Zum Rücktritt des Speyerer Bischofs Dr. Karl-Heinz Wiesemann
Dr. Christoph Braß
Der Speyerer Bischof Dr. Karl-Heinz Wiesemann gibt aus gesundheitlichen Gründen sein Amt auf. Der 66‑Jährige hat um seine Krankheitsgeschichte nie ein Geheimnis gemacht. Psychische Probleme machten ihm seit einigen Jahren zu schaffen. Dennoch waren viele überrascht, als die Nachricht von seinem Amtsverzicht kam. In einer ersten Reaktion dankte der Vorsitzende der Diözesanversammlung, Theo Wieder, dem Bischof für „seinen Mut in der Gestaltung einer zukunftsfähigen Kirche“ und „für die Begeisterung, die Sache Jesu in guten wie in schwierigen Zeiten immer wieder neu zu leben“. Die Präsidentin der Evangelischen Kirche der Pfalz äußerte sich ähnlich. Wo auch immer man sich in den letzten Tagen umhörte, bekam man die gleiche Botschaft zu hören: „Er ist ein guter Bischof!“
Kann ein katholischer Bischof aus freien Stücken zurücktreten? Eigentlich nein. Denn die Bischofsweihe ist nach katholischem Verständnis ein Sakrament, das nicht beliebig zuerteilt oder zurückgenommen werden kann. Der Bischof bleibt immer Bischof, auch wenn der Papst ihn entpflichtet hat. Sobald ein Bischof 75 Jahre alt ist, bittet er den Papst um seine Versetzung in den Ruhestand. Wenn ein Bischof wie Karl-Heinz Wiesemann auf lange Sicht krank ist oder sonst aus wichtigen Gründen seine Aufgaben bei der Leitung seines Bistums nicht mehr erfüllen kann, kann er den Papst ebenfalls um seine Entpflichtung bitten. Außerdem kennt das Kirchenrecht auch die Amtsenthebung von Bischöfen. Dieser Fall ist allerdings extrem selten. Bei den evangelischen Christen läuft das naturgemäß anders. Da hat der Bischof oder die Bischöfin selbst die Entscheidung, zurückzutreten.
Aber zurück zu Wiesemann. 18 Jahre war der Ostwestfale – er stammt aus dem Erzbistum Paderborn – Bischof von Speyer. Wiesemann war eher ein Mensch der leisen Töne. Er konnte zuhören. Aber wenn er etwas sagte, war es prägnant und durchdacht. Schon 2014 befürwortete Wiesemann die Zulassung verheirateter Priester in der katholischen Kirche. 2023 legte er fest, dass die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare oder von wiederverheirateten Geschiedenen in den Kirchen des Bistums möglich sein sollte. Er stand zu den Beschlüssen des synodalen Weges, der vor wenigen Monaten zu Ende ging. In einem Interview charakterisierte er den synodalen Weg als einen Pfad, „auf dem es keine Denkverbote geben darf und an dessen Ende verbindliche Entscheidungen stehen.“ Wie das konkret aussehen kann, wird sich in nächster Zeit vielleicht zeigen.
Ein Mann der leisen Töne – das galt auch für seine zweite Leidenschaft, die Musik. Wiesemann gilt als sehr guter Klavierspieler. In sein bischöfliches Wappen hat er eine Harfe eingefügt. Er hat 1995 seine Doktorarbeit geschrieben unter dem Titel „Zerspringender Akkord. Das Zusammenspiel von Theologie und Mystik bei Karl Adam, Romano Guardini und Erich Przywara als theologische Fuge“.
Bischof Wiesemann hat sich in seiner klugen und bescheidenen Art, die immer den Menschen in den Mittelpunkt stellte, viel Anerkennung erworben. Das galt auch für schwierige Situationen: Er hielt 2017 im Kaiser- und Mariendom zu Speyer das Requiem für Bundeskanzler Dr. Helmut Kohl, der aus dem benachbarten Ludwigshafen stammte. Ein Sohn war zu der Trauerfeier nicht erschienen. Familienzwist. Kohls zweite Frau polarisierte die Öffentlichkeit. In dieser heiklen Situation fand Bischof Wiesemann die richtigen Worte.
