Dr. Christoph Braß
Hermann Hesses „Glasperlenspiel“ kam mir in den Sinn, als die sechste Synodalversammlung in Stuttgart zu Ende war. Über sechs Jahre ist es her, dass das katholische Reformprojekt „Der Synodale Weg“ die Arbeit aufnahm. Im Mittelpunkt standen vor allem die begründeten Missbrauchsvorwürfe, die zunächst die katholische Kirche erschütterten und zu einer Austrittsbewegung führten, die bis heute nicht abgeebbt ist. Später sah man, dass auch in der evangelischen Kirche Minderjährige in erheblicher Zahl sexuell missbraucht wurden. In beiden Kirchen wurde den Missbrauchsopfern häufig nicht geglaubt. Die Täter hatten viel zu oft leichtes Spiel.
Aber zurück zur katholischen Kirche. Getragen wurde der „Synodale Weg“ von der Deutschen Bischofskonferenz und dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK). Die meisten Bischöfe und fast alle Laien sahen den „Synodalen Weg“ als eine Chance. Nur in Köln, Regensburg, Passau und Eichstätt sahen die Bischöfe das teilweise anders. Zum Teil blieben ihre Plätze bei der sechsten Synodalversammlung leer.
Ja, es stimmt: Es steht viel Wichtiges drin in den Papieren, die die Synodalversammlung in den letzten Jahren geschrieben und verabschiedet hat. Die Missbrauchsvorwürfe werden konkret behandelt. Es wird die Frage gestellt, ob das Zölibatsgelübde noch in unsere Zeit passt. Der Umgang mit der Homosexualität – bisher noch ein „No-Go“ für die katholische Kirche – wird endlich offen angesprochen. Die Frage, ob nicht auch Frauen Priesterinnen sein könnten oder zumindest zum Diakonenamt zugelassen werden sollten, wurde thematisiert.
Wen interessiert das?
Dennoch lautet die Frage am Ende: Wen interessiert das noch? Die säkulare Gesellschaft ist inzwischen viel weiter. Frauen sind in der Gesellschaft gleichberechtigt. Homosexuelle sind – jedenfalls auf dem Papier – gleichgestellt. Und das ist gut so. Man könnte überspitzt sagen: Wir sitzen in einer „Kirchen-Blase“ und merken das noch nicht einmal. Wir arbeiten uns in der katholischen Kirche an verstaubten Dogmen ab, die wir draußen im „wirklichen“ Leben schon lange nicht mehr vertreten.
Eine Reihe von Papieren, die die Gesamtkirche betreffen, wurde dem Papst nach Rom zur Entscheidung geschickt. Von dort kam weder eine Eingangsbestätigung, geschweige denn ein Hinweis, in welche Richtung wir gehen dürften. Das ist zumindest unhöflich, zumal Papst Franziskus den Synodalen Weg eigens dazu ermutigt hatte, auch unbequeme Fragen zu stellen. Aber ältere Semester werden sich vielleicht noch erinnern, dass es vor gut 50 Jahren die „Gemeinsame Synode der Bistümer in der Bundesrepublik Deutschland“ in Würzburg gab. Einige strittige Voten der gemeinsamen Synode wurden auch damals nach Rom geschickt. Dort liegen sie noch heute. Rom ist leider sehr geduldig. Bleibt zu hoffen, dass das beim Synodalen Weg anders läuft.
Wie soll es weitergehen?
