber ich bin das selber schuld, denn ich habe ein Buch geschrieben, von dem der Verlag behauptet, es sei das letzte Glücksbuch, das man kaufen müsse. Also ein Glücksbuch für Schwaben, denn man spart damit wahnsinnig viel Geld. Wir Rheinländer gehen mit Schwaben ohnehin fürsorglich um, denn in Schwaben wird schließlich das Geld verdient, das wir im Rheinland fröhlich draufmachen. Während wir hier ausgelassen Karneval feiern, begehen die Schwaben freudlose heidnische Riten unter dem irreführenden Label Fastnacht. Das ist gar nicht lustig. Schwaben sind außerhalb von Schwaben kaum verständlich.

Neulich hat mit Wolfgang Thierse ein Urberliner sein totales Unverständnis für Schwaben zum Ausdruck gebracht. Das allerdings spricht nicht gegen die Schwaben, sondern gegen die Berliner. Die fühlen sich nur mit Mauer wirklich wohl. Und seit es die Mauer nicht mehr gibt, haben sie sich viel einfallen lassen, um den Kontakt mit der Außenwelt zu vermeiden. Mit großem Erfolg. Mit dem Auto kann man Berlin nicht erreichen, weil die Elbe meistens die Autobahn überflutet. Mit dem Zug kommt man auch nicht durch, denn der Hauptbahnhof liegt mitten in einer Einöde, da kommen Sie gar nicht weiter. Vor dem Bahnhof stehen zwar Autos mit der Aufschrift „Taxi“, aber wenn man glaubt, man komme damit weg, hat man sich gründlich getäuscht. Fragt man die Leute, die daneben stehen, freundlich, ob man damit wegfahren könne, reagieren die mit kundenfreundlichen Bemerkungen wie: „Nu werden se mal nich frech, dat Auto jehört mir“.

Und über den Berliner Flughafen kann man ja gar nicht mehr reden, ohne dass ein gestandener Berliner in hemmungsloses Schluchzen ausbricht. Die einzige Chance wäre gewesen, Herrn Schabowski zum Pressesprecher des Berliner Flughafens zu machen, eine Pressekonferenz zu organisieren, bei der ein Journalist die vorbereitete Frage gestellt hätte: Wann wird der Berliner Flughafen eröffnet? Und darauf hätte Schabowski auf einen Zettel geschaut und genuschelt: „Unverzüglich, hier steht unverzüglich…“ Das ist die einzige Methode, mit der Sie in Berlin größere Bauprojekte eröffnen können. Nun aber ist leider auch Schabowski tot.

Der ganze Ärger mit Berlin ist für Rheinländer allerdings nichts Neues. Schon Konrad Adenauer hat in Köln-Deutz die Vorhänge in seinem Zugabteil zugezogen, weil da Sibirien beginne. Zu recht! Und Jürgen Becker verkündete: Berlin ist eine Reise wert – man darf bloß nicht aussteigen! Während linksrheinisch uraltes Kulturland ist, wo man Baugruben mit dem Teelöffel ausheben muss, da überall reiches römisches Kulturgut aus dem Boden sprießt, sind die rechtsrheinischen Gebiete kulturelles Niemandsland, geistige Einöde, intellektuelles Nirwana, wo man Kultur höchstens aus dem Fernsehen kennt.

In Köln liegt der kulturgesättigte öffentlich-rechtliche WDR natürlich linksrheinisch, während der Sender für Leute, die nicht lesen und schreiben können, also RTL, nach Köln-Deutz gezogen ist. Tränen lügen nicht und die Geographie auch nicht. Linksrheinisch muss man Latein nicht lernen, man spricht es. Rechtsrheinisch dagegen passieren immer wieder katastrophale Pannen, wenn man sich mit lateinischen Worten vertut.

Da ist zum Beispiel das Wörtchen „Inklusion“. Früher sprach man von „Integration“, wenn es darum ging, Behinderte als gleichberechtigt in der Gesellschaft anzuerkennen. Heute muss man dazu „Inklusion“ sagen. Warum? Ganz einfach: Weil der Erfinder dieses Begriffs kein Latein konnte. Inklusion heißt nämlich wörtlich übersetzt – „Eingeschlossen“. Nun gibt es in meinem psychiatrischen Krankenhaus auch eine geschlossene Station, aber ich kann überhaupt nicht verstehen, warum man jetzt all die armen Behinderten einschließen soll. Schon vor Jahren habe ich ein Buch mit dem Titel geschrieben: „Irre – Wir behandeln die Falschen. Unser Problem sind die Normalen.“ Da sollte man doch besser die Normalen einschließen, oder?

Jedenfalls haben wir im Rheinland das Problem der Inklusion souverän gelöst: Wir haben alle Behinderten des Rheinlands einfach in einer bestimmten Stadt untergebracht: Düsseldorf! Zum Beispiel sitzt dort die Landesregierung. Das sind Leute, die sich einbilden, sie könnten das Rheinland regieren. Auf die Idee muss man erst mal kommen! Das hatten sich schon die Erzbischöfe von Köln eingebildet und wurden in der Schlacht bei Worringen 1288 eines besseren belehrt. Dann haben es nochmal in aller Naivität die Preussen versucht. Die haben wir nicht mit Waffengewalt vertrieben, sondern mit geistreichem Humor. Dazu haben wir eigens den besonderen rheinischen Karneval erfunden. Wie das ausging ist bekannt: Preussen gibt es nicht mehr, aber den Karneval immer noch.

Die Karnevalszeit ist übrigens die einzige Zeit des Jahres, in der der Rheinländer normal ist. Da ist er normal angezogen, verhält sich normal, redet normal. Im Rest des Jahres verkleidet er sich und redet gesittet, um andere Menschen nicht zu irritieren. Außer natürlich in Düsseldorf. Da fühlt man sich ganzjährig nur wohl in teuren Klamotten. Das hat mit einem alten Minderwertigkeitskomplex zu tun. Denn in Wirklichkeit hieß der Düsseldorfer ja gar nicht Düsseldorfer, ursprünglich hieß er – Neandertaler! Doch weil ihm das peinlich war, hat er sich einen Künstlernamen – Düsseldorfer – zugelegt und verkleidet sich kostspielig, aber erfolglos. Denn selbst wenn er sich auf der Kö in teuersten Zwirn wirft, man merkt ihm den Neandertaler dennoch an. Wenn man nämlich mit ihm redet, oder ihm beim Autofahren zusieht.

Wie das kommt, das wurde mir jüngst deutlich, als ich am Düsseldorfer Flughafen im Autoparkhaus von der obersten Etage im Aufzug nach unten fuhr. Da sah ich zufällig auf die Etagenknöpfe und stellte fest: Die waren in Blindenschrift! Ungelogen! Im Autoparkhaus! Da hat man doch normalerweise die stille Hoffnung, dass der Blinde da wenigstens eine sehende Begleitung hat! Doch danach habe ich mir den Autoverkehr in Düsseldorf mal genauer angesehen: Man merkt das!

Dr. med. Dipl. theol. Manfred Lütz (1954) ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, Theologe und Kabarettist. Seit 1997 ist er Chefarzt des Alexianer-Krankenhauses in Köln. Er publizierte zahlreiche Bestseller, darunter 2002 „Lebenslust – Wider die Diätsadisten, den Gesundheitswahn und den Fitnesskult“, 2007 Gott – Eine kleine Geschichte des Größten“ und 2009 „Irre! Wir behandeln die Falschen, unser Problem sind die Normalen. 1981 gründete er eine integrative Behindertengruppe, für die er seitdem ehrenamtlich tätig ist.

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