Wiesemann war Vorsitzender der Jugendkommission der Deutschen Bischofskonferenz. Später wurde er von den Bischöfen an die Spitze der Glaubenskommission gewählt. Sein Vorgänger in dieser Funktion war der Mainzer Kardinal Karl Lehmann. Zudem war er von 2013 bis 2019 Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Deutschland (ACK). Die Ökumene war sein Herzensanliegen.
Dennoch gab es Dinge, die ihn aus der Bahn geworfen haben. Auch im Bistum Speyer gab es Fälle des sexuellen Missbrauchs Minderjähriger. Die Fälle ereigneten sich schon, bevor Wiesemann Bischof von Speyer wurde. Man kann also sagen, dass er nichts damit zu tun hatte, sondern aufklären wollte. Einerseits. Andererseits steht er stellvertretend für die Institution, die durch den Missbrauch Minderjähriger und den Schutz von Tätern schwere Schuld auf sich geladen hat. Er wusste um diesen Zwiespalt, den er nicht verkraften konnte.
Vor fünf Jahren ließ sich Wiesemann wegen depressiver Störungen für sieben Monate beurlauben und ging während dieser Zeit in eine psychosomatische Klinik. Er selbst machte seine Krankheit öffentlich. Das hat ihm großen Respekt eingetragen. Noch auf dem Katholikentag, der vor einigen Monaten in Würzburg stattfand, berichtete er darüber in einer Veranstaltung, die von Harald Schmidt moderiert wurde.
Der Bischof von Speyer hat einen langen Abschiedsbrief an die Diözesanen geschrieben und ihn ins Netz stellen lassen.[1] Es lohnt sich, darin zu lesen. Er selbst sieht den Auslöser für die depressiven Störungen unter anderem in den Erkenntnissen der sexuellen Missbrauchsdebatte, die ihn nicht mehr losgelassen habe. Der Vorsitzende der unabhängigen Aufarbeitungskommission für sexuellen Missbrauch im Bistum Speyer sagte nach dem Rücktritt: „Wir wissen aus den gemeinsamen Jahren, dass die Last und die Konfrontation mit dem unfassbaren Leid der Betroffenen sowie den systemischen Vertuschungsstrukturen ihn auch persönlich tief belastet und gesundheitlich gezeichnet haben.“
Kurz nach der Aus-Zeit von Bischof Wiesemann kam der nächste Tiefschlag: Sein damaliger Generalvikar – immerhin der Stellvertreter des Bischofs – gab sein Amt auf und trat aus der römisch-katholischen Kirche aus. Er ist jetzt Pfarrer bei den Alt-Katholiken und hat geheiratet.
War das Schicksal oder einfach nur Pech? Ist Bischof Wiemann gescheitert? Ich meine: Nein. Aber er musste einen hohen Preis dafür zahlen, nahbar zu sein, authentisch und den Glauben zu leben – auch da, wo es schwerfällt. Das ist eine große Bürde – und zugleich zeichnet es Wiesemann aus, dass er es immer wieder glaubwürdig versucht hat.
Vielleicht ist das eine Schlüsselstelle in seinem Abschiedsbrief an die Schwestern und Brüder im Bistum Speyer: „Ohne Sie hätte ich nichts bewegen können! Dass ich mit Ihnen zusammen den Weg gehen konnte, erfüllt mich mit großer Dankbarkeit. Ich bin mit ganzem Herzen und großer innerer Freude mit Ihnen Christ und für Sie Bischof gewesen.“
In „kreuz-und-quer“ stammen die Gedanken zum Osterfest im vergangenen Jahr von Bischof Wiesemann.[2]
Anmerkungen:
[1] Siehe: Amtsverzicht von Bischof Wiesemann
[2] Siehe: Wenn Gott fehlt …

Dr. Christoph Braß, Jahrgang 1967, ist einer der Redakteure von „kreuz-und-quer.de“ und war längere Zeit Vizepräsident des ZdK. Er war Abteilungsleiter Inland unter Bundespräsident Gauck. Er stammt ursprünglich aus dem Bistum Speyer.