Der Synodale Weg ist mit der Stuttgarter Versammlung zu Ende gegangen. Jetzt tritt an diese Stelle die Synodalkonferenz, die regelmäßig tagen und aus den 27 Diözesanbischöfen, der gleichen Zahl von ZdK-Mitgliedern und aus hinzugewählten Personen aus der katholischen Kirche bestehen soll. Allerdings sollen weder die Deutsche Bischofskonferenz noch das ZdK aufgegeben werden. Aus zwei mach drei: Die Kirche ist offenbar im Synodalrausch…
Anmerkung am Rande: In Stuttgart verbrachte man für meine Begriffe viel zu lange mit der leidigen Diskussion über Quotenregelungen für Frauen und Männer, unter 30-Jährige oder für Migranten. Klar ist das wichtig, aber braucht man dafür wirklich eine Synodalversammlung? In diese Versammlung werden wahrscheinlich viele Akademiker und vor allem Theologen gewählt werden, von denen nicht wenige bei der Kirche angestellt sind. Und die beratschlagen dann, was der Kirche guttun wird. Von der Synode zum Zirkelschluss ist es oftmals nur ein kurzer Weg. Aber vielleicht sehe ich das etwas zu schwarz.
Ketzerische Gedanken…
Natürlich kann man sagen, dass man keinen Bischof oder Papst braucht, um irgendwie „katholisch“ zu sein. Aber wenn alle so dächten, wäre das vermutlich das Ende der Kirche. Was sind die Alternativen? Es ist kein schönes Gefühl, wenn man immer wieder den Eindruck hat: „Du bist der Letzte; mach die Tür zu! Nach Dir kommt niemand mehr.“
In der verfassten katholischen Kirche gibt es inzwischen ziemlich viel Platz – auch, weil viele gegangen sind. Aber dennoch gibt es eine Reihenfolge. Für die Frauen – also immerhin die Hälfte der Bevölkerung – gibt es nur einen Platz in der zweiten oder dritten Reihe. Die Homosexuellen sitzen noch weiter hinten, wenn sie offen zu ihrer Sexualität stehen. Genauso Menschen, die in zweiter Ehe verheiratet sind, aber sich nach wie vor zu ihrer Kirche bekennen.
Immer mehr Menschen wenden sich von der Kirche ab. Im Bundesgebiet bekennen sich 2024 nur noch 45 Prozent zur katholischen oder evangelischen Kirche. Dagegen sind mittlerweile 47 Prozent konfessionslos. [1] 1990, nach der Wiedervereinigung, war die Kirchenmitgliedschaft noch bei über 72 Prozent. Wo sind die über 25 Prozent hingegangen? Wer redete mit ihnen, um sie für die Kirche zurückzugewinnen? Die Leute stimmen mit den Füßen ab. Daran hat auch der Synodale Weg nichts geändert. Aber die Kirche verliert ihre Sendung, wenn sie die Leute verliert. Das kann weder uns noch den Bischöfen gleichgültig sein. Auch das hätte man beim Synodalen Weg viel deutlicher thematisieren können.
[1] Katholiken: 24 Prozent, evangelische Christen: 21 Prozent. Quelle: https://fowid.de/meldung/religionszugehoerigkeiten-2024

Christoph Braß, Jahrgang 1967, ist einer der Redakteure von „kreuz-und-quer.de“ und war längere Zeit Vizepräsident des ZdK. Er war Abteilungsleiter Inland unter Bundespräsident Gauck. Während der vergangenen sechs Jahre war er Mitglied beim „Synodalen Weg“.
Sehr gut !!
Leider ist zu befürchten, daß die „Römer“ in Rom und weltweit immer noch nicht wahrnehmen wollen, wohin die „Reise “ aufgrund gesellschaftlicher Verändrungen geht.
Weltweit gesehen ist die Frage offen: ideologisch geprägter Nationalismus und Chauvinismus oder libertärer Individualismus ?
Der die Menschen heilende Jesus von Nazareth hat eine jeden Einzelnen forderdende Frohbotschaft verkündet
– er hat keine Verwaltungsstrukturen aufgebaut und die mehr als 600 Gebote und Verbote der jüdischen Gesellschaft seiner Zeit in der jeweils konkreten Situation unter die Prämisse der tätigen Nächstenliebe gestellt.
„Salz der Erde“ können die Christen nur sein, wenn sie die Dekrete von „Oben (Rom u. auch Andere)“ „vergessen“,
und in ihrer eigenen konkreten Situation machen, was not tut.
Klerikale- und auch andere „Besserwissergremien“ sind nicht immer hilfreich.